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Mein Kissen aus Usbekistan
von Markus Frenzl | 5. September 2009
Als die amerikanische Designerin Johanna Grawunder gefragt wurde, welche Designer mehr Bekanntheit verdient hätten, antwortete sie: „Alle, die in China oder Indien schuften. Von denen kennen wir keinen einzigen". - Was an Design auf den großen Möbelmessen zu sehen ist, scheint noch immer weitgehend eine Angelegenheit der „Ersten Welt" und somit der großen Wirtschaftsnationen Europas, Nordamerikas sowie Japan zu sein. Tatsächlich fällt einem selbst nach längerem Nachdenken nur eine Handvoll Afrikaner, Inder, Brasilianer oder Chinesen ein, die im internationalen Designzirkus als „Stardesigner" gelten können. Dabei haben doch Internet und Globalisierung in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten angeblich ein größeres Bedürfnis nach kulturellem Austausch geschaffen und - getreu dem Motto „think global, act local" - auch den gestalterischen Blick für die Qualitäten des Regionalen, Handwerklichen, Eigenwilligen, Unangepassten und Traditionellen geschärft.

Schon seit den Neunzigern bezieht die Design-Avantgarde, wie etwa die Gestalter von „Droog", regionale Strukturen und Handwerkstraditionen in ihre Entwürfe ein und versucht, sie wieder als Identität stiftend zu etablieren. Im Zuge von Individualitätskult und Fusion-Kultur nehmen Gestalter mit ihrem Blick fürs Ursprüngliche und Echte in den letzten Jahren aber die ganze Welt ins Visier. Sie begeistern sich für fremde Kulturen und alte Handwerkstraditionen, sie entdecken angeblich vergessene Fertigungstechniken, Ornamente, Farben oder Materialien, die im Westen lange schlicht als unmodern gegolten hatten und nur in weit vom Designkosmos entfernten Ursprungskontexten überleben konnten. Und immer häufiger spiegelt sich die Begeisterung der Designer für Traditionen und exotische Kulturen auch in den Kollektionen designorientierter Möbelhersteller, die all das noch vor ein paar Jahren vermutlich als Ethno-Kitsch abgetan hätten. So war der Mix der Kulturen auch auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse eines der bedeutendsten Themen und es gab unzählige Sofas zu sehen, die als west-östlicher Diwan Kulturen verbanden oder in deren Mustern die Maya auf die Space Invaders trafen.

Patricia Urquiola beispielsweise hatte für ihre „Fergana"-Kollektion für Moroso traditionelle usbekische Sitzmöbeltypen mit westlichen Ansprüchen an Komfort und Repräsentation verbunden: üppige Kissen, bezogen mit Stoffen, die aus der Kombination von „antiken usbekischen Webtechniken mit europäischer industrieller Fertigung" entstanden, übersät von einem Mix aus usbekischen Blumenmustern und Pacman-Pixeln. Die in Italien lebende Spanierin kann mittlerweile zweifellos als die Meisterin des Mixens und Samplens der Kulturen gelten: Sie mischt nicht nur in ihren schwer zu transkribierenden Interviews beständig Brocken von Englisch, Italienisch und Spanisch, sondern verbindet auch in ihren Entwürfen Versatzstücke von Formen, Farben und Mustern aus der ganzen Welt. Sie entwirft Außenmöbel für Kettal, die wirken als stammen sie aus Marokko, mustergemixte Strickteppiche für Gandia Blasco oder afrikanisch anmutende Flechthocker für Driade.

Ebenfalls für Moroso konzipierte der Amerikaner Stephen Burks die Installation „M'Afrique", in der einige Arbeiten afrikanischer Künstler, Architekten, Fotografen, Schriftsteller oder Gestalter neben Polstersesseln, Stühlen, Bänken oder Tischen präsentiert wurden, die von afrikanischen Handwerkern für das Unternehmen produziert werden. Dazu passend wurden auch einige Moroso-Klassiker wie Urquiolas „Lowland" oder „Victoria & Albert" von Ron Arad „im afrikanischen Styling" gezeigt. Patricia Moroso erklärte zur Installation: „Afrika mit seinem Reichtum und seiner Modernität verdient es, in der Originalität seines kreativen Ausdrucks, mit dem es an der Bereicherung des Weltkulturerbes teilnimmt, besser gekannt und unterstützt zu werden. Der afrikanische Kontinent ist außerordentlich reich an Ausdruck, Themen und Ideen, die für uns eine Quelle der Inspiration und geistigen Nahrung sind. Angewendet auf Design, lassen sie Produkte entstehen, die Tradition und Modernität, Innovation und Geschichte, Form und Schönheit zum Ausdruck bringen können."

Nur selten sind bisher in all der neuen Begeisterung für kulturelle Vielfalt auch nicht-westliche Designer oder Büros, in denen sich Designer aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammengeschlossen haben, erfolgreich. Das britisch-indische Duo Doshi & Levien gilt mittlerweile als Vorzeigepaar für die intelligente Verknüpfung gegensätzlicher Einflüsse: Die Inderin Nipa Doshi und der Brite Jonathan Levien bringen in die gemeinsame Arbeit nicht nur ihre unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, sondern auch verschiedene Arbeits- und Herangehensweisen ein, die aus ihren Ausbildungen am National Institute of Design in Ahmedabad und am Royal College of Art in London resultieren. Ihre Möbel oder Produkte stellen nicht etwa westliche Entwürfe dar, auf die lediglich ein exotisches Muster appliziert wird, sondern werden als „kulturelle Hybride" zu Mittlern zwischen klassischem Industriedesign und einer lebensfrohen Betonung von Materialität und Farbe, zwischen Problemlösung und Storytelling.

