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Mailand, bevor die Asche kam – Teil 1
von Thomas Wagner | 20. April 2010
In Mailand war es sonnig, aber auch etwas kühl. Alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen, bis die Asche aus Island kam. Unsichtbar, unmerklich. Die Skandinavier waren die ersten, die von der Wolke berichteten, die aus dem Vulkan Eyjafjallajökull quoll und längst dabei war, sich über ganz Europa auszubreiten. Am Freitag sollte sie den Flugverkehr fast ganz zum Erliegen bringen. Als am späten Donnerstag Abend die Schlange vor der Halle La Pelota länger und länger wurde, in der Established & Sons traditionell zu einer der begehrtesten Partys bat, wurde die allgemeine Nervosität noch einmal in Musik und Wodka ertränkt. Es sollte nichts helfen. Viele steckten fest.

Ein kleines Band oder Von den Ayoreo lernen

Hätten, so dachte ich am Freitag, als wir nach einer Möglichkeit suchten, wie wir ohne fliegen zu müssen zurückkommen könnten, all die Gestrandeten doch wenigstens ein Exemplar von „Chairless" dabei, einem kleinen Band, das Alejandro Aravena für Vitra ersonnen hat, so könnten sie, wenn sie schon warten mussten, wenigstens überall entspannt sitzen. Aravena war, als er darüber nachdachte, wie ein möglichst einfacher Stuhl gebaut sein müsste, bei den Ayoreo-Indianern aus Paraguay auf ein Sitzband gestoßen. Auch in der überarbeiteten industriellen Version ist es simpel, aber verblüffend bequem. Ich hab es ausprobiert: Man steigt hinein und zieht es im Sitzen über den Rücken und die Knie - fertig! Sitzen wir auf dem Boden, so legen wir intuitiv unsere Arme um unsere Beine, um den Rücken zu entlasten. Das übernimmt nun Chairless, wodurch man entspannt sitzt und weniger schnell ermüdet. Und: Man hat die Arme frei, um zu essen, zu trinken, zu lesen, zu schreiben oder zu telefonieren - auch in überfüllten Zügen, in denen alle regulären Sitzplätze belegt sind.

In seiner Radikalität ist Chairless ein Paradebeispiel dafür, wie man mit wenig viel erreichen kann. Ein kleines, preiswertes Band statt eines aufwendig hergestellten Stuhls - das sagt nicht nur etwas über die Bedürfnisse heutiger Stadtnomaden aus, sondern wirft auch ein grelles Licht auf das Verhältnis von technisch-materiellem Aufwand und Ergebnis, von dessen Effizienz sich in den Mailänder Messehallen jeder ein eigenes Bild machen kann. „Dieses Stück Stoff", merkt Aravena an, „ist die letzte Grenze, bevor das Substantiv ,Stuhl' zum Verb ,sitzen' wird." Aus der Gestaltung eines Zustands wird eine Aktivität. Manchmal helfen - nicht nur, wenn isländische Vulkane Asche speien - eben nur die beweglichen Techniken von Völkern, auf die wir Eurozentriker immer schon zu Unrecht herabgeblickt haben. Doch so pfiffig, erschwinglich und unentbehrlich das kleine Band auch sein mag: Mehr als ein kritischer Weckruf und ein nützliches Accessoire fürs Nomadisieren wird es wohl nicht werden.

Konsolidierung? Konsolidierung!

Im Ganzen betrachtet, lässt sich für den Salone del Mobile 2010 feststellen: Nach der Finanzkrise, die auch an den großen Herstellern nicht spurlos vorübergegangen ist, hat - nicht nur ökonomisch, sondern offenbar auch beim Design - eine Phase der Konsolidierung begonnen. Zwar scheint die Tendenz zum Dekorativen noch nicht an ein Ende gekommen zu sein. Im Gegenteil. Was den Ethno-Pop der vergangenen Jahre angeht, so werden Elemente unterschiedlicher Kulturen noch immer munter remixt und gesampelt. Und doch merkt man den Entwürfen der führenden Designer an, dass sie in diesem Jahr auf eine neue Art von Ernsthaftigkeit oder Gediegenheit umgeschwenkt sind. „Form follows fun" ist keine Option mehr.

