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Simpel und genial: Die „Luritec“-Anlage funktioniert wie ein Eimer, der an Überlaufskanäle angeschlossen wird und das Abwasser dort sammelt, sodass es nicht in den Fluss gelangt. Foto © Luritec
Klares Wasser
von Martina Metzner
25. Februar 2015
Alles begann im Sommer 1984. Im beschaulichen Bern beobachtete Ralf Steeg, wie man dort einfach so in die rauschende Aare sprang, um sich zu erfrischen. In seiner Heimatstadt Berlin war das damals vollkommen undenkbar: In die von Abwassern verunreinigte Spree tauchte man nicht einmal den großen Zeh. Aber das Bild aus Bern ließ Steeg nicht mehr los und der Landschaftsarchitekt und Umweltplaner machte es sich zu seiner Lebensaufgabe, die Spree in Berlin in einen sauberen Stadtfluss zu verwandeln – damit man darin endlich auch baden kann. Und so entwickelte er zusammen mit der TU Berlin, den Berliner Wasserbetrieben, Heike König Architekten und weiteren Experten seit 2001 die „Luritec“-Anlage, die anfangs noch unter dem Projektnamen „Spree 2011“ für Schlagzeilen sorgte.

Die Idee dahinter ist denkbar simpel wie genial: Starke Niederschläge bringen mehrmals im Jahr die Kanalisationen der Städte an ihre Auslastungsgrenzen, so dass das Abwasser durch Überlauf-Rohre in die Flüsse gedrückt wird. „Das passiert in Berlin über 30 Mal im Jahr, in anderen Städten bis zu 100 Mal“, erklärt Steeg. Und hier kommt nun die „Luritec“-Anlage ins Spiel. Das Anlagensystem fungiert als alternatives Regenüberlaufbecken, das an die Rohre angeschlossen wird und in dem die Abwässer in solchen Extremsituationen gesammelt werden, um diese dann – sobald Kapazitäten freigeworden sind – wieder in die Kanalisation zurück zu pumpen. So soll verunreinigtes Wasser nicht mehr in die Flüsse gelangen.

Seit knapp zwei Jahren ist die erste „Luritec-Anlage im Osthafen Berlins installiert und reif für die Serienfertigung. Letztere „Luritec“-Anlage besteht aus nur zwei Baukasten-Modulen: Einem zylindrischen Tank-Modul, in dem Wasser aufgefangen wird und einem T-Teil, dass die Tanks untereinander und mit der Kanalisation verbindet. „Luritec“ kann in kürzester Zeit installiert werden – und zwar im Wasser und zu Land, über- und unterirdisch. Der Bau der Anlage in Berlin hat gerade einmal acht Monate Bauzeit beansprucht. Ein weiterer Pluspunkt ist die unkomplizierte Instandhaltung: Da die 3 bis 10 Meter hohen Tanks mit einem Fassungsvermögen von bis zu 700 Kubikmetern aus glasfaserverstärktem Kunststoff bestehen, können sie leicht gereinigt werden, Unkraut und Schadstoffe setzen sich nicht fest. Filter sorgen für die Reinigung der Abluft. Unterm Strich sind es die vergleichsweise kurze Bauzeit und die niedrigen Kosten, die „Luritec“ wettbewerbsfähig gegenüber bisherigen Regenüberlaufbecken machen, die aus Beton gegossen sind und deren Wände mit der Zeit porös werden.