In diesem Jahr verkündeten die Wohnzeitschriften allenthalben den Trend zu „Multikulti-Möbeln", zu „Ethno-Style" oder „Interkulturellem Design". Die neue Farbenfreude wird als Überwindung eines allzu glatten „Design-Stils", als Ausdruck des Bedürfnisses nach Individualität und Unangepasstheit gewertet. Die Welt des Designs scheint sich fremden gestalterischen Tendenzen geöffnet zu haben. Mit ein paar Jahren Verspätung zur Mode ist „Ethno" im Möbeldesign angekommen und bezeugt eine multikulturelle Weltsicht, die fremden Kulturen und Traditionen Respekt zollen will. - Das ist schon viel, wenn man bedenkt, dass „Interkulturelle Kompetenz" vielen Unternehmen lediglich als Faktenwissen über Symbolik oder Farbsemantik gilt, um wirtschaftlichen Erfolg in anderen Kulturkreisen sicher zu stellen.

Ist es aber tatsächlich „Interkulturelles Design", wenn Hella Jongerius für Ikea folkloristisch anmutende Wandvorhänge entwirft, die von indischen Näherinnen gefertigt werden, die sich sogar auf den Werken verewigen dürfen? Oder eher Imagepflege von Ikea, mit dem der oft kritisierte, weltweit agierende Einrichtungskonzern in einem Akt der Entwicklungshilfe Verantwortung zeigen will? Und lässt es sich „interkulturell" nennen, wenn Afrikaner die Entwürfe westlicher Stardesigner für Moroso „im afrikanischen Stil" flechten dürfen?

Irgendwie hinterlassen viele Projekte, die zurzeit unter dem Label „interkulturell" behandelt werden, einen schalen Beigeschmack: Allzu häufig lassen sie einen gönnerhaften, unverhohlen kolonialistischen Blick auf die Exotik der Entwicklungs- und Schwellenländer erkennen. Denen glauben die Designmonopolisten wohl mal die Qualitäten ihrer eigenen Geschichte erklären zu müssen. Längst ist das kulturelle Crossover in einem leicht diffusen Gemisch mit Nachhaltigkeit, globalem Denken und sozialer Verantwortung zum Standardthema in den Designzeitschriften geworden. Da reicht es einem Journalisten schon mal, dass ein Produkt in Indien gefertigt wird, damit es als „politisch korrekt" gelten kann. Zwischen „Craft Punk" und „Tribal Style" muss die Begeisterung fürs Traditionelle und Völkerkundliche häufig schlicht als modischer Trend gelten: Ethno-Muster machen sich gut auf dem Sofakissen, gerade wenn es im Sommer auf dem Balkon ein bisschen bunter sein darf. Der Orientteppich ist als kontrastierendes Element im schlichten Interieur wieder gestattet oder als überfärbte Replik auf eine überholte Spießigkeit ins Wohnzimmer zurückgekehrt.

Das Schlagwort „Interkulturelles Design" ist ein Trendbegriff geworden, der häufig ungeachtet tatsächlicher interkultureller Kooperationen, ungeachtet wirklicher Austauschprojekte zwischen Designhochschulen oder Initiativen von GTZ oder CIM eingesetzt wird. Er wird oft auch dann bemüht, wenn wir auf Länder außerhalb unseres Design-Dunstkreises blicken und uns wundern, dass dort Design überhaupt stattfindet. Oder wenn sich ein westlicher Designer von einer fremden Kultur inspirieren lässt. Erst aber wenn es gelingt, zu einem selbstverständlichen gestalterischen Miteinander zu kommen, das über neokolonialistischen Habitus und westlichen Missionseifer hinausgeht, besteht die Chance, aus dem Verschmelzen der Kulturen wirklich Neues entstehen zu lassen: eine gestalterische Haltung, die mehr ist als die Applikation eines hübschen exotischen Musters auf eine westlichen Stardesigner-Entwurf. Und mit der wir endlich ein paar mehr indische, chinesische oder afrikanische Gestalter namentlich kennen lernen.
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Pelle, Mikkel and Gullspira von Hella Jongerius für IKEA PS Collection
Pelle, Mikkel and Gullspira von Hella Jongerius für IKEA PS Collection
Mangas von Patricia Urquiola für GAN by Gandia Blasco
Mangas von Patricia Urquiola für GAN by Gandia Blasco
Principessa von Doshi Levien für Moroso
Helix von Linko für Moroso
Binta von Philippe Bestenheider für Moroso
Fergana von Patricia Urquiola für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Installation M’Afrique von Stephen Burks für Moroso
Pelle, Mikkel and Gullspira von Hella Jongerius für IKEA PS Collection
Pelle, Mikkel and Gullspira von Hella Jongerius für IKEA PS Collection
Pelle, Mikkel and Gullspira von Hella Jongerius für IKEA PS Collection
Mangas von Patricia Urquiola für GAN by Gandia Blasco
Mangas von Patricia Urquiola für GAN by Gandia Blasco
Mosaic von Doshi Levien für Tefal
Cocoon von Moroso
Flo von Patricia Urquiola für Driade
Fergana von Patricia Urquiola für Moroso