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Mein Zeug ist fettfrei, genauso sollten die Menschen und das Leben sein.
von Markus Frenzl | 29. März 2009
Ross Lovegrove

Ross Lovegrove hat auf der ISH seine neue Kollektion „Freedom" für den türkischen Bad-Hersteller VitrA vorgestellt. Wir haben uns mit ihm über den Wandel des Badezimmers, biomorphe Formen, fettfreies Design, die Verantwortung von Stardesignern und Design in Zeiten der Krise unterhalten.

Design fürs Bad hat sich gewandelt: Unternehmen gestalten nicht mehr nur Einzelprodukte, sondern ganze Badezimmerszenarien und -Interieurs. Wie spiegelt Ihre Arbeit für VitrA diese Veränderungen?
Ross Lovegrove: Es gibt zwei Länder auf der Welt mit großer Badekultur: Japan und die Türkei. Als türkisches Unternehmen kann VitrA also zu Recht das Thema Badekultur kommunizieren. Die Synergien zwischen Möbeln und Badkeramik werden dabei immer wichtiger. Andere Unternehmen befassen sich mit Konzepten für die Umgebung, VitrA macht das auf eine subtilere Art. Auf einer Messe wie der ISH versuchen viele die Atmosphäre eines richtigen Badezimmers mit fließendem Wasser zu schaffen, aber das ist falsch. Wir sind hier nicht in der gleichen sinnlichen Stimmung wie im Badezimmer, wir sind komplett angezogen und haben unsere Schuhe an. Wir sollten hier eigentlich alle nackt rumlaufen!

Sind Küche und Badezimmer keine vernachlässigten Räume mehr wie noch in den Fünfzigern?
Ich bin erfolgreich und recht wohlhabend, aber ich habe trotzdem keine zwanzig Meter lange Küche mit einem Boffi-Küchenblock und einer Espressomaschine, weil ich das Geld lieber nutze, um nach Äthiopien zu gehen. Ich glaube, diese statischen Objekte sind falsch; das ist, wie bei einem neuen Auto die Plastikbezüge auf den Sitzen zu lassen. Meine Eltern haben immer noch ein WC, in das ich schon vor vierzig Jahren gepinkelt habe, und es ist ironischerweise sogar von VitrA. Aber sie müssen es nicht ersetzen, weil es immer noch funktioniert. Ich glaube es hat eine Funktionsverschiebung von einer reinen Dienstleistungs- zu einer emotionalen Funktion stattgefunden.

Glauben Sie, dass Ihre formale Herangehensweise fürs Bad diesen emotionalen Funktionen mehr entspricht?
Bis zu einem gewissen Grad muss die Herangehensweise formal sein, weil man einfach den Raum organisieren muss. Die Leute haben nicht den Platz für große Objekte. Ich tüftle beim Thema Bad immer noch daran, eine Art architektonischen Aufbau zu bewahren. Meine zweite VitrA-Kollektion „Mod" war beispielsweise sehr modular, modern, moderat. Die neue Kollektion „Freedom" ist eine andere, asymmetrische Art damit umzugehen, wie wir uns bewegen. Ich folge damit stärker dem Verlauf des Materials, gegen das man nicht ankämpfen sollte. Wenn man sich auszieht und in dieses Bad geht, ist es wie in einem skulpturalen Paradies: Klang, Licht, die Veränderung der Umgebung - darauf kommt es an.

Sie haben keine Boffi-Küche, aber wie sieht Ihr eigenes Badezimmer aus?
Ich habe mein Bad vor etwa fünfzehn Jahren eingerichtet, als wir unser Haus gebaut haben und habe damals einen großen Fehler gemacht: Ich kaufte eine riesige Badewanne, weil ich dachte, dass man darin mit Freunden ein bisschen Marihuana rauchen und Spaß haben könnte. Aber sie hat einen enormen Wasserverbrauch und nimmt zuviel Platz ein. Meine Frau und ich haben getrennte Bereiche. Am Badezimmer, das ans Schlafzimmer angrenzt, ist keine Tür. Wenn man abschließen will, schließt man also das Schlafzimmer und nicht das Bad ab, das mag ich sehr: Das Badezimmer wird eine Erweiterung des Raumes, man kann aus dem Bad kommen und sich aufs Bett legen. Mein Sohn hat ein eigenes Badezimmer - ein Desaster, er ist ein Teenager - aber ich nutze es auch, es ist ein Jasper Morrison-Bad, sehr gut geschnitten.

