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Lies mich!
von Knuth Hornbogen | 13. Januar 2012
Cover von „Read me!“, Buchfoto © David Giebel, Stylepark

Seit Sommer 2010 wirbt die Versicherung Ergo mit netten Sprüchen. Kunden, so eine der Hauptthesen, wollen nicht weiter verwirrt und hinters Licht geführt werden. Sie wollen verstehen. Hilfe bekommen. Und sie wollen Sicherheit. „Könnt ihr nicht einfach mal anfangen mich zu versichern – und aufhören, mich zu verunsichern?" fragt das gut aussehende Webegesicht– und lehnt sich gelassen in seinen Ledersessel zurück. Natürlich wird es niemals in dieser Welt eine Versicherung geben, die diese Forderung erfüllt. Der junge Mann indes dürfte in seiner Suche nach besserem Verstehen nicht allein sein. Denn Verstehen und Durchblick bekommen, das wollen viele. Jeden Tag. Gewiss nicht nur bei Versicherungen.

Das mit dem Durchblick ist so eine Sache. Auch viele Designer beschäftigen sich mit diesem Thema, wenngleich weniger marktschreierisch. Nimmt die Gestaltung von Gegenständen, seien es Kaffeemaschinen, Akkubohrer oder Websites, doch immer auch deren Bedienung in den Blick. Und will diese verbessern. Nicht bloß Werbung machen, Verpackung verschönern. Denn das Entwickeln neuer Artefakte zielt – zumindest in einem Design, das sich als idealistisch begreift – immer auch auf die Vereinfachung des Lebens ab. Und die ist ideal erreicht, wenn es gelingt, auf Bedienungsanleitungen und Beipackzettel zu verzichten. Ist das Design schon so weit? Kommen die Menschen mit all den Dingen, die uns umgeben, klar? Gibt es bereits alltägliche Techniken oder Praktiken, die das Improvisieren und Probieren vor das Studieren von Bedienungsanleitungen stellen?

Zugegeben: Der Anteil des Designschaffens, der Style ist, der nette Formen findet, die sich besser verkaufen lassen als alte, dominiert: Er dringt eher an die Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung. So gelangen Designstars, die unpraktische Möbel entwerfen, schneller in die Magazine, als Designer, die sich akribisch der einfacheren Bedienung eines Schaufelbaggers zuwenden oder ein Bügeleisen so entwerfen, dass beim Wasser einfüllen nicht die ganze Wohnung überschwemmt wird. Auch ist die Resonanz viel lauter, wenn – vermeintliche – Konventionen gebrochen werden. Da applaudiert das Feuilleton. Altgediente Intellektuelle erfreuen sich geschwind über das Ende irgendeiner Vormacht, Überwindung von Alltag, so Sprüche eben. Wer hingegen den – viel schwierigeren – Versuch unternimmt, Bedienungskonventionen, die existieren, gestalterisch zu befriedigen und es so schafft, Komplexität zu reduzieren, der gelangt damit kaum nicht ins Rampenlicht. Die Stereotypen sind klar: Jubelten auf der einen Seite die Helden der Kunst, frickeln auf der anderen Seite die spaßfreien Ingenieure und Usability-Designer an Details, die sklavisch dem Funktionalismus folgen. Doch: Ist das so? Wird es so bleiben?

Wer heute einen Blick in Bedienungsanleitungen wirft, hat in aller Regel viel Vergnügen. Mit meist hilflosen Bildchen wird erklärt, was zu tun ist, um die Technik endlich für den Menschen produktiv werden zu lassen. Im Grunde wird mit den Bildbänden illustriert, was der Designer zuvor nicht hin bekommen hat: Nämlich, dass der User versteht, was er mit der Dingwelt anfangen soll. Die Grafik in pflichtschuldigen Druckerzeugnissen muss einspringen, wo der Produktdesigner versagt hat. Erstaunlich ist, dass sich mit dieser Art von medialer Vermittlung kaum jemand systematisch auseinandergesetzt hat.

Dahingegen liefert die Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung, die Jasmin Meerhoff jüngst unter dem Titel „Read me!" veröffentlicht hat, eine gut durchdachte Betrachtungsweise. Sie richtet erstmals einen präzisen Blick auf das Genre der Erklärtexte und -bilder. Designer, die sich dieser Thematik mal auf dem grundsätzlichen Pfad, dem philosophischen, zugewendet haben, dürften hier erneut mit Schlagworten der Zuhandenheit versus der bloßen Vorhandenheit konfrontiert werden. Allerlei Begriffe, die im Kontext von Interfacedesign, Usability und in Mensch-Maschine-Schittstellen-Texten immer wieder vorkommen. Ansätze eben, mit denen sich Martin Heidegger in Diskussionen um die Dingwelt unsterblich gemacht hat. Erstaunlicherweise kommt der Exkurs ganz ohne Verweise auf den Medienphilosophen Vilém Flusser aus, der viel Lehrreiches für Designer zu Papier gebracht hat und immer wieder die Skepsis der Technik gegenüber befeuerte – ohne dabei schlechte Laune zu verbreiten, man denke an „Der Hebel schlägt zurück".

