transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Ich bin glücklich, wenn sie glücklich sind
14. April 2012
Marva Griffin, Foto © Cosmit

Manche Konstellationen scheinen seit Ewigkeiten zu bestehen und es fehlt uns schlicht das Vorstellungsvermögen, dass die Dinge auch anders sein könnten. Der Salone Satellite in Mailand ist untrennbar mit dem Namen Marva Griffin verbunden. Vor fünfzehn Jahren entstand im Rahmen des Salone del Mobile unter ihrer Ägide eine Plattform, die bis heute als eine der wichtigsten Anlaufstationen für Nachwuchsdesigner gilt, und für Jouralisten und Trendscouts aus aller Welt den Ausgangspunkt für ihre Recherche bildet. Der Salone Satellite war und ist die Wiege für zahlreiche vielversprechende Desing-Talente und Impulsgeber für aufregende Produktideen; manch namhafter Designer konnte hier erste Kontakte zu Herstellern knüpfen. Marva Griffin, die Kuratorin aus Venezuela, hat vielen Designern mit sicherer Hand geholfen, ausgehend von diesen ersten Kontakten ein interessantes Netzwerk aufzubauen. Es ist kaum vorstellbar, dass Marva Griffin sich von dieser Veranstaltung und von der Designszene zurückzieht – und in der Tat: Sie lässt den Blick weiter schweifen und entdeckt neues Potenzial an neuen Orten. Ein Interview von Robert Volhard und Jörg Zimmermann.

Marva, Ihr Name ist eng verbunden mit dem Erfolg des Salone Satellite. Was hat Sie 1998 auf die Idee gebracht, eine spezielle Messe für Nachwuchsdesigner ins Leben zu rufen?

Marva Griffin: Wissen Sie, ich habe die Geschichte hundertmal erzählt ... In den späten neunziger Jahren war es für junge Designer, die am Anfang ihrer Karriere standen, nicht einfach, Kontakte zu Herstellern zu knüpfen. Einige von ihnen hatten die Möglichkeit, einen Raum oder eine Gallerie oder eine kleine Ecke irgendwo in Mailand zu mieten und vielleicht nahmen sie am Fuorisalone teil. Sie mussten viel Geld ausgeben, ohne irgendeine Garantie, Hersteller, Journalisten oder interessante Menschen kennenzulernen. Früher oder später wurde ihnen also klar, dass ihre einzige Hoffnung darin bestand, am Salone teilzunehmen, um mit ihren Projekten und Prototypen von den Herstellern überhaupt wahrgenommen zu werden. Ich kannte einige von ihnen durch meine Tätigkeit für die Magazine „Maison & Jardin" und „American House & Garden". Die jungen Desiger fragten mich immer, was man tun könne, um mit der Industrie in Kontakt zu kommen. Sie wussten von meinen Beziehungen zu Cosmit. Sie fragten mich: „Marva, warum können wir nicht auf der Fiera ausstellen?", und ich ging zu den Vertretern des Managements und sagte ihnen, dass es einen Bedarf an Ausstellungsräumen für Nachwuchsdesigner gab. Aber zu der Zeit bestand keine Möglichkeit, ihre Arbeiten auf der Messe zu präsentieren. Eines Tages rief mich Manlio Armellini, der ehemalige Chef von Cosmit, an und sagte: „Marva, wir haben einen Raum. Die Fiera Milano hat uns einen Pavillon zur Verfügung gestellt, der für Veranstaltungen genutzt werden kann. Jetzt haben Sie einen Raum, sehen Sie zu, wie Sie die jungen Leute auf die Messe bringen können." Das war der Anfang. Ich blieb zwei Tage lang in meinem Atelier und führte ein paar Telefonate mit Leuten in der ganzen Welt. So entstand der Salone Satellite.

Können Sie sich noch die spezielle Atmosphäre des ersten Salone Satellite ins Gedächtnis rufen, an den sich viele Teilnehmer noch heute erinnern?

Griffin: Oh ja, das kann ich. Es war unglaublich, weil sie noch nie davon gehört hatten. Als ich einige junge Designer ansprach, hatten sie zu meinem Erstaunen noch nie vom Salone gehört. Zu Beginn hatte ich Probleme mit einigen von ihnen, die ihre Produkte wie Aussteller verkaufen wollten. Ich sagte ihnen: „Hier wird nichts verkauft. Ihr stellt eure Prototypen vor, Leute aus der Industrie kommen vorbei, Vertreter der Presse werden da sein und eure Prototypen publizieren. Auf diese Weise werdet ihr bei einem breiteren Publikum bekannt, bei Museen und so weiter. Nathanel Gluska zum Beispiel präsentierte seine Arbeiten zum ersten Mal 1998 und 1998 beim Salone Satellite. Ein Jahr später machte ihn Sotheby's in London zu einer One-Man-Show.

