transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l2_v369288_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Mobiltelefone in Europa sind noch zu neunzig Prozent schwarz
1. November 2009
Florian Hufnagl; Foto: Hannes Magerstaedt

Florian Hufnagl ist seit 1990 Direktor der Neuen Sammlung - The International Design Museum Munich. Diese gilt als größte und älteste Designsammlung der Welt. Sie ist - als gleichberechtigter Partner der Kunst - sowohl in der Pinakothek der Moderne in München als auch im Neuen Museum Nürnberg präsent.

Herr Hufnagel, der Zusatz „Design" wird allzu häufig werbetechnisch zur Aufwertung von Produkten missbraucht. Gibt es Bestrebungen, dieser überstrapazierten Verwendung des Begriffs entgegenzuwirken?
Florian Hufnagl: In der Tat wird das Wort „Design" heute - nicht vom Design, aber vom Marketing - inflationär verwendet. Ebenso wird vieles als Architektur bezeichnet, auch wenn es sich dabei um visuelle Umweltverschmutzung handelt. Ebenso werden Textilien als Mode bezeichnet, die Sie und ich nicht mal mit spitzen Fingern anfassen würden. Insofern gibt es eine inflationäre Verwendung der Begrifflichkeiten, wie sie mittlerweile übrigens auch am Zusatz „sustainable" zu beobachten ist. Das Marketing macht sich zu Nutzen, dass jeder ein guter Mensch sein will, ohne dass damit bewiesen wäre, ob das Produkt wirklich nachhaltig ist. Dafür brauchen Sie nämlich Experten. Im Design ist das ganz genau so. Es muss also Instanzen - seien es Institutionen, Personen oder Preise - geben, die eine internationale hohe Designkompetenz haben.

Auf Kompetenz in Sachen Design trifft man häufig in familiengeführten Unternehmen, besonders in Italien. Anders in Deutschland. Hier werden Produkte gerne auf ein Massenpublikum zugeschnitten, in der Hoffnung, dabei an den Erfolg irgend eines bekannten Designs anknüpfen zu können. Teilen Sie diese Beobachtung?
Hufnagl: Das kann ich eins zu eins unterschreiben. Doch warum ist das so? In familiengeführten Unternehmen sind die Entscheidungswege extrem kurz, während in hiesigen großen Firmen Absicherungsmaßnahmen gegenüber der nächsten Instanz nötig sind. Dass dabei keine entschiedenen Haltungen herauskommen können, ist doch klar. Hinzu kommt: In Deutschland ist es verpönt, Fehler zu machen. Aber nur durch Fehler wird man klug. Du wirst nicht stark durch deine Siege, sondern durch deine Niederlagen. Diese Niederlagen kann ein familiengeführtes Unternehmen besser akzeptieren. Bei großen Unternehmen sind grundsätzlich alle beteiligt, wenn es um Erfolge geht, bei Problemen und Niederlagen ist jedoch meist die andere Abteilung schuld.

Aus Angst, es könnte schiefgehen und man könnte die Verantwortung übernehmen müssen, trifft man gar keine Entscheidung?
Hufnagl: Das ist genau der Punkt. Und wie wir wissen, gibt es im Leben Entscheidungen, die ganz banaler Art sein können. Tu ich's oder tu ich's nicht, das macht die Dinge auch freudvoll. Da kann Leidenschaft entstehen, da können Designer oder Unternehmer zu Triebtätern werden, wie ich immer sage, weil sie einen ganz bestimmten Weg einschlagen wollen. Das ist der springende Punkt: Leidenschaft.

Kann Design - oder ein Designer - eine Gesellschaft verändern? Oder ist Design eher ein Spiegel der Gesellschaft?
Hufnagl: Es ist beides, ganz klar. „I wanna change the world", daran glaube ich nicht. Die Welt ist inzwischen viel zu groß geworden, als dass ein einzelner sie aktiv verändern könnte. Er kann aber entscheidende Beiträge liefern, er prägt das visuelle Bild, er prägt die Umwelt.

Spielt die Handschrift eines Stardesigners dabei eine wesentliche Rolle?
Hufnagl: Stardesigner kann nur sein, wer eine unverwechselbare Handschrift mit einem hohen Wiedererkennungswert hat. Ein Stardesigner braucht ein Alleinstellungsmerkmal und eine Handschrift, die auf breiter Ebene ankommt, das ist wichtig. Und die eine Formensprache gleichsam „auf den Kopf" trifft. Was nicht zwingend heißt, dass es gutes Design ist.