Dennoch: Das Buch „Read me!", entstanden aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität in Weimar, ist eine große Bereicherung. Eine gutgelaunte und bisweilen fast unterhaltsam geschriebene noch dazu. Was mutig ist, schließlich ist nichts in der Wissenschaft schädlicher, als Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit, die immer mit prekärer Reputierlichkeit buhlt. (Womit die wissenschaftliche Textkompliziertheit, ganz nebenbei, vergleichbar ist mit der Techniklust von Ingenieuren, die sich mehr um ihre Geräte als um die Benutzer kümmern.) Immerhin ist der Ansatz, die Problematik der Bedienungsanleitung einmal systematisch auf den Zahn zu fühlen, äußerst erhellend. Schließlich zeigt sie auch auf, dass das skizzenhafte Erklären bis zu Leonardo da Vinci zurückreicht und sich in Schritten verfeinert und gewandelt hat.

Stellenweise kommt die Autorin um Komik nicht herum, auch Dramen gibt es zu erzählen. So berichtet ein Technikredakteur, der für die Erstellung von Bedienungsanleitungen zuständig war, welchen geringen Stellenwert die Redaktion im Hause hatte: „Von einem neuen Produkt wurden fünf Prototypen hergestellt. Davon gingen drei zum Dauerlauf, einer ging zur Unternehmensleitung und der fünfte zum Fotografen. Zu uns kam keiner." Wie sich bei mehr Aufwand die Ergebnisse verbessert hätten, bleibt offen.

Der Blick in die Vergangenheit mag als Grundlage dienen, um spekulativ in die Zukunft zu schauen. Denn Nutzen und Erlernen fallen inzwischen immer mehr zusammen. Galt es beim Fernseher oder den Videorekordern alter Tage noch systematisch vorzugehen, erst das Lesen und Lernen, dann der Nutzen, scheint sich diese Linearität aufzulösen. Das Experimentieren schiebt sich vor das Expertentum. Vor allem im Bereich der Kommunikationsgeräte ist das schon deutlich zu beobachten. Allen voran dürften die Geräte von Apple auch weiterhin neue Wege des Gebrauchens aufzeigen. Ohne Bedienungsanleitung kommen iPhone, iPad und all die anderen iGeräte schon lange aus. Und wenn das Fernsehen von Apple erst kommt, braucht plötzlich niemand mehr ein Manual, um Herr über Bild und Ton zu werden. Das aber mag auch daran liegen, dass sich hier ein Unternehmen der Computerbranche nicht über technische Leistungen definiert hat. Stattdessen schaute man immer auf den Nutzen, die Freude, den Spaß, den Unterhaltungswert – ohne darin ideologische Widersprüche zu entdecken. An die Stelle des einmaligen Lernens und dann ewig gleich Reproduzierens tritt vielleicht gerade eine Kultur des Drauflosprobierens. Denn der Anspruch, ein Gerät komplett zu durchschauen, alles zu können und zu kennen, scheint heute eine so realistische Forderung, wie das Verlangen nach einer Versicherung, die einen versteht.

Read me!
Von Jasmin Meerhoff
Softcover, 152 Seiten, deutsch
Transcript, Bielefeld, 2011
19,80 Euro
www.transcript-verlag.de