Auch Patrick Jouin nahm in letzter Minute teil, nachdem ich Chantal Hamaide, Chefredakteurin von „Intramuros", angerufen und ihr gesagt hatte: „Ich mache diese Salone Satellite-Geschichte, Sie haben Kontakt zu jungen Designern in Frankreich und Sie kennen alle jungen Designer, die daran teilnehmen könnten." Sie war begeistert von der Idee und während eines Besuchs in Starcks Atelier erzählte ich, was für Mailand geplant war. Zwei Stunden später bekam ich einen Anruf von Patrick. Es war spät, als er anrief: „Hallo Madame Griffin, wir möchten gerne nach Mailand kommen. Wären Sie so freundlich ..." Also plante ich einen kleinen Raum für ihn ein. Später schickte Patrick mir einen Brief, der im Katalog über Philippe Starck abgedruckt ist, schöne Anmerkungen zum ersten SaloneSatellite. Danach sagte er zu mir: „Mein Kollege Jean-Marie Massaud und ich arbeiten an einem Projekt, das wir gerne beim SaloneSatellite 1999 vorstellen möchten", und ihre Geschichte geht bis heute weiter ...

Wenn Sie heute zurückblicken, welches war der bewegendste oder emotionalste Moment in Ihrer Zeit als Kuratorin des Salone Satellite?

Griffin: Ich freue mich sehr, wenn ich E-Mails oder Anrufe von den Designern bekomme: „Oh, Marva, Mrs. Griffin, Cappellini oder Fontana Arte produziert jetzt meine Arbeit." In meinen Augen ist das das Hauptziel des Salone Satellite. Wir helfen den jungen Designern, bekannt zu werden und Hersteller zu finden. Ich bin glücklich, wenn sie glücklich sind.

Welche Rolle hat Design Ihrer Meinung nach heute? Ist Design einfach nur eine Produkteigenschaft oder könnte Design einen entscheidenden Mehrwert für Verbraucher und Hersteller bieten?

Griffin: Designer sind sehr wichtig. Für mich persönlich stehen ganz oben die Dirigenten, die für mich die Stars sind, vielleicht weil ich Musik so liebe. Danach kommen Architekten, Designer und Meisterköche. In meinem Büro ist ein Satz an die Wand geheftet: „Design ist das älteste Gewerbe der Welt". Das ist absolut wahr. Was immer wir in die Hand nehmen, ist gestaltet, sogar das Bett, in dem ich geboren wurde. Viele Stücke sind vielleicht nicht unbedingt zeitgenössisches Design, aber jemand hat sich Gedanken über sie gemacht und einen Entwurf auf einem Stück Papier angefertigt, um sie bauen oder konstruieren zu können. Für mich ist alles Design.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen, vor denen junge Designer heute stehen?

Griffin: Ich bin die letzte Person, die Sie das fragen können. Woher soll ich wissen, was die Zukunft bringt? Letztes Jahr habe ich anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Salone del Mobile drei Universitäten – die Columbia International University in den Vereinigten Staaten, die Bezalel Arts and Design Academy in Israel, die Politecnico di Milano sowie sieben junge Designer – gebeten, ein Bild zu entwerfen, was Design und Möbeldesign uns in den nächsten fünfzig Jahren bringen wird. Jeder Teilnehmer hatte einen eigenen Ansatz und jeder machte etwas anderes. Ich war etwas verwundert, weil ihre Gedanken über Design so unterschiedlich ausfielen. Ich lebe von einem Tag zum anderen. Steve Jobs machte all diese wunderbaren Dinge wie das, was Sie in der Hand halten. Sie haben etwas, womit Sie meine Stimme aufnehmen können, Sie können Musik hören, Sie können das Foto Ihres Kindes, Ihrer Frau ansehen. Wir sind jetzt hier in Vicenza und wenn ich meine Familie anrufen möchte, kann ich das Gesicht meiner Schwester sehen. Das ist das Design von heute. Was wird in zehn Jahren passieren? Ich weiß es nicht, weil bei diesem Wettlauf alles so schnell geht. Vielleicht wird es irgendwann eine Entschleunigung geben und wir greifen alle auf unsere alten Telefone zurück. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Wir sollten genießen, was das Leben uns heute beschert.

