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Hier tanken Sie auf!
von Thomas Wagner | 22. September 2011
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Wo findet man das bekannteste und vermutlich gefräßigste Raubtier der Welt? An der Tankstelle! Es ist der „Tiger im Tank", die stets freundlich lächelnde Raubkatze, die Esso Mitte der sechziger Jahre zu seinem Haustier gemacht und bis heute als Werbeträger um die Zapfsäulen schleichen lässt. Nicht nur dieses Beispiel zeigt: Tankstellen sind magische Orte, an denen der moderne Mythos von Kraft, Energie und Mobilität sich tagtäglich stärkt und erneuert. An diesen Durchgangsstationen, die wir nur kurz aufsuchen, wird keineswegs nur das Automobil mit Kraftstoff versorgt, hier tankt auch die Vorstellung auf, beständig mobil sein und nach Belieben hier und dorthin fahren zu können. Nach Lust und Laune in Bewegung und unterwegs zur Arbeit, zum Einkaufen und in die Freizeit sein zu können, war eines der großen Versprechen des 20. Jahrhunderts. Wobei schnell klar wird: Ohne Tankstelle – und ohne Sprit – keine Automobilität.

Tanken in der Apotheke

Das musste bereits Bertha Benz erfahren, als sie Mitte August des Jahres 1888 gemeinsam mit ihren Söhnen im Patent-Motorwagen „Modell 3" ihres Mannes Carl Benz von Mannheim aus nach Pforzheim aufbrach. Die fast zweihundert Kilometer weite Fahrt war nicht nur ein Abenteuer, sie war auch eine Marketing-Aktion, hatte der Erfinder zu dem Zeitpunkt doch noch keine einzige Bestellung für seinen Motorwagen erhalten. Bei Sonnenaufgang geht es los. Da Bertha Benz den direkten Weg nicht kennt, wählt sie eine Strecke, die über Orte führt, die ihr geläufig sind. Von Mannheim aus geht es über Käfertal, Viernheim und Weinheim entlang der Bergstraße nach Heidelberg und weiter gen Süden. Doch, oh Schreck, kurz hinter dem Dorf Nussloch beginnt der Motor zu stottern, bleibt das dreirädrige Gefährt schließlich stehen. Der Sohn Eugen, mit der Technik des Einzylinders vertraut, erkennt sofort: Der Vergaser, der auch als Tank dient, ist trocken. Auf einer abschüssigen Straße schiebt und rollt die Familie den Wagen drei Kilometer weit bis nach Wiesloch, wo die Kutsche ohne Pferde auf dem Marktplatz schnell für Aufsehen sorgt. Und während Eugen und Richard den Passanten das Automobil erklären, besorgt die findige Bertha in der Apotheke viereinhalb Liter Ligroin, ein als Fleckenwasser benutztes Leichtbenzin, das der verdutzte Apotheker allererst aus kleinen Hundertmillimeter-Fläschchen zusammenschütten muss. Bertha Benz hat also nicht nur die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte unternommen, sie hat die Stadtapotheke im badischen Wiesloch auch zur ersten Autotankstelle der Welt gemacht.

Vom Kanister zur Energietankstelle

Die nette Geschichte erzählt der Automobil- und Technikjournalist Christof Vieweg in seinem Buch „Volltanken bitte! – 100 Jahre Tankstelle". Der informative und üppig bebilderte Band ist in neun Kapitel gegliedert, in denen man sowohl etwas über die Entstehungsgeschichte und Historie der Tankstelle – über erste Ölbohrungen, verschiedene Sorten Benzin, über Kanister, Handpumpen, die Technik von Zapfpistolen und Saugrüsseln – erfährt, sondern auch über Architekturtypen und neueste Trends, wie Automobile in Zukunft mit Energie, etwa mit Wasserstoff, versorgt werden können, unterrichtet wird. Ergänzt wird das solide recherchierte historische Panorama von Werbeplakaten, Gemälden, einer Chronik, statistischen Daten zum weltweiten Mineralölverbrauch, zu Preisen und Steuern sowie jeder Menge Fotos von Tankstellen in aller Welt und deren Ausrüstung.