Gehören Sie zu den Designern, die vermeiden in ihren eigenen Entwürfen zu leben?
Nein, ganz im Gegenteil, aber ich bin auch kein Opfer meiner Arbeit. Meine Entwürfe sind für andere Leute, ich arbeite im Auftrag der Gesellschaft. Für mich wäre es falsch, nur meines Egos wegen etwas zu ersetzen, das noch funktioniert, nur um anderen zu zeigen, dass ich es entworfen habe. Ich schlafe in einem von mir entworfenen Bett, trage meinen Koffer, aber nach einer Weile wird das ein bisschen langweilig.

Ihr Design gilt als „biomorph". Im Kontext Bad bringt man das besonders stark in Bezug zum menschlichen Körper. Würden Ihre Entwürfe anders aussehen, wenn Sie selbst nicht schlank wären?
Das hat mich noch keiner gefragt. Ich würde die Welt anders sehen, wenn ich dick wäre, obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen kann, wie das ist. Wir stehen wirklich vor einem großen Problem: Durch die Wirtschaftskrise essen die Leute schlechteres, billiges Essen, das fett macht. Die Physiologie der Leute ändert sich wie in den USA. Fettleibigkeit, ist etwas, mit dem ich nur schwer klarkomme. Ich akzeptiere, dass es bei einigen Leuten medizinische Gründe hat, aber die meisten treiben einfach keinen Sport. In allem, was ich tue steckt eine gewisse Fitness, etwas, das ich „Sprache des Überlebens" nenne. Meine Arbeit ist fettfrei, „ohne Speck", schlank und effizient. So sollten die Menschen und das Leben auch sein.

In Ihrer Phaidon-Monographie schrieb Alberto Meda über Ihre Arbeit, dass sie „zur Entwicklung unserer gesellschaftlichen Kultur beiträgt". Wie würden Sie diesen Beitrag Ihrer Arbeit beschreiben?
Wenn ich mit einem Unternehmen wie VitrA arbeite, tue ich das zum Teil auch für meine eigene Bildung. Seit fünf Jahren gehe ich einmal im Monat nach Istanbul - einen der fantastischsten Orte der Welt. Ich glaube Design sollte Bildung sein. Bei VitrA versuche ich, genauso wie bei Japan Airlines oder Artemide, dem Unternehmen Wachstum zu bringen - kommerziell und kulturell. Ich arbeite strategisch in Bezug auf die Kultur. Vor fünf Jahren sah VitrA absolut noch nicht so aus wie jetzt.

Auch Japan Airlines ist nicht nur eine Fluggesellschaft, sondern ein Botschafter für Japan. Sie ließen mich machen, was ich wollte und es wurde der weltweit erste organische Flugzeugsitz, in dem man in Embryohaltung schlafen kann. Wenn man Flüge zwischen Amerika und Japan verkaufen will, muss man Amerikaner und Japaner ansprechen. Ich war also eine Art kulturelle Brücke zwischen den Kulturen. Wir Briten sind wegen des Empires sehr gut darin, Ideen auszutauschen. Ich bin eigentlich aus Wales, aber ich stehe nicht für eine einzelne Kultur, ich habe die Rolle eines kulturellen Vermittlers, der Ideen übersetzt.

Und das bezieht sich auch auf die Endkunden? Versuchen Sie mit Ihren Entwürfen auch, die Menschen zu mehr Verantwortung und bewussterem Handeln aufzurufen?
Ja, definitiv. Mein „Solar Tree" für Artemide etwa ist unglaublich erfolgreich und verändert das Unternehmen. Artemide ist zurzeit vermutlich das einzige Unternehmen, das wächst - wegen meiner Arbeit.