Gibt es Pläne, das Konzept des Salone Satellite zu verändern oder abzuwandeln? Wer wird der neue „Vordenker" des Salone Satellite, wenn Sie sich zurückziehen?

Griffin: Wissen Sie, ich liebe diese Aufgabe und ich mache das seit so vielen Jahren. Ich habe vor 41 Jahren bei Piero Ambrogio Busnelli bei C&B Italia – heute B&B Italia – angefangen. Ich war seine Assistentin für Übersetzungen und Kommunikation, aber ich habe alles gemacht. Ich bin mit Busnelli und Cesare Cassina durch die ganze Welt gereist und habe Fertigungsanlagen und Fabriken besichtigt, zum Beispiel Herman Miller in Michigan und weitere in Brasilien und Skandinavien. Ich lernte Renzo Piano als jungen und aufstrebenden Architekten kennen, als er unsere Büros gestaltete. Das war mein „täglich Brot". Dann verließ ich die Firma und arbeitete als Freelancer. Ich war als Journalistin für die Condé Nast Magazine tätig, machte Interviews und fotografierte Inneneinrichtungen und Häuser. Ich habe alle Möbelmessen dieser Welt besucht. Mein Wissen habe ich über Jahre aufgebaut. Das ist der Grund, warum ich das tun kann, was ich tue.

Ich habe nicht erst gestern angefangen und ich sage nicht, dass ich morgen aufhöre. Ich möchte jemanden finden, der in den Job hineinwachsen kann. Ich könnte noch eine Zeit lang an der Seite dieser Person bleiben und ihn oder sie einweisen. Und nach einer Weile – piano, piano – übernimmt diese Person meine Aufgabe und ich verabschiede mich. Das ist meine Vorstelleung, wie man damit umgeht, aber Sie sollten das Management fragen, wie sie das handhaben möchten.

Was sind Ihre persönlichen Pläne? Verlassen Sie die Bühne der internationalen Designszene? Oder suchen Sie nach neuen persönlichen Herausforderungen?

Griffin: Ein paar Dinge habe ich bereits angestoßen. Ich komme aus Venezuela und meine Wurzeln liegen in Lateinamerika. Lateinamerika ist so unglaublich jung. Es ist nicht europäisch. Mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung sind junge Leute. In allen Ländern Lateinamerikas schlummert eine enorme Kreativität. Sie können wunderbare Dinge tun. Da sind zum Beispiel die Campana-Brüder. Ich plane Projekte mit ihnen. Ich habe sie nach Venezuela eingeladen, wo sie einen Workshop mit 21 jungen Designern leiteten. Ich war bei der Biennale in Santiago de Chile, um Nachwuchsdesigner zu treffen, die dieses Jahr beim Salone Satellite ausstellen. Im August reise ich nach Kolumbien. Und was die Zukunft anbelangt, ich möchte den Salone Satellite nicht kopieren, aber ich hoffe, an Projekten in Lateinamerika arbeiten zu können. Ich werde nicht von der Bildfläche verschwinden, aber ich werde etwas mehr Zeit in meinem Haus am Strand in Venezuela verbringen. Das ist sicher.

Marco Sabetta (Geschäftsführer von Cosmit, Anmerkung der Redaktion), ich habe Marva Griffin gefragt, wer den Salone Satellite organisieren wird, wenn sie sich zurückzieht, und sie sagte: Fragen Sie nicht mich, fragen Sie Marco. Könnten Sie uns einen Hinweis geben?

Marco Sabetta: Es wird so sein, dass Marva noch eine Weile bei uns bleibt. Wir werden gemeinsam entscheiden, wie es mit dem Salone Satellite weitergeht. Es gibt niemanden wie Marva. Niemand wird die Aufgabe so erfüllen, wie sie es tut. Es ist wichtig für uns und für den Salone Satellite, mit ihr gemeinsam jemanden zu suchen. Denn wir vertrauen darauf, dass sie das Feingefühl hat, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