Heißt das, wir brauchen den 29. Plastikstuhl-Verschnitt à la Philippe Starck? Oder hat nur diejenige Idee eine Existenzberechtigung, aus der tatsächlich etwas Neues hervorgeht?
Hufnagl: Spannende Frage. Wichtig bei einer Produktinnovation ist, dass sie von der Frage geleitet wird: Was ist notwendig? Das Thema der letzten Jahre war, etwas um des Neuen willen zu produzieren und zu entwerfen. Es ging um Produkte, die möglichst laut geschrieen haben: „Ich bin hier, ich bin neu", und die dadurch versucht haben, das bereits Vorhandene „alt" ausschauen zu lassen. Das ist wenig sinnvoll. Geh mit dem, was da ist, sinnvoll um, solange es Sinn macht. Und bringe die Innovation inklusive die Innovation im Design dann, wenn es notwendig ist und die technische Entwicklung es ermöglicht.

Gibt es für Sie so etwas wie den bedeutendsten Designer der Gegenwart?
Hufnagl: Ein Designer, der meiner Ansicht nach viel bewegt hat, ist Alberto Meda. In seinem Fall kann ich über die Emotionalisierung eines Möbels sprechen, ohne dabei alle Ornamentformen durchkauen und diese als Innovation verkaufen zu müssen.

Zum Stichwort Emotionalität hat der Medienwissenschaftler Norbert Bolz gesagt: „Leute interessieren sich für Geschichten, nicht für Produktinformationen. Nichts verkauft sich über die reine Produktqualität!". Sind Sie auch dieser Meinung?
Hufnagl: Ja, das ist richtig, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Und es hängt vom Produktsegment ab: Einen Bohrhammer wird man kaum über Emotionalität verkaufen. Ich habe nichts gegen Emotionalität und auch gar nichts gegen eine neue Ornamentik oder gegen Farbe, denn das feurige Mausgrau von Ulm und der rechte Winkel sind mir sehr verdächtig. Das Thema im Design lautet doch: Welche Produkte brauchen wir wann, für was und wie müssen sie ausschauen? Darüber muss eine auf Wachstum orientierte Industrie nachdenken, die ich damit in Frage stelle. Wir können nicht beliebig essen und trinken, es geht nicht um beliebig viel. Das ist eine geistige Erkenntnis, die vor dem Designprozess stehen muss und ebenso vor einer Unternehmerentscheidung und vor Marketingprozessen.

Kommt diese Erkenntnis, bedingt durch die Finanzkrise, gerade auf breiter Front in der Industrie an?
Hufnagl: Ich wünsche es mir. Denn erst dann kehrt die Normalität zurück und damit auch die Freude an den Dingen. Unser Thema ist doch, mit den Dingen zu leben und zwar anständig und im Dialog, in einer echten Auseinandersetzung, das gilt für die dingliche wie für die menschliche Welt. Es macht großen Spaß, das stets und ständig beobachten zu können, und ich bin in der glücklichen Lage es begleiten zu können, kommentierend und sammelnd. Die Kunst der Verführung ist zwar wunderschön, aber wer will schon ständig verführt werden? Das ist anstrengend. Man kann nicht jeden Tag Edelfraß essen, das wird langweilig, aber es ist eine gesunde Überlegung, wo, an welcher Stelle und an welchem Ort das ist, was man „mündig" nennt oder „fähig zu Entscheidungen". Da kann man natürlich immer einen Beitrag leisten, von Unternehmerseite, von der Entwicklungsseite und natürlich auch vom Design. Ich halte nichts von leeren Marketingversprechen, die Kunden verärgern, weil sie nach einem Vierteljahr schon das nächste Produkt kaufen sollen.

