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Materie, Material, Materialismus
von Thomas Wagner | 15. Dezember 2008

Aus der Balance. In den vergangenen zwei Dezennien hat sich ein tiefgreifender Wandel vollzogen. Was mit Schlagworten wie „Globalisierung", „Immaterialität", „Virtualität" und „Medialität" nur unzureichend beschrieben ist, betrifft unser Verbundensein mit den Dingen und unsere Verankerung im Realen. Kurz: Mit dem Ende des Zeitalter der Mechanik und dem Heraufziehen der Epoche des Digitalen nimmt die Bindung ans unmittelbar Greifbare ab. Mag die enorme Dynamik eines solchen Wandels auch gerade erst abrupt - und zum ersten Mal - gebremst worden sein: noch ist die Ruptur kaum sichtbar, deren äußeres Zeichen die weltweite Finanzkrise ist; doch die Risse im großen Traumhaus des Imaginären könnten bis zu den Fundamenten reichen. Doch selbst wenn wir davon ausgehen, dass Reales und Imaginäres, Materielles und Ideelles nicht erst seit der Erfindung elektronischer Medien und neuer Finanzprodukte in einem gewissen, wenn auch schwer zu bestimmenden Gleichgewicht zueinander stehen, so macht es doch einen Unterschied, ob wir eher auf die Solidität der materiellen Gestalt bauen oder auf den Charme und die Beweglichkeit des Virtuellen setzen.

Rückkehr des Soliden. Sofern man überhaupt so pauschal reden kann: Auf der einen Seite steht also das schwer zu greifende Virtuelle, das immer größere Areale des Archipels des materiell Vorhandenen aufzuzehren scheint, auf der anderen das materielle Reich der Festigkeit und Solidität. Doch womöglich ist die Entwicklung vom Realen zum Imaginären gar nicht so triftig oder gar fatal wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn das Materielle als das scheinbar Verlässliche ist ja keineswegs verschwunden, nur weil sich die Aufmerksamkeit kurzfristig verlagert hat. Ja, es kehrt sogar in der einen oder anderen Weise verstärkt zurück.
Ein Anzeichen für die Wiederkehr des Materiellen mag man darin erkennen, dass in den letzten Jahren - oft als Früchte von Bionik, Gentechnik und Nanotechnologie - neuartige, raffinierte und immer multiblere Funktionen erfüllende Materialien entwickelt wurden. Woraus sich der Schluss ziehen ließe, unsere zutiefst industriell geprägte Wirklichkeit werde nicht länger hauptsächlich von der Seite der Verfahren, sondern nun auch von der Seite der Materialien her erneuert - wobei im Einzelfall das eine nicht vom anderen zu trennen ist.

Neue Materialien. Da neue Materialien allein ihre Fähigkeiten nur schwer unter Beweis stellen können, rückt parallel auch das Design ins Zentrum - auch wenn sich viele Gestalter einstweilen noch etwas verwundert die Augen reiben und lieber hinüber zu den Künstlern und ins Reich der Freiheit schielen als die Chance ergreifen, mittels neuer Materialien auch neue Gestaltungsformen zu erproben. Denn was nutzen raffiniert bedruckte Folien oder leicht formbare Gläser, was Schmutz abweisende und informierbare Textilien oder umweltverträgliche und verführerisch changierende Lacke, was elastische und beständige Kunststoffe, wenn daraus keine attraktiven Produkte entwickelt, die Eigenschaften der Materialien nicht dazu genutzt werden, neuartige Stühle, Jacken, Autos oder Displays zu kreieren? Schließlich gab es schon immer einen engen Zusammenhang zwischen der formbaren Materie und der Kultur der Dinge. Mehr als dem Ingenieur, der seine Arbeit getan hat, obliegt es jetzt also dem Einfallsreichtum und der prozessualen Intelligenz von Designerinnen und Designern, sich mit den veränderten Eigenschaften neuer Materialien vertraut zu machen und neben deren technischen auch ihre ästhetischen Möglichkeiten auszuloten.