www.cosmit.it

News & Stories › 2012 › April
Ich bin glücklich, wenn sie glücklich sind
14. April 2012
Marva Griffin ist eine der schillernden Persönlichkeiten der internationalen Designszene. Die gebürtige Venezolanerin hat mit ihrem kuratorischen Geschick den Salone Satellite zu einer der wichtigsten Plattformen für Nachwuchsdesigner gemacht. Manch einer glaubte, sie würde sich allmählich Gedanken über ihren Ruhestand machen, aber sie richtet ihre Aufmerksamkeit seit langer Zeit auf Südamerika. Ein Interview von Robert Volhard und Jörg Zimmermann.
Manche Konstellationen scheinen seit Ewigkeiten zu bestehen und es fehlt uns schlicht das Vorstellungsvermögen, dass die Dinge auch anders sein könnten. Der Salone Satellite in Mailand ist untrennbar mit dem Namen Marva Griffin verbunden. Vor fünfzehn Jahren entstand im Rahmen des Salone del Mobile unter ihrer Ägide eine Plattform, die bis heute als eine der wichtigsten Anlaufstationen für Nachwuchsdesigner gilt, und für Jouralisten und Trendscouts aus aller Welt den Ausgangspunkt für ihre Recherche bildet. Der Salone Satellite war und ist die Wiege für zahlreiche vielversprechende Desing-Talente und Impulsgeber für aufregende Produktideen; manch namhafter Designer konnte hier erste Kontakte zu Herstellern knüpfen. Marva Griffin, die Kuratorin aus Venezuela, hat vielen Designern mit sicherer Hand geholfen, ausgehend von diesen ersten Kontakten ein interessantes Netzwerk aufzubauen. Es ist kaum vorstellbar, dass Marva Griffin sich von dieser Veranstaltung und von der Designszene zurückzieht – und in der Tat: Sie lässt den Blick weiter schweifen und entdeckt neues Potenzial an neuen Orten. Ein Interview von Robert Volhard und Jörg Zimmermann.

Marva, Ihr Name ist eng verbunden mit dem Erfolg des Salone Satellite. Was hat Sie 1998 auf die Idee gebracht, eine spezielle Messe für Nachwuchsdesigner ins Leben zu rufen?

Marva Griffin: Wissen Sie, ich habe die Geschichte hundertmal erzählt ... In den späten neunziger Jahren war es für junge Designer, die am Anfang ihrer Karriere standen, nicht einfach, Kontakte zu Herstellern zu knüpfen. Einige von ihnen hatten die Möglichkeit, einen Raum oder eine Gallerie oder eine kleine Ecke irgendwo in Mailand zu mieten und vielleicht nahmen sie am Fuorisalone teil. Sie mussten viel Geld ausgeben, ohne irgendeine Garantie, Hersteller, Journalisten oder interessante Menschen kennenzulernen. Früher oder später wurde ihnen also klar, dass ihre einzige Hoffnung darin bestand, am Salone teilzunehmen, um mit ihren Projekten und Prototypen von den Herstellern überhaupt wahrgenommen zu werden. Ich kannte einige von ihnen durch meine Tätigkeit für die Magazine „Maison & Jardin" und „American House & Garden". Die jungen Desiger fragten mich immer, was man tun könne, um mit der Industrie in Kontakt zu kommen. Sie wussten von meinen Beziehungen zu Cosmit. Sie fragten mich: „Marva, warum können wir nicht auf der Fiera ausstellen?", und ich ging zu den Vertretern des Managements und sagte ihnen, dass es einen Bedarf an Ausstellungsräumen für Nachwuchsdesigner gab. Aber zu der Zeit bestand keine Möglichkeit, ihre Arbeiten auf der Messe zu präsentieren. Eines Tages rief mich Manlio Armellini, der ehemalige Chef von Cosmit, an und sagte: „Marva, wir haben einen Raum. Die Fiera Milano hat uns einen Pavillon zur Verfügung gestellt, der für Veranstaltungen genutzt werden kann. Jetzt haben Sie einen Raum, sehen Sie zu, wie Sie die jungen Leute auf die Messe bringen können." Das war der Anfang. Ich blieb zwei Tage lang in meinem Atelier und führte ein paar Telefonate mit Leuten in der ganzen Welt. So entstand der Salone Satellite.

Können Sie sich noch die spezielle Atmosphäre des ersten Salone Satellite ins Gedächtnis rufen, an den sich viele Teilnehmer noch heute erinnern?