Wie sieht die Zukunft des Designs aus? Welche „Megatrends" zeichnen sich ab, wenn man diese Terminologie benutzen will?
Hufnagl: Das möchte ich etwas differenzierter betrachten. Es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, dass es diese Megatrends nicht gibt. Es gibt eine sehr starke Diversifizierung, die auch fortschreiten wird, weil wir weder einen Produkt- noch einen Gestaltungsimperialismus wollen. Ein solcher würde dem Menschen nicht entsprechen. À la longue erwarte ich eine Zunahme von spezifischen Produkten in der Breite, deren Design auch Kontinente überschreitet. Da Design eigentlich immer kulturell basiert ist, kann ich mir daneben vorstellen, dass eine Besinnung auf die eigene kulturelle Identität stattfinden wird. Ein Beispiel: Mobiltelefone in Europa sind noch zu neunzig Prozent schwarz, während sie in Asien farbig sind. Das hat mit unserer Geschichte zu tun: Das erste Telefon war nun mal schwarz und aus Kunststoff gefertigt - das schwingt immer mit.
Daneben glaube ich, dass wir insgesamt einen formalen Verlust hinnehmen müssen. Die Technik wird heute immer stärker von Software ersetzt; zuvor haben wir den Wandel der Dinge von der Mechanik zur Elektronik erlebt. Heute besteht ein Trend zur Miniaturisierung und zur Beliebigkeit der Form, nicht nur, was die Größe, sondern auch, was die Gestalt angeht. Zum Beispiel ist der Unterschied zwischen einem Herd und einem iPhone geringfügig. Ein iPhone ist nichts anderes als eine schwarze Glasplatte, mit allenfalls noch einem silbernen Rand. Ob ich jetzt damit Musik höre, telefoniere, Videos aufnehme, ist eine Frage der, wie der Italiener sagt, consuetudine, der Gewohnheit. Oder auch der Marktnachfrage. Das Produkt an sich sieht immer gleich aus und hat doch unterschiedlichste Funktionen.

Wen halten Sie für den bemerkenswertesten Designer der jüngeren Generation?
Hufnagl: Da gibt es einen Designer im aktuellen Geschehen, der ganz klar alle anderen hinter sich lässt. Er steht zwar an der Spitze eines Teams, aber er persönlich verkörpert den Gestaltungsgedanken: Jonathan Ive, der den iMac, den iPod, das iBook und das iPhone geformt hat. Bezeichnenderweise keine Möbel! Alle drei Dinge stehen wie nichts anderes für unsere Welt und haben sie nachhaltig verändert.

Welche Frage im Hinblick auf das Design beschäftigt Sie am meisten?
Hufnagl: Ich frage mich jeden Tag: Warum mache ich das, was ich hier mache? Warum beschäftige ich mich mit dem Thema Design? Warum mit dieser Intensität, in der ich das tue? Und da finde ich immer eine Antwort, zumindest noch.

Immer eine andere?
Hufnagl: Immer Varianten. Mit der Frage wächst man ja auch, sie hat ganz klar einen positiven Sinn. Wenn ich mich nicht nach dem „Warum" meines Tuns frage, wird es beliebig. Und beliebig dürfen die Dinge keinesfalls sein. Sie müssen entschieden sein, sie müssen begründbar sein und damit bewusst.

News & Stories › 2009 › November
Mobiltelefone in Europa sind noch zu neunzig Prozent schwarz
1. November 2009
An seinem Urteil kommt keiner so leicht vorbei: Florian Hufnagl ist als Direktor der Neuen Sammlung in München nicht nur ein exzellenter Kenner, sondern auch ein Enthusiast in Sachen Design. Franziska Horn sprach mit ihm über Designkompetenz in Unternehmen, über die Qualitäten von Produkten, die länger als eine Saison halten, und über Megatrends, die es nicht gibt.
Florian Hufnagl ist seit 1990 Direktor der Neuen Sammlung - The International Design Museum Munich. Diese gilt als größte und älteste Designsammlung der Welt. Sie ist - als gleichberechtigter Partner der Kunst - sowohl in der Pinakothek der Moderne in München als auch im Neuen Museum Nürnberg präsent.

