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Gewinner des Internationalen Hochhaus Preises 2014: Die Wohnhochhäuser „Bosco Verticale“ in Mailand vom italienischen Architekten Stefano Boeri und dem Bauherrn Manfredi Catella von Hines Italia. Foto © Kirsten Bucher
Mailänder Hochwald
von Martina Metzner
20. November 2014
„Schon bald werden 70 Prozent aller Menschen der Erde in Städten leben. Eine immense Herausforderung, besonders auch an Stadtplanung und Architektur. Dem Hochhaus wird in diesem Kontext eine immer wichtigere Rolle zukommen.“ So hat es der Jurypräsident Christoph Ingenhoven bei der Preisverleihung des Internationalen Hochhauspreises 2014 in der Frankfurter Paulskirche ausgedrückt. Der Preis war vor zehn Jahren von der Stadt Frankfurt in Kooperation mit dem Deutschen Architekturmuseum und der Deka-Bank aus der Taufe gehoben worden und wird seitdem alle zwei Jahre verliehen. Dass der italienische Architekt Stefano Boeri und der Bauherr Manfredi Catella von Hines Italia mit ihrem „Bosco Verticale“ – einem gleichsam bewaldeten Wohn-Hochhaus, das seit ein paar Wochen fertiggestellt ist und in gleich zwei bezugsfertigen Exemplaren in Mailand steht – den mit 50.000 Euro dotierten Preis gewonnen haben, passt da nur ins Bild, das Ingenhoven skizziert. Die Expertenjury, die aus 800 Einreichungen 26 Projekte aus 17 Ländern nominiert hatten, wovon fünf in die Finalrunde kamen, bezeichnet das „Waldhochhaus“ gar als „Prototyp für die Städte von morgen“.

Ganze 900 Bäume und weitere Pflanzen hüllen die 80 beziehungsweise 112 Meter hohen Bauten im Norden von Mailand ein, deren schwarze Fassade von unregelmäßig auskragenden Balkonen durchbrochen wird, auf denen die Pflanzen wachsen. Rund ein Hektar bepflanzte Fläche hat Stefano Boeri, der neben seiner Tätigkeit als Architekt auch als Herausgeber von „Domus“ und „Abitare“ tätig war, damit in den Stadtteil rund um die Via Federico Confalonieri geholt – und schlägt damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Einerseits begünstige die Bepflanzung begünstige das Mikroklima von Mailand, einer der europäischen Städte mit der höchsten Einwohnerdichte pro Quadratmeter und besonders wenig Grün im Stadtbild. Andererseits kommen in den hängenden Gärten Menschen, die im urbanen Raum stets von Technologie und versiegelter Fläche umgeben sind, wieder in Kontakt mit der Natur. „Jeder habe seinen eigenen Wald“, heißt es in der Pressemitteilung.

Lange hat man in Zusammenarbeit mit Botanikern und Gartenbauern an der Umsetzung dieses Projekts geforscht und gearbeitet. So mussten die Bäume etwa Tests im Windkanal bestehen und für die Pflanztröge eine besondere Erde aus Lavagestein entwickelt werden. Die Pflanzen, die im Übrigen befestigt sind, sodass sie bei starkem Wind nicht herunterfliegen können, werden zudem über ein ausgeklügeltes Bewässerungsmanagement versorgt – und außerdem von Gärtnern permanent gepflegt. Denn die Bewohner kommen zwar in den Genuss des Grüns, einen grünen Daumen aber brauchen sie nicht, zu speziell sind die Anforderungen an die Pflege der Hochauspflanzen. Dass die Wohnungen mit Preisen ab 9000 Euro pro Quadratmeter nur für privilegierte Menschen in Frage kommen, steht auf einem anderen Blatt. Boeri meint dazu, er entwickle gerade ein ähnliches Wohnhaus in China, dass auch für andere soziale Schichten erschwinglich werden soll.