Griffin: Oh ja, das kann ich. Es war unglaublich, weil sie noch nie davon gehört hatten. Als ich einige junge Designer ansprach, hatten sie zu meinem Erstaunen noch nie vom Salone gehört. Zu Beginn hatte ich Probleme mit einigen von ihnen, die ihre Produkte wie Aussteller verkaufen wollten. Ich sagte ihnen: „Hier wird nichts verkauft. Ihr stellt eure Prototypen vor, Leute aus der Industrie kommen vorbei, Vertreter der Presse werden da sein und eure Prototypen publizieren. Auf diese Weise werdet ihr bei einem breiteren Publikum bekannt, bei Museen und so weiter. Nathanel Gluska zum Beispiel präsentierte seine Arbeiten zum ersten Mal 1998 und 1998 beim Salone Satellite. Ein Jahr später machte ihn Sotheby's in London zu einer One-Man-Show.

Auch Patrick Jouin nahm in letzter Minute teil, nachdem ich Chantal Hamaide, Chefredakteurin von „Intramuros", angerufen und ihr gesagt hatte: „Ich mache diese Salone Satellite-Geschichte, Sie haben Kontakt zu jungen Designern in Frankreich und Sie kennen alle jungen Designer, die daran teilnehmen könnten." Sie war begeistert von der Idee und während eines Besuchs in Starcks Atelier erzählte ich, was für Mailand geplant war. Zwei Stunden später bekam ich einen Anruf von Patrick. Es war spät, als er anrief: „Hallo Madame Griffin, wir möchten gerne nach Mailand kommen. Wären Sie so freundlich ..." Also plante ich einen kleinen Raum für ihn ein. Später schickte Patrick mir einen Brief, der im Katalog über Philippe Starck abgedruckt ist, schöne Anmerkungen zum ersten SaloneSatellite. Danach sagte er zu mir: „Mein Kollege Jean-Marie Massaud und ich arbeiten an einem Projekt, das wir gerne beim SaloneSatellite 1999 vorstellen möchten", und ihre Geschichte geht bis heute weiter ...

Wenn Sie heute zurückblicken, welches war der bewegendste oder emotionalste Moment in Ihrer Zeit als Kuratorin des Salone Satellite?

Griffin: Ich freue mich sehr, wenn ich E-Mails oder Anrufe von den Designern bekomme: „Oh, Marva, Mrs. Griffin, Cappellini oder Fontana Arte produziert jetzt meine Arbeit." In meinen Augen ist das das Hauptziel des Salone Satellite. Wir helfen den jungen Designern, bekannt zu werden und Hersteller zu finden. Ich bin glücklich, wenn sie glücklich sind.

Welche Rolle hat Design Ihrer Meinung nach heute? Ist Design einfach nur eine Produkteigenschaft oder könnte Design einen entscheidenden Mehrwert für Verbraucher und Hersteller bieten?

Griffin: Designer sind sehr wichtig. Für mich persönlich stehen ganz oben die Dirigenten, die für mich die Stars sind, vielleicht weil ich Musik so liebe. Danach kommen Architekten, Designer und Meisterköche. In meinem Büro ist ein Satz an die Wand geheftet: „Design ist das älteste Gewerbe der Welt". Das ist absolut wahr. Was immer wir in die Hand nehmen, ist gestaltet, sogar das Bett, in dem ich geboren wurde. Viele Stücke sind vielleicht nicht unbedingt zeitgenössisches Design, aber jemand hat sich Gedanken über sie gemacht und einen Entwurf auf einem Stück Papier angefertigt, um sie bauen oder konstruieren zu können. Für mich ist alles Design.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen, vor denen junge Designer heute stehen?

Griffin: Ich bin die letzte Person, die Sie das fragen können. Woher soll ich wissen, was die Zukunft bringt? Letztes Jahr habe ich anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Salone del Mobile drei Universitäten – die Columbia International University in den Vereinigten Staaten, die Bezalel Arts and Design Academy in Israel, die Politecnico di Milano sowie sieben junge Designer – gebeten, ein Bild zu entwerfen, was Design und Möbeldesign uns in den nächsten fünfzig Jahren bringen wird. Jeder Teilnehmer hatte einen eigenen Ansatz und jeder machte etwas anderes. Ich war etwas verwundert, weil ihre Gedanken über Design so unterschiedlich ausfielen. Ich lebe von einem Tag zum anderen. Steve Jobs machte all diese wunderbaren Dinge wie das, was Sie in der Hand halten. Sie haben etwas, womit Sie meine Stimme aufnehmen können, Sie können Musik hören, Sie können das Foto Ihres Kindes, Ihrer Frau ansehen. Wir sind jetzt hier in Vicenza und wenn ich meine Familie anrufen möchte, kann ich das Gesicht meiner Schwester sehen. Das ist das Design von heute. Was wird in zehn Jahren passieren? Ich weiß es nicht, weil bei diesem Wettlauf alles so schnell geht. Vielleicht wird es irgendwann eine Entschleunigung geben und wir greifen alle auf unsere alten Telefone zurück. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Wir sollten genießen, was das Leben uns heute beschert.