Bedrohte Lebensgrundlagen. Die Gründe für diese, sich in aller Stille vollziehenden, Veränderungen mögen vielfältig sein. Ihre Wurzeln reichen tief. Faktum ist: nach der digitalen Revolution bahnt sich eine weitere Umwälzung an: die der materiellen Grundlagen unseres Lebens. Ob Ressourcenknappheit, Klimawandel oder Energiewende - mehr und mehr scheint die Basis eines allgemeinen Wohlstands bedroht. Welche Auswirkungen das auf unser tägliches Leben haben wird, wissen wir noch nicht. Bestenfalls ahnen wir, dass die Dinge nicht mehr isoliert voneinander betrachtet werden können. Ob die Kernphysik den Bauplan der Materie zu finden sucht, ob neue, oft nachhaltig produzierbare und umweltverträgliche Materialen entwickelt werden oder mit dem philosophischen Materialismus abermals die Frage zu Ehren kommt, ob und wie sich die Welt aus sich selbst erklären lässt - das eine scheint mit dem anderen zusammenzuhängen und unser Verhältnis zur Welt zu betreffen.

Eine Ursache dafür, dass sich derzeit unser Verhältnis zur Materie, zu Materialien und zum selbst zum Materialismus verändert, könnte darin liegen, dass sich das Verhältnis von industrieller Produktion und Ökologie zu verändern beginnt. Nicht nur die politischen und klimatischen Grundlagen unserer künftigen Existenz sind also in Frage gestellt, auch die materielle Basis unserer technischen Zivilisation. Und das verändert unsere Einstellung zu den Dingen und Waren in fundamentaler Weise.

Material wird intelligent. Eine mögliche Reaktion auf diesen Wandel, an dessen Notwendigkeit kaum mehr zu zweifeln ist, besteht darin, ins Immaterielle der digitalen Medien und der Steuerung auszuweichen, eine zweite, eine neue Kultur des Materiellen zu entwerfen. Diese könnte auf der Basis neuartiger Materialien und Produkte entstehen, in denen sich nicht nur die Funktion der Materialien verändert, sondern auch deren nachhaltige Produktion und umweltverträgliche Entsorgung berücksichtigt ist.

Enthielt das bisherige, auf Produktion, Konsumption und Müll basierende Verhältnis zu Rohstoffen, Halbzeug und Materialien, verborgen den alten Verdacht, Material sei bloßer Stoff - und deshalb gegenüber dem Produkt als minderwertig zu betrachten, so verfängt eine solche Hierarchisierung kaum noch. Selbst der Mehrwert, der sich mittels technisch erzeugter Materialien erzielen lässt, wird nicht unbedingt geringer veranschlagt als jener, den intelligente Fertigprodukte versprechen. Heute, und das ist in der Tat überraschend, steckt die Intelligenz in zunehmendem Maß bereits im Material selbst. Im Grunde sind solch informierte Materialien Hybride. Dadurch werden nicht nur die Einsatzmöglichkeiten vielfältiger, gebildet aus Stoff und Funktion, können sie eben auch vieles mehr als nur geformt werden. Womit sich der Status des Materials innerhalb des Gestaltungs- und Produktionsprozesses prinzipiell verändert. Ein Material ist nicht länger etwas, das es zu verbrauchen gilt, sondern es enthält - als Ressource und Produkt - seinen eigenen Mehrwert, statt lediglich als billige materielle Basis zur Steigerung des Mehrwerts fertiger Produkte beizutragen.

Schonend produzieren. Man lasse sich nicht täuschen: die Wiederkehr eines Denkens, das auf die Solidität des Realen setzt, ohne dabei die Segnungen des Immateriellen glaubt verwerfen zu müssen, bedeutet keine Wiederkehr alter Muster. Eben dafür stehen die in so großer Zahl entwickelten neuen, intelligenten und funktionalen Materialien: für die Wiederkehr einer schonenden und verlässlichen materiellen Produktion jenseits der Natur und auf einem Niveau, das insofern neu genannt werden kann, als es nicht allein auf den Verbrauch von Materie setzt. Ob die Einsicht in die Endlichkeit der natürlichen Lebensgrundlagen dazu führt, dass sich ein neues Vertrauen in die Immanenz entwickelt? Wer weiß? Intelligente Materialien jedenfalls werden sich durchsetzen. Und wir lassen uns gern überraschen, wie aus alten und neuen, edlen und bunten, dauerhaften und pflegeleichten, gemusterten, reißfesten und veränderbaren Materialien aus dem Reich famoser Eigenschaften ebenso famose Dinge werden.