Schaut man sich die vorherigen Preisträger an wie „1 Blight Street“ in Sydney von Michael Ingenhoven (2012), „The Met“ in Bangkok von WOHA Architects (2010), das „Hearst Building“ in New York von Foster+Partners (2008), „Torre Agbar“ in Barcelona von Jean Nouvel (2006) sowie „De Hoftoren“ in Den Haag von Kohn Pedersen Fox (2004), so steht der „Bosco Verticale“ durchaus für eine neuartige Architektur: Es geht weniger um die kühne ästhetische Geste oder herausragende Ingenieurleistung, als vielmehr um neuartige Lebenskonzepte – die angesichts klimatischer Umwälzungen, Energieproblemen sowie gesellschaftlicher Herausforderungen mehr denn je zu einem zentralen Anliegen von Architektur werden.

Dementsprechend weisen auch die Projekte der vier anderen Finalisten ökologische Vorteile auf: Bei „One Central Park“ von Jean Nouvel im australischen Sydney spenden Sonnenreflektoren schattigen Bereichen Licht und sparen dadurch Energie. Beim „Barcelona Fiera Hotel“, ebenfalls von Jean Nouvel, sind es außen- und innenliegende Gärten, die das Klimamanagement des Hauses verbessern. Und selbst beim mächtigen „de Rotterdam“ von Rem Koolhaas (OMA) sowie beim „Sliced Porosity Block“ im chinesischen Chengdu von Steven Holl, das durch seine verschränkte Silhouette wohl als die zeitgeistigste Form in dieser Reihe gelten kann, sind nachhaltige, energieeffiziente Aspekte berücksichtigt worden.

Von der Idee, dass wir Menschen einst auf Bäumen wohnten und in Nestern nächtigten, mit der Michael Ingenhoven in seiner Laudatio auf Stefano Boeri auf die grundlegende Leistung von Architektur hingewiesenen hat , scheint der „Bosco Verticale“ jedenfalls nicht weit entfernt – auch wenn dieser Hochwald sicher nicht der erste seiner Art ist – man denke da an Ot Hoffmanns „Baumhaus“ in Darmstadt von 1971 und an die aktuellen innerstädtischen Begrünungs-Bewegungen. So gilt wohl auch hier der gute alte Spruch, je mehr wir uns von der Natur entfernen, umso mehr sehnen wir uns nach ihr zurück. Aber so gut dieser Ansatz gemeint auch ist, so stellt sich doch auch die Frage, ob hier nur dem Anschein nach ökologisch korrekt gehandelt wird. Schließlich braucht ein Hochhaus voller Pflanzen und Bäume in schwindelerregender Höhe viel Energie zu seiner Instandhaltung, ganz abgesehen vom Aufwand zu seiner Realisierung. Steht am Ende tatsächlich ein klimatisches Plus, auf das Architekt, Bauherr und Jury gern hinweisen? Oder bleibt doch nur „das grüne Gefühl“, schön zu wohnen und dabei etwas für die Umwelt getan zu haben?


