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Konkrete Kunst,
unterirdisch
von Christian Holl | 24. Februar 2016
Für die Gestaltung der Stationen der neuen Düsseldorfer Wehrhahn-U-Bahnlinie zeichnen Netzwerkarchitekten sowie Heike Klussmann verantwortlich. Foto © Jörg Hempel
Auf einer Bühne spielte eine Blaskapelle, ein mittelgroßes Riesenrad war aufgestellt worden, in Zelten wurde Infomaterial verteilt. Auf der „Kö“, der Düsseldorfer Königsallee, und am Schadowplatz standen ein paar Fressbuden. Oft regnete es. Aber nicht wegen des schlechten Wetters oder der recht überschaubaren Bemühungen, Feststimmung zu verbreiten, zog es die Menschen am 20. Februar lieber nach unten. Denn unter der Erdoberfläche war an diesem Samstag zum ersten Mal öffentlich etwas Ungewöhnliches und Aufsehenerregendes zu bestaunen: Über acht Jahre nach dem ersten Spatenstich ist die Wehrhahnlinie eröffnet worden. Bereits 2001 hatte das Darmstädter Büro Netzwerkarchitekten mit der Künstlerin Heike Klussmann den europaweiten Wettbewerb zur Gestaltung der sechs unterirdischen Stationen gewonnen, die durch einen 3,4 Kilometer langen Tunnel verbunden werden.

Die Eröffnung war wahrlich ein Grund zu feiern, aber nicht nur, weil in der von vielen Baustellen und Umbauten geplagten Landeshauptstadt ein Engpass des ÖPNV beseitigt worden ist und die City besser ins Netz eingebunden wurde. Dass bei der Eröffnung die peinliche Kraftmeierei der Politiker im Stile einer „Wir können auch Großprojekte“-Rhetorik zur Nebensache geriet, war der Architektur und der Kunst zu verdanken. Die sechs Bahnhöfe der Wehrhahnlinie, auf der vier Straßenbahnlinien verkehren, sind beeindruckender Beleg dafür, dass Qualität keine Frage der Bauaufgabe ist. Architektur als Raumkunst, Kunst als Raumimagination – das Vertrauen in ein junges Architekturbüro hat sich ausgezahlt. Netzwerkarchitekten hat neben Heike Klussmann mit fünf weiteren Künstlern zusammengearbeitet, die in einem Wettbewerb 2002 ausgewählt wurden und von Anfang an in die Gestaltung eingebunden wurden.

Konkretes Kontinuum

Verbindende Entwurfsidee war von Anfang an, aus den jeweils örtlichen Gegebenheiten eine dreidimensionale Figur zu entwickeln, die Großzügigkeit vermittelt, die über Blickbeziehungen Erdoberfläche, Verteilerebene und Bahnsteig miteinander verbindet. Luft nach oben war dabei ein wichtige Leitlinie: Mal sieht man noch vom Bahnsteig in den Himmel, hohe Lufträume oder sich nach unten weitende Tageslichtschächte wirken dem Gefühlt der Enge entgegen, der Bahnsteig ist nie isoliert vom übrigen Teil der Station. Ein von Heike Klussmann entwickeltes Muster aus Rauten, die so variieren, dass der Eindruck von Einbuchtungen und Wölbungen entsteht, findet sich an den Wänden auf der Bahnsteigebene an allen Stationen. Es stellt eine imaginäre Verbindung zwischen den Haltestellen durch die Tunnelröhren hindurch her und basiert auf der Idee, den gesamten Komplex als Kontinuum zu verstehen, wie dann auch die Arbeit Klussmanns betitelt ist.
Unterkonstruktion für das von Heike Klussmann entwickelte Muster aus Rauten, das sich auf der Bahnsteigebene an allen Stationen findet. Foto © Netzwerkarchitekten
Bemerkenswert ist auch deren Umsetzung. In einem aufwändigen Herstellungsverfahren wurde mit Pigmenten aufgehellter Beton in Formen gepresst, die anschließend computergestützt so präzise geschnitten wurden, dass sie trotz spitzer Winkel millimetergenau aneinander passen – dabei wurden auch noch die Fugen so ausgebildet, dass die Wand in Abschnitten geöffnet werden kann, falls dies aus Revisionsgründen nötig sein sollte. Konkrete Kunst also im doppelten Sinne: Die Formen verweisen nicht auf etwas ihnen Äußerliches, sie sind aber auch mit dem Material, aus dem sie bestehen und mit dem Prozess, in dem sie entstanden, untrennbar verbunden.