Möchten Sie aber auch, dass die Leute über ihr Konsumverhalten nachdenken?
Ja, das müssen wir natürlich im Auge behalten. In Istanbul verbringen wir viel Zeit damit über Werte zu sprechen, über den Wert von Wasser etwa, das mittlerweile so wertvoll ist wie Öl. Das ist nicht nur ein Trendthema, sondern wirklich eine Haltung, die Sie in all meinen Interviews finden können. Ich wollte ein Designer werden, der innovativ und bekannt ist, der über Design sprechen kann, der Stil hat, der eine Beziehung zu den Menschen hat, der aber auch ein geerdetes menschliches Wesen ist. Ich möchte keine Namen nennen, aber unter den ganzen Stardesignern gibt es keinen, der sich im Entferntesten mit den Themen befasst, nach denen Sie mich fragen. Ich bin der einzige und dafür möchte ich anerkannt werden.

Sie können gerne Namen nennen!
Oh nein, das sind meine Freunde. Aber es überrascht mich, dass sich die Vorreiter in meiner Profession nicht stärker mit Themen befassen, die für die Menschheit relevant sind. Es kann nicht nur um unkonventionelles Design gehen, wenn es Luftverschmutzung, Wasserknappheit, politische Themen gibt. Man kann sich damit nicht sofort befassen, wenn man die Zusammenarbeit mit einem Unternehmen beginnt. Aber wenn man das Unternehmen zum Laufen gebracht hat, muss man Zeit in andere Ideen stecken.

Sie haben eine ganz eigene Designsprache, Ihre Entwürfe sind leicht als Lovegrove-Entwürfe zu identifizieren. Denken Sie, dass Sie mit diesem Formenrepertoire anders an eine neue Aufgabe herangehen als ein Designer, der dieses feste Formenrepertoire nicht hat?
Ich bin emotional und meine Arbeit ist emotional. Sie ist von der menschlichen Natur inspiriert, ich kopiere keine Bäume. Aber mich interessiert, dass ein Baum wie ein umgekehrtes Dusch-System funktioniert: Er nimmt Wasser aus der Erde auf und schafft Wolken, die Wolken regnen irgendwo anders und halten die Menschen dort am Leben. Ich bin Teil eines biologischen Rhythmus. Es kostet nicht mehr Aufwand, diese Formen zu schaffen. Ich arbeite wie ein Bildhauer der modernen Technologie. Meine Wasserflasche etwa war das erste weltweit vertriebene, digital generierte Produkt.

Man kann meine Arbeit leicht wiedererkennen, Gott sei Dank. Es gibt viele Leute, die sagen, dass ich Objekt-Ikonen schaffe, bei denen es nicht um die Marke, sondern um das Objekt geht. Mein Bambus-Fahrrad ist das Bambus-Fahrrad und meine Wasserflasche die Wasserflasche, da muss man den Markennamen nicht wissen. Auch für VitrA versuche ich Sachen machen, die man zunächst als Objekt und nicht als Marke wahrnimmt. Von einem Marken- oder Designernamen abhängig zu sein, ist für ein Objekt traurig. Ich versuche, meine Sprache einzubringen, die vielleicht die Sprache dieser Marke wird. Das ist gut für das Unternehmen, denn ich bin keine Bedrohung, ich bin ein Freund. Ich will das Unternehmen nicht kaufen, ich bin nur Ross Lovegrove.

Sie bezeichnen Ihre Arbeit als „organischen Essentialismus" und wollen damit ausdrücken, dass sie nicht mehr und nicht weniger als nötig verwenden wollen. Aber sind diese Formen nicht oft viel aufwändiger in der Herstellung?
Danke, dass Sie mich das fragen. Ja, absolut. Aber Badkeramik ist beispielsweise ein fester Puder, der verflüssigt wird und dann wieder fest wird. Sein natürlicher Zustand ist flüssig wie Öl, deswegen sehen meine Formen so aus. Gott sei Dank lassen wir gerade die Phase des Supernormalen hinter uns. Es gibt viele Dinge, die entworfen wurden, um einfach auszusehen und es nicht sind. Die Leute beginnen zu begreifen, dass organisches Design sowohl skulptural als auch emotional wertvoll ist, als Art und Weise mit dem Wenigsten das Meiste zu erreichen, genauso wie es die Natur tut. Einer der Gründe, warum die Leute kein organisches Design entwerfen, ist, dass sie es nicht können. Man braucht wirklich fundierte Kenntnisse dafür - nur wenige Leute wie Arne Jacobsen, Naum Gabo oder Anish Kapoor hatten die. Eine Box kann jeder gestalten; ich könnte diesen iPod hier in weniger als einer Stunde entwerfen.

