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Lernlandschaft mit Alpenblick
von Falk Jaeger | 10. April 2010
Mit einem Schlag ist das Schweizerische Lausanne auf der Landkarte der Architekturbegeisterten aufgetaucht. Die Eidgenössische Polytechnische Hochschule EPFL schmückt sich seit kurzem mit internationaler Avantgardearchitektur. Ryue Nishizawa und Kazujo Sejima aus Tokio, die ihr Architekturbüro Sanaa nennen, haben ihren spektakulären Entwurf für das „Lernzentrum" der Hochschule realisieren können - mit tatkräftiger Unterstützung durch die Frankfurter Ingenieure Bollinger und Grohmann, die Kummer gewohnt sind, weil sie auch schon die Gedankenblitze von Coop Himmelb(l)au und Zaha Hadid in Beton und Stahl umzusetzen hatten.

Der erste Eindruck ist verblüffend. Zwei riesige Betonscheiben liegen auf dem Campus der EPFL übereinander wie ein flaches Sandwich mit gläserner Füllung. Erst aus der Nähe erkennt man, dass die obere Scheibe doch nicht aus Beton ist, sondern als leichtes Stahltragwerk von nadeldünnen Stahlrohrstützen getragen wird. Das ganze Gebäude besteht aus einem allseits verglasten, zwei Hektar großen Raumkontinuum, das unterbrochen ist durch ebenfalls gläserne Innenhöfe, runde und ovale Patios, die den Bau perforieren wie die Löcher eine Scheibe Emmentaler Käse.

Hier und da wölbt sich das Sandwich auf, so weit, dass man in die Höhlung hineingehen kann. 85 Meter weit spannt sich die Stahlbetonschale, und weil sie so ungemein flach ist, haben die Statiker lange rechnen und die Eisenbieger viel Stahl biegen müssen, um die enormen Kräfte zu bändigen.

Unter dem wunderbar spiegelglatt betonierten Gewölbe geht man hindurch und findet in einem der Innenhöfe den Haupteingang. Im Inneren empfängt eine bewegte, hügelige Landschaft den Besucher. Bald geht es bergauf, bald bergab. Wo Tische oder Bücherregale stehen, im Restaurant oder in der Bibliothek, ist der Boden horizontal. Dann fällt er wieder ab, so steil, dass unsportliche Zeitgenossen lieber den flacheren Serpentinenweg wählen. Ein konkav gebogener Hügel bildet das Auditorium des Vortragssaals, ein anderer eine Sitzlandschaft mit Alpenpanorama.

Rolex Learning Center heißt der 110-Millionen-Franken-Bau nach seinem Hauptsponsor, und das ist wahrlich nicht zu übersehen. Denn die mehrfach sichtbaren Wanduhren im Rolex-Stil harmonieren kaum mit der minimalistischen, ganz in weiß gehaltenen Architektur.

Ein „Lernort der Zukunft" soll hier architektonisch vorgeführt werden - hell, offen und flexibel. Kommunikation und Vernetzung ist das Credo, deshalb ist der auf- und abwiegende Raum nicht durch Wände unterbrochen. Geschlossene WC- und Treppenhauskerne stehen, ohne Kontakt zur Decke, wie Möbel im Raum. Nur der Vortragssaal kann durch eine Schiebewand abgetrennt werden.

Der durchlaufende hellgraue Teppichboden hat segensreiche akustische Wirkung, die verhältnismäßig niedrige Decke senkt den Nachhall. Dennoch mangelt es an Ruhe und hier und da sind merkwürdige, den vielen Rundformen geschuldete akustische Phänomene zu erleben. Ob man nicht auch in Zukunft Bedarf an ungestörten, abgeschlossenen Räumen haben wird, in denen sich konzentriert arbeiten lässt? Die meisten der 800 Arbeitsplätze sind jedenfalls nicht von kontemplativer Art und nur wenige gläserne Studierzellen stehen bereit, in denen man wenigstens akustisch abgeschirmt ist.

In der Südwestecke, offen und in bester Aussichtsposition, liegt das elegante Gourmetrestaurant „La Table de Valotton". Die womöglich zahlreichen Architekturtouristen werden bei Tisch den freien Rundumblick durch das faszinierende Raumkontinuum genießen, hinab zum Genfer See und, wenn ihnen das Wetter hold ist, bis zum Panorama der Alpen. Sie werden die Anreise nicht bereuen, denn das Rolex Learning Center bietet ein Architekturerlebnis der unvergesslichen Art.
Rolex Learning Center an der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule in Lausanne
Rolex Learning Center an der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule in Lausanne
Rolex Learning Center an der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule in Lausanne
Rolex Learning Center an der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule in Lausanne
Centre for Micro Nano Technologie