Von Heike Klussmann stammt außerdem die Gestaltung der Station „Pempelforter Straße“. In sich überkreuzenden Bandstrukturen, die auf Boden, Decken und Wände übertragen werden, wurden Bewegungsrichtungen aus Zugängen verlängert, an der die Geometrie der Architektur gebrochen und verzweigt, so dass eine den realen Raum überlagernde imaginäre Struktur ihn jenseits seiner tatsächlichen Grenzen fortzusetzen scheint.
Auch Manuel Franke lässt bei seiner Arbeit „Achat“ einen imaginären Raum hinter dessen tatsächlichen Grenzen entstehen. Die Glasverkleidungen der Station „Graf-Adolf-Platz“ sind aus zwei Schichten aufgebaut. Die hintere ist dunkel violett eingefärbt, die obere leuchtet in einem kräftigen Grün. Diese obere Farbschicht wurde von Franke während der Produktion so bearbeitet und partiell entfernt, dass der Eindruck entsteht, hier wäre die Bahnstation in einen bestehenden Edelstein eingeschnitten worden, dessen Maserungen sich an den Schnittkanten abzeichnen.

Zug verpassen ohne Ärgern

Am weitesten in den Bereich imaginärer Raumwelten hat sich Thomas Stricker vorgewagt: Er hat in Abstimmung mit den Architekten die Station der „Benrather Straße“ in ein Raumschiff mit genoppten Metallverkleidungen und gekippten Wänden verwandelt. Eine Vorgehensweise, die kaum möglich gewesen wäre, hätte man im oft üblichen „Kunst am Bau“-Modus den Künstler erst dann eingebunden, wenn der architektonische Entwurf nicht mehr verändert werden konnte. Stricker verwandelt die Verteilerebene in eine Kommandobrücke, Animationen aus ESA- und NASA-Daten auf sechs große Screens simulieren den Flug der Station durch den Weltraum. Die ruhige, aber dank Richtungsänderungen keineswegs monotone imaginäre Reise entfaltet eine große suggestive Kraft – nicht nur hier lässt sich ohne weiteres einmal eine Straßenbahn verpassen, ohne dass man sich darüber ärgern müsste.
Die angewinkelten und dreidimensional aufgebauten Betonplatten stellen eine imaginäre Verbindung zwischen den Haltestellen her. Foto © Achim Kukulies
In der von Ralf Bög konzipierten Station „Heinrich-Heine-Allee“ könnte man beispielsweise den drei Toninstallationen nachspüren, die über integrierte Soundsysteme abgespielt werden und die von verschiedenen Künstlern und Komponisten genutzt werden sollen. An der Haltestelle „Schadowstraße“ kann an einem großen Screen der interaktiven Installation von Ursula Damm gefolgt werden. Über Algorithmen werden Bewegungen von Passanten am Eingang der Station in geometrische Muster übersetzt, die einem Kaleidoskop ähnlich, die aufgenommene Wirklichkeit in ein komplexes Muster verwandelt. Enne Haehnle schließlich ließ in der mit weißen Keramiktafeln verkleideten Haltestelle „Kirchplatz“ vier Schriftbänder in leuchtend rot gefassten und gebogenen Metallbändern anbringen. Nur aus einer jeweils bestimmten Perspektive lassen sich die einzelnen Worte entziffern, allerdings ohne dass sie sich gänzlich zu einer Aussage fügten – es bleibt ein Spielraum für Interpretation und Fantasie, die sich an den Texten entzünden kann.

Der neue Maßstab

Dass sich die städtischen Gremien bei der Gestaltung der Wehrhahnlinie nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen ließen, dass Kosten- und Zeitplan nahezu eingehalten wurden, dass die Stadt außerdem gänzlich auf Werbeflächen verzichtet hat, ist Teil der Erfolgsgeschichte. Ein Projekt dieser Dimension ist außerdem nicht umsetzbar, wenn nicht Fachplaner, Architekten und Verwaltung gut zusammenarbeiten. Meist wurde im Bereich der Haltestellen in Deckelbauweise gearbeitet, bei der der Schacht, nachdem er ausgehoben worden war, erst überdacht wurde, bevor mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen wurde. So blieb die Last für Anwohner und Passanten auf der Oberfläche einigermaßen erträglich. Lediglich an der Heinrich-Heine-Allee, wo die neue Haltestelle senkrecht an eine bestehende U-Bahnlinie angedockt werden musste und unter einem denkmalgeschützten Kaufhaus liegt, war eine andere Bauweise gefragt. Hier kam ein sogenanntes Vereisungsverfahren zum Einsatz: Im Schutz eines temporären Frostkörpers wurde das unterirdische Volumen bergmännisch freigelegt.