Obwohl das System in Zukunft wohl bevorzugt zu Land installiert wird, hat die 1,6 Millionen Euro teure Test-Anlage in Berlin unter Beobachtung von Forschern der Technischen Universität Berlin gezeigt, dass „Luritec“ auch unter Wasser funktioniert. Ein weiterer Pluspunkt hierbei ist, dass die Plattform darüber auch als Insel genutzt werden kann, etwa für Strandbars. Doch es ist noch einiges zu tun, um das Berliner Leben am Fluss so zu gestalten wie in Bern. Noch 13 weitere Überlaufkanäle bis zur Stadtmitte seien hierfür anzuschließen, so Steeg. Allerdings gab es reichlich Widerstand, etwa von der Berliner Hafen- und Lagergesellschaft, kurz Behala , denen die Inseln in der Spree ein Dorn im Auge sind. Auch das Land Berlin und die Berliner Wasserbetriebe machten Steeg vergangenes Jahr einen Strich durch die Rechnung, als sie ihm mitteilten, die Anlage, die bislang schon über fünfzehn Millionen Liter ungereinigtes Wasser zurückgehalten hat, nicht zu übernehmen. Doch Steeg bleibt unbeirrt. Jüngst hat er sich mit den Organisatoren des „Flussbad Berlin“ – dazu gehören unter anderem auch Jan und Tim Edler von Realities United – zu ersten Gesprächen zusammengefunden, die den Spreearm an der Museumsinsel umgestalten wollen, so dass man darin baden kann. Außerdem bilde sich gerade eine Bürgerinitiative rund um die Rummelsburger Bucht, die ebenso wie Steeg daran interessiert sind, die Spree sauber zu machen. Unterdessen bietet er das Baukasten-System auch anderen Kommunen und Betreibern an – das Interesse sei groß, so der Ingenieur, selbst aus Vietnam käme eine konkrete Anfrage.
Das Baukastensystem lässt sich sehr unterschiedlich aufbauen. Foto © Luritec
Zu Land und zu Wasser – „Luritec“ funktioniert überall. Foto © Luritec
Unterirdische Installation von „Luritec”. Foto © Luritec
Seit 2012 ist die erste Pilotanlage am Berliner Osthafen installiert – und hat ihre Testphase erfolgreich abgeschlossen. Foto © Luritec
Durch die Überbauung der Anlage mit einer Plattform kann man Entspannungszonen wie Cafés einrichten. Foto © Luritec
500 Quadratmeter Fläche bietet die Anlage. Foto © Luritec
Nur acht Monate Bauzeit und die Anlage stand. Foto © Luritec
Seit Installation hat die Anlage über 15 Millionen Liter Abwasser zurückgehalten. Foto © Luritec
An der Entwicklung und der Prüfungsphase war die TU Berlin beteiligt. Foto © Luritec
Das Video zeigt’s – „Luritec” funktioniert ganz einfach. Foto © Luritec.
News & Stories › 2015 › Februar
Klares Wasser
von Martina Metzner | 25. Februar 2015
Ralf Steeg hat einen Traum: In den Flüssen der Großstädte soll man wieder baden können. Deswegen hat der Landschaftsarchitekt die Retentions-Anlage „Luritec“ entwickelt, mit der er Flüsse sauber halten will.
Alles begann im Sommer 1984. Im beschaulichen Bern beobachtete Ralf Steeg, wie man dort einfach so in die rauschende Aare sprang, um sich zu erfrischen. In seiner Heimatstadt Berlin war das damals vollkommen undenkbar: In die von Abwassern verunreinigte Spree tauchte man nicht einmal den großen Zeh. Aber das Bild aus Bern ließ Steeg nicht mehr los und der Landschaftsarchitekt und Umweltplaner machte es sich zu seiner Lebensaufgabe, die Spree in Berlin in einen sauberen Stadtfluss zu verwandeln – damit man darin endlich auch baden kann. Und so entwickelte er zusammen mit der TU Berlin, den Berliner Wasserbetrieben, Heike König Architekten und weiteren Experten seit 2001 die „Luritec“-Anlage, die anfangs noch unter dem Projektnamen „Spree 2011“ für Schlagzeilen sorgte.