Anweisungen zur Nutzung von Kaffeemaschinen aus mehreren Jahrzehnten, Buchfoto © David Giebel, Stylepark
Aber auch der Batteriewechsel von Fernbedienungen will gelernt sein, Buchfoto © David Giebel, Stylepark
Bedienungsanleitungen von Blaupunkt, Buchfoto © David Giebel, Stylepark
Winde zum Heben schwerer Gewichte von Leonardo da Vinci, Buchfoto © David Giebel, Stylepark
Die folgenden Abbildungen stammen nicht aus der Publikation „Read me!", sondern wurden von Stylepark zusammen gestellt.
Sicherheitsanweisungen von Emirates Airlines © Emirates
Und so sollte man einen Fön benutzen © Rowenta
Bestandteile einer Friteuse © Termozeta
Aufbau einer „DL-270 Zoom” © Fujifilm
Grafik ähnlich eines Kontaktabzugs © Fujifilm
Handbuch eines Moduls für eine Stereoanlage © Marantz
Hier kann man mehr über einen „Stereo Power Amplifier” lernen © Accuphase
News & Stories › 2012 › Januar
Lies mich!
von Knuth Hornbogen | 13. Januar 2012
Hier gibt es nichts zu beschönigen – Gebrauchsanleitungen haben nicht den besten Ruf. Gut, dass sich immer mehr Produkte intuitiv begreifen lassen, iPhones kommen ohne Manual aus. Vielleicht ist das gerade auch der richtige Moment, Gebrauchsanleitungen umfassend zu betrachten, und sei es retrospektiv. Das Buch „Read me!" von Jasmin Meerhoff bietet überraschend unterhaltsame Einblicke in ein sonst missachtetes Genre.
Seit Sommer 2010 wirbt die Versicherung Ergo mit netten Sprüchen. Kunden, so eine der Hauptthesen, wollen nicht weiter verwirrt und hinters Licht geführt werden. Sie wollen verstehen. Hilfe bekommen. Und sie wollen Sicherheit. „Könnt ihr nicht einfach mal anfangen mich zu versichern – und aufhören, mich zu verunsichern?" fragt das gut aussehende Webegesicht– und lehnt sich gelassen in seinen Ledersessel zurück. Natürlich wird es niemals in dieser Welt eine Versicherung geben, die diese Forderung erfüllt. Der junge Mann indes dürfte in seiner Suche nach besserem Verstehen nicht allein sein. Denn Verstehen und Durchblick bekommen, das wollen viele. Jeden Tag. Gewiss nicht nur bei Versicherungen.

Das mit dem Durchblick ist so eine Sache. Auch viele Designer beschäftigen sich mit diesem Thema, wenngleich weniger marktschreierisch. Nimmt die Gestaltung von Gegenständen, seien es Kaffeemaschinen, Akkubohrer oder Websites, doch immer auch deren Bedienung in den Blick. Und will diese verbessern. Nicht bloß Werbung machen, Verpackung verschönern. Denn das Entwickeln neuer Artefakte zielt – zumindest in einem Design, das sich als idealistisch begreift – immer auch auf die Vereinfachung des Lebens ab. Und die ist ideal erreicht, wenn es gelingt, auf Bedienungsanleitungen und Beipackzettel zu verzichten. Ist das Design schon so weit? Kommen die Menschen mit all den Dingen, die uns umgeben, klar? Gibt es bereits alltägliche Techniken oder Praktiken, die das Improvisieren und Probieren vor das Studieren von Bedienungsanleitungen stellen?

Zugegeben: Der Anteil des Designschaffens, der Style ist, der nette Formen findet, die sich besser verkaufen lassen als alte, dominiert: Er dringt eher an die Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung. So gelangen Designstars, die unpraktische Möbel entwerfen, schneller in die Magazine, als Designer, die sich akribisch der einfacheren Bedienung eines Schaufelbaggers zuwenden oder ein Bügeleisen so entwerfen, dass beim Wasser einfüllen nicht die ganze Wohnung überschwemmt wird. Auch ist die Resonanz viel lauter, wenn – vermeintliche – Konventionen gebrochen werden. Da applaudiert das Feuilleton. Altgediente Intellektuelle erfreuen sich geschwind über das Ende irgendeiner Vormacht, Überwindung von Alltag, so Sprüche eben. Wer hingegen den – viel schwierigeren – Versuch unternimmt, Bedienungskonventionen, die existieren, gestalterisch zu befriedigen und es so schafft, Komplexität zu reduzieren, der gelangt damit kaum nicht ins Rampenlicht. Die Stereotypen sind klar: Jubelten auf der einen Seite die Helden der Kunst, frickeln auf der anderen Seite die spaßfreien Ingenieure und Usability-Designer an Details, die sklavisch dem Funktionalismus folgen. Doch: Ist das so? Wird es so bleiben?

Wer heute einen Blick in Bedienungsanleitungen wirft, hat in aller Regel viel Vergnügen. Mit meist hilflosen Bildchen wird erklärt, was zu tun ist, um die Technik endlich für den Menschen produktiv werden zu lassen. Im Grunde wird mit den Bildbänden illustriert, was der Designer zuvor nicht hin bekommen hat: Nämlich, dass der User versteht, was er mit der Dingwelt anfangen soll. Die Grafik in pflichtschuldigen Druckerzeugnissen muss einspringen, wo der Produktdesigner versagt hat. Erstaunlich ist, dass sich mit dieser Art von medialer Vermittlung kaum jemand systematisch auseinandergesetzt hat.