Dort, wo die Linien ans Tageslicht treten, ist mit weiß lasierten, skulpturalen Betoneinfassungen der Tunnelmünder der gestalterische Anspruch dokumentiert, dem man auf der ganzen Strecke so überzeugend gefolgt ist. Nun gilt es nicht nur, durch Pflege der Stationen und Festhalten an der Werbefreiheit den Schatz zu bewahren, den man sich unter der Erde angelegt hat, sondern ihn auch als guten Vorsatz für die Aufgaben zu verstehen, die weiterhin anstehen. Nicht immer hat sich Düsseldorf in der nahen Vergangenheit beim Stadtumbau mit Ruhm bekleckert, der Abriss der Hochstraße Tausendfüßler zugunsten eines Straßentunnels etwa wurde mit schmerzlich sich in den Stadtraum schneidenden Rampenanlagen teuer bezahlt. Auf dem Areal des überirdischen Verkehrsknotens, der dank der Wehrhahnlinie entbehrlich wurde, macht sich heute ein Einkaufszentrum breit. Unterirdisch hat man, das Wortspiel sei erlaubt, die Latte erfreulicherweise sehr hoch gelegt. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, sie würde auch oberirdisch zum Maßstab.

www.wehrhahnlinie-duesseldorf.de
www.netzwerkarchitekten.de
Thomas Stricker hat in Abstimmung mit den Architekten die Station der „Benrather Straße“ in ein Raumschiff verwandelt. Foto © Jörg Hempel
Animationen aus ESA- und NASA-Daten auf sechs große Screens simulieren den Flug der Station durch den Weltraum. Foto © Jörg Hempel
In der Station „Graf-Adolf-Platz“ lässt Manuel Franke den Eindruck entstehen, hier wäre die Station in einen Edelstein eingeschnitten worden. Foto © Achim Kukulies
Franke nannte seine Arbeit daher “Achat”. Foto © Jörg Hempel
In der von Ralf Bög konzipierten Station „Heinrich-Heine-Allee“ kann man drei Toninstallationen nachspüren. Foto © Jörg Hempel
Die Musik in der „Heinrich-Heine-Allee“ stammt von verschiedenen Künstlern und Komponisten (Bild links). Bild rechts: Station „Kirchplatz“. Fotos © Jörg Hempel
Enne Haehnle ließ auf die weißen Keramiktafeln der Haltestelle „Kirchplatz“ vier Schriftbänder in roten Metallbändern anbringen. Foto © Achim Kukulies
Für das „Kontinuum“ in allen Stationen wurde mit Pigmenten aufgehellter Beton in Formen gepresst. Foto © Heike Klussmann
Die Betonplatten wurden computergestützt so präzise geschnitten, dass sie trotz spitzer Winkel millimetergenau aneinander passen. Foto © Heike Klussmann
Von Heike Klussmann stammt die Gestaltung der Station „Pempelforter Straße“. Foto © Jörg Hempel
In sich überkreuzenden Bandstrukturen werden Bewegungsrichtungen optisch verlängert und damit die Geometrie der Architektur gebrochen. Foto © Jörg Hempel
An der Haltestelle „Schadowstraße“ werden auf Screens interaktive Installationen von Ursula Damm gezeigt. Photo © Achim Kukulies
Über Algorithmen werden Bewegungen von Passanten auf dem Bildschirm in geometrische Muster übersetzt. Foto © Jörg Hempel
News & Stories › 2016 › Februar
Konkrete Kunst,
unterirdisch
von Christian Holl | 24. Februar 2016
Düsseldorfs neue U-Bahn-Linie überzeugt auf allen Ebenen: architektonisch, künstlerisch wie auch bautechnisch.
Auf einer Bühne spielte eine Blaskapelle, ein mittelgroßes Riesenrad war aufgestellt worden, in Zelten wurde Infomaterial verteilt. Auf der „Kö“, der Düsseldorfer Königsallee, und am Schadowplatz standen ein paar Fressbuden. Oft regnete es. Aber nicht wegen des schlechten Wetters oder der recht überschaubaren Bemühungen, Feststimmung zu verbreiten, zog es die Menschen am 20. Februar lieber nach unten. Denn unter der Erdoberfläche war an diesem Samstag zum ersten Mal öffentlich etwas Ungewöhnliches und Aufsehenerregendes zu bestaunen: Über acht Jahre nach dem ersten Spatenstich ist die Wehrhahnlinie eröffnet worden. Bereits 2001 hatte das Darmstädter Büro Netzwerkarchitekten mit der Künstlerin Heike Klussmann den europaweiten Wettbewerb zur Gestaltung der sechs unterirdischen Stationen gewonnen, die durch einen 3,4 Kilometer langen Tunnel verbunden werden.