So leicht aus Skitsch, dem angeblichen Gegenteil des deutschen Wortes Kitsch, doch wieder nur Kitsch wird, wenn Marcel Wanders ein tatsächlich „One Nighter" genanntes Einfach-Sofa mit großen Glitzersteinen macht, so schnell haben sich all die Anleihen bei anderen Kulturen verbraucht. Exemplarisch beobachten lässt sich das bei den Gebrüder Fernando und Humberto Campana. Ihre zeitgenössische „Gloriette" für einen Hotelgarten, die sie als Show-Element für den Champagner-Hersteller „Veuve Clicquot" entworfen haben, ist gestalterisch nicht mehr als eine peinliche Fußnote. Wie ironisch der luftige Tempel aus Apui mit seinem metallischen Gewirr in „Cicquot-Gelb" obenauf auch gemeint sein mag, in dem Schaumwein besonders munden soll, er offenbart, wie beliebig und wie korrumpierbar ein Ansatz wie jener der Campanas ist.

Denn auch bei edra ist zu erkennen, wie anfällig eine derart semantisch und ethisch aufgeladene Monokultur für die Launen des Zeitgeistes ist. Ein Design, das sich auf der richtigen, weil angeblich kritischen Seite positioniert, landet dann und wann einen Treffer, hilft auf Dauer aber nicht weiter. Es orientiert sich, wenn auch ex negativo, am Bestehenden und betreibt eine Art Vampirismus am Exotischen. Wo „Cabana", ein Behälter, der sich vollständig unter langen Schnüren aus Raffiabast versteckt, noch einigermaßen originell wirkt, offenbart der Tisch „Cotto" eher die zynische Seite eines Designs des guten Gewissens. Gestell und Beine von Cotto bestehen aus Edelstahl, die Platte aus Aluminium, auf dem acht individuell geformte Tafeln aus grobkörnigem Terrakotta aufliegen, in die - zum Glück auf der Unterseite - „Made in Italy" und „fatto a mano" (handgemacht) eingeprägt sind. Auch wenn man bei edra noch so sehr auf die Verbindung zwischen Produkt und Herkunftsort hinweist und sogar Etrusker, Brunelleschi und die Medici herbeiruft, um das Material historisch zu rechtfertigen - weil der Tisch formal auf das Bild ausgebeuteter, ausgetrockneter und aufgerissener Erde anspielt, wirkt er nur noch gut gemeint.

Wenn man von Konsolidierung sprechen will, muss man die vielen Spaßmöbel und Geschmacklosigkeiten also ebenso abziehen wie alles semantisch oder syntaktisch Überladene. Einige aktuelle Beispiele: Karim Rashid, wer sonst, hat, für domodinamica, einen „Hot Dog Chair" und ein ebensolches Sofa entworfen; mehr als Würstchen sind dabei nicht herausgekommen. Philipp Starck hat für Kartell - wo man in diesem Jahr ganz auf Schwarz und Plexiglas setzt - mit „Magic Hole" („With Magic Hole you can go fast to the ultimate dimension of your next nap in the garden.") eine andere Peinlichkeit beigesteuert. Cappellini zeigt einen „Tulip Armchair" von Marcel Wanders, der mimetisch den Kelch einer Tulpenblüte nachempfindet, Alison Smithson beleidigt mit ihrer „Cornell Box" (Tecta) die surrealen Wunderkästen des Künstlers und macht eine Nippes-Box aus ihnen, und im Fall von „Nemo", einem Sessel in Gestalt einer Maske, den Fabio Novembre für Driade entworfen hat, kann man nur von Geschmacksverirrung sprechen. Man sieht: Auffallen um jeden Preis ist nach wie vor weit verbreitet. Und doch: In der Summe lassen sich überraschend viele Stücke finden, die solide und exzellent gestaltet wurden. Nicht allein deshalb, weil Piero Lissoni für Cassina und Damian Williamson für Zanotta ebenso schlichte wie klassische Sofas entworfen haben und Agapecasa mit seiner „Mangiarotti Collection" Präzision und Eleganz eines Altmeisters wieder aufleben lässt, sondern vor allem, weil Designer - jüngere wie ältere - in Kooperation mit solide agierenden Herstellern geduldig eine je eigene Produktsprache entwickeln, aus der eben nicht nur „interessante" Einzelstücke entstehen.