Herr Hufnagel, der Zusatz „Design" wird allzu häufig werbetechnisch zur Aufwertung von Produkten missbraucht. Gibt es Bestrebungen, dieser überstrapazierten Verwendung des Begriffs entgegenzuwirken?
Florian Hufnagl: In der Tat wird das Wort „Design" heute - nicht vom Design, aber vom Marketing - inflationär verwendet. Ebenso wird vieles als Architektur bezeichnet, auch wenn es sich dabei um visuelle Umweltverschmutzung handelt. Ebenso werden Textilien als Mode bezeichnet, die Sie und ich nicht mal mit spitzen Fingern anfassen würden. Insofern gibt es eine inflationäre Verwendung der Begrifflichkeiten, wie sie mittlerweile übrigens auch am Zusatz „sustainable" zu beobachten ist. Das Marketing macht sich zu Nutzen, dass jeder ein guter Mensch sein will, ohne dass damit bewiesen wäre, ob das Produkt wirklich nachhaltig ist. Dafür brauchen Sie nämlich Experten. Im Design ist das ganz genau so. Es muss also Instanzen - seien es Institutionen, Personen oder Preise - geben, die eine internationale hohe Designkompetenz haben.

Auf Kompetenz in Sachen Design trifft man häufig in familiengeführten Unternehmen, besonders in Italien. Anders in Deutschland. Hier werden Produkte gerne auf ein Massenpublikum zugeschnitten, in der Hoffnung, dabei an den Erfolg irgend eines bekannten Designs anknüpfen zu können. Teilen Sie diese Beobachtung?
Hufnagl: Das kann ich eins zu eins unterschreiben. Doch warum ist das so? In familiengeführten Unternehmen sind die Entscheidungswege extrem kurz, während in hiesigen großen Firmen Absicherungsmaßnahmen gegenüber der nächsten Instanz nötig sind. Dass dabei keine entschiedenen Haltungen herauskommen können, ist doch klar. Hinzu kommt: In Deutschland ist es verpönt, Fehler zu machen. Aber nur durch Fehler wird man klug. Du wirst nicht stark durch deine Siege, sondern durch deine Niederlagen. Diese Niederlagen kann ein familiengeführtes Unternehmen besser akzeptieren. Bei großen Unternehmen sind grundsätzlich alle beteiligt, wenn es um Erfolge geht, bei Problemen und Niederlagen ist jedoch meist die andere Abteilung schuld.

Aus Angst, es könnte schiefgehen und man könnte die Verantwortung übernehmen müssen, trifft man gar keine Entscheidung?
Hufnagl: Das ist genau der Punkt. Und wie wir wissen, gibt es im Leben Entscheidungen, die ganz banaler Art sein können. Tu ich's oder tu ich's nicht, das macht die Dinge auch freudvoll. Da kann Leidenschaft entstehen, da können Designer oder Unternehmer zu Triebtätern werden, wie ich immer sage, weil sie einen ganz bestimmten Weg einschlagen wollen. Das ist der springende Punkt: Leidenschaft.

Kann Design - oder ein Designer - eine Gesellschaft verändern? Oder ist Design eher ein Spiegel der Gesellschaft?
Hufnagl: Es ist beides, ganz klar. „I wanna change the world", daran glaube ich nicht. Die Welt ist inzwischen viel zu groß geworden, als dass ein einzelner sie aktiv verändern könnte. Er kann aber entscheidende Beiträge liefern, er prägt das visuelle Bild, er prägt die Umwelt.

Spielt die Handschrift eines Stardesigners dabei eine wesentliche Rolle?
Hufnagl: Stardesigner kann nur sein, wer eine unverwechselbare Handschrift mit einem hohen Wiedererkennungswert hat. Ein Stardesigner braucht ein Alleinstellungsmerkmal und eine Handschrift, die auf breiter Ebene ankommt, das ist wichtig. Und die eine Formensprache gleichsam „auf den Kopf" trifft. Was nicht zwingend heißt, dass es gutes Design ist.

Heißt das, wir brauchen den 29. Plastikstuhl-Verschnitt à la Philippe Starck? Oder hat nur diejenige Idee eine Existenzberechtigung, aus der tatsächlich etwas Neues hervorgeht?
Hufnagl: Spannende Frage. Wichtig bei einer Produktinnovation ist, dass sie von der Frage geleitet wird: Was ist notwendig? Das Thema der letzten Jahre war, etwas um des Neuen willen zu produzieren und zu entwerfen. Es ging um Produkte, die möglichst laut geschrieen haben: „Ich bin hier, ich bin neu", und die dadurch versucht haben, das bereits Vorhandene „alt" ausschauen zu lassen. Das ist wenig sinnvoll. Geh mit dem, was da ist, sinnvoll um, solange es Sinn macht. Und bringe die Innovation inklusive die Innovation im Design dann, wenn es notwendig ist und die technische Entwicklung es ermöglicht.

