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Kokon nach Schnittmuster
von Antje Southern | 27. Juni 2014
Eine transluzente, knollenförmige Hülle balanciert gewagt auf monolithischen Felsbrocken aus einem Steinbruch in Yorkshire: In diesem Jahr hat der chilenische Architekt Smiljan Radić den Pavillon vor der Serpentine Gallery in London gestaltet. Foto © Iwan Baan
Die Eröffnung des 14. Serpentine Pavillon in dieser Woche ist eine feste Größe im sommerlichen Veranstaltungskalender der Briten – auf einer Ebene mit Wimbledon, Ascot, Glyndebourne, Glastonbury, dem englischen Sommerregen und Pimms. Da kommt es gelegen, dass das von Londons Kulturliebhabern mit Hochspannung erwartete Gebäude des chilenischen Architekten Smiljan Radić eine ausdruckvolle Persönlichkeit besitzt und sofort ins Auge sticht: Eine transluzente, knollenförmige Hülle balanciert gewagt auf monolithischen Felsbrocken aus einem Steinbruch in Yorkshire. Das Gebilde erweckt den Anschein, als sei es aufgepumpt und könne alsbald ins Weltall davonschweben. Der bewusste Kontrast in den Materialien – das massive Gewicht der Felsen und die luftige Leichtigkeit der Glasfaserhülle – sorgen augenblicklich für komplexe emotionale Reaktionen.

Der Pavillon, der den Blick auf die klassische Fassade der Serpentine Gallery versperrt, ist in der Tat eine äußerst seltsam anmutende Erscheinung auf dem gepflegten Rasen. Verglichen mit Sou Fujimotos abstrakter „Stahlwolke“ im vergangenen Jahr oder der in sich ruhenden „Black Box“ von Peter Zumthor vor drei Jahren, sorgt dieses Projekt mit seinem überraschenden Konzept sicherlich für Erstaunen. Liebevolle Spitznamen wie „Riesendonut“ und „außerirdischer Kokon“ spielen auf die seltsam gequetschte Form an; es wäre jedoch voreilig, sich allein aufgrund des futuristischen Aussehens bereits eine Meinung zu bilden.

Am Anfang steht das Material

Radić sagt von sich, er sei kein Schöpfer von Formen. Vielmehr erkenne er mögliche Strukturen in den objet trouvés, die er in seinem Atelier in Santiago aufbewahrt und „auf ein passendes Projekt warten“. So lieferte ein Stein mit einem Loch und einem Gummiring die Inspiration für ein Pappmaschee-Modell, aus dem sich letztendlich der Serpentine Pavillon herauskristallisierte. Radić war angetan von der Offenheit und der Unterbrechung des Innenraumvolumens, die sich durch einen Ring ergibt. Diese Low-Tech-Herangehensweise ist maßgeblich in der architektonischen Praxis von Smiljan Radić; er hat nur einen Assistenten, mit dem er sich Computer und Schreibtisch teilt. Er baut seine Modelle gern selbst von Hand und er bevorzugt Materialien, die sich leicht handhaben lassen und deren Verarbeitung keine allzu große Geschicklichkeit erfordert; beispielsweise Pappe. Zur Erstellung der dreidimensionalen Form des Pavillons verwendete Radić keine Computersoftware, sondern Schnittmuster aus „Burda Moden“. „Man kann“, so Radi´c, „aus jedem Burda-Schnittmuster die unterschiedlichsten Kleidungsstücke herstellen; eine geniale Art und Weise Informationen zu bündeln.“