Ich habe gelesen, dass Sie Dinge schaffen wollen, die den „Spaß am Dasein" in sich tragen. Denken Sie, dass schlichte, geradlinige Dinge das nicht haben können?
Durchaus. Die Tadao Ando Kapelle bei Osaka ist eine fantastische Erfahrung. Ich würde nie behaupten, dass das eine gut und das andere schlecht ist. Worauf es ankommt, ist das Gefühl, das man für ein Material hat. Man könnte auch in einer beschissenen Holzbox in den Bergen bezaubert vom Sonnenlicht sein, das durch die Risse scheint. Und wäre das eine Holzbox von Peter Zumthor, dann wäre sie sicher unglaublich. Es geht um Materialien wie bei meinem „Gingko" Carbon-Tisch oder meiner Wasserflasche. Nehmen Sie Marmor, eines der großartigsten organischen Materialien der Welt: sieht man nur einen Kubus davon, stehen einem die Haare zu Berge - alles, was Organisch ist, steckt in diesem Kubus fest. Ich würde am liebsten etwas Nicht-Organisches machen, um den Leuten zu beweisen, dass es um Material und Philosophie geht, nicht um die „Ross-Lovegrove-Form-Show". Ich zwinge die Form nicht und das werde ich in meinem Leben auch nie tun. Ich könnte auch mit Text arbeiten, mit zwei Dimensionen statt mit dreien.

Ihre Arbeiten sind jetzt schon in den großen Museen, wie im Museum of Modern Art in New York. Wie wird man Ihre Entwürfe wohl in zwanzig, dreißig Jahren beschreiben?
Offen gesprochen, glaube ich, dass sich die Welt in meine Richtung bewegen wird, nicht ich mich in die Richtung der Welt. Da hilft es, wenn man ein bisschen älter ist, dann glauben einem die Leute eher. Ich bin aber auch schon ein wenig gelangweilt, weil ich mich nicht wiederholen und rückwärtsgehen will. Ich muss in ein paar andere Bereiche hinein kommen, die meinen Intellekt fordern, etwa ein Auto entwerfen. Wenn ich nur noch Pfannen, Türklinken und Vasen entwerfen dürfte, würde ich aufhören.

Wie sollte das Design auf die derzeitige Krise reagieren? Muss es ernsthafter werden?
Wir produzieren Dinge und füllen damit die Welt an, ohne Fragen zu stellen. Ich glaube, dass diejenigen Erfolg haben werden, die Fragen stellen. Gerade jetzt brauchen wir eine intellektuelle Anstrengung. Ich genieße die Vielfalt meiner Arbeit und habe kein Problem damit, ein schönes Objekt für Swarovski zu machen, weil ich Kristall liebe. Ich habe kein Problem damit, weil ich einer der wenigen bin, die versuchen den leichtesten Koffer der Welt zu schaffen und in vielen anderen Bereichen Fortschritte zu erzielen. Aber ich war schon immer so: Ich drehe immer das Licht aus, ich schmeiße kein Essen weg, ich lebe wirklich normal. Ich gebe keine 2000 Euro im Restaurant aus, sondern esse gebackene Bohnen. Man entscheidet selbst, wo man sein hart verdientes Geld ausgibt. Geld: Hard to earn, easy to burn. Produkte: Leicht zu kaufen und ein absolutes Desaster, sie wieder loszuwerden. Es gibt kein System im Leben, das Zeug wieder loszuwerden, das ist lächerlich, eine Einbahnstraße. Deshalb ist Design politisch, sozial, ethisch. Die Deutschen sind mit Leuten wie Dieter Rams wirklich gut in den ethischen Aspekten der Dinge. - Was ist falsch an einer schönen Windmühle im Garten? Es ist schön, was sie macht, nicht was sie ist.