Die Eröffnung war wahrlich ein Grund zu feiern, aber nicht nur, weil in der von vielen Baustellen und Umbauten geplagten Landeshauptstadt ein Engpass des ÖPNV beseitigt worden ist und die City besser ins Netz eingebunden wurde. Dass bei der Eröffnung die peinliche Kraftmeierei der Politiker im Stile einer „Wir können auch Großprojekte“-Rhetorik zur Nebensache geriet, war der Architektur und der Kunst zu verdanken. Die sechs Bahnhöfe der Wehrhahnlinie, auf der vier Straßenbahnlinien verkehren, sind beeindruckender Beleg dafür, dass Qualität keine Frage der Bauaufgabe ist. Architektur als Raumkunst, Kunst als Raumimagination – das Vertrauen in ein junges Architekturbüro hat sich ausgezahlt. Netzwerkarchitekten hat neben Heike Klussmann mit fünf weiteren Künstlern zusammengearbeitet, die in einem Wettbewerb 2002 ausgewählt wurden und von Anfang an in die Gestaltung eingebunden wurden.

Konkretes Kontinuum

Verbindende Entwurfsidee war von Anfang an, aus den jeweils örtlichen Gegebenheiten eine dreidimensionale Figur zu entwickeln, die Großzügigkeit vermittelt, die über Blickbeziehungen Erdoberfläche, Verteilerebene und Bahnsteig miteinander verbindet. Luft nach oben war dabei ein wichtige Leitlinie: Mal sieht man noch vom Bahnsteig in den Himmel, hohe Lufträume oder sich nach unten weitende Tageslichtschächte wirken dem Gefühlt der Enge entgegen, der Bahnsteig ist nie isoliert vom übrigen Teil der Station. Ein von Heike Klussmann entwickeltes Muster aus Rauten, die so variieren, dass der Eindruck von Einbuchtungen und Wölbungen entsteht, findet sich an den Wänden auf der Bahnsteigebene an allen Stationen. Es stellt eine imaginäre Verbindung zwischen den Haltestellen durch die Tunnelröhren hindurch her und basiert auf der Idee, den gesamten Komplex als Kontinuum zu verstehen, wie dann auch die Arbeit Klussmanns betitelt ist.
Bemerkenswert ist auch deren Umsetzung. In einem aufwändigen Herstellungsverfahren wurde mit Pigmenten aufgehellter Beton in Formen gepresst, die anschließend computergestützt so präzise geschnitten wurden, dass sie trotz spitzer Winkel millimetergenau aneinander passen – dabei wurden auch noch die Fugen so ausgebildet, dass die Wand in Abschnitten geöffnet werden kann, falls dies aus Revisionsgründen nötig sein sollte. Konkrete Kunst also im doppelten Sinne: Die Formen verweisen nicht auf etwas ihnen Äußerliches, sie sind aber auch mit dem Material, aus dem sie bestehen und mit dem Prozess, in dem sie entstanden, untrennbar verbunden.

Von Heike Klussmann stammt außerdem die Gestaltung der Station „Pempelforter Straße“. In sich überkreuzenden Bandstrukturen, die auf Boden, Decken und Wände übertragen werden, wurden Bewegungsrichtungen aus Zugängen verlängert, an der die Geometrie der Architektur gebrochen und verzweigt, so dass eine den realen Raum überlagernde imaginäre Struktur ihn jenseits seiner tatsächlichen Grenzen fortzusetzen scheint.
Auch Manuel Franke lässt bei seiner Arbeit „Achat“ einen imaginären Raum hinter dessen tatsächlichen Grenzen entstehen. Die Glasverkleidungen der Station „Graf-Adolf-Platz“ sind aus zwei Schichten aufgebaut. Die hintere ist dunkel violett eingefärbt, die obere leuchtet in einem kräftigen Grün. Diese obere Farbschicht wurde von Franke während der Produktion so bearbeitet und partiell entfernt, dass der Eindruck entsteht, hier wäre die Bahnstation in einen bestehenden Edelstein eingeschnitten worden, dessen Maserungen sich an den Schnittkanten abzeichnen.

