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In der Badehose sind alle gleich
von Adeline Seidel | 8. Februar 2016
Die „hängenden Gärten“, der Wohnpark Alt-Erlaa im Süden Wiens, entworfen von Harry Glück. Foto © Hertha Hurnaus
Der Architekt Harry Glück hat insgesamt 18.000 Wohnungen realisiert, davon allein 16.000 in Wien. Das sind beeindruckende Zahlen. Eines seiner bekanntesten Projekte ist der Wohnpark Alt-Erlaa im Süden Wiens mit 3.181 Wohneinheiten. Er besteht aus drei Hochhauszeilen von jeweils knapp 300 Meter Länge und 94 Meter Höhe. Die gewaltigen Bauten, die mit ihren ausladenden Terrassen und vorgelagerten Pflanztrögen aussehen wie hängende Gärten, die vielfältigen Freizeitangebote sowie die ausgedehnten, grünen und autofreien Außenbereiche, vermitteln fast den Eindruck, man befinde sich in einer Hotel- statt in einer hochverdichteten Wohnanlage. Es gibt Pools auf dem Dach und Hallenschwimmbäder, Saunen, Fitnessstudios, Gemeinschaftsflächen, Hobby- und Vereinsräume, Kindergärten, Schulen – und selbst ein Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz fehlt in Alt-Erlaa nicht. Damals wie heute ist Glücks Anlage ein Projekt, das es in seiner Dimension und mit seinen Angeboten kein zweites Mal gibt. Und obwohl die Debatte über bezahlbaren, sozial ausgewogenen und lebenswerten Wohnraum gerade wieder Fahrt aufnimmt, wäre ein geförderter Wohnungsbau wie in Alt-Erlaa heutzutage undenkbar.

Dabei kann der Blick in die jüngere Baugeschichte durchaus lohnen, erweist sich, was derzeit landesweit in den Städten realisiert wird, kaum als der Weisheit letzter Schluss. Ein Blick ins neue Frankfurter Europaviertel reicht, um zu verstehen, warum das so ist: Verdichtetes Wohnen im Blockrand in renditeoptimierter, billiger Bauweise mag zwar von außen ein Gründerzeitquartier nachzuahmen versuchen, scheitert aber bei der Dimensionierung der Kubatur wie bei der Gestaltung zumeist simpler und wenig flexibler Grundrisse. Fast will es scheinen, als hätten Architekten und Immobilienentwicklern keinerlei Vorstellungen, welche Bedürfnisse Menschen haben und welche Anforderungen sie an Wohn- und Lebensräume stellen – bodentiefe „französische“ Fenster, abgerundete Balkone und pseudoklassizistische Architektur in Passivhausstandard liefern jedenfalls keine Antworten und schon gar keine neue Ideen.
Der Wiener Architekt Harry Glück. Foto © Hertha Hurnaus
Der aufgebaute Wohnraummangel

Einige Zahlen helfen vor Augen zu führen, wo wir in Deutschland aktuell stehen: Selbst wenn bis zum Jahr 2025 die Bevölkerung um 4,5 Prozent schrumpfen sollte, rechnet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit einem Zuwachs von 560.000 Haushalten in den alten Bundesländern. Dabei werden die neuen Bundesländer mit einem Rückgang von 620.000 Haushalten konfrontiert. Insgesamt rechnet das BBSR mit einem jährlichen Neubaubedarf von 183.000 bis 265.000 Wohnungen in den kommenden zehn Jahren – und das sind Berechnungen, die noch aus der Zeit vor den aktuellen Zuwanderungswellen stammen. Dabei werden die größten Herausforderungen der steigende Bedarf an Wohnraum für Singles und natürlich bezahlbare Wohnungen in den Kernstädten sein. Was unweigerlich die Frage provoziert: Wie wollen – und wie können – wir in den Städten zusammenleben? Welche Wohnstandards wollen wir behalten und von welchen können wir uns verabschieden, wenn der Mangel, der sich über Jahre aufgebaut hat – trotz eines Mindestbedarfs von 183.000 neuen Wohnungen pro Jahr wurden weitaus weniger jährlich gebaut, 2009 beispielsweise fehlten mehr als 30.000 –, nun zu rapide steigenden Mieten beiträgt. Gerade in Deutschland, wo 54 Prozent der Bevölkerung zur Miete wohnen (zum Vergleich: In Spanien sind es 14 Prozent), sind für immer weniger Menschen Drei- bis Vierzimmer-, aber auch Zweizimmer-Wohnungen in den attraktiven Stadtlagen finanzierbar.