Sphinx-Benzin und Dapol-Indianer

So zeigt etwa die doppelseitige Abbildung einer Schwarz-Weiß-Fotografie eines Dorfladens im Süden von Texas, dass das Tanken schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit jeder Menge anderer Geschäfte verbunden ist, wovon all die Schilder mit „Brands" wie „Chesterfield", „Pepsi" und „Coca-Cola" und „Texaco" auf der schlichten Holzbaracke berichten. Gleich auf der nächsten Seite klärt eine weitere Fotografie darüber auf, welch klangvolle Namen die Mineralölgesellschaften ihren Produkten schon in den zwanziger Jahren geben, als das Geschäft mit Autobenzin erstmals aufzublühen beginnt. An dem kleinen Kassenhäuschen der in der Nacht erleuchteten Tankstelle, die nicht in Ägypten, sondern in Wien steht, ist zu lesen: „Sphinx Benzin". Darunter „Vacuum Oil Company", der Name einer Firma, aus der sich, wie man erfährt, später „Mobil Oil" und schließlich „ExxonMobil" entwickelt haben. Eine weitere historische Merkwürdigkeit stellt das Markenlogo für „Dapol" dar. So hieß in Deutschland das Petroleum aus den Raffinerien der Standard Oil Company, für dessen amerikanische Herkunft ein Indianer mit Kopfschmuck warb.

Von der Handpumpe zum Tankstellentyp

Musste die Apotheke in Wiesloch noch eher unfreiwillig als Tankstelle herhalten, so eröffnet die erste wirkliche Tankstelle am 14. Juni 1907 in Seattle. Diese Servicestation mit einem Tank und einer einfachen Handpumpe samt Schlauch, ist Vorbild für weitere Tankstellen, die nun in der Vereinigten Staaten wie Pilze aus dem Boden schießen. In den folgenden Jahren ist es vor allem der Erfolg des „Model T" von Henry Ford, das mit einem Preis von 850 Dollar nicht nur das Automobil für jedermann erschwinglich macht, sondern auch die Ölbosse dazu zwingt, eine Infrastruktur zur Versorgung der Motorwagen aufzubauen. Schon bald haben die Tanklager am Straßenrand ausgedient; nun vergräbt man den Tank im Boden unter dem Gehweg oder der Fahrbahn und fördert den Treibstoff mittels Elektropumpen. 1917 entwickelt Standard Oil of Indiana, eine der Nachfolgegesellschaften des inzwischen zerschlagenen Großkonzerns Standard Oil, den Prototyp einer modernen Tankstelle mit separatem Kassenhäuschen, der schon bald hundertfach in Serie gebaut wird.

Deutschlands erste Tankstelle stand in Hannover

In Deutschland wird die erste Tankstelle am 6. Januar 1923 am Raschplatz in Hannover eröffnet. Es handelt sich um einen kleinen, kioskartigen Rundbau, dessen Inneres als Kassenraum dient und der mit einem zwischen Fußboden und Fundament eingebauten Unterflurtank ausgestattet ist. Als die nationalsozialistische Regierung im September 1933 mit dem Bau von Reichsautobahnen beginnt, werden namhafte Architekten wie Karl August Bembé, Werner March und Friedrich Tamms mit der Planung der Spritstationen beauftragt, an denen man kein Benzin von Marken wie Shell oder BP, sondern nur „Reichsautobahnbenzin" tanken kann, das die staatliche Betreibergesellschaft bei den Mineralölkonzernen einkauft. Entwickelt werden drei Typen, die fortan als Vorbild für weitere Stationen dienen sollen, aber schon 1937 von den Ideologen des Regimes als zu international und zu futuristisch verboten werden. Unter anderem gehören drei Zapfsäulen für Benzin und eine weitere für Diesel, aber auch Wagenheber, Toilette, Telefonzelle, Gastraum und Parkplätze für mindestens zehn Personenwagen und drei Lastwagen zur Grundausstattung der genormten Typen „Frankfurt", „Hannover" und „Fürstenwalde".