Zug verpassen ohne Ärgern

Am weitesten in den Bereich imaginärer Raumwelten hat sich Thomas Stricker vorgewagt: Er hat in Abstimmung mit den Architekten die Station der „Benrather Straße“ in ein Raumschiff mit genoppten Metallverkleidungen und gekippten Wänden verwandelt. Eine Vorgehensweise, die kaum möglich gewesen wäre, hätte man im oft üblichen „Kunst am Bau“-Modus den Künstler erst dann eingebunden, wenn der architektonische Entwurf nicht mehr verändert werden konnte. Stricker verwandelt die Verteilerebene in eine Kommandobrücke, Animationen aus ESA- und NASA-Daten auf sechs große Screens simulieren den Flug der Station durch den Weltraum. Die ruhige, aber dank Richtungsänderungen keineswegs monotone imaginäre Reise entfaltet eine große suggestive Kraft – nicht nur hier lässt sich ohne weiteres einmal eine Straßenbahn verpassen, ohne dass man sich darüber ärgern müsste.
In der von Ralf Bög konzipierten Station „Heinrich-Heine-Allee“ könnte man beispielsweise den drei Toninstallationen nachspüren, die über integrierte Soundsysteme abgespielt werden und die von verschiedenen Künstlern und Komponisten genutzt werden sollen. An der Haltestelle „Schadowstraße“ kann an einem großen Screen der interaktiven Installation von Ursula Damm gefolgt werden. Über Algorithmen werden Bewegungen von Passanten am Eingang der Station in geometrische Muster übersetzt, die einem Kaleidoskop ähnlich, die aufgenommene Wirklichkeit in ein komplexes Muster verwandelt. Enne Haehnle schließlich ließ in der mit weißen Keramiktafeln verkleideten Haltestelle „Kirchplatz“ vier Schriftbänder in leuchtend rot gefassten und gebogenen Metallbändern anbringen. Nur aus einer jeweils bestimmten Perspektive lassen sich die einzelnen Worte entziffern, allerdings ohne dass sie sich gänzlich zu einer Aussage fügten – es bleibt ein Spielraum für Interpretation und Fantasie, die sich an den Texten entzünden kann.

Der neue Maßstab

Dass sich die städtischen Gremien bei der Gestaltung der Wehrhahnlinie nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen ließen, dass Kosten- und Zeitplan nahezu eingehalten wurden, dass die Stadt außerdem gänzlich auf Werbeflächen verzichtet hat, ist Teil der Erfolgsgeschichte. Ein Projekt dieser Dimension ist außerdem nicht umsetzbar, wenn nicht Fachplaner, Architekten und Verwaltung gut zusammenarbeiten. Meist wurde im Bereich der Haltestellen in Deckelbauweise gearbeitet, bei der der Schacht, nachdem er ausgehoben worden war, erst überdacht wurde, bevor mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen wurde. So blieb die Last für Anwohner und Passanten auf der Oberfläche einigermaßen erträglich. Lediglich an der Heinrich-Heine-Allee, wo die neue Haltestelle senkrecht an eine bestehende U-Bahnlinie angedockt werden musste und unter einem denkmalgeschützten Kaufhaus liegt, war eine andere Bauweise gefragt. Hier kam ein sogenanntes Vereisungsverfahren zum Einsatz: Im Schutz eines temporären Frostkörpers wurde das unterirdische Volumen bergmännisch freigelegt.

Dort, wo die Linien ans Tageslicht treten, ist mit weiß lasierten, skulpturalen Betoneinfassungen der Tunnelmünder der gestalterische Anspruch dokumentiert, dem man auf der ganzen Strecke so überzeugend gefolgt ist. Nun gilt es nicht nur, durch Pflege der Stationen und Festhalten an der Werbefreiheit den Schatz zu bewahren, den man sich unter der Erde angelegt hat, sondern ihn auch als guten Vorsatz für die Aufgaben zu verstehen, die weiterhin anstehen. Nicht immer hat sich Düsseldorf in der nahen Vergangenheit beim Stadtumbau mit Ruhm bekleckert, der Abriss der Hochstraße Tausendfüßler zugunsten eines Straßentunnels etwa wurde mit schmerzlich sich in den Stadtraum schneidenden Rampenanlagen teuer bezahlt. Auf dem Areal des überirdischen Verkehrsknotens, der dank der Wehrhahnlinie entbehrlich wurde, macht sich heute ein Einkaufszentrum breit. Unterirdisch hat man, das Wortspiel sei erlaubt, die Latte erfreulicherweise sehr hoch gelegt. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, sie würde auch oberirdisch zum Maßstab.

www.wehrhahnlinie-duesseldorf.de
www.netzwerkarchitekten.de