Freedom by Ross Lovegrove for VitrA Bathroom
Freedom by Ross Lovegrove for VitrA Bathroom
Freedom by Ross Lovegrove for VitrA Bathroom
Istanbul by Ross Lovegrove for VitrA Bathroom
News & Stories › 2009 › März
Mein Zeug ist fettfrei, genauso sollten die Menschen und das Leben sein.
von Markus Frenzl | 29. März 2009
Ross Lovegrove hat auf der ISH seine neue Kollektion „Freedom" für den türkischen Bad-Hersteller VitrA vorgestellt. Wir haben uns mit ihm über den Wandel des Badezimmers, biomorphe Formen, fettfreies Design, die Verantwortung von Stardesignern und Design in Zeiten der Krise unterhalten.
Ross Lovegrove hat auf der ISH seine neue Kollektion „Freedom" für den türkischen Bad-Hersteller VitrA vorgestellt. Wir haben uns mit ihm über den Wandel des Badezimmers, biomorphe Formen, fettfreies Design, die Verantwortung von Stardesignern und Design in Zeiten der Krise unterhalten.

Design fürs Bad hat sich gewandelt: Unternehmen gestalten nicht mehr nur Einzelprodukte, sondern ganze Badezimmerszenarien und -Interieurs. Wie spiegelt Ihre Arbeit für VitrA diese Veränderungen?
Ross Lovegrove: Es gibt zwei Länder auf der Welt mit großer Badekultur: Japan und die Türkei. Als türkisches Unternehmen kann VitrA also zu Recht das Thema Badekultur kommunizieren. Die Synergien zwischen Möbeln und Badkeramik werden dabei immer wichtiger. Andere Unternehmen befassen sich mit Konzepten für die Umgebung, VitrA macht das auf eine subtilere Art. Auf einer Messe wie der ISH versuchen viele die Atmosphäre eines richtigen Badezimmers mit fließendem Wasser zu schaffen, aber das ist falsch. Wir sind hier nicht in der gleichen sinnlichen Stimmung wie im Badezimmer, wir sind komplett angezogen und haben unsere Schuhe an. Wir sollten hier eigentlich alle nackt rumlaufen!

Sind Küche und Badezimmer keine vernachlässigten Räume mehr wie noch in den Fünfzigern?
Ich bin erfolgreich und recht wohlhabend, aber ich habe trotzdem keine zwanzig Meter lange Küche mit einem Boffi-Küchenblock und einer Espressomaschine, weil ich das Geld lieber nutze, um nach Äthiopien zu gehen. Ich glaube, diese statischen Objekte sind falsch; das ist, wie bei einem neuen Auto die Plastikbezüge auf den Sitzen zu lassen. Meine Eltern haben immer noch ein WC, in das ich schon vor vierzig Jahren gepinkelt habe, und es ist ironischerweise sogar von VitrA. Aber sie müssen es nicht ersetzen, weil es immer noch funktioniert. Ich glaube es hat eine Funktionsverschiebung von einer reinen Dienstleistungs- zu einer emotionalen Funktion stattgefunden.

Glauben Sie, dass Ihre formale Herangehensweise fürs Bad diesen emotionalen Funktionen mehr entspricht?
Bis zu einem gewissen Grad muss die Herangehensweise formal sein, weil man einfach den Raum organisieren muss. Die Leute haben nicht den Platz für große Objekte. Ich tüftle beim Thema Bad immer noch daran, eine Art architektonischen Aufbau zu bewahren. Meine zweite VitrA-Kollektion „Mod" war beispielsweise sehr modular, modern, moderat. Die neue Kollektion „Freedom" ist eine andere, asymmetrische Art damit umzugehen, wie wir uns bewegen. Ich folge damit stärker dem Verlauf des Materials, gegen das man nicht ankämpfen sollte. Wenn man sich auszieht und in dieses Bad geht, ist es wie in einem skulpturalen Paradies: Klang, Licht, die Veränderung der Umgebung - darauf kommt es an.