Gibt es Pläne, das Konzept des Salone Satellite zu verändern oder abzuwandeln? Wer wird der neue „Vordenker" des Salone Satellite, wenn Sie sich zurückziehen?

Griffin: Wissen Sie, ich liebe diese Aufgabe und ich mache das seit so vielen Jahren. Ich habe vor 41 Jahren bei Piero Ambrogio Busnelli bei C&B Italia – heute B&B Italia – angefangen. Ich war seine Assistentin für Übersetzungen und Kommunikation, aber ich habe alles gemacht. Ich bin mit Busnelli und Cesare Cassina durch die ganze Welt gereist und habe Fertigungsanlagen und Fabriken besichtigt, zum Beispiel Herman Miller in Michigan und weitere in Brasilien und Skandinavien. Ich lernte Renzo Piano als jungen und aufstrebenden Architekten kennen, als er unsere Büros gestaltete. Das war mein „täglich Brot". Dann verließ ich die Firma und arbeitete als Freelancer. Ich war als Journalistin für die Condé Nast Magazine tätig, machte Interviews und fotografierte Inneneinrichtungen und Häuser. Ich habe alle Möbelmessen dieser Welt besucht. Mein Wissen habe ich über Jahre aufgebaut. Das ist der Grund, warum ich das tun kann, was ich tue.

Ich habe nicht erst gestern angefangen und ich sage nicht, dass ich morgen aufhöre. Ich möchte jemanden finden, der in den Job hineinwachsen kann. Ich könnte noch eine Zeit lang an der Seite dieser Person bleiben und ihn oder sie einweisen. Und nach einer Weile – piano, piano – übernimmt diese Person meine Aufgabe und ich verabschiede mich. Das ist meine Vorstelleung, wie man damit umgeht, aber Sie sollten das Management fragen, wie sie das handhaben möchten.

Was sind Ihre persönlichen Pläne? Verlassen Sie die Bühne der internationalen Designszene? Oder suchen Sie nach neuen persönlichen Herausforderungen?

Griffin: Ein paar Dinge habe ich bereits angestoßen. Ich komme aus Venezuela und meine Wurzeln liegen in Lateinamerika. Lateinamerika ist so unglaublich jung. Es ist nicht europäisch. Mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung sind junge Leute. In allen Ländern Lateinamerikas schlummert eine enorme Kreativität. Sie können wunderbare Dinge tun. Da sind zum Beispiel die Campana-Brüder. Ich plane Projekte mit ihnen. Ich habe sie nach Venezuela eingeladen, wo sie einen Workshop mit 21 jungen Designern leiteten. Ich war bei der Biennale in Santiago de Chile, um Nachwuchsdesigner zu treffen, die dieses Jahr beim Salone Satellite ausstellen. Im August reise ich nach Kolumbien. Und was die Zukunft anbelangt, ich möchte den Salone Satellite nicht kopieren, aber ich hoffe, an Projekten in Lateinamerika arbeiten zu können. Ich werde nicht von der Bildfläche verschwinden, aber ich werde etwas mehr Zeit in meinem Haus am Strand in Venezuela verbringen. Das ist sicher.

Marco Sabetta (Geschäftsführer von Cosmit, Anmerkung der Redaktion), ich habe Marva Griffin gefragt, wer den Salone Satellite organisieren wird, wenn sie sich zurückzieht, und sie sagte: Fragen Sie nicht mich, fragen Sie Marco. Könnten Sie uns einen Hinweis geben?

Marco Sabetta: Es wird so sein, dass Marva noch eine Weile bei uns bleibt. Wir werden gemeinsam entscheiden, wie es mit dem Salone Satellite weitergeht. Es gibt niemanden wie Marva. Niemand wird die Aufgabe so erfüllen, wie sie es tut. Es ist wichtig für uns und für den Salone Satellite, mit ihr gemeinsam jemanden zu suchen. Denn wir vertrauen darauf, dass sie das Feingefühl hat, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

www.cosmit.it