Wirtschaftswunder und Bauaufgabe

Der Band beschreibt und dokumentiert kenntnisreich, wenn auch hier und da etwas klischeehaft, sodann den nach Ende des Zweiten Weltkrieges stattfindenden „Neustart ins Wirtschaftswunder" und die Entwicklung bis zur Suezkrise und der Ölkrise der siebziger Jahre. Ist Tankwart Anfang der fünfziger Jahre noch ein Traumberuf, so macht dem spätestens die Tankstelle mit „Self-Service" und die Entwicklung „Weg vom Blaumann – hin zum Kaufmann" ein Ende. Gibt es 1950 in Deutschland 18.200 Tankstellen, so erreicht ihre Zahl 1970 mit 46.091 ihren Höchststand. Danach beginnt die Branche zu schrumpfen. Nach der sogenannten „Netzbereinigung" sind es 2010 noch gerade einmal 14.410 Tankstellen, die für 50,2 Millionen Fahrzeuge Benzin und Diesel liefern.

Schöner Tanken

In dem Kapitel „Schöner Tanken" widmet sich der Band auch der Ästhetik und Architektur einzelner, aus der Masse der standardisierten Exemplare herausragender Stationen. So entwirft etwa der dänische Architekt und Designer Arne Jacobsen schon 1936 eine der bis heute schönsten Tankstellen. Sie steht am Hafen von Skovshoved nördlich von Kopenhagen und besticht durch Schlichtheit und Eleganz. Besonders fällt die Kombination aus einem Gebäude mit pultförmigem Dach mit einem pilzförmigen, von einer einzigen Mittelsäule getragenen Dach über den Zapfsäulen auf. Nicht nur an dieser Station kann man erkennen, welche bestimmende Rolle – vor allem in Europa – die Überdachung der Tankanlagen bei der Bauaufgabe spielt. Nicht nur, was die Architektur von der Stange angeht. So überspannt etwa der Schweizer Mario Botta das gesamte Areal der Autobahntankstelle südlich des Gotthardtunnels mit einer gewaltigen Dachkonstruktion, und Lord Norman Foster entwirft Ende der neunziger Jahre für die spanische Mineralölgesellschaft Repsol einzelne quadratische Dächer, die wie Sonnenschirme wirken und in den Firmenfarben Orange und Weiß lackiert sind. Und wo die Architektur nicht hilft, da setzen die Firmen Lichtbänder in verschiedenen Farben ein, um auf die Tankstelle aufmerksam zu machen.

Was kommt nach dem Ölzeitalter?

Bleibt die Frage nach der Zukunft. Wird es auch nach dem Ende des Ölzeitalters Tankstellen geben? Was wird man hier tanken? Wasserstoff oder Strom? Ganz gleich, wie sich die Dinge entwickeln werden, eines steht wohl fest: Auch wenn sie nach wie vor zum Alltag der Industriestaaten gehören und keineswegs ausgedient haben, so sind Tankstellen nach rund hundert Jahren doch mit einem Mal historisch geworden. Ob sie als Einkaufs- und Eventcenter samt Shoppingzone und Servicebereich auch im kommenden Zeitalter der Elektromobilität überleben werden, steht in den Sternen.