Die Idee dahinter ist denkbar simpel wie genial: Starke Niederschläge bringen mehrmals im Jahr die Kanalisationen der Städte an ihre Auslastungsgrenzen, so dass das Abwasser durch Überlauf-Rohre in die Flüsse gedrückt wird. „Das passiert in Berlin über 30 Mal im Jahr, in anderen Städten bis zu 100 Mal“, erklärt Steeg. Und hier kommt nun die „Luritec“-Anlage ins Spiel. Das Anlagensystem fungiert als alternatives Regenüberlaufbecken, das an die Rohre angeschlossen wird und in dem die Abwässer in solchen Extremsituationen gesammelt werden, um diese dann – sobald Kapazitäten freigeworden sind – wieder in die Kanalisation zurück zu pumpen. So soll verunreinigtes Wasser nicht mehr in die Flüsse gelangen.

Seit knapp zwei Jahren ist die erste „Luritec-Anlage im Osthafen Berlins installiert und reif für die Serienfertigung. Letztere „Luritec“-Anlage besteht aus nur zwei Baukasten-Modulen: Einem zylindrischen Tank-Modul, in dem Wasser aufgefangen wird und einem T-Teil, dass die Tanks untereinander und mit der Kanalisation verbindet. „Luritec“ kann in kürzester Zeit installiert werden – und zwar im Wasser und zu Land, über- und unterirdisch. Der Bau der Anlage in Berlin hat gerade einmal acht Monate Bauzeit beansprucht. Ein weiterer Pluspunkt ist die unkomplizierte Instandhaltung: Da die 3 bis 10 Meter hohen Tanks mit einem Fassungsvermögen von bis zu 700 Kubikmetern aus glasfaserverstärktem Kunststoff bestehen, können sie leicht gereinigt werden, Unkraut und Schadstoffe setzen sich nicht fest. Filter sorgen für die Reinigung der Abluft. Unterm Strich sind es die vergleichsweise kurze Bauzeit und die niedrigen Kosten, die „Luritec“ wettbewerbsfähig gegenüber bisherigen Regenüberlaufbecken machen, die aus Beton gegossen sind und deren Wände mit der Zeit porös werden.

Obwohl das System in Zukunft wohl bevorzugt zu Land installiert wird, hat die 1,6 Millionen Euro teure Test-Anlage in Berlin unter Beobachtung von Forschern der Technischen Universität Berlin gezeigt, dass „Luritec“ auch unter Wasser funktioniert. Ein weiterer Pluspunkt hierbei ist, dass die Plattform darüber auch als Insel genutzt werden kann, etwa für Strandbars. Doch es ist noch einiges zu tun, um das Berliner Leben am Fluss so zu gestalten wie in Bern. Noch 13 weitere Überlaufkanäle bis zur Stadtmitte seien hierfür anzuschließen, so Steeg. Allerdings gab es reichlich Widerstand, etwa von der Berliner Hafen- und Lagergesellschaft, kurz Behala , denen die Inseln in der Spree ein Dorn im Auge sind. Auch das Land Berlin und die Berliner Wasserbetriebe machten Steeg vergangenes Jahr einen Strich durch die Rechnung, als sie ihm mitteilten, die Anlage, die bislang schon über fünfzehn Millionen Liter ungereinigtes Wasser zurückgehalten hat, nicht zu übernehmen. Doch Steeg bleibt unbeirrt. Jüngst hat er sich mit den Organisatoren des „Flussbad Berlin“ – dazu gehören unter anderem auch Jan und Tim Edler von Realities United – zu ersten Gesprächen zusammengefunden, die den Spreearm an der Museumsinsel umgestalten wollen, so dass man darin baden kann. Außerdem bilde sich gerade eine Bürgerinitiative rund um die Rummelsburger Bucht, die ebenso wie Steeg daran interessiert sind, die Spree sauber zu machen. Unterdessen bietet er das Baukasten-System auch anderen Kommunen und Betreibern an – das Interesse sei groß, so der Ingenieur, selbst aus Vietnam käme eine konkrete Anfrage.