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Das Gebäude der „Macedonian Opera and Ballet” von 1979, Foto © Peter Sägesser
Kenzo Tange und der Sozialismus
von Peter Sägesser
20. Februar 2013
Ganze zwanzig Sekunden dauerte das Erdbeben, das vor fast fünfzig Jahren, am 26. Juli 1963, die Stadt Skopje zerstörte. Mehr als 1000 Menschen starben und von drei Viertel der Stadt blieb nur ein Trümmerhaufen. Nur die osmanische Altstadt nördlich des Flusses Vardar blieb weitgehend unversehrt. Schon kurz nach dem Erdbeben wurde der Wiederaufbau der Stadt beschlossen. Skopje wurde zum Versuchslabor für den sozialutopischen Städtebau der sechziger Jahre.

Das Schicksal Skopjes fand weltweit Beachtung und aus der ganzen Welt gab es Unterstützungsangebote. Jugoslawien verfolgte während des Kalten Krieges einen eigenen politischen Weg und war weder Teil des Ostblocks noch Mitglied der NATO. So trafen sich in Skopje das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder amerikanische und sowjetische Soldaten, um beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen. Für die Vereinten Nationen hatte der Wiederaufbau große symbolische Bedeutung. Sie wollten zeigen, wie unter ihrer Leitung solidarisch zusammengearbeitet werden kann. Zwei Jahre nach dem Erdbeben wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. Eingeladen waren acht Architekturbüros. Vier der Büros stammten aus Jugoslawien, vier kamen aus dem Ausland. Unter den eingeladenen Büros befanden sich die führenden Stadtplaner der Zeit: Bakema und Van den Broek aus Holland, Kenzo Tange aus Japan und Aleksandar Đorđević, Radovan Miščević, Fedor Wenzler und Edvard Ravnikar aus Jugoslawien. Die Projekte von Miščević/Wenzler und Kenzo Tange wurden mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Dass Kenzo Tanges Projekt schliesslich für die Umsetzung bestimmt wurde, hatte auch mit der radikalen Vision und dem damit verbundenen größeren propagandistischem Potential zu tun, für die Vereinten Nationen nicht weniger als für Jugoslawien und Japan.

Im selben Jahr war Kenzo Tange Gast beim CIAM X Kongress in Dubrovnik. Er war beeindruckt von der klaren städtebaulichen Anlage Dubrovniks. Sie wurde zum Vorbild für den Wiederaufbau von Skopje. Wie in Dubrovnik sollte eine „Stadtmauer“ aus Wohnbauten das Zentrum umfassen. Als „Stadttor“ würde eine monumentale Erschliessungsachse dienen. Diese Achse sollte auf mehreren Ebenen den Bahnhof mit dem Stadtzentrum verbinden. An diese angegliedert waren Bürotürme und Einkaufszentren.

Tange gehörte zu den japanischen „Metabolisten“. Er hatte bereits 1960 eine städtische Großstruktur für Tokio vorgeschlagen. In Skopje bot sich ihm nun die Möglichkeit, seine Ideen zu verwirklichen, wobei es Tange als Vorteil ansah, dass Jugoslawien ein sozialistisches Land war: „Yugoslavia is a socialist country in which land is not privately held, the city government had sufficient power to make it possible to introduce our total plan.“ (Lin Zhongjie: Kenzo Tange and the Metabolist Movement, Urban Utopias of Modern Japan, New York, 2010)

Dieser Top-down-Ansatz entsprach zwar dem Zeitgeist, aber nicht der Realität vor Ort. Während der Masterplan ausgearbeitet wurde, hatte sich die Stadt bereits weiterentwickelt. Von Kenzo Tanges Projekt wurde schließlich nur ein Teil realisiert. Von der Stadtmauer steht heute etwa ein Drittel. Vom Stadttor wurden nur der Bahnhof und das Hochhaus der Handelsbank realisiert. Wie die Achse des Stadttores heute aussehen könnte, zeigt das City Shopping Center von 1973.

Auch wenn Tanges Masterplan nur in Bruchstücken realisiert wurde, so bereitete er doch das Terrain für andere visionäre Projekte, etwas das des Goce Delčev Studentenhauses und des Stadtarchivs von Gjorgji Konstantinovski. Janko Konstantinov baute für die Post eine organische Betonskulptur und Marko Musić orientierte sich bei seinem Universitätsbau an den kleinräumlichen Gassen und Plätzen der Altstadt. Am eindrücklichsten aber ist das Opern- und Balletthaus von 1979. Es erscheint weniger als Gebäude und präsentiert sich als ein zum Fluss Vardar hin abfallendes Gebirge. Das Gebäude erinnert an die Oper in Oslo von Snøhetta oder an Bauten von Zaha Hadid.