In dieser Situation lohnt ein genauer Blick auf die Bauten des Architekten Harry Glück – und damit auch in das bei Müry Salzmann erschiene und von Reinhard Seiß herausgegebene Buch „Harry Glück. Wohnbauten“. Der Band Das lockt mit beeindruckenden Fotografien von der Glücks Bauten, wobei der Fokus nicht auf das architektonische Detail gerichtet ist, sondern auf Situationen des Alltags und die „Bewohnung“ der Architektur. Zahlreiche Aufsätze von Autoren – darunter beispielsweise der Stadtforscher Robert Temel, der Architekt Christian Kühn und die Humanethologin Johanna Förster – beleuchten die Projekte und Ideen Harry Glücks aus unterschiedlichen Perspektiven. Auch eine Bewohnerin kommt zu Wort. Es ist durchaus überraschend, wie wenig über die Architektur als solche, wie intensiv aber über den Wohnungsbau und seine Bedingungen gesprochen wird.
Foto © Hertha Hurnaus
Es scheint, als wäre die Ästhetik der Architektur für die überdurchschnittliche Wohnzufriedenheit in den von Glück entwickelten Anlagen nicht ausschlaggebend. Als Gründe werden die Nähe zur Natur, die autofreien Zonen, die flexibel gestaltbaren Grundrisse, aber vor allem Gemeinschaftsbereiche, Vereine und kurze Wege genannt. Ein unkompliziertes Miteinander sei es in Alt-Erlaa, sagt die Bewohnerin Brigitte Sack in einem Interview: „Mir fällt in letzter Zeit besonders auf, weil wir in der Nachbarschaft neue Siedlungen haben und ich beim Spazierengehen schon ein paar Mal bemerkt habe, dass sich die Bewohner dort einfach nur am Parkplatz treffen. Dort spricht aber jemand, der einen Mercedes hat, kaum mit jemanden der bei einem alten rostigen Wagen steht. Bei uns ist es so, dass man zum Beispiel am Dachbad oben nicht merkt, ob jemand eine Reinigungskraft ist oder ein Universitätsprofessor. Da sind alle in Badehose, alle sind nass, alle lachen, alle spielen mit ihren Kindern und die Herkunft ist egal. Man kommt ins Gespräch, und wenn man nachher draufkommt, wen man da eigentlich kennengelernt hat, was er beruflich macht oder aus welcher sozialen Schicht er kommt, dann (...) ist der Bann schon gebrochen.“
Foto © Hertha Hurnaus
Zwischen Ästhetik und Eigensinn

Harry Glück gründet seine Wohnkonzepte auf die menschlichen Bedürfnisse. Diese seien die Nähe zu Pflanzen, der Wunsch des Menschen nach sozialen Kontakten, seine angeborene Neugier sowie der Spieltrieb des Menschen. Auf die Frage nach seinem Resümee nach fünfzig Jahren Tätigkeit im sozialen Wohnungsbau antwortet Glück: „Ich glaube, ich konnte zeigen, dass die Lebensqualität, die viele Menschen in den Suburbs suchen, in der Großstadt realisierbar ist – anders, aber nicht schlechter. Und einige Annehmlichkeiten, die für die Bewohner meiner Anlagen als Gemeinschaft leistbar sind, bleiben für den einzelnen Häuselbauer unerreichbar.“

Das Buch setzt sich aber nicht nur mit den Bauten Glücks auseinander, sondern spiegelt auch die Debatten wider, die in den vergangenen Jahrzehnten hinsichtlich seiner Projekte geführt wurden. So galten seine Wohnanlagen beispielweise für die Linken in der Stadtpolitik als Bauten, die zu einer Verweichlichung des Proletariats führen. Für die Konservativen bedeuteten sie Luxuswohnen auf Staatskosten. Womit deutlich wird, dass man als Architekt in Sachen Wohnungsbau keiner Ideologie folgen sollte. Harry Glück hält sich stattdessen an die Devise: „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl.“ Er selbst hatte sich aber aus den Debatten mit den Kollegen zurückgezogen, „deren Arbeit“, wie Gerhard Strohmeier in seinem Beitrag „Lebensqualität für die Massen. Soziologische Erkundungen zum Wohnbau von Harry Glück“ schreibt, „er auf eine pompöse und theatralische Ästhetik reduziert sah, die nicht mehr in der Lage sei, die Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen.“

