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Husch, husch, ins Körbchen
von Thomas Wagner | 31. Oktober 2008
Ob Open Office, Work Culture oder Workspirit, ob modular, universell oder individuell - im Bereich des Arbeitens und der dazu nötigen Bürosysteme ist derzeit keine Revolution in Sicht. Die Evolution des Büros geht freilich weiter - hin zu mehr Kommunikation und weg von den Routinen des Arbeitens. Und so kann es, ist der Kunde nur mutig genug, kraft unterschiedlicher Programme auch kräftig entstaubt werden.

Über den Stuhl „Chassis", den Stefan Diez für Wilkhahn auf der Basis einer Technik aus der Automobilindustrie entwickelt hat, haben wir bereits berichtet (siehe Artikel: Da muss auch ein Cowboy drauf sitzen können, ohne blöd auszusehen). Bene entwickelt weiter seine Handschrift, Knoll macht das Büro wohnlich oder die Wohnung zu einer Lounge, Sedus polstert den Rollcontainer geblümt zum Plausch mit dem Kollegen - und zahllose Hersteller zeigen zahllose Stühle und Tische, die sich in ihrem Standard eines postmodernen Ergonomiefuturismus kaum voneinander unterscheiden lassen. Umso mehr fallen jene Hersteller auf, die Konzept und Design zu einer Bürokultur verbinden, ohne gleich zu behaupten, sie hätten den Stein der Weisen gefunden.

Vitra etwa bemüht sich schon seit einiger Zeit, Kommunikation und Konzentration, Vernetzung und Isolation innerhalb eines Konzepts miteinander zu verbinden und hat dafür die Formulierung „Net'n'Nest" gefunden. Es war beeindruckend zu sehen, in welcher Selbstverständlichkeit und in welcher Breite Vitra das Prinzip der Collage in seiner ganzen entspannten Humanität nun auf den Bereich des Open Office ausdehnt (siehe dazu unser Gespräch mit Hanns-Peter Cohn, dem CEO von Vitra), zugleich aber neue spezifische Lösungen und Programme fürs Büro anbietet. Dabei geht es in der Hauptsache um eine Steigerung der Flexibilität der Möbel in Relation zu einer Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten. Das klingt anstrengender als es ist.

Denn sowohl bei dem „Steh-Sitz-Tischsystem" mit dem sprechenden Namen „Playns" von Ronan & Erwan Bouroullec als auch bei Alberto Medas Tisch „ArchiMeda" fürs Chefbüro, wird die rein horizontale Organisation des Arbeitens nun flexibel ins Vertikale erweitert. Man kann sitzen oder stehen, allein oder gemeinsam mit anderen reden, planen, formulieren, scherzen. Antonio Citterio spart sich das Auf und Ab per Knopfdruck, lässt den Häuptling lieber sitzen und verbindet bei seinem Chefarbeitsplatz „ACE" dafür Eleganz, hochwertige Materialien und Flexibilität. Besonders der Tisch wirkt edel, ohne in die Gefahr zu geraten, prahlerisch oder protzig daherzukommen. Zumindest das Büro ist hier schon so offen und sympathisch wie man sich den Chef wünscht. Neu ist auch Arik Levys ebenso simples wie gelungenes, auf einem würfelförmigen Bauteil basierenden System „WorKit".

Hier also das Netz, dort das Nest. Das ist nicht nur bei Vitra zu beobachten, wo Werner Aisslinger sogar eine Hollywoodschaukel fürs Büro entworfen hat. Allüberall gibt es flexible Werkbänke und daneben Inseln der Ruhe oder des Rückzugs, auch wenn diese nicht immer so konsequent gestaltet sind wie im Falle der Vitra-Designer. Ob es nun die Länge oder die Tiefe des gemeinsam genutzten Tisches ist, es sind stimmige Proportionen und die Details, die darüber entscheiden, ob es im Open Office mit der Balance zwischen Kommunikation und Abschirmung klappt oder nicht. Was chic und edel ausschaut, ist nicht immer auch produktiv. Und manche Blüten treibt das Nesting schon jetzt, denn statt beim Powernapping wegzudriften, erklimmt man heute den Hochsitz, besteigt eine Isolierkammer - oder lehnt sich gleich am Arbeitsplatz zurück in die wie eine schützende Kapuze hochgezogene Lehne des Bürostuhls. Überall ist zu sehen, wie man an einer Monadologie des dauerkommunizierenden Büromenschen bastelt, der die ganze Welt des Geschäfts ja ständig mit sich schleppt.