Kreppband und Schnittmusterbogen

Das Rohe und Unfertige bestimmt das Erscheinungsbild seines Konzepts der „Fragile Construction“. In seiner Arbeit verlässt sich Radić auf die Materialien, die ihn umgeben, und er schätzt den flüchtigen und temporären Charakter von Gebäuden. In diesem Fall gab ihm das Kreppband, mit dem er das Pappmaschee-Gebilde zusammenhielt, ein Gefühl für die Struktur, und genau dieses Gefühl wollte er durch die großmaschige Konstruktion und die behelfsmäßigen Nähte der Glasfaserhülle des Pavillons im Betrachter wecken. Es sind Kontraste, die den Pavillons lebendig wirken lassen – zwischen der Massivität der Felsen und der dünnen Hülle, zwischen dem opaken Äußeren und dem lichterfüllten Inneren, und zwischen dem Absichtlichen und dem Zufälligen. Die Öffnungen, durch die man von innen einen Blick auf den Park werfen kann, folgen den Linien der Schnittmuster aus „Burda Moden“. Die zehn Millimeter dünne Glasfaserwand ist ein wesentliches Merkmal für den Architekten, der in einem Zelt im oberen Stockwerk seines Hauses schläft und gerne „das Wetter mit allen Sinnen erlebt“. Durch die fehlende Isolierung wird der Pavillon zu einer außergewöhnlichen räumlichen und sinnlichen Erfahrung. Form und Fassade sind zweitrangig; was zählt ist allein die Atmosphäre, die durch die Verwendung bestimmter Materialien und Techniken entsteht.

Bauen mit Luft

Radić ist weder daran interessiert, sich mit Architekturutopien zu befassen, noch will er neue Grenzen ausloten oder Experimente wagen. Ganz im Geiste des Merzbaus von Kurt Schwitters stellt er seine eigenen Regeln auf, wenn es um alternative Traditionen, selbstgebaute Bauwerke und Ad-hoc-Architektur in seinem Heimatland Chile geht. Radić komponiert keine Gebäude, sondern ist stets auf der Suche nach technischen und baulichen Herausforderungen und den Möglichkeiten, die ein bestimmter Ort für ihn bereithält. Wie Felsbrocken ist auch Luft für Radić ein Material zum Bauen. In seinem Pavillon wird die Luft zur zentralen Säule, um die herum sich die Fiberglas-Hülle legt. Die ringförmige Konstruktion lässt so ein Volumen um einen inneren Kern der Ruhe und Stille entstehen. Es waren die Radierungen von David Hockney zu den Märchen der Gebrüder Grimm in seinem Werk „The Boy Hidden in an Egg“ von 1969, die Radić halfen, seine „Ideen in Bilder umzusetzen“. Transluzenz und Stabilität eines Eis gaben den Ausschlag für die Entwicklung des Pavillons: „Ich wollte die Atmosphäre der Zeichnung in einem realen Modell einfangen, ich wollte ein haptisches Gebilde, das man anfassen kann, denn nur durch das Haptische wird die Atmosphäre Wirklichkeit.“

Die Übertragung einer Geschichte in eine gebaute Struktur ist ein Leitprinzip. Die Märchen der Gebrüder Grimm wurden erstmals zum Bezugspunkt, als Smiljan Radić und seine Frau, die Bildhauerin Marcela Correa, an der Skulptur „Meeting Point“ für die 12. Architekturbiennale in Venedig arbeiteten. Das Künstlerpaar ließ einen Granitblock aus den Anden nach Venedig bringen, der als Folge des verheerenden Erdbebens in Chile im Jahre 2010 innen hohl war. Sie entwickelten daraus für eine Person einen Zufluchtsort für eine „heitere und gelassene Zukunft“. Der Duft der Zedernholzwände, die das Innere des Felsens auskleiden, ruft eine sinnliche Erfahrung hervor und stellt die Atmosphäre über die Form. In der Betonung der organischen Beziehungen zwischen Dichte und Leere, Gewicht und Undurchsichtigkeit nimmt „Meeting Point“ die Themen des Serpentine Pavillons gewissermaßen vorweg.