Was seine Kollegen in den 1970er und 1980er Jahren selbstverständlich ganz anders sahen, wie im Interview mit dem Architekturkritiker Friedrich Achleitner nachzulesen ist. Zum einen, weil Glück in dieser Zeit immer und überall präsent war und gefühlt jeden Wohnungsbau in Wien realisieren durfte. Zum anderen wurde ihm seine kostengünstige, rohe Architektur vorgeworfen und als „Balkongewitter“ bezeichnet. Die Ausbildung der Details wurde als nicht besonders sensibel bezeichnet, die Mittelgangerschließung, die erst Dachschwimmbäder ermöglichte, als unmenschlich – und die Großform an sich als untauglich für das Gemeinschaftsleben. Achleitner gibt aber zu, sich zumindest im letzten Punkt geirrt zu haben und bemerkt, „dass Alt-Erlaa bemerkenswert bleibt. Als Großform und auch als städtebauliches Konzept.“
Foto © Hertha Hurnaus
Gutes Wohnen ist eine Preisfrage

Die Autoren erkennen allesamt an, dass sich Glücks Gebäude – ganz gleich ob Hochhäuser oder verdichteter Flachbau – als höchst wirtschaftlich erwiesen haben. Statt aufwendiger Details oder teurer Materialien hat Glück zumeist Betonfertigteile verwendet. Die Schottenbauweise in Alt-Erlaa, das bisher nicht saniert werden musst, erlaubt neben Materialeinsparungen auch eine anpassungsfähige Grundrissgestaltung. Die vielen kostenlos nutzbaren Gemeinschaftsflächen und Freizeitangebote konnten erst durch die hohe Dichte und Bewohnerzahl finanziert und belebt werden. Glück selbst sagt dazu im Interview, er habe immer höchst wirtschaftlich gerechnet und versucht, den Bauherren zu überzeugen, diese Einsparungen in langfristige angelegte Extras für die Bewohner zu investieren. Das würde sich schließlich auszahlen – indem beispielsweise die Mieterfluktuation gering bleibe, weil die Annehmlichkeiten und das Miteinander ein Haus zum einen mit Lebensqualität erfüllen, zum anderen aber auch dafür sorgen, dass es gut erhalten bleibt. Das ihm das nicht immer gelang, gibt Glück offen zu.

Heutzutage scheint zwischen Architekt und Bauherr kaum noch über Gemeinschaftsbereiche und Wohnbedürfnisse geredet zu werden. Stattdessen wiederholt man die gleichen Fehler im Blockrand wie bei den allzu rasch erstellten Planungen der 1970er und 1980er Jahre, die mit ihren Punktbebauungen, leblosen Grünräumen, auf denen Ballspielen verboten ist, heute zurecht als Gettos verschrien sind. Da hilft weder biederer Zierputz noch etwas Farbe auf der Fassade. Es ist höchste Zeit, wieder nach für die Bewohner attraktiven urbanen Wohnmodellen zu fragen und sich an funktionierende Bauten wie jene von Harry Glück zu erinnern.

Harry Glück. Wohnbauten
Hrsg. v. Reinhard Seiß
240 Seiten, geb., zahlreiche farbige Abbildungen
Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2015
ISBN 978-3-99014-094-9
48 Euro

Veranstaltungshinweise:

„Harry Glück: Sozialer Wohnungsbau mit Dachschwimmbad!“
Harry Glück im Gespräch mit Reinhard Seiß
11. Februar 2016, 17 Uhr, Eintritt frei
www.dam.de