Nicht nur für die neuen Salons

So hat Stefan Diez, was er im vergangenen Jahr mit dem Stuhl „Houdini" für e15 begonnen hat, einerseits zu einer veritablen Produktfamilie ausgebaut, andererseits dem ganzen Ensemble aber auch eine äußerst charmante Note hinzugefügt. Mit dem - in zwei Sitztiefen erhältlichen - Sofa „Bess", dem kleinen Sessel und dem Hocker „Bessy", dem Lounge Chair „Eugene" sowie dem Barhocker „Jean" gelingt Diez eine ganz besondere Melange. Souverän nimmt er Spuren aus dem Historismus und dem fünfziger Jahre-Design auf, kontrolliert diese Ingredienzen aber mittels einer schnörkellosen, dynamisch wirkenden Klarheit und feiner Details, so dass am Ende ein eigenständiger, eleganter Modernismus herauskommt.

Konstantin Grcic fügt, bei plank, seinem im vergangenen Jahr vorgestellten Stuhl „Monza" neben einem Tisch nun auch eine Version mit „verkürzten" Armlehnen hinzu, was auf spielerische Weise an Josef Hofmanns „Fledermaus" von 1909 oder Hans J. Wegners Armlehnstuhl 701 von 1970 erinnert. Nur auf den ersten Blick an den „frühen" Grcic muss man bei dem „B Chair" mit Klappsitz denken, den er für b.d. barcelona entwickelt hat. Wie Grcic mittels zweier gespreizter, sich auf Höhe der Querstrebe zu einem asymmetrischen Andreaskreuz verbindender Teile die Basis für diesen horizontal stapelbaren Stuhl schafft, ist schon sehr raffiniert. Und die bogenförmig aufgesetzte Lehne schafft zusätzlich Dynamik. (Tom Dixons „Slab Chair" wirkt im direkten Vergleich plötzlich ungeheuer plump.) Besonders im Profil fällt auf, mit welcher Konsequenz und Genauigkeit Grcic auch dann arbeitet, wenn seine Entwürfe gerade nicht technoid wirken. Denn nach wie vor orientiert er die Form an der Logik des Gebrauchs und legt die tragende Struktur offen. Nur wirkt das Ergebnis nun ganz selbstverständlich und entwickelt aus sich heraus eine eigene Eleganz.

Im Gegensatz zum „B Chair" wirkt der Aluminiumstuhl „Venice", den Grcic - fünf Jahre nach dem längst zur Legende gewordenen Chair_One - für Magis gestaltet hat, erstaunlich konventionell. Aber auch hier täuscht der erste Eindruck. Denn Grcic verbindet geschickt verschiedene Typologien miteinander. Auch wenn die Armlehnen aus Aluminium bestehen, so erinnern sie in ihrer geschwungenen Form doch an Stoffexemplare von Kolonialmöbeln, und die aus farbigem Stoff oder Leder bestehende Rückenlehne gibt Venice etwas von einem Regiestuhl. Also: Kein Stuhl, der sofort gefällt, aber einer, der es in sich hat und der vermutlich immer besser wird, je länger man ihn um sich hat.

Wenn wir schon bei den Stühlen sind: Am Stand von Wogg, einem Hersteller, der schon seit langem für avanciertes Design, neuartige technische Lösungen und exzellente Verarbeitung steht, zeigt Jörg Boner mit „Wogg 50" einen stapelbaren Stuhl aus Eschen-Sperrholz, das, dank CNC-Frästechnik, in eine raffinierte Form gebracht wird. Die wie ein Blatt geformte Sitzfläche ist zu den vorderen Beinen hin sanft abgekanntet, und die Rücklehne legt sich wie ein breiter Schalkragen um den Körper. Mit „Wogg 51" von Atelier Oï präsentiert man obendrein einen raffinierten Solitär mit rundum laufenden Schiebetüren und einer verspiegelten Abdeckplatte.