„Volltanken bitte!" / 100 Jahre Tankstelle
Von Christof Vieweg
Hardcover, 144 Seiten, deutsch
Delius Klasing Verlag, Bielefeld, 2011
29,90 Euro
www.delius-klasing.de

News & Stories › 2011 › September
Hier tanken Sie auf!
von Thomas Wagner | 22. September 2011
Seit rund hundert Jahren liefern sie den Treibstoff des automobilen Fortschritts: Tankstellen. In Christof Viewegs informativem und reichhaltig bebildertem Band „Volltanken bitte!" erfährt man, dass die erste Tankstelle eine Apotheke war, welche Marken es einmal gab, wann bestimmte Bautypen entstanden und wie besonders schöne Stationen aussehen.
Wo findet man das bekannteste und vermutlich gefräßigste Raubtier der Welt? An der Tankstelle! Es ist der „Tiger im Tank", die stets freundlich lächelnde Raubkatze, die Esso Mitte der sechziger Jahre zu seinem Haustier gemacht und bis heute als Werbeträger um die Zapfsäulen schleichen lässt. Nicht nur dieses Beispiel zeigt: Tankstellen sind magische Orte, an denen der moderne Mythos von Kraft, Energie und Mobilität sich tagtäglich stärkt und erneuert. An diesen Durchgangsstationen, die wir nur kurz aufsuchen, wird keineswegs nur das Automobil mit Kraftstoff versorgt, hier tankt auch die Vorstellung auf, beständig mobil sein und nach Belieben hier und dorthin fahren zu können. Nach Lust und Laune in Bewegung und unterwegs zur Arbeit, zum Einkaufen und in die Freizeit sein zu können, war eines der großen Versprechen des 20. Jahrhunderts. Wobei schnell klar wird: Ohne Tankstelle – und ohne Sprit – keine Automobilität.

Tanken in der Apotheke

Das musste bereits Bertha Benz erfahren, als sie Mitte August des Jahres 1888 gemeinsam mit ihren Söhnen im Patent-Motorwagen „Modell 3" ihres Mannes Carl Benz von Mannheim aus nach Pforzheim aufbrach. Die fast zweihundert Kilometer weite Fahrt war nicht nur ein Abenteuer, sie war auch eine Marketing-Aktion, hatte der Erfinder zu dem Zeitpunkt doch noch keine einzige Bestellung für seinen Motorwagen erhalten. Bei Sonnenaufgang geht es los. Da Bertha Benz den direkten Weg nicht kennt, wählt sie eine Strecke, die über Orte führt, die ihr geläufig sind. Von Mannheim aus geht es über Käfertal, Viernheim und Weinheim entlang der Bergstraße nach Heidelberg und weiter gen Süden. Doch, oh Schreck, kurz hinter dem Dorf Nussloch beginnt der Motor zu stottern, bleibt das dreirädrige Gefährt schließlich stehen. Der Sohn Eugen, mit der Technik des Einzylinders vertraut, erkennt sofort: Der Vergaser, der auch als Tank dient, ist trocken. Auf einer abschüssigen Straße schiebt und rollt die Familie den Wagen drei Kilometer weit bis nach Wiesloch, wo die Kutsche ohne Pferde auf dem Marktplatz schnell für Aufsehen sorgt. Und während Eugen und Richard den Passanten das Automobil erklären, besorgt die findige Bertha in der Apotheke viereinhalb Liter Ligroin, ein als Fleckenwasser benutztes Leichtbenzin, das der verdutzte Apotheker allererst aus kleinen Hundertmillimeter-Fläschchen zusammenschütten muss. Bertha Benz hat also nicht nur die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte unternommen, sie hat die Stadtapotheke im badischen Wiesloch auch zur ersten Autotankstelle der Welt gemacht.

Vom Kanister zur Energietankstelle

Die nette Geschichte erzählt der Automobil- und Technikjournalist Christof Vieweg in seinem Buch „Volltanken bitte! – 100 Jahre Tankstelle". Der informative und üppig bebilderte Band ist in neun Kapitel gegliedert, in denen man sowohl etwas über die Entstehungsgeschichte und Historie der Tankstelle – über erste Ölbohrungen, verschiedene Sorten Benzin, über Kanister, Handpumpen, die Technik von Zapfpistolen und Saugrüsseln – erfährt, sondern auch über Architekturtypen und neueste Trends, wie Automobile in Zukunft mit Energie, etwa mit Wasserstoff, versorgt werden können, unterrichtet wird. Ergänzt wird das solide recherchierte historische Panorama von Werbeplakaten, Gemälden, einer Chronik, statistischen Daten zum weltweiten Mineralölverbrauch, zu Preisen und Steuern sowie jeder Menge Fotos von Tankstellen in aller Welt und deren Ausrüstung.