Eine Fassade würde stören

Im Pavillon geht es zudem darum, das Innere sichtbar zu machen und in einen ruhigen, schützenden Ort zu übertragen, der sein eigenes Mikroklima besitzt. Wie eine gute Geschichte, die mehr als eine Bedeutung hat, möchte auch Radić unterschiedlichen Interpretationen Raum geben sich zu entfalten. Eine Fassade wäre hier zu einseitig und am Ende auch störend: „Das Problem von Fassaden ist, dass man sie gestalten muss … letztendlich befinden sich das Objekt, der Raum und die Atmosphäre aber immer hinter dieser Fassade. Die Fassade an sich ist daher unwichtig. Wichtig ist der Bezug zwischen den verschiedenen Elementen, dem Gewicht, der Dichte, der Transluzenz, der Undurchsichtigkeit der Elemente.“ Aus diesem Grund hat Radić den Zugang zur Hülle ringförmig angelegt: Zwei sanft geschwungene Rampen führen aus unterschiedlichen Richtungen in das kurvenreiche Innere und sorgen so für eine langsame Annäherung mit unterschiedlichen Ausblicken.

Eine verrückte Laune

Beziehungen mit ihren Höhen und Tiefen sind der Nährboden für Radićs lebhafte Vorstellungskraft. Die üppigen Zierbauten typischer Gärten aus dem 18. Jahrhundert sprechen ihm aus der Seele: „Beim Anblick dieser follies denkt man häufig an Ruinen: Man sieht die Vergangenheit und blickt gleichzeitig die Zukunft, die Zeit löst sich auf, und dann projiziert man eine neue Zeit darauf. Eine Ruine gibt einem das Gefühl, dass die Natur dort hineingelangen könnte, dadurch werden die Grenzen zwischen der Natur und dem Innenraum flexibler und verschwimmen ineinander. Das war ein entscheidender Aspekt für meinen Pavillon.“ Die Entscheidung, den Fußboden des Innenraums mit Holz auszulegen, das in der freien Natur wächst, stellt einen starken Bezug zum Leben in der Natur her und veranschaulicht abermals Radićs materialorientierte Methodik. Gleich einem architectural folly ist der Pavillon verspielt und fesselnd zugleich. Und er fordert den Besucher zum Nachdenken über die Fülle seiner Bedeutungen auf. Ein Gebäude für jedermann soll er ebenfalls sein: Der Eintritt ist frei und das Pop-up-Café im Inneren ist – wie könnte es anders sein – mit Alvar Aaltos Hocker Nr. 60 ausgestattet.

Ob es einem Pavillon gelingt, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, ist der Schlüssel zu seinem Erfolg. In seinem kurzen Leben bis Mitte Oktober wird Radićs Hülle Schutz vor dem englischen Sommerregen gewähren, Schauplatz der glamourösen Serpentine Sommerparty und Ort für die „Park Nights“ sein, einer Reihe von Gesprächen und Vorträge von und mit Hans Ulrich Obrist. Die Wahl eines Architekten, der seine Arbeit als Antwort auf „Möglichkeiten“ versteht, hat den bislang überzeugendsten und interessantesten Serpentine Pavillon hervorgebracht.