Dahingegen liefert die Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung, die Jasmin Meerhoff jüngst unter dem Titel „Read me!" veröffentlicht hat, eine gut durchdachte Betrachtungsweise. Sie richtet erstmals einen präzisen Blick auf das Genre der Erklärtexte und -bilder. Designer, die sich dieser Thematik mal auf dem grundsätzlichen Pfad, dem philosophischen, zugewendet haben, dürften hier erneut mit Schlagworten der Zuhandenheit versus der bloßen Vorhandenheit konfrontiert werden. Allerlei Begriffe, die im Kontext von Interfacedesign, Usability und in Mensch-Maschine-Schittstellen-Texten immer wieder vorkommen. Ansätze eben, mit denen sich Martin Heidegger in Diskussionen um die Dingwelt unsterblich gemacht hat. Erstaunlicherweise kommt der Exkurs ganz ohne Verweise auf den Medienphilosophen Vilém Flusser aus, der viel Lehrreiches für Designer zu Papier gebracht hat und immer wieder die Skepsis der Technik gegenüber befeuerte – ohne dabei schlechte Laune zu verbreiten, man denke an „Der Hebel schlägt zurück".

Dennoch: Das Buch „Read me!", entstanden aus einer Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität in Weimar, ist eine große Bereicherung. Eine gutgelaunte und bisweilen fast unterhaltsam geschriebene noch dazu. Was mutig ist, schließlich ist nichts in der Wissenschaft schädlicher, als Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit, die immer mit prekärer Reputierlichkeit buhlt. (Womit die wissenschaftliche Textkompliziertheit, ganz nebenbei, vergleichbar ist mit der Techniklust von Ingenieuren, die sich mehr um ihre Geräte als um die Benutzer kümmern.) Immerhin ist der Ansatz, die Problematik der Bedienungsanleitung einmal systematisch auf den Zahn zu fühlen, äußerst erhellend. Schließlich zeigt sie auch auf, dass das skizzenhafte Erklären bis zu Leonardo da Vinci zurückreicht und sich in Schritten verfeinert und gewandelt hat.

Stellenweise kommt die Autorin um Komik nicht herum, auch Dramen gibt es zu erzählen. So berichtet ein Technikredakteur, der für die Erstellung von Bedienungsanleitungen zuständig war, welchen geringen Stellenwert die Redaktion im Hause hatte: „Von einem neuen Produkt wurden fünf Prototypen hergestellt. Davon gingen drei zum Dauerlauf, einer ging zur Unternehmensleitung und der fünfte zum Fotografen. Zu uns kam keiner." Wie sich bei mehr Aufwand die Ergebnisse verbessert hätten, bleibt offen.

Der Blick in die Vergangenheit mag als Grundlage dienen, um spekulativ in die Zukunft zu schauen. Denn Nutzen und Erlernen fallen inzwischen immer mehr zusammen. Galt es beim Fernseher oder den Videorekordern alter Tage noch systematisch vorzugehen, erst das Lesen und Lernen, dann der Nutzen, scheint sich diese Linearität aufzulösen. Das Experimentieren schiebt sich vor das Expertentum. Vor allem im Bereich der Kommunikationsgeräte ist das schon deutlich zu beobachten. Allen voran dürften die Geräte von Apple auch weiterhin neue Wege des Gebrauchens aufzeigen. Ohne Bedienungsanleitung kommen iPhone, iPad und all die anderen iGeräte schon lange aus. Und wenn das Fernsehen von Apple erst kommt, braucht plötzlich niemand mehr ein Manual, um Herr über Bild und Ton zu werden. Das aber mag auch daran liegen, dass sich hier ein Unternehmen der Computerbranche nicht über technische Leistungen definiert hat. Stattdessen schaute man immer auf den Nutzen, die Freude, den Spaß, den Unterhaltungswert – ohne darin ideologische Widersprüche zu entdecken. An die Stelle des einmaligen Lernens und dann ewig gleich Reproduzierens tritt vielleicht gerade eine Kultur des Drauflosprobierens. Denn der Anspruch, ein Gerät komplett zu durchschauen, alles zu können und zu kennen, scheint heute eine so realistische Forderung, wie das Verlangen nach einer Versicherung, die einen versteht.

Read me!
Von Jasmin Meerhoff
Softcover, 152 Seiten, deutsch
Transcript, Bielefeld, 2011
19,80 Euro
www.transcript-verlag.de