Sphinx-Benzin und Dapol-Indianer

So zeigt etwa die doppelseitige Abbildung einer Schwarz-Weiß-Fotografie eines Dorfladens im Süden von Texas, dass das Tanken schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit jeder Menge anderer Geschäfte verbunden ist, wovon all die Schilder mit „Brands" wie „Chesterfield", „Pepsi" und „Coca-Cola" und „Texaco" auf der schlichten Holzbaracke berichten. Gleich auf der nächsten Seite klärt eine weitere Fotografie darüber auf, welch klangvolle Namen die Mineralölgesellschaften ihren Produkten schon in den zwanziger Jahren geben, als das Geschäft mit Autobenzin erstmals aufzublühen beginnt. An dem kleinen Kassenhäuschen der in der Nacht erleuchteten Tankstelle, die nicht in Ägypten, sondern in Wien steht, ist zu lesen: „Sphinx Benzin". Darunter „Vacuum Oil Company", der Name einer Firma, aus der sich, wie man erfährt, später „Mobil Oil" und schließlich „ExxonMobil" entwickelt haben. Eine weitere historische Merkwürdigkeit stellt das Markenlogo für „Dapol" dar. So hieß in Deutschland das Petroleum aus den Raffinerien der Standard Oil Company, für dessen amerikanische Herkunft ein Indianer mit Kopfschmuck warb.

Von der Handpumpe zum Tankstellentyp

Musste die Apotheke in Wiesloch noch eher unfreiwillig als Tankstelle herhalten, so eröffnet die erste wirkliche Tankstelle am 14. Juni 1907 in Seattle. Diese Servicestation mit einem Tank und einer einfachen Handpumpe samt Schlauch, ist Vorbild für weitere Tankstellen, die nun in der Vereinigten Staaten wie Pilze aus dem Boden schießen. In den folgenden Jahren ist es vor allem der Erfolg des „Model T" von Henry Ford, das mit einem Preis von 850 Dollar nicht nur das Automobil für jedermann erschwinglich macht, sondern auch die Ölbosse dazu zwingt, eine Infrastruktur zur Versorgung der Motorwagen aufzubauen. Schon bald haben die Tanklager am Straßenrand ausgedient; nun vergräbt man den Tank im Boden unter dem Gehweg oder der Fahrbahn und fördert den Treibstoff mittels Elektropumpen. 1917 entwickelt Standard Oil of Indiana, eine der Nachfolgegesellschaften des inzwischen zerschlagenen Großkonzerns Standard Oil, den Prototyp einer modernen Tankstelle mit separatem Kassenhäuschen, der schon bald hundertfach in Serie gebaut wird.

Deutschlands erste Tankstelle stand in Hannover

In Deutschland wird die erste Tankstelle am 6. Januar 1923 am Raschplatz in Hannover eröffnet. Es handelt sich um einen kleinen, kioskartigen Rundbau, dessen Inneres als Kassenraum dient und der mit einem zwischen Fußboden und Fundament eingebauten Unterflurtank ausgestattet ist. Als die nationalsozialistische Regierung im September 1933 mit dem Bau von Reichsautobahnen beginnt, werden namhafte Architekten wie Karl August Bembé, Werner March und Friedrich Tamms mit der Planung der Spritstationen beauftragt, an denen man kein Benzin von Marken wie Shell oder BP, sondern nur „Reichsautobahnbenzin" tanken kann, das die staatliche Betreibergesellschaft bei den Mineralölkonzernen einkauft. Entwickelt werden drei Typen, die fortan als Vorbild für weitere Stationen dienen sollen, aber schon 1937 von den Ideologen des Regimes als zu international und zu futuristisch verboten werden. Unter anderem gehören drei Zapfsäulen für Benzin und eine weitere für Diesel, aber auch Wagenheber, Toilette, Telefonzelle, Gastraum und Parkplätze für mindestens zehn Personenwagen und drei Lastwagen zur Grundausstattung der genormten Typen „Frankfurt", „Hannover" und „Fürstenwalde".