www.stefanoboeriarchitetti.net

www.international-highrise-award.com
800 Bäume, 11.000 Bodendecker und 5000 Sträuchern umhüllen die Wohnhäuser. Foto © Kirsten Bucher
Stefano Boeri empfängt den mit 50000 Euro dotierten Preis von Matthias Danne, Vorstandsmitglied des Preis-Sponsors Deka-Bank. Foto © Alexander Paul Englert
Die Bepflanzung führt zur Absorbierung von Staub und CO2, trägt zu einem angenehmen Mikroklima bei und dient zugleich als Sonnen- und Lärmschutz. Foto © Boeri Studio
Die Hochhäuser sind Teil eines Revitalisierungsprojekts der Stadt Mailand, dem Programm „Metro-bosco“. Foto © Kirsten Bucher
„Sliced Porosity Block“ im chinesischen Chengdu von Steven Holl kann durch seine verschränkte Silhouette wohl als die zeitgeistigste Form in dieser Reihe gelten. Foto © Iwan Baan
Zehn Jahre Entwicklungs- und Bauzeit: Seit November ist das mächtige “De Rotterdam” (151,3 Meter) von Rem Koolhaas (OMA) – auch ein Finalist beim Award – eröffnet. Foto © Ossip van Duivenbode
42 Sonnenreflektoren spenden Licht in schattige Bereiche: der Finalist “One central Park” (116 Meter and 64,5 Meter) in Sydney von Jean Nouvel. Foto © Simon Wood
Hängende Gärten hinter eine abgesetzten Fassade: das „Renaissance Barcelona Fira Hotel“ in Barcelona von Jean Nouvel sorgt für natürliche Frische. Foto © Roland Halbe
Gewinner und Jury (v.l.n.r.): Die Architekten Gianandrea Barreca, Manfredi Catella, Giovanni La Varra und Stefano Boeri neben Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth, DAM-Direktor Peter Cachola-Schmal, Deka-Vorstand Matthias Danne sowie die Grünplanerin Laura Gatti und Architekt Davor Popovic. Foto © Alexander Paul Englert
News & Stories › 2014 › November
Mailänder Hochwald
von Martina Metzner | 20. November 2014
Die Auszeichnung des „Bosco Verticale“ von Stefano Boeri mit dem diesjährigen Internationalen Hochhauspreis ist ebenso überraschend wie konsequent. Ob das Beispiel Schule macht?
„Schon bald werden 70 Prozent aller Menschen der Erde in Städten leben. Eine immense Herausforderung, besonders auch an Stadtplanung und Architektur. Dem Hochhaus wird in diesem Kontext eine immer wichtigere Rolle zukommen.“ So hat es der Jurypräsident Christoph Ingenhoven bei der Preisverleihung des Internationalen Hochhauspreises 2014 in der Frankfurter Paulskirche ausgedrückt. Der Preis war vor zehn Jahren von der Stadt Frankfurt in Kooperation mit dem Deutschen Architekturmuseum und der Deka-Bank aus der Taufe gehoben worden und wird seitdem alle zwei Jahre verliehen. Dass der italienische Architekt Stefano Boeri und der Bauherr Manfredi Catella von Hines Italia mit ihrem „Bosco Verticale“ – einem gleichsam bewaldeten Wohn-Hochhaus, das seit ein paar Wochen fertiggestellt ist und in gleich zwei bezugsfertigen Exemplaren in Mailand steht – den mit 50.000 Euro dotierten Preis gewonnen haben, passt da nur ins Bild, das Ingenhoven skizziert. Die Expertenjury, die aus 800 Einreichungen 26 Projekte aus 17 Ländern nominiert hatten, wovon fünf in die Finalrunde kamen, bezeichnet das „Waldhochhaus“ gar als „Prototyp für die Städte von morgen“.

Ganze 900 Bäume und weitere Pflanzen hüllen die 80 beziehungsweise 112 Meter hohen Bauten im Norden von Mailand ein, deren schwarze Fassade von unregelmäßig auskragenden Balkonen durchbrochen wird, auf denen die Pflanzen wachsen. Rund ein Hektar bepflanzte Fläche hat Stefano Boeri, der neben seiner Tätigkeit als Architekt auch als Herausgeber von „Domus“ und „Abitare“ tätig war, damit in den Stadtteil rund um die Via Federico Confalonieri geholt – und schlägt damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Einerseits begünstige die Bepflanzung begünstige das Mikroklima von Mailand, einer der europäischen Städte mit der höchsten Einwohnerdichte pro Quadratmeter und besonders wenig Grün im Stadtbild. Andererseits kommen in den hängenden Gärten Menschen, die im urbanen Raum stets von Technologie und versiegelter Fläche umgeben sind, wieder in Kontakt mit der Natur. „Jeder habe seinen eigenen Wald“, heißt es in der Pressemitteilung.