„Unzulänglichkeiten und Versäumnisse. Zur Notwendigkeit eines zukunftstauglichen Wohn- und Städtebaus am Beispiel Wiens und anderer europäischer Städte.“
Vortrag von Reinhard Seiß
ASRM Zukunftspavillon auf dem Rossmarkt, Frankfurt am Main
Freitag, 12. Februar 2016, 19 Uhr
www.bda-hessen.de
News & Stories › 2016 › Februar
In der Badehose sind alle gleich
von Adeline Seidel | 8. Februar 2016
In der aktuellen Debatte um bezahlbaren und aus Sicht der Bewohner lebenswerten Wohnraum in Städten lohnt es, einen Blick auf die Bauten von Harry Glück zu werfen.
Der Architekt Harry Glück hat insgesamt 18.000 Wohnungen realisiert, davon allein 16.000 in Wien. Das sind beeindruckende Zahlen. Eines seiner bekanntesten Projekte ist der Wohnpark Alt-Erlaa im Süden Wiens mit 3.181 Wohneinheiten. Er besteht aus drei Hochhauszeilen von jeweils knapp 300 Meter Länge und 94 Meter Höhe. Die gewaltigen Bauten, die mit ihren ausladenden Terrassen und vorgelagerten Pflanztrögen aussehen wie hängende Gärten, die vielfältigen Freizeitangebote sowie die ausgedehnten, grünen und autofreien Außenbereiche, vermitteln fast den Eindruck, man befinde sich in einer Hotel- statt in einer hochverdichteten Wohnanlage. Es gibt Pools auf dem Dach und Hallenschwimmbäder, Saunen, Fitnessstudios, Gemeinschaftsflächen, Hobby- und Vereinsräume, Kindergärten, Schulen – und selbst ein Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz fehlt in Alt-Erlaa nicht. Damals wie heute ist Glücks Anlage ein Projekt, das es in seiner Dimension und mit seinen Angeboten kein zweites Mal gibt. Und obwohl die Debatte über bezahlbaren, sozial ausgewogenen und lebenswerten Wohnraum gerade wieder Fahrt aufnimmt, wäre ein geförderter Wohnungsbau wie in Alt-Erlaa heutzutage undenkbar.

Dabei kann der Blick in die jüngere Baugeschichte durchaus lohnen, erweist sich, was derzeit landesweit in den Städten realisiert wird, kaum als der Weisheit letzter Schluss. Ein Blick ins neue Frankfurter Europaviertel reicht, um zu verstehen, warum das so ist: Verdichtetes Wohnen im Blockrand in renditeoptimierter, billiger Bauweise mag zwar von außen ein Gründerzeitquartier nachzuahmen versuchen, scheitert aber bei der Dimensionierung der Kubatur wie bei der Gestaltung zumeist simpler und wenig flexibler Grundrisse. Fast will es scheinen, als hätten Architekten und Immobilienentwicklern keinerlei Vorstellungen, welche Bedürfnisse Menschen haben und welche Anforderungen sie an Wohn- und Lebensräume stellen – bodentiefe „französische“ Fenster, abgerundete Balkone und pseudoklassizistische Architektur in Passivhausstandard liefern jedenfalls keine Antworten und schon gar keine neue Ideen.
Der aufgebaute Wohnraummangel

Einige Zahlen helfen vor Augen zu führen, wo wir in Deutschland aktuell stehen: Selbst wenn bis zum Jahr 2025 die Bevölkerung um 4,5 Prozent schrumpfen sollte, rechnet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit einem Zuwachs von 560.000 Haushalten in den alten Bundesländern. Dabei werden die neuen Bundesländer mit einem Rückgang von 620.000 Haushalten konfrontiert. Insgesamt rechnet das BBSR mit einem jährlichen Neubaubedarf von 183.000 bis 265.000 Wohnungen in den kommenden zehn Jahren – und das sind Berechnungen, die noch aus der Zeit vor den aktuellen Zuwanderungswellen stammen. Dabei werden die größten Herausforderungen der steigende Bedarf an Wohnraum für Singles und natürlich bezahlbare Wohnungen in den Kernstädten sein. Was unweigerlich die Frage provoziert: Wie wollen – und wie können – wir in den Städten zusammenleben? Welche Wohnstandards wollen wir behalten und von welchen können wir uns verabschieden, wenn der Mangel, der sich über Jahre aufgebaut hat – trotz eines Mindestbedarfs von 183.000 neuen Wohnungen pro Jahr wurden weitaus weniger jährlich gebaut, 2009 beispielsweise fehlten mehr als 30.000 –, nun zu rapide steigenden Mieten beiträgt. Gerade in Deutschland, wo 54 Prozent der Bevölkerung zur Miete wohnen (zum Vergleich: In Spanien sind es 14 Prozent), sind für immer weniger Menschen Drei- bis Vierzimmer-, aber auch Zweizimmer-Wohnungen in den attraktiven Stadtlagen finanzierbar.