Einfach klassisch, geht das?

Klassisch modern, gestalterisch auf hohem Niveau und ohne dass man eine schnelle Verfallszeit des Designs fürchten müsste - wie geht das? Antonio Citterio macht es vor. Mit „Suita" demonstriert er nicht nur, dass er ebenso solide wie elegante Sofas entwerfen kann, er exerziert auch vor, wie man aus einem Entwurf viele Varianten generiert. Bei Vitra spricht man denn auch von einem neuen Kapitel der Zusammenarbeit auf einem Feld, das der Designer entscheidend geprägt habe, dem der „modernen Sofafamilie". Der Name „Suita" - was so viel heißt wie „Folge", „Suite" oder „Ensemble" - stammt aus dem Rätoromanischen und spielt auf den alpinen Kulturraum an, über den die deutschsprachige Schweiz und Norditalien miteinander verbunden sind. Ein Sofa mit zwei oder drei Sitzen, als „Classic" oder „Casual" mal mit wenigen, mal mit vielen Kissen, mal mit niedriger, mal mit hoher Lehne, in Stoff oder Leder, frisch oder gediegen, als Solist oder als Insel, mit oder ohne Tablar an der Rückseite, als Club Armchair, Chaise Longue oder Daybed - Suita passt perfekt zu Vitras Wohncollagen. Auf Füßen aus Aluminium-Druckguss in der Anmutung schlank und kompakt, doch stets gediegen, deckt Suita mit seinen subtilen Anklängen an Eames und Nelson praktisch alle Einrichtungsbedürfnisse im Wohnzimmerbereich ab.

Besonderen Mut beweist Jaime Hayon, der sich tatsächlich traut, dem berühmten Lounge-Chair von Charles und Ray Eames eine zeitgenössische Variante an die Seite zu stellen. Klassisch, ja, aber nicht nur in der Farbigkeit erstaunlich frisch, sondern auch in der Verbindung der einzelnen Schalen originell, demonstriert Hayon, dass er zu den besten seines Fachs gehört.
Luca Nichetto für Skitsch
Philippe Starck für Kartell
Patricia Urquiola für Kartell
The invisible von Tokujin Yoshioka für Kartell
Tulip Armchair von Marcel Wanders für Cappellini
Alodia von Todd Bracher für Cappellini
TWB Tailored Wood Bench Hocker von Yael Mer, Shay Alkalay für Cappellini
Walt Disney mit Cappellini
Tre 3 von Angelo Mangiarotti für Agapecasa
Eros von Angelo Mangiarotti für Agapecasa
P71 von Angelo Mangiarotti für Agapecasa
Stefan Diez für e15
Stefan Diez für e15
Jaime Hayon für bd barcelona
Konstantin Grcic für Magis
Konstantin Grcic für Magis
Jörg Boner für Wogg
Tom Dixon
Tom Dixon
Tom Dixon
Maison Martin Margiela mit Ceruti Baleri
Maison Martin Margiela mit Ceruti Baleri
Panasonic von Martino Berghinz
Panasonic von Martino Berghinz
Restaurant Piquenique in der Zona Tortona, Alle Fotos: © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Restaurant Piquenique in der Zona Tortona
Superstudio Piú - Aufbau einer überdimensionalen Arco von Flos
Chairless von Alejandro Aravena für Vitra
Interieur von Fernando und Humberto Campana für Veuve Clicquot
Tisch Cotto von Fernando und Humberto Campana für Edra
Cabana von Fernando und Humberto Campana für Edra
Bei Edra
Nemo von Fabio Novembre für Driade
Bei Skitsch
Inside Lichtinstallation bei Foscarini
Bei Cassina
Bei Cassina
Konstantin Grcic für Plank
Konstantin Grcic für bd barcelona
Konstantin Grcic mit seinen Stuhl für bd barcelona
Konstantin Grcic für bd barcelona
Messestand von Vitra
Messestand von Vitra
Royal Mosa im Superstudio
Foscarini mit Diesel Sucessful living
Softwall von Molo Design
Softlight von Molo Design
Branca Chair von Sam Hecht für Mattiazzi