www.serpentinegalleries.org

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Die Serpentine Cloud: Der japanische Architekt Sou Fujimoto hat 2013 den Serpentine Gallery Pavillon in London entworfen. Wir sprachen mit Sophie O’Brian, leitende Ausstellungskuratorin..
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Das Wartehüsle, ein Kleinod: In der kleinen Gemeinde Krumbach im österreichischen Vorarlberg realisieren sieben Architekten, darunter Smiljan Radić, Bushaltestellen.
(3. November 2013)
Das Rohe und Unfertige bestimmt das Erscheinungsbild der „Fragile Construction“. Foto © John Offenbach
Zur Erstellung Form des Pavillons verwendete Smiljan Radić Schnittmuster aus „Burda Moden“. Foto © Harriet Roth
Ein Geflügelei als Vorbild: David Hockneys Märchen-Radierung „The Boy Hidden in an Egg“ (1969) gab den Anstoß. Foto © John Offenbach
Die Luft als zentrale Säule, um die herum sich die Fiberglas-Hülle legt. Foto © John Offenbach
Smiljan Radić. Foto © Hisao Suzuki
Zufluchtsort für London: der Serpentine Pavillon von Smiljan Radić.
Foto © John Offenbach
Architektur › 2014 › Juni
Kokon nach Schnittmuster
von Antje Southern | 27. Juni 2014
Hauptsache, die Atmosphäre stimmt: Vergleicht man das aktuelle Gebäude des Chilenischen Architekten Smiljan Radić mit den Serpentine Pavillons der Vorjahre, beginnt man zu staunen. So etwas hat London noch nicht gesehen.
Die Eröffnung des 14. Serpentine Pavillon in dieser Woche ist eine feste Größe im sommerlichen Veranstaltungskalender der Briten – auf einer Ebene mit Wimbledon, Ascot, Glyndebourne, Glastonbury, dem englischen Sommerregen und Pimms. Da kommt es gelegen, dass das von Londons Kulturliebhabern mit Hochspannung erwartete Gebäude des chilenischen Architekten Smiljan Radić eine ausdruckvolle Persönlichkeit besitzt und sofort ins Auge sticht: Eine transluzente, knollenförmige Hülle balanciert gewagt auf monolithischen Felsbrocken aus einem Steinbruch in Yorkshire. Das Gebilde erweckt den Anschein, als sei es aufgepumpt und könne alsbald ins Weltall davonschweben. Der bewusste Kontrast in den Materialien – das massive Gewicht der Felsen und die luftige Leichtigkeit der Glasfaserhülle – sorgen augenblicklich für komplexe emotionale Reaktionen.

Der Pavillon, der den Blick auf die klassische Fassade der Serpentine Gallery versperrt, ist in der Tat eine äußerst seltsam anmutende Erscheinung auf dem gepflegten Rasen. Verglichen mit Sou Fujimotos abstrakter „Stahlwolke“ im vergangenen Jahr oder der in sich ruhenden „Black Box“ von Peter Zumthor vor drei Jahren, sorgt dieses Projekt mit seinem überraschenden Konzept sicherlich für Erstaunen. Liebevolle Spitznamen wie „Riesendonut“ und „außerirdischer Kokon“ spielen auf die seltsam gequetschte Form an; es wäre jedoch voreilig, sich allein aufgrund des futuristischen Aussehens bereits eine Meinung zu bilden.

Am Anfang steht das Material

Radić sagt von sich, er sei kein Schöpfer von Formen. Vielmehr erkenne er mögliche Strukturen in den objet trouvés, die er in seinem Atelier in Santiago aufbewahrt und „auf ein passendes Projekt warten“. So lieferte ein Stein mit einem Loch und einem Gummiring die Inspiration für ein Pappmaschee-Modell, aus dem sich letztendlich der Serpentine Pavillon herauskristallisierte. Radić war angetan von der Offenheit und der Unterbrechung des Innenraumvolumens, die sich durch einen Ring ergibt. Diese Low-Tech-Herangehensweise ist maßgeblich in der architektonischen Praxis von Smiljan Radić; er hat nur einen Assistenten, mit dem er sich Computer und Schreibtisch teilt. Er baut seine Modelle gern selbst von Hand und er bevorzugt Materialien, die sich leicht handhaben lassen und deren Verarbeitung keine allzu große Geschicklichkeit erfordert; beispielsweise Pappe. Zur Erstellung der dreidimensionalen Form des Pavillons verwendete Radić keine Computersoftware, sondern Schnittmuster aus „Burda Moden“. „Man kann“, so Radi´c, „aus jedem Burda-Schnittmuster die unterschiedlichsten Kleidungsstücke herstellen; eine geniale Art und Weise Informationen zu bündeln.“