In dieser Situation lohnt ein genauer Blick auf die Bauten des Architekten Harry Glück – und damit auch in das bei Müry Salzmann erschiene und von Reinhard Seiß herausgegebene Buch „Harry Glück. Wohnbauten“. Der Band Das lockt mit beeindruckenden Fotografien von der Glücks Bauten, wobei der Fokus nicht auf das architektonische Detail gerichtet ist, sondern auf Situationen des Alltags und die „Bewohnung“ der Architektur. Zahlreiche Aufsätze von Autoren – darunter beispielsweise der Stadtforscher Robert Temel, der Architekt Christian Kühn und die Humanethologin Johanna Förster – beleuchten die Projekte und Ideen Harry Glücks aus unterschiedlichen Perspektiven. Auch eine Bewohnerin kommt zu Wort. Es ist durchaus überraschend, wie wenig über die Architektur als solche, wie intensiv aber über den Wohnungsbau und seine Bedingungen gesprochen wird.
Es scheint, als wäre die Ästhetik der Architektur für die überdurchschnittliche Wohnzufriedenheit in den von Glück entwickelten Anlagen nicht ausschlaggebend. Als Gründe werden die Nähe zur Natur, die autofreien Zonen, die flexibel gestaltbaren Grundrisse, aber vor allem Gemeinschaftsbereiche, Vereine und kurze Wege genannt. Ein unkompliziertes Miteinander sei es in Alt-Erlaa, sagt die Bewohnerin Brigitte Sack in einem Interview: „Mir fällt in letzter Zeit besonders auf, weil wir in der Nachbarschaft neue Siedlungen haben und ich beim Spazierengehen schon ein paar Mal bemerkt habe, dass sich die Bewohner dort einfach nur am Parkplatz treffen. Dort spricht aber jemand, der einen Mercedes hat, kaum mit jemanden der bei einem alten rostigen Wagen steht. Bei uns ist es so, dass man zum Beispiel am Dachbad oben nicht merkt, ob jemand eine Reinigungskraft ist oder ein Universitätsprofessor. Da sind alle in Badehose, alle sind nass, alle lachen, alle spielen mit ihren Kindern und die Herkunft ist egal. Man kommt ins Gespräch, und wenn man nachher draufkommt, wen man da eigentlich kennengelernt hat, was er beruflich macht oder aus welcher sozialen Schicht er kommt, dann (...) ist der Bann schon gebrochen.“Zwischen Ästhetik und Eigensinn

Harry Glück gründet seine Wohnkonzepte auf die menschlichen Bedürfnisse. Diese seien die Nähe zu Pflanzen, der Wunsch des Menschen nach sozialen Kontakten, seine angeborene Neugier sowie der Spieltrieb des Menschen. Auf die Frage nach seinem Resümee nach fünfzig Jahren Tätigkeit im sozialen Wohnungsbau antwortet Glück: „Ich glaube, ich konnte zeigen, dass die Lebensqualität, die viele Menschen in den Suburbs suchen, in der Großstadt realisierbar ist – anders, aber nicht schlechter. Und einige Annehmlichkeiten, die für die Bewohner meiner Anlagen als Gemeinschaft leistbar sind, bleiben für den einzelnen Häuselbauer unerreichbar.“

Das Buch setzt sich aber nicht nur mit den Bauten Glücks auseinander, sondern spiegelt auch die Debatten wider, die in den vergangenen Jahrzehnten hinsichtlich seiner Projekte geführt wurden. So galten seine Wohnanlagen beispielweise für die Linken in der Stadtpolitik als Bauten, die zu einer Verweichlichung des Proletariats führen. Für die Konservativen bedeuteten sie Luxuswohnen auf Staatskosten. Womit deutlich wird, dass man als Architekt in Sachen Wohnungsbau keiner Ideologie folgen sollte. Harry Glück hält sich stattdessen an die Devise: „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl.“ Er selbst hatte sich aber aus den Debatten mit den Kollegen zurückgezogen, „deren Arbeit“, wie Gerhard Strohmeier in seinem Beitrag „Lebensqualität für die Massen. Soziologische Erkundungen zum Wohnbau von Harry Glück“ schreibt, „er auf eine pompöse und theatralische Ästhetik reduziert sah, die nicht mehr in der Lage sei, die Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen.“

