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von 2139 Forward End
Jede Präsentation muss ihre Würde haben
von Thomas Wagner | 30. Juni 2008
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Drei Worte und sieben Buchstaben tanzen auf dem Cover aus der Reihe – zumindest, was die Farbe angeht. Keine Sorge, sonst bleibt alles im Lot – fast alles. Denn wenn der amerikanische Künstler Lawrence Weiner, geboren 1942 in der New Yorker Bronx, sich einer Sache annimmt, dann aktiviert er unser Vorstellungsvermögen und bearbeitet die Beziehungen von Menschen zu Objekten. „Something to put something on“ heißt das im Steidl Verlag erschienene Buch, das Weiners Art und Weise, Sprache einzusetzen, anschaulich vor Augen führt und dabei zugleich beweist, dass die Dinge nicht so einfach sind wie sie scheinen.

Lawrence Weiners bevorzugtes Medium ist die Sprache. Trotzdem bezeichnet er seine Arbeiten als Skulpturen. In großen Lettern und stets in vollendeter Typografie setzt er Sätze oder Sentenzen in die Welt, die unweigerlich Vorstellungen erzeugen. Sichtbar werden können sie an ganz unterschiedlichen Orten – an der Wand einer Galerie, auf dem Portikus eines Museums oder in einem Ausstellungssaal, auf einem Blatt Papier, einem T-Shirt oder mitten im öffentlichen Raum. Am liebsten sind Weiner kommerzielle Galerien, weil das Publikum hier meistens direkt von der Straße in einen Raum gelangt, wo man sich unbefangen umschauen kann. „Die Leute können etwas finden, es für sich nutzen; und wenn nicht, so können sie machen, was sie wollen, sie können lachen oder einfach gehen.“ Nicht anders denkt er über Bücher: „Das ist das Schöne an einem Buch: es drängt nichts auf, es präsentiert nur etwas. Wenn es brauchbar ist, wird es von den Leuten an andere weitergegeben.“

Das Buch beginnt mit einem roten, von einer dünnen schwarzen Linie eingeschlossenen Punkt mitten auf der Seite. Daneben lesen wir, in blauen Großbuchstaben: „There is something I want to show to you“. Darunter, in roten Lettern: “How shall I know what it is?” Und schon stecken wir fest. Die Sprache widersetzt sich dem schnellen Konsum. Da will uns offenbar einer etwas zeigen – und zeigt uns doch nur den Satz, der dies verspricht. Und dann weiß er noch nicht einmal, was er uns zeigen will. Oder handelt es sich etwa um einen Dialog, um ein Gespräch zwischen Blau und Rot? Ob „du“, „ich“ oder “irgend etwas”: Es liegt offenbar vor uns auf dem Tisch – it’s the thing on the table.

Das Projekt begann vor zehn Jahren zunächst als Fingerübung, wobei das Buch hauptsächlich für junge Leser gedacht war. Es lässt sich aber sowieso nicht in die üblichen Schubladen einordnen, ist Künstlerbuch ebenso wie Kinderbuch: Vor allem aber stellt es philosophische Fragen und lenkt das Denken mittels roter, blauer oder orangefarbener Sätze in neue Bahnen, indem es nach unserem Verhältnis zu Objekten fragt.

Was den Künstler vor allem anderen interessiert, sind, wie er selbst es ausdrückt, der Mensch und die Würde des Gegenstandes. Zwar wird Weiner oft als ein wichtiger Vertreter der Konzeptkunst der sechziger Jahre bezeichnet, doch handelt es sich bei seinen Sprachskulpturen gerade nicht um ein bloßes Konzept. Weiner schneidert den Wörtern nicht nur ein semantisches, sondern auch ein visuelles Kleid, und er macht die oft als spröde Gedankenkunst geschmähte Concept art auf diese Weise anschaulich und vergnüglich. Seine Offenheit für Prozesse ist enorm, und so heißt es in einer seiner der immer wieder neu formulierten Versionen seiner „Declaration of Intent“ von 1969: „1. Der Künstler kann das Werk herstellen. (The artist may construct the piece) - 2. Das Werk kann angefertigt werden. (The piece may be fabricated) - 3. Das Werk braucht nicht ausgeführt zu werden (The piece need not be built).“

Jede dieser Möglichkeiten ist für Weiner gleichwertig und entspricht der Absicht des Künstlers. Die Entscheidung über die Ausführung liegt beim Empfänger zum Zeitpunkt des Empfangs. (Each being equal and consistent with the intent of the artist the decision as to condition rests with the receiver upon the occasion of receivership)

Nicht nur metaphorisch, auch tatsächlich kommt etwas auf den Tisch. Hier wird etwas – „to put something on“ bedeutet im Deutschen so viel wie „etwas in Gang setzen“, etwas „inszenieren“ – angestoßen, etwas ausgelöst. Und mit einem Male dreht sich alles um den Tisch, was er ist, und ob er etwas ist, ganz so, als wären wir bei Platon zu Gast, der sich nach langem Zögern entschieden hätte, seinen Gedanken eine neue Form zu geben. Und plötzlich hüpft der rote Punkt auf den Tisch – oder rutscht er vom Tisch? Aber, so wird eingewendet, die Welt sei doch nicht flach, und die Dinge schlitterten nicht von ihr herunter? Oder? So geht es prüfend immer weiter, farbenfroh, mit Fragen wie dieser: Wie kann man jemandem etwas zeigen, wenn das, was man ihm zeigen möchte, sich nicht von dem unterscheidet, auf dem oder vor dem man es ihm zeigen möchte? Also wenn Tisch und Ding …aber keine Sorge: Lawrence Weiner hat eine originelle Lösung parat, die ich selbstverständlich nicht verraten werde.