Auf eine völlig andere Welt trifft man bei Herman Miller. „Embody" heißt die neueste Sitzmaschine, und angesichts der aufdringlichen Flexibilität des Geräts, das man nicht mehr Stuhl nennen möchte, fragt man sich schon, warum es noch immer solche funktionalen Produkte gibt, die mehr oder weniger ohne Design entstehen oder Design noch immer als Magd der Funktion zum Dienst verpflichten. Was bei dieser Verkörperung möglichst flexiblen und ergonomischen Sitzens im Büro herausgekommen ist, kann man nur als amerikanisches Büro-Monster bezeichnen, dessen elfenbeinfarbenes künstliches Rückgrat in jedem David Cronenberg-Film eine Hauptrolle spielen könnte und sicher schon in der nächsten Generation mit einem "Bioport" versehen werden kann, über den alle Informationen direkt ins Nervensystem eingespeist werden. "Embody" geht definitiv zu sehr in Richtung XXL und erinnert in seinem Anachronismus an die Sprit fressenden Pickups und SUVs amerikanischer Produktion. Solide, funktional, aber einfach nicht mehr zeitgemäß.

Die saure Gurke für völlig gestaltungsfreie Ingenieurskunst geht in diesem Jahr aber nicht an ein Möbelstück. Der erste Preis gebührt - dem Gelenkarm! Arbeitsmedizinische und ergonomische Aspekte sind sicher wichtig, keine Frage; aber muss deshalb gleich jeder Arbeitsplatz haufenweise von technoiden Tentakeln überwuchert werden, an denen gleich mehrere Flachbildschirme hängen - die auch noch so stabil aussehen, als ließe sich wenigstens ein Elefant in einem Omnibus daran hängen? Und was soll man von fahrbaren Stehpulten samt PC, Tastatur und Flachbildschirm halten, die bestenfalls aussehen, als entstammten sie dem Medizinbedarf? Oder möchten Sie, der frischen Luft wegen, lieber den kleinen Raucherpavillon mit Stehtischchen?

Überhaupt beginnen die sekundären Dinge im Büro derzeit in einem Tempo zu wuchern, dass einem angst und bange werden kann. In früheren Zeiten war das Non-intentional-Design der Angestellten, heute hat jedes zweite Programm eine Blumenvase und einen bunten Zaun im Angebot, damit die nun auf der freien Wildbahn Ausgesetzten ihr Terrain wenigstens noch symbolisch verteidigen können. Dann noch eine Ablage hier an den Zaun gehängt und dort ein Blumenmusterpolster auf dem Rollcontainer - womit wir wieder bei der Kommunikation wären. Vielleicht nehmen wir dann doch lieber einmal pro Woche den Touch-Down-Platz ohne alle Schnuckeligkeiten und sitzen am nächsten Tag schon wieder draußen in der Sonne. Nur einen werden wir dort vermissen: den Kabelkanal. Der ist definitiv das wichtigste Teil des gegenwärtigen Büros, aber nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Fernsehsender.

orgatec.de.koelnmesse.info
Sedus
Embody von Herman Miller
Velas von Eric Degenhardt für Wilkhahn
Vitra Stand
Concept: Basket von Werner Aisslinger für Vitra
Playns von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra
MedaMorph von Alberto Meda für Vitra
Chassis von Stefan Diez für Wilkhahn