News & Stories › 2008 › Dezember
Materie, Material, Materialismus
von Thomas Wagner | 15. Dezember 2008
Es ist schön, sich über neue Materialien und die damit verbundenen Möglichkeiten zu freuen. Das Phänomen erklärt es nicht. Denn womöglich kündigt sich in der Flut neuer Materialien ein tiefgreifender Wandel in unserem Verhältnis zur Materie und zum Materialismus insgesamt an. Und das Design steht dabei im Zentrum.
Aus der Balance. In den vergangenen zwei Dezennien hat sich ein tiefgreifender Wandel vollzogen. Was mit Schlagworten wie „Globalisierung", „Immaterialität", „Virtualität" und „Medialität" nur unzureichend beschrieben ist, betrifft unser Verbundensein mit den Dingen und unsere Verankerung im Realen. Kurz: Mit dem Ende des Zeitalter der Mechanik und dem Heraufziehen der Epoche des Digitalen nimmt die Bindung ans unmittelbar Greifbare ab. Mag die enorme Dynamik eines solchen Wandels auch gerade erst abrupt - und zum ersten Mal - gebremst worden sein: noch ist die Ruptur kaum sichtbar, deren äußeres Zeichen die weltweite Finanzkrise ist; doch die Risse im großen Traumhaus des Imaginären könnten bis zu den Fundamenten reichen. Doch selbst wenn wir davon ausgehen, dass Reales und Imaginäres, Materielles und Ideelles nicht erst seit der Erfindung elektronischer Medien und neuer Finanzprodukte in einem gewissen, wenn auch schwer zu bestimmenden Gleichgewicht zueinander stehen, so macht es doch einen Unterschied, ob wir eher auf die Solidität der materiellen Gestalt bauen oder auf den Charme und die Beweglichkeit des Virtuellen setzen.

Rückkehr des Soliden. Sofern man überhaupt so pauschal reden kann: Auf der einen Seite steht also das schwer zu greifende Virtuelle, das immer größere Areale des Archipels des materiell Vorhandenen aufzuzehren scheint, auf der anderen das materielle Reich der Festigkeit und Solidität. Doch womöglich ist die Entwicklung vom Realen zum Imaginären gar nicht so triftig oder gar fatal wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn das Materielle als das scheinbar Verlässliche ist ja keineswegs verschwunden, nur weil sich die Aufmerksamkeit kurzfristig verlagert hat. Ja, es kehrt sogar in der einen oder anderen Weise verstärkt zurück.
Ein Anzeichen für die Wiederkehr des Materiellen mag man darin erkennen, dass in den letzten Jahren - oft als Früchte von Bionik, Gentechnik und Nanotechnologie - neuartige, raffinierte und immer multiblere Funktionen erfüllende Materialien entwickelt wurden. Woraus sich der Schluss ziehen ließe, unsere zutiefst industriell geprägte Wirklichkeit werde nicht länger hauptsächlich von der Seite der Verfahren, sondern nun auch von der Seite der Materialien her erneuert - wobei im Einzelfall das eine nicht vom anderen zu trennen ist.

Neue Materialien. Da neue Materialien allein ihre Fähigkeiten nur schwer unter Beweis stellen können, rückt parallel auch das Design ins Zentrum - auch wenn sich viele Gestalter einstweilen noch etwas verwundert die Augen reiben und lieber hinüber zu den Künstlern und ins Reich der Freiheit schielen als die Chance ergreifen, mittels neuer Materialien auch neue Gestaltungsformen zu erproben. Denn was nutzen raffiniert bedruckte Folien oder leicht formbare Gläser, was Schmutz abweisende und informierbare Textilien oder umweltverträgliche und verführerisch changierende Lacke, was elastische und beständige Kunststoffe, wenn daraus keine attraktiven Produkte entwickelt, die Eigenschaften der Materialien nicht dazu genutzt werden, neuartige Stühle, Jacken, Autos oder Displays zu kreieren? Schließlich gab es schon immer einen engen Zusammenhang zwischen der formbaren Materie und der Kultur der Dinge. Mehr als dem Ingenieur, der seine Arbeit getan hat, obliegt es jetzt also dem Einfallsreichtum und der prozessualen Intelligenz von Designerinnen und Designern, sich mit den veränderten Eigenschaften neuer Materialien vertraut zu machen und neben deren technischen auch ihre ästhetischen Möglichkeiten auszuloten.