Was seine Kollegen in den 1970er und 1980er Jahren selbstverständlich ganz anders sahen, wie im Interview mit dem Architekturkritiker Friedrich Achleitner nachzulesen ist. Zum einen, weil Glück in dieser Zeit immer und überall präsent war und gefühlt jeden Wohnungsbau in Wien realisieren durfte. Zum anderen wurde ihm seine kostengünstige, rohe Architektur vorgeworfen und als „Balkongewitter“ bezeichnet. Die Ausbildung der Details wurde als nicht besonders sensibel bezeichnet, die Mittelgangerschließung, die erst Dachschwimmbäder ermöglichte, als unmenschlich – und die Großform an sich als untauglich für das Gemeinschaftsleben. Achleitner gibt aber zu, sich zumindest im letzten Punkt geirrt zu haben und bemerkt, „dass Alt-Erlaa bemerkenswert bleibt. Als Großform und auch als städtebauliches Konzept.“
Gutes Wohnen ist eine Preisfrage

Die Autoren erkennen allesamt an, dass sich Glücks Gebäude – ganz gleich ob Hochhäuser oder verdichteter Flachbau – als höchst wirtschaftlich erwiesen haben. Statt aufwendiger Details oder teurer Materialien hat Glück zumeist Betonfertigteile verwendet. Die Schottenbauweise in Alt-Erlaa, das bisher nicht saniert werden musst, erlaubt neben Materialeinsparungen auch eine anpassungsfähige Grundrissgestaltung. Die vielen kostenlos nutzbaren Gemeinschaftsflächen und Freizeitangebote konnten erst durch die hohe Dichte und Bewohnerzahl finanziert und belebt werden. Glück selbst sagt dazu im Interview, er habe immer höchst wirtschaftlich gerechnet und versucht, den Bauherren zu überzeugen, diese Einsparungen in langfristige angelegte Extras für die Bewohner zu investieren. Das würde sich schließlich auszahlen – indem beispielsweise die Mieterfluktuation gering bleibe, weil die Annehmlichkeiten und das Miteinander ein Haus zum einen mit Lebensqualität erfüllen, zum anderen aber auch dafür sorgen, dass es gut erhalten bleibt. Das ihm das nicht immer gelang, gibt Glück offen zu.

Heutzutage scheint zwischen Architekt und Bauherr kaum noch über Gemeinschaftsbereiche und Wohnbedürfnisse geredet zu werden. Stattdessen wiederholt man die gleichen Fehler im Blockrand wie bei den allzu rasch erstellten Planungen der 1970er und 1980er Jahre, die mit ihren Punktbebauungen, leblosen Grünräumen, auf denen Ballspielen verboten ist, heute zurecht als Gettos verschrien sind. Da hilft weder biederer Zierputz noch etwas Farbe auf der Fassade. Es ist höchste Zeit, wieder nach für die Bewohner attraktiven urbanen Wohnmodellen zu fragen und sich an funktionierende Bauten wie jene von Harry Glück zu erinnern.

Harry Glück. Wohnbauten
Hrsg. v. Reinhard Seiß
240 Seiten, geb., zahlreiche farbige Abbildungen
Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2015
ISBN 978-3-99014-094-9
48 Euro

Veranstaltungshinweise:

„Harry Glück: Sozialer Wohnungsbau mit Dachschwimmbad!“
Harry Glück im Gespräch mit Reinhard Seiß
11. Februar 2016, 17 Uhr, Eintritt frei
www.dam.de

„Unzulänglichkeiten und Versäumnisse. Zur Notwendigkeit eines zukunftstauglichen Wohn- und Städtebaus am Beispiel Wiens und anderer europäischer Städte.“
Vortrag von Reinhard Seiß
ASRM Zukunftspavillon auf dem Rossmarkt, Frankfurt am Main
Freitag, 12. Februar 2016, 19 Uhr
www.bda-hessen.de