Heute gibt es seitens der Regierung wenig Verständnis für die Bauten der sechziger und siebziger Jahre. Die Häuser werden kaum unterhalten. Im Studentenhaus sind einige Zimmer wegen eindringendem Wasser nicht mehr bewohnbar. Die massivste Zerstörung findet aber aktuell statt. Die regierende konservative Partei will mit ihrem Programm „Skopje 2014“ eine große Zahl von Monumenten, Gebäuden und Denkmälern errichten. Sie versteht dies als identitätsstiftend für das kleine Land. Die Architekten und Architektinnen werden angehalten, in einem pseudoklassizistischen Stil zu bauen. Ziel von „Skopje 2014“ ist dabei nichts weniger als eine neue Geschichtsschreibung, bei der die Bauten aus der Zeit des Sozialismus naturgemäß nur stören. Da die Neubauten vor allem Ministerien beheimaten, erwirtschaften sie auch keinen Ertrag und werden in Zukunft eine Last für den Staat sein. Für so großartige Bauten wie die Oper oder das Studentenhaus werden wohl auch weiterhin die Mittel für Sanierungsmassnahmen fehlen.

Ein Portrait Kenzo Tanges am Bahnhof von Skopje, Foto © Peter Sägesser
Der Architekt Janko Konstantinov baute 1974 das Post- und Telekommunikationszentrum, Foto © Peter Sägesser
Das 22 Meter hohe Reiterstandbild Alexander des Großen auf dem Hauptplatz Plostad, Foto © Peter Sägesser
Lichtspiele an den Fassaden des Verfassungsgerichts und des Archäologischen Museums, Foto © Peter Sägesser
Zwischen 1966 und 1972 entstanden diese Wohnhäuser an der „Stadtmauer", Foto © Peter Sägesser
Weitere Wohnbauten als Teil der von Kenzo Tange geplanten „Stadtmauer“, Foto © Peter Sägesser
Bauen ohne Rücksicht auf Bestehendes: Die Musikakademie (rechts) wird hinter Neubauten versteckt, Foto © Peter Sägesser
Neue klassizistische Fassade vor bestehenden Bauten der sechziger Jahre, Foto © Peter Sägesser
Das City Shopping Center aus dem Jahr 1973, Foto © Peter Sägesser
Architektur › 2013 › Februar
Kenzo Tange und der Sozialismus
von Peter Sägesser | 20. Februar 2013
Nach dem verheerenden Erdbeben von 1963, bei dem Skopje fast vollständig zerstört wurde, entwarf Kenzo Tange einen Masterplan für eine neue Stadt, die, wenn auch fragmentarisch, tatsächlich gebaut wurde. Was der jugoslavische Sozialismus mit seinen autoritären Strukturen möglich machte, ist nun von aktuellen Plänen bedroht.
Ganze zwanzig Sekunden dauerte das Erdbeben, das vor fast fünfzig Jahren, am 26. Juli 1963, die Stadt Skopje zerstörte. Mehr als 1000 Menschen starben und von drei Viertel der Stadt blieb nur ein Trümmerhaufen. Nur die osmanische Altstadt nördlich des Flusses Vardar blieb weitgehend unversehrt. Schon kurz nach dem Erdbeben wurde der Wiederaufbau der Stadt beschlossen. Skopje wurde zum Versuchslabor für den sozialutopischen Städtebau der sechziger Jahre.

Das Schicksal Skopjes fand weltweit Beachtung und aus der ganzen Welt gab es Unterstützungsangebote. Jugoslawien verfolgte während des Kalten Krieges einen eigenen politischen Weg und war weder Teil des Ostblocks noch Mitglied der NATO. So trafen sich in Skopje das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder amerikanische und sowjetische Soldaten, um beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen. Für die Vereinten Nationen hatte der Wiederaufbau große symbolische Bedeutung. Sie wollten zeigen, wie unter ihrer Leitung solidarisch zusammengearbeitet werden kann. Zwei Jahre nach dem Erdbeben wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. Eingeladen waren acht Architekturbüros. Vier der Büros stammten aus Jugoslawien, vier kamen aus dem Ausland. Unter den eingeladenen Büros befanden sich die führenden Stadtplaner der Zeit: Bakema und Van den Broek aus Holland, Kenzo Tange aus Japan und Aleksandar Đorđević, Radovan Miščević, Fedor Wenzler und Edvard Ravnikar aus Jugoslawien. Die Projekte von Miščević/Wenzler und Kenzo Tange wurden mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Dass Kenzo Tanges Projekt schliesslich für die Umsetzung bestimmt wurde, hatte auch mit der radikalen Vision und dem damit verbundenen größeren propagandistischem Potential zu tun, für die Vereinten Nationen nicht weniger als für Jugoslawien und Japan.

