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Hier und dort zugleich
VON Thomas Wagner | 10. Mai 2013
Eine Erfahrung unserer Gegenwart besteht darin, nie genau bestimmen zu können, wo man ist. Räumlich ebenso wie zeitlich. Spricht man beispielsweise über Skype mit einer Freundin in Australien, so befindet man sowohl dort, von wo aus man spricht, als auch an dem Ort, an dem sich die Gesprächspartnerin aufhält. Man empfindet eine Nähe, die im selben Moment negiert wird. Oder: Man fährt morgens in der S-Bahn zur Arbeit und hört dabei eine Kantate von Johann Sebastian Bach, einen Song von Bob Dylan oder Lana del Rey. Dann befindet man sich technisch und mit den Augen im 21. Jahrhundert, mit dem Hörsinn aber womöglich im 17. Jahrhundert, in New York oder sonstwo. Man ist hier und dort, ganz im Heute und zugleich verbunden mit irgendeiner Vergangenheit oder einem fernen Ort. Die Folge ist: Man hat nie wirklich das Gefühl, ganz an einem Ort oder in der eigenen Zeit zu sein. Nun, der Mensch, zumal wenn er gut unterhalten wird, gewöhnt sich an vieles. Etwas seltsam und verstörend ist es aber doch, permanent zwischen verschiedenen Zeiten und Räumen zu wandeln.

Eine Kernaufgabe der Architektur ist es, Gebäude, Räume und Orte zu schaffen. Also hat auch die Architektur mit der beschriebenen Erfahrung zu kämpfen. Ganz gleich, ob man sie mit Begriffen wie Dislokation, Deterritorialisierung oder Raumspaltung zu beschrieben sucht, Tatsache ist, dass sich mit ihr auch Konzeption und Gestalt von Gebäuden und Häusern verändern. Keineswegs nur da, wo auf Medienfassaden bunte und bewegte Bilder flimmern. Weil es in der Zeit elektronischer Vernetzung und digitaler Hotspots jederzeit möglich ist, überall zugleich hier und dort, an einen Ort und anderswo sein zu können, wandelt sich die allgemeine Vorstellung davon, was ein Raum und was eine Behausung ist.

Wenn Peter Zumthor eine Kapelle baut, so entsteht ein völlig anderer Raum als wenn Rem Koolhaas ein Gebäude für einen Fernsehsender realisiert. Oder nehmen mir das Büro. Auch hier ist die Zeit langer schmaler Korridore und von ihnen aus erreichbarer Arbeitszellen wohl endgültig vorbei. Heute herrscht im Büro nicht selten die angenehme Atmosphäre einer Lounge. In diesen offenen Großraumbüros aber, in denen jeder mit jedem spricht oder allein auf einen Bildschirm blickt, wird die Erfahrung, an mehreren Orten und Zeiten zugleich zu sein, räumlich manifest.

Vielleicht liegt hier einer der Gründe für die Sehnsucht vieler Menschen nach Räumen, die zu anderen Zeiten geplant und realisiert wurden? Jedem seine Altbauwohnung? Das kann wohl kaum die Lösung sein. Gleichwohl könnte es sein, dass der dislozierte Mensch des 21. Jahrhunderts eine ganz eigene Wohn- und Wohlfühlblase braucht, einen geschützten und sicheren, einen verkörperten Ort, von dem aus er hinaus in die unendlichen Weiten der Virtualität surfen kann.

Wie dem auch sei, die zeitgenössische Architektur laboriert daran, Antworten auf solche Fragen zu finden. Will sie weder in Nostalgie verfallen, noch sich in neoexpressiven Visionen einer technoiden Zukunft verlieren, so muss sie sich über die veränderten Bedingungen klar werden und Räume schaffen, die für eine Zeit taugen, die es unablässig mit der Erfahrung einer Gegenwart zu tun hat, die unter realem Raumschwund ebenso leidet wie unter dessen virtueller Vervielfältigung.

