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In neuen Kontexten
von Nora Sobich | 4. März 2009
Die Idee klingt absurd: Aus schwerem Beton ausgerechnet einen Vorhang zu machen. Trotzdem haben sich vor zwei Jahren die drei Designer der österreichischen Firma „Memux" an das Projekt heran gewagt. Ihre Erfindung, die inzwischen mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde und im letzten Jahr den „red dot design award" der Kategorie „Best of best" erhielt, ist eine Art alltagstaugliche Wandskulptur geworden. Als Licht-, Lärm- und Sichtschutz, vor allem aber als dekorativer Raumteiler und Fassadenschmuck ist das „Memux-Textil" gedacht. Hergestellt wird es mittels einer Art Waffeleisentechnik, bei der Beton um eine Metallgitterstruktur in Form gepresst wird, so dass eine gewebeartige Fläche mit kleinen, kissenartigen Quaderpolstern entsteht. Geschmeidig und weich ist das Betongewebe natürlich nicht, entwickelt aber doch eine gewisse Flexibilität. Bei der Betoninnovation ging es den Voralberger „Memux"-Designern nicht zuletzt darum, das Lieblingsmaterial der Moderne in einen neuen Kontext zu stellen und ihm eine neuartige Ästhetik zu verleihen. Solche Kontextverschiebungen und ästhetischen Verfremdungen sind nicht neu. In der Postmoderne tauchen sie mit zunehmender Häufigkeit auf. Heute ist es vor allem das Angebot neuer Materialien samt neuartigen Anwendungen, das reizvolle Möglichkeiten eröffnet. Wenn man so will, lassen sich seit jeher zwei Vorgehensweisen unterscheiden: Entweder bestimmen Funktionsbedarf und Formenanspruch darüber, welches Material verwendet wird; oder das Material selbst inspiriert mit seinen ästhetischen und technischen Eigenschaften zu neuen Produkten. Zwischen diesen beiden Polen findet im Gestaltungsprozess eine Art permanentes Zwiegespräch statt. Auch wenn industrielle Fertigung und Materialien für die Ästhetik des Bauhauses eine entscheidende Rolle spielten, so bildeten die Materialien doch nicht in erster Linie den Ausgangspunkt für Gestaltungsideen: Wenn zum Beispiel Marcel Breuer, von Fahrradlenkern inspiriert, aus Stahlrohr seine revolutionären Freischwinger entwarf oder Mies van der Rohe unter Verwendung von Stahlträgern eine neuartige, die Gebäudestrukturen offenlegende Architektur begründete - dann bestimmten eher konstruktive und ästhetische Überlegungen die Wahl des Materials. Heute hingegen entstehen aus Industriematerialien zunehmend Produkte, wobei es nicht gestalterische und technologische Interessen, sondern das große Angebot an innovativen Materialien ist, das zu neuen Produkten führt. Werner Aisslinger hat zum Beispiel schon vor Jahren ein bis dahin vor allem im medizinischen Bereich verwendetes Soft-Gel als Polstermaterial für seine Liege „Soft Chaise" für Zanotta genutzt. Und die Gebrüder Bouroullec haben jüngst aus einem innovativen Hightech-Strickstoff die Sitzbespannung ihres „Slow Chair" für Vitra entworfen. Es gibt aber auch den anderen Fall. So entstand die fast schon legendäre Freitag-Tasche aus der Idee, eine praktische Alltagstasche zu gestalten. Dass die Tasche dann auf der Basis eines Recyclingansatzes aus alten LKW-Planen realisiert wurde, war dann nur konsequent. Und am Ende beförderte die coole Ästhetik des Materials, dass die Freitag-Tasche vom zeitgeistigen Kultobjekt zur bewährten Marke wurde.

Im Idealfall sind Funktion, Form und Material ohnehin nahtlos miteinander verbunden und schaffen einen neuen Kontext. Für Authentics entwarf Stefan Diez die Taschenserie „Kuvert", die aus einem gummibeschichteten Polyestergewebe besteht, welches aus einem Stück gestanzt und an den Rändern verschweißt, nicht genäht wird. Ganz bewusst lässt der offene Rand die Schichtung des Gewebes erkennen. Die Materialwahl beeinflusste die Gestaltungsidee maßgeblich: Das gummierte Gewebe erinnert an Luftmatratzentextil, der kreisrunde Labelbutton, an dem auch der Tragegurt befestigt ist, an deren Ösen. Darüber hinaus gibt es bei Authentics inzwischen auch die Serie „Papier" von Stefan Diez, bislang in zwei verschiedenen Größen: „A1" und „A2". Die grauen Umhängetaschen werden aus Tyvek, einem synthetischen Papier, gefertigt - ein federleichtes und sehr reißfestes Material.
Slow Chair von Bouroullecs für Vitra
Slow Chair von Bouroullecs für Vitra
Soft Chaise von Werner Aisslinger für Zanotta
Loom von Franco Poli für Matteograssi
Loom von Franco Poli für Matteograssi
Loom by Franco Poli for Matteograssi
Kuvert von Stefan Diez für Authentics
Papier von Stefan Diez für Authentics
Betonvorhang von Memux
Betonvorhang von Memux
Freitag-Tasche
Freitag-Tasche
Freitag-Tasche
Freitag-Tasche
Freitag-Tasche
Freitag-Tasche