Weiner interessieren komplexe dynamische Prozesse, die unsere Existenz und Wahrnehmung beeinflussen, verändern oder auch gefährden. Dabei formuliert er keine Parolen, sondern vielschichtige Aussagen. „Zerschmettert in Stücke im Frieden der Nacht“ (Smashed to pieces in the still of the night) hat er 1991 auf den 1943/44 errichteten Leitturm im Wiener Esterhazypark geschrieben. Und auf der Sockelmauer des Bremer Museums Weserburg steht mitten im Fluss in zwei Sprachen geschrieben: „Having been built on sand with another base (basis) in fact – Auf Sand gebaut tatsächlich auf (aus) anderem Grund“.

Weiner arbeitet damit, wie er etwas wahrnimmt, was er über eine Sache denkt, wie sich konkrete Materialien zueinander verhalten. Und mit einem Mal locken uns die in farbiger Schrift ausgeführten, mit Klammern, Rahmen und Linien strukturierten Sätze und Fragen, die er uns vor Augen stellt, auf das Terrain der Vorstellung. „Ich wünsche mir eine Situation“, sagt er, „in der die Gesellschaft eine Strategie finden muss, um mit dem umzugehen, was ich mache, statt dass immer der Künstler eine Strategie finden muss, um mit der Gesellschaft umzugehen. Ich bin genauso Teil der Gesellschaft wie alle anderen auch.“ Man muss eben etwas herausgreifen, etwas vorzeigen, präsentieren oder inszenieren, um etwas voran zu bringen.

Lawrence Weiner, „Something to put something on”, Steidl Verlag, Göttingen 2008, 44. Seiten, gebunden, 25 Euro

News & Stories › 2008 › Juni
Jede Präsentation muss ihre Würde haben
von Thomas Wagner | 30. Juni 2008
„Something to put something on” – so heißt das jüngste Buch von Lawrence Weiner. Es möchte nichts anderes sein als eine „Fragestruktur”. Denn der Künstler, der Wände, aber auch Kanaldeckel mit wunderbaren Sätzen füllt, macht etwas, um etwas in Gang zu bringen. „Das“, meint Weiner, „ist das Schöne an einem Buch: es drängt nichts auf, es präsentiert nur etwas. Wenn es brauchbar ist, wird es von den Leuten an andere weitergegeben.“
Drei Worte und sieben Buchstaben tanzen auf dem Cover aus der Reihe – zumindest, was die Farbe angeht. Keine Sorge, sonst bleibt alles im Lot – fast alles. Denn wenn der amerikanische Künstler Lawrence Weiner, geboren 1942 in der New Yorker Bronx, sich einer Sache annimmt, dann aktiviert er unser Vorstellungsvermögen und bearbeitet die Beziehungen von Menschen zu Objekten. „Something to put something on“ heißt das im Steidl Verlag erschienene Buch, das Weiners Art und Weise, Sprache einzusetzen, anschaulich vor Augen führt und dabei zugleich beweist, dass die Dinge nicht so einfach sind wie sie scheinen.

Lawrence Weiners bevorzugtes Medium ist die Sprache. Trotzdem bezeichnet er seine Arbeiten als Skulpturen. In großen Lettern und stets in vollendeter Typografie setzt er Sätze oder Sentenzen in die Welt, die unweigerlich Vorstellungen erzeugen. Sichtbar werden können sie an ganz unterschiedlichen Orten – an der Wand einer Galerie, auf dem Portikus eines Museums oder in einem Ausstellungssaal, auf einem Blatt Papier, einem T-Shirt oder mitten im öffentlichen Raum. Am liebsten sind Weiner kommerzielle Galerien, weil das Publikum hier meistens direkt von der Straße in einen Raum gelangt, wo man sich unbefangen umschauen kann. „Die Leute können etwas finden, es für sich nutzen; und wenn nicht, so können sie machen, was sie wollen, sie können lachen oder einfach gehen.“ Nicht anders denkt er über Bücher: „Das ist das Schöne an einem Buch: es drängt nichts auf, es präsentiert nur etwas. Wenn es brauchbar ist, wird es von den Leuten an andere weitergegeben.“

Das Buch beginnt mit einem roten, von einer dünnen schwarzen Linie eingeschlossenen Punkt mitten auf der Seite. Daneben lesen wir, in blauen Großbuchstaben: „There is something I want to show to you“. Darunter, in roten Lettern: “How shall I know what it is?” Und schon stecken wir fest. Die Sprache widersetzt sich dem schnellen Konsum. Da will uns offenbar einer etwas zeigen – und zeigt uns doch nur den Satz, der dies verspricht. Und dann weiß er noch nicht einmal, was er uns zeigen will. Oder handelt es sich etwa um einen Dialog, um ein Gespräch zwischen Blau und Rot? Ob „du“, „ich“ oder “irgend etwas”: Es liegt offenbar vor uns auf dem Tisch – it’s the thing on the table.

