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Jenseits von Angst und Afrika
von Thomas Wagner | 2. Juni 2011
Sie saßen am Eingang zu den Giardini auf Baumstämmen wie einst die Styliten der Ostkirche auf Säulen. Statt Askese im Zeichen des Glaubens zu üben, zeigten sie ihre Angst. Eine Angst, die sie keinem geben wollten. Christoph Schlingensief, das Enfant terrible eines Welttheaters, das seine Fühler nach der Kunst ausstreckte, hatte sie 2003, zur 50. Kunstbiennale von Venedig, dort hingesetzt. Die da saßen, waren mehr als einfach nur Menschen auf Pfählen, sie waren „Säulenheilige" einer neuen Kirche. Denn am Ende des weitläufigen Areals der ehemaligen Arsenale der venezianischen Marine, mitten in der ebenso chaotischen wie lebendigen „Utopia Station", hatte Schlingensief eine kleine Holzkirche aufgestellt, wie sie irgendwo auf dem Land in Afrika oder auch Amerika hätte stehen können. „Church of Fear" hatte er sie genannt. So machte er sich unter dem Motto „Wir glauben nichts mehr" auf die Suche nach dem allseits verlorenen Halt.

Die Frage, ob, wann und auf welche Weise, Schlingensief selbst nach seinem Tod zu einem Säulenheiligen einer Politik der Angst oder der Angstfreiheit geworden ist, wird auf der 54. Kunstbiennale, die am 4. Juni offiziell ihre Pforten für das Publikum öffnet, womöglich im Deutschen Pavillon eine Antwort finden. Irgendwo zwischen Hommage, Denkmal, Erinnerung und Verklärung. Andere gehen andere Wege. Jenseits von Afrika, mal mehr, mal weniger theatralisch.

Thomas Hirschhorn etwa will den Schweizer Pavillon in einen „Crystal of Resistance" verwandeln, Markus Schinwald den Österreichischen in ein klaustrophobisches Labyrinth. Im Polnischen Pavillon wird die Israelin Yael Bartana den Antisemitismus in Polen untersuchen, im Russischen widmet der Philosoph und Kurator Boris Groys dem „Moscow Romantic Conceptualism" eine Retrospektive, und vor dem Pavillon der Vereinigten Staaten soll das kubanisch-amerikanische Künstlerduo Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla einen Panzer in ein Trainingsgerät für Leichtathletikprofis verwandeln. Und Bice Curiger, die Direktorin der Biennale, will in ihrer Schau „ILLUMinazioni – ILLUMinations" die aktuelle Kunst auf die Werte hin befragen, die es zu verteidigen gilt.

Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Fest steht schon jetzt: Die Kunst ist populär geworden. Der Horizont ist weit, vor dem sie ihre mal ernsten, mal ironischen, mal leichtfertigen Spiele und sperrigen Installationen ausbreitet. Ob die Künstler der Biennale voll Angst oder voll Zuversicht und Hoffnung auf den Zustand der Welt blicken, ob Widerstand angesagt ist oder Empörung, ob Form, gar Schönheit eine Rolle spielt, ob es um Aufklärung oder eher um Verklärung geht, darüber werden wir in den kommenden Wochen immer wieder berichten.

54. Biennale Venedig 2011
Internationale Kunstausstellung
Vom 4. Juni bis 27. Nov. 2011
Geöffnet von 10 bis 18 Uhr, Montags geschlossen

www.labiennale.org
Säulenheilige inszeniert von Christoph Schlingensief, alle Fotos: Thomas Wagner
Utopia Station von Christoph Schlingensief