Wirtschaftswunder und Bauaufgabe

Der Band beschreibt und dokumentiert kenntnisreich, wenn auch hier und da etwas klischeehaft, sodann den nach Ende des Zweiten Weltkrieges stattfindenden „Neustart ins Wirtschaftswunder" und die Entwicklung bis zur Suezkrise und der Ölkrise der siebziger Jahre. Ist Tankwart Anfang der fünfziger Jahre noch ein Traumberuf, so macht dem spätestens die Tankstelle mit „Self-Service" und die Entwicklung „Weg vom Blaumann – hin zum Kaufmann" ein Ende. Gibt es 1950 in Deutschland 18.200 Tankstellen, so erreicht ihre Zahl 1970 mit 46.091 ihren Höchststand. Danach beginnt die Branche zu schrumpfen. Nach der sogenannten „Netzbereinigung" sind es 2010 noch gerade einmal 14.410 Tankstellen, die für 50,2 Millionen Fahrzeuge Benzin und Diesel liefern.

Schöner Tanken

In dem Kapitel „Schöner Tanken" widmet sich der Band auch der Ästhetik und Architektur einzelner, aus der Masse der standardisierten Exemplare herausragender Stationen. So entwirft etwa der dänische Architekt und Designer Arne Jacobsen schon 1936 eine der bis heute schönsten Tankstellen. Sie steht am Hafen von Skovshoved nördlich von Kopenhagen und besticht durch Schlichtheit und Eleganz. Besonders fällt die Kombination aus einem Gebäude mit pultförmigem Dach mit einem pilzförmigen, von einer einzigen Mittelsäule getragenen Dach über den Zapfsäulen auf. Nicht nur an dieser Station kann man erkennen, welche bestimmende Rolle – vor allem in Europa – die Überdachung der Tankanlagen bei der Bauaufgabe spielt. Nicht nur, was die Architektur von der Stange angeht. So überspannt etwa der Schweizer Mario Botta das gesamte Areal der Autobahntankstelle südlich des Gotthardtunnels mit einer gewaltigen Dachkonstruktion, und Lord Norman Foster entwirft Ende der neunziger Jahre für die spanische Mineralölgesellschaft Repsol einzelne quadratische Dächer, die wie Sonnenschirme wirken und in den Firmenfarben Orange und Weiß lackiert sind. Und wo die Architektur nicht hilft, da setzen die Firmen Lichtbänder in verschiedenen Farben ein, um auf die Tankstelle aufmerksam zu machen.

Was kommt nach dem Ölzeitalter?

Bleibt die Frage nach der Zukunft. Wird es auch nach dem Ende des Ölzeitalters Tankstellen geben? Was wird man hier tanken? Wasserstoff oder Strom? Ganz gleich, wie sich die Dinge entwickeln werden, eines steht wohl fest: Auch wenn sie nach wie vor zum Alltag der Industriestaaten gehören und keineswegs ausgedient haben, so sind Tankstellen nach rund hundert Jahren doch mit einem Mal historisch geworden. Ob sie als Einkaufs- und Eventcenter samt Shoppingzone und Servicebereich auch im kommenden Zeitalter der Elektromobilität überleben werden, steht in den Sternen.

„Volltanken bitte!" / 100 Jahre Tankstelle
Von Christof Vieweg
Hardcover, 144 Seiten, deutsch
Delius Klasing Verlag, Bielefeld, 2011
29,90 Euro
www.delius-klasing.de