Das Projekt begann vor zehn Jahren zunächst als Fingerübung, wobei das Buch hauptsächlich für junge Leser gedacht war. Es lässt sich aber sowieso nicht in die üblichen Schubladen einordnen, ist Künstlerbuch ebenso wie Kinderbuch: Vor allem aber stellt es philosophische Fragen und lenkt das Denken mittels roter, blauer oder orangefarbener Sätze in neue Bahnen, indem es nach unserem Verhältnis zu Objekten fragt.

Was den Künstler vor allem anderen interessiert, sind, wie er selbst es ausdrückt, der Mensch und die Würde des Gegenstandes. Zwar wird Weiner oft als ein wichtiger Vertreter der Konzeptkunst der sechziger Jahre bezeichnet, doch handelt es sich bei seinen Sprachskulpturen gerade nicht um ein bloßes Konzept. Weiner schneidert den Wörtern nicht nur ein semantisches, sondern auch ein visuelles Kleid, und er macht die oft als spröde Gedankenkunst geschmähte Concept art auf diese Weise anschaulich und vergnüglich. Seine Offenheit für Prozesse ist enorm, und so heißt es in einer seiner der immer wieder neu formulierten Versionen seiner „Declaration of Intent“ von 1969: „1. Der Künstler kann das Werk herstellen. (The artist may construct the piece) - 2. Das Werk kann angefertigt werden. (The piece may be fabricated) - 3. Das Werk braucht nicht ausgeführt zu werden (The piece need not be built).“

Jede dieser Möglichkeiten ist für Weiner gleichwertig und entspricht der Absicht des Künstlers. Die Entscheidung über die Ausführung liegt beim Empfänger zum Zeitpunkt des Empfangs. (Each being equal and consistent with the intent of the artist the decision as to condition rests with the receiver upon the occasion of receivership)

Nicht nur metaphorisch, auch tatsächlich kommt etwas auf den Tisch. Hier wird etwas – „to put something on“ bedeutet im Deutschen so viel wie „etwas in Gang setzen“, etwas „inszenieren“ – angestoßen, etwas ausgelöst. Und mit einem Male dreht sich alles um den Tisch, was er ist, und ob er etwas ist, ganz so, als wären wir bei Platon zu Gast, der sich nach langem Zögern entschieden hätte, seinen Gedanken eine neue Form zu geben. Und plötzlich hüpft der rote Punkt auf den Tisch – oder rutscht er vom Tisch? Aber, so wird eingewendet, die Welt sei doch nicht flach, und die Dinge schlitterten nicht von ihr herunter? Oder? So geht es prüfend immer weiter, farbenfroh, mit Fragen wie dieser: Wie kann man jemandem etwas zeigen, wenn das, was man ihm zeigen möchte, sich nicht von dem unterscheidet, auf dem oder vor dem man es ihm zeigen möchte? Also wenn Tisch und Ding …aber keine Sorge: Lawrence Weiner hat eine originelle Lösung parat, die ich selbstverständlich nicht verraten werde.

Weiner interessieren komplexe dynamische Prozesse, die unsere Existenz und Wahrnehmung beeinflussen, verändern oder auch gefährden. Dabei formuliert er keine Parolen, sondern vielschichtige Aussagen. „Zerschmettert in Stücke im Frieden der Nacht“ (Smashed to pieces in the still of the night) hat er 1991 auf den 1943/44 errichteten Leitturm im Wiener Esterhazypark geschrieben. Und auf der Sockelmauer des Bremer Museums Weserburg steht mitten im Fluss in zwei Sprachen geschrieben: „Having been built on sand with another base (basis) in fact – Auf Sand gebaut tatsächlich auf (aus) anderem Grund“.

Weiner arbeitet damit, wie er etwas wahrnimmt, was er über eine Sache denkt, wie sich konkrete Materialien zueinander verhalten. Und mit einem Mal locken uns die in farbiger Schrift ausgeführten, mit Klammern, Rahmen und Linien strukturierten Sätze und Fragen, die er uns vor Augen stellt, auf das Terrain der Vorstellung. „Ich wünsche mir eine Situation“, sagt er, „in der die Gesellschaft eine Strategie finden muss, um mit dem umzugehen, was ich mache, statt dass immer der Künstler eine Strategie finden muss, um mit der Gesellschaft umzugehen. Ich bin genauso Teil der Gesellschaft wie alle anderen auch.“ Man muss eben etwas herausgreifen, etwas vorzeigen, präsentieren oder inszenieren, um etwas voran zu bringen.

Lawrence Weiner, „Something to put something on”, Steidl Verlag, Göttingen 2008, 44. Seiten, gebunden, 25 Euro