Kreppband und Schnittmusterbogen

Das Rohe und Unfertige bestimmt das Erscheinungsbild seines Konzepts der „Fragile Construction“. In seiner Arbeit verlässt sich Radić auf die Materialien, die ihn umgeben, und er schätzt den flüchtigen und temporären Charakter von Gebäuden. In diesem Fall gab ihm das Kreppband, mit dem er das Pappmaschee-Gebilde zusammenhielt, ein Gefühl für die Struktur, und genau dieses Gefühl wollte er durch die großmaschige Konstruktion und die behelfsmäßigen Nähte der Glasfaserhülle des Pavillons im Betrachter wecken. Es sind Kontraste, die den Pavillons lebendig wirken lassen – zwischen der Massivität der Felsen und der dünnen Hülle, zwischen dem opaken Äußeren und dem lichterfüllten Inneren, und zwischen dem Absichtlichen und dem Zufälligen. Die Öffnungen, durch die man von innen einen Blick auf den Park werfen kann, folgen den Linien der Schnittmuster aus „Burda Moden“. Die zehn Millimeter dünne Glasfaserwand ist ein wesentliches Merkmal für den Architekten, der in einem Zelt im oberen Stockwerk seines Hauses schläft und gerne „das Wetter mit allen Sinnen erlebt“. Durch die fehlende Isolierung wird der Pavillon zu einer außergewöhnlichen räumlichen und sinnlichen Erfahrung. Form und Fassade sind zweitrangig; was zählt ist allein die Atmosphäre, die durch die Verwendung bestimmter Materialien und Techniken entsteht.

Bauen mit Luft

Radić ist weder daran interessiert, sich mit Architekturutopien zu befassen, noch will er neue Grenzen ausloten oder Experimente wagen. Ganz im Geiste des Merzbaus von Kurt Schwitters stellt er seine eigenen Regeln auf, wenn es um alternative Traditionen, selbstgebaute Bauwerke und Ad-hoc-Architektur in seinem Heimatland Chile geht. Radić komponiert keine Gebäude, sondern ist stets auf der Suche nach technischen und baulichen Herausforderungen und den Möglichkeiten, die ein bestimmter Ort für ihn bereithält. Wie Felsbrocken ist auch Luft für Radić ein Material zum Bauen. In seinem Pavillon wird die Luft zur zentralen Säule, um die herum sich die Fiberglas-Hülle legt. Die ringförmige Konstruktion lässt so ein Volumen um einen inneren Kern der Ruhe und Stille entstehen. Es waren die Radierungen von David Hockney zu den Märchen der Gebrüder Grimm in seinem Werk „The Boy Hidden in an Egg“ von 1969, die Radić halfen, seine „Ideen in Bilder umzusetzen“. Transluzenz und Stabilität eines Eis gaben den Ausschlag für die Entwicklung des Pavillons: „Ich wollte die Atmosphäre der Zeichnung in einem realen Modell einfangen, ich wollte ein haptisches Gebilde, das man anfassen kann, denn nur durch das Haptische wird die Atmosphäre Wirklichkeit.“

Die Übertragung einer Geschichte in eine gebaute Struktur ist ein Leitprinzip. Die Märchen der Gebrüder Grimm wurden erstmals zum Bezugspunkt, als Smiljan Radić und seine Frau, die Bildhauerin Marcela Correa, an der Skulptur „Meeting Point“ für die 12. Architekturbiennale in Venedig arbeiteten. Das Künstlerpaar ließ einen Granitblock aus den Anden nach Venedig bringen, der als Folge des verheerenden Erdbebens in Chile im Jahre 2010 innen hohl war. Sie entwickelten daraus für eine Person einen Zufluchtsort für eine „heitere und gelassene Zukunft“. Der Duft der Zedernholzwände, die das Innere des Felsens auskleiden, ruft eine sinnliche Erfahrung hervor und stellt die Atmosphäre über die Form. In der Betonung der organischen Beziehungen zwischen Dichte und Leere, Gewicht und Undurchsichtigkeit nimmt „Meeting Point“ die Themen des Serpentine Pavillons gewissermaßen vorweg.