Architektur › 2013 › Mai
Hier und dort zugleich
von Thomas Wagner | 10. Mai 2013
Es ist eine der Aufgaben von Architektur, Räume und Orte zu schaffen. Wie aber lässt sich diese bewältigen, wenn wir andauernd die Erfahrung machen, zugleich hier und woanders zu sein?
Eine Erfahrung unserer Gegenwart besteht darin, nie genau bestimmen zu können, wo man ist. Räumlich ebenso wie zeitlich. Spricht man beispielsweise über Skype mit einer Freundin in Australien, so befindet man sowohl dort, von wo aus man spricht, als auch an dem Ort, an dem sich die Gesprächspartnerin aufhält. Man empfindet eine Nähe, die im selben Moment negiert wird. Oder: Man fährt morgens in der S-Bahn zur Arbeit und hört dabei eine Kantate von Johann Sebastian Bach, einen Song von Bob Dylan oder Lana del Rey. Dann befindet man sich technisch und mit den Augen im 21. Jahrhundert, mit dem Hörsinn aber womöglich im 17. Jahrhundert, in New York oder sonstwo. Man ist hier und dort, ganz im Heute und zugleich verbunden mit irgendeiner Vergangenheit oder einem fernen Ort. Die Folge ist: Man hat nie wirklich das Gefühl, ganz an einem Ort oder in der eigenen Zeit zu sein. Nun, der Mensch, zumal wenn er gut unterhalten wird, gewöhnt sich an vieles. Etwas seltsam und verstörend ist es aber doch, permanent zwischen verschiedenen Zeiten und Räumen zu wandeln.

Eine Kernaufgabe der Architektur ist es, Gebäude, Räume und Orte zu schaffen. Also hat auch die Architektur mit der beschriebenen Erfahrung zu kämpfen. Ganz gleich, ob man sie mit Begriffen wie Dislokation, Deterritorialisierung oder Raumspaltung zu beschrieben sucht, Tatsache ist, dass sich mit ihr auch Konzeption und Gestalt von Gebäuden und Häusern verändern. Keineswegs nur da, wo auf Medienfassaden bunte und bewegte Bilder flimmern. Weil es in der Zeit elektronischer Vernetzung und digitaler Hotspots jederzeit möglich ist, überall zugleich hier und dort, an einen Ort und anderswo sein zu können, wandelt sich die allgemeine Vorstellung davon, was ein Raum und was eine Behausung ist.

Wenn Peter Zumthor eine Kapelle baut, so entsteht ein völlig anderer Raum als wenn Rem Koolhaas ein Gebäude für einen Fernsehsender realisiert. Oder nehmen mir das Büro. Auch hier ist die Zeit langer schmaler Korridore und von ihnen aus erreichbarer Arbeitszellen wohl endgültig vorbei. Heute herrscht im Büro nicht selten die angenehme Atmosphäre einer Lounge. In diesen offenen Großraumbüros aber, in denen jeder mit jedem spricht oder allein auf einen Bildschirm blickt, wird die Erfahrung, an mehreren Orten und Zeiten zugleich zu sein, räumlich manifest.

Vielleicht liegt hier einer der Gründe für die Sehnsucht vieler Menschen nach Räumen, die zu anderen Zeiten geplant und realisiert wurden? Jedem seine Altbauwohnung? Das kann wohl kaum die Lösung sein. Gleichwohl könnte es sein, dass der dislozierte Mensch des 21. Jahrhunderts eine ganz eigene Wohn- und Wohlfühlblase braucht, einen geschützten und sicheren, einen verkörperten Ort, von dem aus er hinaus in die unendlichen Weiten der Virtualität surfen kann.

Wie dem auch sei, die zeitgenössische Architektur laboriert daran, Antworten auf solche Fragen zu finden. Will sie weder in Nostalgie verfallen, noch sich in neoexpressiven Visionen einer technoiden Zukunft verlieren, so muss sie sich über die veränderten Bedingungen klar werden und Räume schaffen, die für eine Zeit taugen, die es unablässig mit der Erfahrung einer Gegenwart zu tun hat, die unter realem Raumschwund ebenso leidet wie unter dessen virtueller Vervielfältigung.