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Hängt die Kronleuchter höher
von Claus Richter | 22. April 2010
Messen sind immer besonders toll, wenn man nicht direkt an ihnen beteiligt ist. Es ist furchtbar anstrengend, tagelang an einem Stand auszuharren, stets im richtigen Moment entspannt zu lächeln, dabei hässliche Visitenkarten von den offensichtlich falschen Leuten abzuheften und zwischendrin mit etwas Glück vielleicht auch ein gutes Geschäft zu machen. Als fachfremder Besucher jedoch sind Messen der schiere Wahnsinn. Für mich jedenfalls. Unendliche Menschenströme aus aller Herren Länder, alle Arten von grottenschlechten oder wundervollen Anzügen und Kostümchen, alberne schmale Fielmann-Brillen auf jeder zweiten Nase und natürlich Unmengen von unglaublich aufregenden neuen Produkten. Bei so vielen neuen reizvollen Produkten entwickelt man entweder irgendwann vor Überforderung einen spezifischen Tunnelblick oder aber man kippt einfach um.

Auf der diesjährigen Light+Building gab es nicht nur viel Lichtdesign, sondern auch einige seltsame und magische Ecken, die dem professionellen Tunnelblick vielleicht entgingen, und die auch die mit einem Seufzer umgekippten Besucher nicht mehr entdecken konnten. Der ungebundene Flaneur hingegen kann so eine Messe wie ein riesiges Disneyland erleben, und der ungebundene Flaneur war in diesem Falle ich. Es war herrlich!

Schon zu Beginn zogen weniger die eleganten Produkte mein Hauptinteresse auf sich, sondern eine junge, äußerst freundliche Dame am Messestand von General Electrics.

In einem riesigen Strudel aus herumirrenden Menschen stand sie in sich ruhend und optimistisch da wie ein fröhlicher Fels in der Brandung und redete ohne Unterlass. Selbst nach Stunden war ihr Enthusiasmus ungebremst, sie leuchtete förmlich aus sich selbst heraus, was bei genauerer Betrachtung wenig verwunderlich war, denn sie war eine Projektion auf ein Papp-Cutout. Auf die zweidimensionale Silhouette einer Messe-Hostess wurde das Bild einer Darstellerin im Loop projiziert, keine sonderlich neue Technik, aber ein seltsam bewegendes Objekt. Wie schön wäre es für alle, dachte ich, wenn an jedem Stand so eine fröhliche Figur stehen würde, die „echten" Menschen könnten sich derweil ausruhen, hätten mehr Zeit für gute Gespräche und könnten ab und an vielleicht einen kleinen Witz mit ihrer virtuellen Kollegin machen. Zudem lieben viele Menschen künstliche Personen, sie sind irgendwie besser zu erfassen und stets faszinierend. General Electrics haben zudem bereits auf der 1964er Weltausstellung Walt Disney engagiert, um ganze Stände mit elektromechanischen Figuren auszustatten, ich wünsche mir, dass diese Tradition wieder aufgenommen wird!

Ein Roboter war dann auch der zweite schöne Moment der Light+ Building. Ein kleiner gelber Industrieroboter baute am Stand von BJB unerschöpflich eine Lichtkastenverkabelung nach der anderen. In eleganten, wunderschönen Bewegungen zog das kleine Maschinchen unfassbar exakt Drähte in die Kästen, fixierte diese und sah dabei aus, wie eine raffinierte zeitgenössische Spieluhr. Gibt es schon Lampen, die am Ende eines kleinen Industrieroboterarms befestigt sind und die auf Zuruf oder per Fernsteuerung leise surrend ihren Lichtkegel in die gewünschte Ecke ausrichten? Wie wär's? Wer baut's?

In Halle 5 präsentierte Ghidini Light Systems zu meiner großen Freude eine Straßenlaterne mit Farbwechselfunktion. Wäre es nicht herrlich, auf dem nächtlichen Heimweg durch ein Meer aus langsam pulsierenden Farben zu schlendern? Ich befürchte, dass sich diese Idee nicht ganz so schnell durchsetzen wird, aber man könnte es doch zumindest mal in einer Straße ausprobieren. Oder man hängt riesige Kronleuchter in den Straßen auf, das wäre natürlich extrem kostspielig, würde aber sicher gerade im Kontrast zu den Farbwechselstraßenlaternen auf eine ganz neue Art magisch und beruhigend wirken, und so eventuell sogar die Kriminalitätsrate senken. Wer weiß? In Halle 6 jedenfalls gab es die unfassbarsten, protzigsten und gigantischsten Kronleuchter, die ich seit langem gesehen habe. Ganze Stände hingen voll des herrlichsten Kristalls, manche Kronleuchter berührten wie landende Ufos fast den Boden, andere sammelten sich in funkelnden Schwärmen unter den Stand-Decken. In diesen Mengen sind Kronleuchter einfach komplett „over the top", und genau das ist eben das wundervolle an Messen. Natürlich ist es wahrlich nicht der Hauptzweck einer Messe, seltsam entrückende Momente zu erschaffen, ein Besuch in der Kronleuchterhalle jedoch geht glaube ich kaum spurlos an unvorbereiteten Besuchern vorbei. Und oft verbirgt sich hinter der nächsten Ecke eine noch größere Überraschung, und auch auf der Light & Building gab es davon genug.

Mein persönlicher Lieblingsstand lauerte gut versteckt in unerwarteter Umgebung. Die griechische Firma „Fotodiastasis" hatte mitten in einer Halle voller elegant gestalteter Lichtsysteme einen kleinen schwarz gestrichenen Stand, der komplett mit zwei bis fast zur Decke ragenden Weihnachtsbäumen ausgefüllt war. Einer davon in sattem Grün, mit herrlichen Schleifen und schweren Kugeln, der zweite, leicht zurückgesetzt, in kristallinem Weiss, mit unzähligen funkelnden Lichtern. So vollkommen aus dem Kontext gerissen, wirkten diese zwei hoch aufragenden Bäume wie ein surrealer Traum, denn rechts und links davon reihten sich gradlinige Schaltsysteme und industrielle Lichtanlagen in kontrollierter Exaktheit aneinander. Abgesehen davon liebe ich Weihnachtsdekoration. Ich hoffe, „Fotodiastasis" schwimmt nach dieser Messe in Aufträgen, ich habe selten schönere Bäume gesehen!

In diesem Sinne, place your orders, und wir sehen uns auf der nächsten Messe, dort, wo es besonders funkelt!
Impressionen von der Light+Building 2010 in Frankfurt, Foto: Claus Richter
Foto: Kai Rosenstein
Messestand von General Electrics, Foto: Claus Richter
Impressionen von der Light+Building 2010 in Frankfurt, Foto: Claus Richter
Messestand von Fotodiastasis
Claus auf seinem Lieblingsmessestand von Fotodiastasis, Foto: Kai Rosenstein
Claus Richter (Mitte) während seiner Light+Building Tour, Foto: Kai Rosenstein