Sie haben keine Boffi-Küche, aber wie sieht Ihr eigenes Badezimmer aus?
Ich habe mein Bad vor etwa fünfzehn Jahren eingerichtet, als wir unser Haus gebaut haben und habe damals einen großen Fehler gemacht: Ich kaufte eine riesige Badewanne, weil ich dachte, dass man darin mit Freunden ein bisschen Marihuana rauchen und Spaß haben könnte. Aber sie hat einen enormen Wasserverbrauch und nimmt zuviel Platz ein. Meine Frau und ich haben getrennte Bereiche. Am Badezimmer, das ans Schlafzimmer angrenzt, ist keine Tür. Wenn man abschließen will, schließt man also das Schlafzimmer und nicht das Bad ab, das mag ich sehr: Das Badezimmer wird eine Erweiterung des Raumes, man kann aus dem Bad kommen und sich aufs Bett legen. Mein Sohn hat ein eigenes Badezimmer - ein Desaster, er ist ein Teenager - aber ich nutze es auch, es ist ein Jasper Morrison-Bad, sehr gut geschnitten.

Gehören Sie zu den Designern, die vermeiden in ihren eigenen Entwürfen zu leben?
Nein, ganz im Gegenteil, aber ich bin auch kein Opfer meiner Arbeit. Meine Entwürfe sind für andere Leute, ich arbeite im Auftrag der Gesellschaft. Für mich wäre es falsch, nur meines Egos wegen etwas zu ersetzen, das noch funktioniert, nur um anderen zu zeigen, dass ich es entworfen habe. Ich schlafe in einem von mir entworfenen Bett, trage meinen Koffer, aber nach einer Weile wird das ein bisschen langweilig.

Ihr Design gilt als „biomorph". Im Kontext Bad bringt man das besonders stark in Bezug zum menschlichen Körper. Würden Ihre Entwürfe anders aussehen, wenn Sie selbst nicht schlank wären?
Das hat mich noch keiner gefragt. Ich würde die Welt anders sehen, wenn ich dick wäre, obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen kann, wie das ist. Wir stehen wirklich vor einem großen Problem: Durch die Wirtschaftskrise essen die Leute schlechteres, billiges Essen, das fett macht. Die Physiologie der Leute ändert sich wie in den USA. Fettleibigkeit, ist etwas, mit dem ich nur schwer klarkomme. Ich akzeptiere, dass es bei einigen Leuten medizinische Gründe hat, aber die meisten treiben einfach keinen Sport. In allem, was ich tue steckt eine gewisse Fitness, etwas, das ich „Sprache des Überlebens" nenne. Meine Arbeit ist fettfrei, „ohne Speck", schlank und effizient. So sollten die Menschen und das Leben auch sein.

In Ihrer Phaidon-Monographie schrieb Alberto Meda über Ihre Arbeit, dass sie „zur Entwicklung unserer gesellschaftlichen Kultur beiträgt". Wie würden Sie diesen Beitrag Ihrer Arbeit beschreiben?
Wenn ich mit einem Unternehmen wie VitrA arbeite, tue ich das zum Teil auch für meine eigene Bildung. Seit fünf Jahren gehe ich einmal im Monat nach Istanbul - einen der fantastischsten Orte der Welt. Ich glaube Design sollte Bildung sein. Bei VitrA versuche ich, genauso wie bei Japan Airlines oder Artemide, dem Unternehmen Wachstum zu bringen - kommerziell und kulturell. Ich arbeite strategisch in Bezug auf die Kultur. Vor fünf Jahren sah VitrA absolut noch nicht so aus wie jetzt.

Auch Japan Airlines ist nicht nur eine Fluggesellschaft, sondern ein Botschafter für Japan. Sie ließen mich machen, was ich wollte und es wurde der weltweit erste organische Flugzeugsitz, in dem man in Embryohaltung schlafen kann. Wenn man Flüge zwischen Amerika und Japan verkaufen will, muss man Amerikaner und Japaner ansprechen. Ich war also eine Art kulturelle Brücke zwischen den Kulturen. Wir Briten sind wegen des Empires sehr gut darin, Ideen auszutauschen. Ich bin eigentlich aus Wales, aber ich stehe nicht für eine einzelne Kultur, ich habe die Rolle eines kulturellen Vermittlers, der Ideen übersetzt.

Und das bezieht sich auch auf die Endkunden? Versuchen Sie mit Ihren Entwürfen auch, die Menschen zu mehr Verantwortung und bewussterem Handeln aufzurufen?
Ja, definitiv. Mein „Solar Tree" für Artemide etwa ist unglaublich erfolgreich und verändert das Unternehmen. Artemide ist zurzeit vermutlich das einzige Unternehmen, das wächst - wegen meiner Arbeit.