Im selben Jahr war Kenzo Tange Gast beim CIAM X Kongress in Dubrovnik. Er war beeindruckt von der klaren städtebaulichen Anlage Dubrovniks. Sie wurde zum Vorbild für den Wiederaufbau von Skopje. Wie in Dubrovnik sollte eine „Stadtmauer“ aus Wohnbauten das Zentrum umfassen. Als „Stadttor“ würde eine monumentale Erschliessungsachse dienen. Diese Achse sollte auf mehreren Ebenen den Bahnhof mit dem Stadtzentrum verbinden. An diese angegliedert waren Bürotürme und Einkaufszentren.

Tange gehörte zu den japanischen „Metabolisten“. Er hatte bereits 1960 eine städtische Großstruktur für Tokio vorgeschlagen. In Skopje bot sich ihm nun die Möglichkeit, seine Ideen zu verwirklichen, wobei es Tange als Vorteil ansah, dass Jugoslawien ein sozialistisches Land war: „Yugoslavia is a socialist country in which land is not privately held, the city government had sufficient power to make it possible to introduce our total plan.“ (Lin Zhongjie: Kenzo Tange and the Metabolist Movement, Urban Utopias of Modern Japan, New York, 2010)

Dieser Top-down-Ansatz entsprach zwar dem Zeitgeist, aber nicht der Realität vor Ort. Während der Masterplan ausgearbeitet wurde, hatte sich die Stadt bereits weiterentwickelt. Von Kenzo Tanges Projekt wurde schließlich nur ein Teil realisiert. Von der Stadtmauer steht heute etwa ein Drittel. Vom Stadttor wurden nur der Bahnhof und das Hochhaus der Handelsbank realisiert. Wie die Achse des Stadttores heute aussehen könnte, zeigt das City Shopping Center von 1973.

Auch wenn Tanges Masterplan nur in Bruchstücken realisiert wurde, so bereitete er doch das Terrain für andere visionäre Projekte, etwas das des Goce Delčev Studentenhauses und des Stadtarchivs von Gjorgji Konstantinovski. Janko Konstantinov baute für die Post eine organische Betonskulptur und Marko Musić orientierte sich bei seinem Universitätsbau an den kleinräumlichen Gassen und Plätzen der Altstadt. Am eindrücklichsten aber ist das Opern- und Balletthaus von 1979. Es erscheint weniger als Gebäude und präsentiert sich als ein zum Fluss Vardar hin abfallendes Gebirge. Das Gebäude erinnert an die Oper in Oslo von Snøhetta oder an Bauten von Zaha Hadid.

Heute gibt es seitens der Regierung wenig Verständnis für die Bauten der sechziger und siebziger Jahre. Die Häuser werden kaum unterhalten. Im Studentenhaus sind einige Zimmer wegen eindringendem Wasser nicht mehr bewohnbar. Die massivste Zerstörung findet aber aktuell statt. Die regierende konservative Partei will mit ihrem Programm „Skopje 2014“ eine große Zahl von Monumenten, Gebäuden und Denkmälern errichten. Sie versteht dies als identitätsstiftend für das kleine Land. Die Architekten und Architektinnen werden angehalten, in einem pseudoklassizistischen Stil zu bauen. Ziel von „Skopje 2014“ ist dabei nichts weniger als eine neue Geschichtsschreibung, bei der die Bauten aus der Zeit des Sozialismus naturgemäß nur stören. Da die Neubauten vor allem Ministerien beheimaten, erwirtschaften sie auch keinen Ertrag und werden in Zukunft eine Last für den Staat sein. Für so großartige Bauten wie die Oper oder das Studentenhaus werden wohl auch weiterhin die Mittel für Sanierungsmassnahmen fehlen.