Bedrohte Lebensgrundlagen. Die Gründe für diese, sich in aller Stille vollziehenden, Veränderungen mögen vielfältig sein. Ihre Wurzeln reichen tief. Faktum ist: nach der digitalen Revolution bahnt sich eine weitere Umwälzung an: die der materiellen Grundlagen unseres Lebens. Ob Ressourcenknappheit, Klimawandel oder Energiewende - mehr und mehr scheint die Basis eines allgemeinen Wohlstands bedroht. Welche Auswirkungen das auf unser tägliches Leben haben wird, wissen wir noch nicht. Bestenfalls ahnen wir, dass die Dinge nicht mehr isoliert voneinander betrachtet werden können. Ob die Kernphysik den Bauplan der Materie zu finden sucht, ob neue, oft nachhaltig produzierbare und umweltverträgliche Materialen entwickelt werden oder mit dem philosophischen Materialismus abermals die Frage zu Ehren kommt, ob und wie sich die Welt aus sich selbst erklären lässt - das eine scheint mit dem anderen zusammenzuhängen und unser Verhältnis zur Welt zu betreffen.

Eine Ursache dafür, dass sich derzeit unser Verhältnis zur Materie, zu Materialien und zum selbst zum Materialismus verändert, könnte darin liegen, dass sich das Verhältnis von industrieller Produktion und Ökologie zu verändern beginnt. Nicht nur die politischen und klimatischen Grundlagen unserer künftigen Existenz sind also in Frage gestellt, auch die materielle Basis unserer technischen Zivilisation. Und das verändert unsere Einstellung zu den Dingen und Waren in fundamentaler Weise.

Material wird intelligent. Eine mögliche Reaktion auf diesen Wandel, an dessen Notwendigkeit kaum mehr zu zweifeln ist, besteht darin, ins Immaterielle der digitalen Medien und der Steuerung auszuweichen, eine zweite, eine neue Kultur des Materiellen zu entwerfen. Diese könnte auf der Basis neuartiger Materialien und Produkte entstehen, in denen sich nicht nur die Funktion der Materialien verändert, sondern auch deren nachhaltige Produktion und umweltverträgliche Entsorgung berücksichtigt ist.

Enthielt das bisherige, auf Produktion, Konsumption und Müll basierende Verhältnis zu Rohstoffen, Halbzeug und Materialien, verborgen den alten Verdacht, Material sei bloßer Stoff - und deshalb gegenüber dem Produkt als minderwertig zu betrachten, so verfängt eine solche Hierarchisierung kaum noch. Selbst der Mehrwert, der sich mittels technisch erzeugter Materialien erzielen lässt, wird nicht unbedingt geringer veranschlagt als jener, den intelligente Fertigprodukte versprechen. Heute, und das ist in der Tat überraschend, steckt die Intelligenz in zunehmendem Maß bereits im Material selbst. Im Grunde sind solch informierte Materialien Hybride. Dadurch werden nicht nur die Einsatzmöglichkeiten vielfältiger, gebildet aus Stoff und Funktion, können sie eben auch vieles mehr als nur geformt werden. Womit sich der Status des Materials innerhalb des Gestaltungs- und Produktionsprozesses prinzipiell verändert. Ein Material ist nicht länger etwas, das es zu verbrauchen gilt, sondern es enthält - als Ressource und Produkt - seinen eigenen Mehrwert, statt lediglich als billige materielle Basis zur Steigerung des Mehrwerts fertiger Produkte beizutragen.

Schonend produzieren. Man lasse sich nicht täuschen: die Wiederkehr eines Denkens, das auf die Solidität des Realen setzt, ohne dabei die Segnungen des Immateriellen glaubt verwerfen zu müssen, bedeutet keine Wiederkehr alter Muster. Eben dafür stehen die in so großer Zahl entwickelten neuen, intelligenten und funktionalen Materialien: für die Wiederkehr einer schonenden und verlässlichen materiellen Produktion jenseits der Natur und auf einem Niveau, das insofern neu genannt werden kann, als es nicht allein auf den Verbrauch von Materie setzt. Ob die Einsicht in die Endlichkeit der natürlichen Lebensgrundlagen dazu führt, dass sich ein neues Vertrauen in die Immanenz entwickelt? Wer weiß? Intelligente Materialien jedenfalls werden sich durchsetzen. Und wir lassen uns gern überraschen, wie aus alten und neuen, edlen und bunten, dauerhaften und pflegeleichten, gemusterten, reißfesten und veränderbaren Materialien aus dem Reich famoser Eigenschaften ebenso famose Dinge werden.