Möchten Sie aber auch, dass die Leute über ihr Konsumverhalten nachdenken?
Ja, das müssen wir natürlich im Auge behalten. In Istanbul verbringen wir viel Zeit damit über Werte zu sprechen, über den Wert von Wasser etwa, das mittlerweile so wertvoll ist wie Öl. Das ist nicht nur ein Trendthema, sondern wirklich eine Haltung, die Sie in all meinen Interviews finden können. Ich wollte ein Designer werden, der innovativ und bekannt ist, der über Design sprechen kann, der Stil hat, der eine Beziehung zu den Menschen hat, der aber auch ein geerdetes menschliches Wesen ist. Ich möchte keine Namen nennen, aber unter den ganzen Stardesignern gibt es keinen, der sich im Entferntesten mit den Themen befasst, nach denen Sie mich fragen. Ich bin der einzige und dafür möchte ich anerkannt werden.

Sie können gerne Namen nennen!
Oh nein, das sind meine Freunde. Aber es überrascht mich, dass sich die Vorreiter in meiner Profession nicht stärker mit Themen befassen, die für die Menschheit relevant sind. Es kann nicht nur um unkonventionelles Design gehen, wenn es Luftverschmutzung, Wasserknappheit, politische Themen gibt. Man kann sich damit nicht sofort befassen, wenn man die Zusammenarbeit mit einem Unternehmen beginnt. Aber wenn man das Unternehmen zum Laufen gebracht hat, muss man Zeit in andere Ideen stecken.

Sie haben eine ganz eigene Designsprache, Ihre Entwürfe sind leicht als Lovegrove-Entwürfe zu identifizieren. Denken Sie, dass Sie mit diesem Formenrepertoire anders an eine neue Aufgabe herangehen als ein Designer, der dieses feste Formenrepertoire nicht hat?
Ich bin emotional und meine Arbeit ist emotional. Sie ist von der menschlichen Natur inspiriert, ich kopiere keine Bäume. Aber mich interessiert, dass ein Baum wie ein umgekehrtes Dusch-System funktioniert: Er nimmt Wasser aus der Erde auf und schafft Wolken, die Wolken regnen irgendwo anders und halten die Menschen dort am Leben. Ich bin Teil eines biologischen Rhythmus. Es kostet nicht mehr Aufwand, diese Formen zu schaffen. Ich arbeite wie ein Bildhauer der modernen Technologie. Meine Wasserflasche etwa war das erste weltweit vertriebene, digital generierte Produkt.

Man kann meine Arbeit leicht wiedererkennen, Gott sei Dank. Es gibt viele Leute, die sagen, dass ich Objekt-Ikonen schaffe, bei denen es nicht um die Marke, sondern um das Objekt geht. Mein Bambus-Fahrrad ist das Bambus-Fahrrad und meine Wasserflasche die Wasserflasche, da muss man den Markennamen nicht wissen. Auch für VitrA versuche ich Sachen machen, die man zunächst als Objekt und nicht als Marke wahrnimmt. Von einem Marken- oder Designernamen abhängig zu sein, ist für ein Objekt traurig. Ich versuche, meine Sprache einzubringen, die vielleicht die Sprache dieser Marke wird. Das ist gut für das Unternehmen, denn ich bin keine Bedrohung, ich bin ein Freund. Ich will das Unternehmen nicht kaufen, ich bin nur Ross Lovegrove.

Sie bezeichnen Ihre Arbeit als „organischen Essentialismus" und wollen damit ausdrücken, dass sie nicht mehr und nicht weniger als nötig verwenden wollen. Aber sind diese Formen nicht oft viel aufwändiger in der Herstellung?
Danke, dass Sie mich das fragen. Ja, absolut. Aber Badkeramik ist beispielsweise ein fester Puder, der verflüssigt wird und dann wieder fest wird. Sein natürlicher Zustand ist flüssig wie Öl, deswegen sehen meine Formen so aus. Gott sei Dank lassen wir gerade die Phase des Supernormalen hinter uns. Es gibt viele Dinge, die entworfen wurden, um einfach auszusehen und es nicht sind. Die Leute beginnen zu begreifen, dass organisches Design sowohl skulptural als auch emotional wertvoll ist, als Art und Weise mit dem Wenigsten das Meiste zu erreichen, genauso wie es die Natur tut. Einer der Gründe, warum die Leute kein organisches Design entwerfen, ist, dass sie es nicht können. Man braucht wirklich fundierte Kenntnisse dafür - nur wenige Leute wie Arne Jacobsen, Naum Gabo oder Anish Kapoor hatten die. Eine Box kann jeder gestalten; ich könnte diesen iPod hier in weniger als einer Stunde entwerfen.