Eine Fassade würde stören

Im Pavillon geht es zudem darum, das Innere sichtbar zu machen und in einen ruhigen, schützenden Ort zu übertragen, der sein eigenes Mikroklima besitzt. Wie eine gute Geschichte, die mehr als eine Bedeutung hat, möchte auch Radić unterschiedlichen Interpretationen Raum geben sich zu entfalten. Eine Fassade wäre hier zu einseitig und am Ende auch störend: „Das Problem von Fassaden ist, dass man sie gestalten muss … letztendlich befinden sich das Objekt, der Raum und die Atmosphäre aber immer hinter dieser Fassade. Die Fassade an sich ist daher unwichtig. Wichtig ist der Bezug zwischen den verschiedenen Elementen, dem Gewicht, der Dichte, der Transluzenz, der Undurchsichtigkeit der Elemente.“ Aus diesem Grund hat Radić den Zugang zur Hülle ringförmig angelegt: Zwei sanft geschwungene Rampen führen aus unterschiedlichen Richtungen in das kurvenreiche Innere und sorgen so für eine langsame Annäherung mit unterschiedlichen Ausblicken.

Eine verrückte Laune

Beziehungen mit ihren Höhen und Tiefen sind der Nährboden für Radićs lebhafte Vorstellungskraft. Die üppigen Zierbauten typischer Gärten aus dem 18. Jahrhundert sprechen ihm aus der Seele: „Beim Anblick dieser follies denkt man häufig an Ruinen: Man sieht die Vergangenheit und blickt gleichzeitig die Zukunft, die Zeit löst sich auf, und dann projiziert man eine neue Zeit darauf. Eine Ruine gibt einem das Gefühl, dass die Natur dort hineingelangen könnte, dadurch werden die Grenzen zwischen der Natur und dem Innenraum flexibler und verschwimmen ineinander. Das war ein entscheidender Aspekt für meinen Pavillon.“ Die Entscheidung, den Fußboden des Innenraums mit Holz auszulegen, das in der freien Natur wächst, stellt einen starken Bezug zum Leben in der Natur her und veranschaulicht abermals Radićs materialorientierte Methodik. Gleich einem architectural folly ist der Pavillon verspielt und fesselnd zugleich. Und er fordert den Besucher zum Nachdenken über die Fülle seiner Bedeutungen auf. Ein Gebäude für jedermann soll er ebenfalls sein: Der Eintritt ist frei und das Pop-up-Café im Inneren ist – wie könnte es anders sein – mit Alvar Aaltos Hocker Nr. 60 ausgestattet.

Ob es einem Pavillon gelingt, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, ist der Schlüssel zu seinem Erfolg. In seinem kurzen Leben bis Mitte Oktober wird Radićs Hülle Schutz vor dem englischen Sommerregen gewähren, Schauplatz der glamourösen Serpentine Sommerparty und Ort für die „Park Nights“ sein, einer Reihe von Gesprächen und Vorträge von und mit Hans Ulrich Obrist. Die Wahl eines Architekten, der seine Arbeit als Antwort auf „Möglichkeiten“ versteht, hat den bislang überzeugendsten und interessantesten Serpentine Pavillon hervorgebracht.

www.serpentinegalleries.org

MEHR auf Stylepark:


Die Serpentine Cloud: Der japanische Architekt Sou Fujimoto hat 2013 den Serpentine Gallery Pavillon in London entworfen. Wir sprachen mit Sophie O’Brian, leitende Ausstellungskuratorin..
(11. Juni 2013)

Das Wartehüsle, ein Kleinod: In der kleinen Gemeinde Krumbach im österreichischen Vorarlberg realisieren sieben Architekten, darunter Smiljan Radić, Bushaltestellen.
(3. November 2013)