Lange hat man in Zusammenarbeit mit Botanikern und Gartenbauern an der Umsetzung dieses Projekts geforscht und gearbeitet. So mussten die Bäume etwa Tests im Windkanal bestehen und für die Pflanztröge eine besondere Erde aus Lavagestein entwickelt werden. Die Pflanzen, die im Übrigen befestigt sind, sodass sie bei starkem Wind nicht herunterfliegen können, werden zudem über ein ausgeklügeltes Bewässerungsmanagement versorgt – und außerdem von Gärtnern permanent gepflegt. Denn die Bewohner kommen zwar in den Genuss des Grüns, einen grünen Daumen aber brauchen sie nicht, zu speziell sind die Anforderungen an die Pflege der Hochauspflanzen. Dass die Wohnungen mit Preisen ab 9000 Euro pro Quadratmeter nur für privilegierte Menschen in Frage kommen, steht auf einem anderen Blatt. Boeri meint dazu, er entwickle gerade ein ähnliches Wohnhaus in China, dass auch für andere soziale Schichten erschwinglich werden soll.

Schaut man sich die vorherigen Preisträger an wie „1 Blight Street“ in Sydney von Michael Ingenhoven (2012), „The Met“ in Bangkok von WOHA Architects (2010), das „Hearst Building“ in New York von Foster+Partners (2008), „Torre Agbar“ in Barcelona von Jean Nouvel (2006) sowie „De Hoftoren“ in Den Haag von Kohn Pedersen Fox (2004), so steht der „Bosco Verticale“ durchaus für eine neuartige Architektur: Es geht weniger um die kühne ästhetische Geste oder herausragende Ingenieurleistung, als vielmehr um neuartige Lebenskonzepte – die angesichts klimatischer Umwälzungen, Energieproblemen sowie gesellschaftlicher Herausforderungen mehr denn je zu einem zentralen Anliegen von Architektur werden.

Dementsprechend weisen auch die Projekte der vier anderen Finalisten ökologische Vorteile auf: Bei „One Central Park“ von Jean Nouvel im australischen Sydney spenden Sonnenreflektoren schattigen Bereichen Licht und sparen dadurch Energie. Beim „Barcelona Fiera Hotel“, ebenfalls von Jean Nouvel, sind es außen- und innenliegende Gärten, die das Klimamanagement des Hauses verbessern. Und selbst beim mächtigen „de Rotterdam“ von Rem Koolhaas (OMA) sowie beim „Sliced Porosity Block“ im chinesischen Chengdu von Steven Holl, das durch seine verschränkte Silhouette wohl als die zeitgeistigste Form in dieser Reihe gelten kann, sind nachhaltige, energieeffiziente Aspekte berücksichtigt worden.

Von der Idee, dass wir Menschen einst auf Bäumen wohnten und in Nestern nächtigten, mit der Michael Ingenhoven in seiner Laudatio auf Stefano Boeri auf die grundlegende Leistung von Architektur hingewiesenen hat , scheint der „Bosco Verticale“ jedenfalls nicht weit entfernt – auch wenn dieser Hochwald sicher nicht der erste seiner Art ist – man denke da an Ot Hoffmanns „Baumhaus“ in Darmstadt von 1971 und an die aktuellen innerstädtischen Begrünungs-Bewegungen. So gilt wohl auch hier der gute alte Spruch, je mehr wir uns von der Natur entfernen, umso mehr sehnen wir uns nach ihr zurück. Aber so gut dieser Ansatz gemeint auch ist, so stellt sich doch auch die Frage, ob hier nur dem Anschein nach ökologisch korrekt gehandelt wird. Schließlich braucht ein Hochhaus voller Pflanzen und Bäume in schwindelerregender Höhe viel Energie zu seiner Instandhaltung, ganz abgesehen vom Aufwand zu seiner Realisierung. Steht am Ende tatsächlich ein klimatisches Plus, auf das Architekt, Bauherr und Jury gern hinweisen? Oder bleibt doch nur „das grüne Gefühl“, schön zu wohnen und dabei etwas für die Umwelt getan zu haben?


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