Ich habe gelesen, dass Sie Dinge schaffen wollen, die den „Spaß am Dasein" in sich tragen. Denken Sie, dass schlichte, geradlinige Dinge das nicht haben können?
Durchaus. Die Tadao Ando Kapelle bei Osaka ist eine fantastische Erfahrung. Ich würde nie behaupten, dass das eine gut und das andere schlecht ist. Worauf es ankommt, ist das Gefühl, das man für ein Material hat. Man könnte auch in einer beschissenen Holzbox in den Bergen bezaubert vom Sonnenlicht sein, das durch die Risse scheint. Und wäre das eine Holzbox von Peter Zumthor, dann wäre sie sicher unglaublich. Es geht um Materialien wie bei meinem „Gingko" Carbon-Tisch oder meiner Wasserflasche. Nehmen Sie Marmor, eines der großartigsten organischen Materialien der Welt: sieht man nur einen Kubus davon, stehen einem die Haare zu Berge - alles, was Organisch ist, steckt in diesem Kubus fest. Ich würde am liebsten etwas Nicht-Organisches machen, um den Leuten zu beweisen, dass es um Material und Philosophie geht, nicht um die „Ross-Lovegrove-Form-Show". Ich zwinge die Form nicht und das werde ich in meinem Leben auch nie tun. Ich könnte auch mit Text arbeiten, mit zwei Dimensionen statt mit dreien.

Ihre Arbeiten sind jetzt schon in den großen Museen, wie im Museum of Modern Art in New York. Wie wird man Ihre Entwürfe wohl in zwanzig, dreißig Jahren beschreiben?
Offen gesprochen, glaube ich, dass sich die Welt in meine Richtung bewegen wird, nicht ich mich in die Richtung der Welt. Da hilft es, wenn man ein bisschen älter ist, dann glauben einem die Leute eher. Ich bin aber auch schon ein wenig gelangweilt, weil ich mich nicht wiederholen und rückwärtsgehen will. Ich muss in ein paar andere Bereiche hinein kommen, die meinen Intellekt fordern, etwa ein Auto entwerfen. Wenn ich nur noch Pfannen, Türklinken und Vasen entwerfen dürfte, würde ich aufhören.

Wie sollte das Design auf die derzeitige Krise reagieren? Muss es ernsthafter werden?
Wir produzieren Dinge und füllen damit die Welt an, ohne Fragen zu stellen. Ich glaube, dass diejenigen Erfolg haben werden, die Fragen stellen. Gerade jetzt brauchen wir eine intellektuelle Anstrengung. Ich genieße die Vielfalt meiner Arbeit und habe kein Problem damit, ein schönes Objekt für Swarovski zu machen, weil ich Kristall liebe. Ich habe kein Problem damit, weil ich einer der wenigen bin, die versuchen den leichtesten Koffer der Welt zu schaffen und in vielen anderen Bereichen Fortschritte zu erzielen. Aber ich war schon immer so: Ich drehe immer das Licht aus, ich schmeiße kein Essen weg, ich lebe wirklich normal. Ich gebe keine 2000 Euro im Restaurant aus, sondern esse gebackene Bohnen. Man entscheidet selbst, wo man sein hart verdientes Geld ausgibt. Geld: Hard to earn, easy to burn. Produkte: Leicht zu kaufen und ein absolutes Desaster, sie wieder loszuwerden. Es gibt kein System im Leben, das Zeug wieder loszuwerden, das ist lächerlich, eine Einbahnstraße. Deshalb ist Design politisch, sozial, ethisch. Die Deutschen sind mit Leuten wie Dieter Rams wirklich gut in den ethischen Aspekten der Dinge. - Was ist falsch an einer schönen Windmühle im Garten? Es ist schön, was sie macht, nicht was sie ist.