Gibt es für Sie so etwas wie den bedeutendsten Designer der Gegenwart?
Hufnagl: Ein Designer, der meiner Ansicht nach viel bewegt hat, ist Alberto Meda. In seinem Fall kann ich über die Emotionalisierung eines Möbels sprechen, ohne dabei alle Ornamentformen durchkauen und diese als Innovation verkaufen zu müssen.

Zum Stichwort Emotionalität hat der Medienwissenschaftler Norbert Bolz gesagt: „Leute interessieren sich für Geschichten, nicht für Produktinformationen. Nichts verkauft sich über die reine Produktqualität!". Sind Sie auch dieser Meinung?
Hufnagl: Ja, das ist richtig, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Und es hängt vom Produktsegment ab: Einen Bohrhammer wird man kaum über Emotionalität verkaufen. Ich habe nichts gegen Emotionalität und auch gar nichts gegen eine neue Ornamentik oder gegen Farbe, denn das feurige Mausgrau von Ulm und der rechte Winkel sind mir sehr verdächtig. Das Thema im Design lautet doch: Welche Produkte brauchen wir wann, für was und wie müssen sie ausschauen? Darüber muss eine auf Wachstum orientierte Industrie nachdenken, die ich damit in Frage stelle. Wir können nicht beliebig essen und trinken, es geht nicht um beliebig viel. Das ist eine geistige Erkenntnis, die vor dem Designprozess stehen muss und ebenso vor einer Unternehmerentscheidung und vor Marketingprozessen.

Kommt diese Erkenntnis, bedingt durch die Finanzkrise, gerade auf breiter Front in der Industrie an?
Hufnagl: Ich wünsche es mir. Denn erst dann kehrt die Normalität zurück und damit auch die Freude an den Dingen. Unser Thema ist doch, mit den Dingen zu leben und zwar anständig und im Dialog, in einer echten Auseinandersetzung, das gilt für die dingliche wie für die menschliche Welt. Es macht großen Spaß, das stets und ständig beobachten zu können, und ich bin in der glücklichen Lage es begleiten zu können, kommentierend und sammelnd. Die Kunst der Verführung ist zwar wunderschön, aber wer will schon ständig verführt werden? Das ist anstrengend. Man kann nicht jeden Tag Edelfraß essen, das wird langweilig, aber es ist eine gesunde Überlegung, wo, an welcher Stelle und an welchem Ort das ist, was man „mündig" nennt oder „fähig zu Entscheidungen". Da kann man natürlich immer einen Beitrag leisten, von Unternehmerseite, von der Entwicklungsseite und natürlich auch vom Design. Ich halte nichts von leeren Marketingversprechen, die Kunden verärgern, weil sie nach einem Vierteljahr schon das nächste Produkt kaufen sollen.

Wie sieht die Zukunft des Designs aus? Welche „Megatrends" zeichnen sich ab, wenn man diese Terminologie benutzen will?
Hufnagl: Das möchte ich etwas differenzierter betrachten. Es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, dass es diese Megatrends nicht gibt. Es gibt eine sehr starke Diversifizierung, die auch fortschreiten wird, weil wir weder einen Produkt- noch einen Gestaltungsimperialismus wollen. Ein solcher würde dem Menschen nicht entsprechen. À la longue erwarte ich eine Zunahme von spezifischen Produkten in der Breite, deren Design auch Kontinente überschreitet. Da Design eigentlich immer kulturell basiert ist, kann ich mir daneben vorstellen, dass eine Besinnung auf die eigene kulturelle Identität stattfinden wird. Ein Beispiel: Mobiltelefone in Europa sind noch zu neunzig Prozent schwarz, während sie in Asien farbig sind. Das hat mit unserer Geschichte zu tun: Das erste Telefon war nun mal schwarz und aus Kunststoff gefertigt - das schwingt immer mit.
Daneben glaube ich, dass wir insgesamt einen formalen Verlust hinnehmen müssen. Die Technik wird heute immer stärker von Software ersetzt; zuvor haben wir den Wandel der Dinge von der Mechanik zur Elektronik erlebt. Heute besteht ein Trend zur Miniaturisierung und zur Beliebigkeit der Form, nicht nur, was die Größe, sondern auch, was die Gestalt angeht. Zum Beispiel ist der Unterschied zwischen einem Herd und einem iPhone geringfügig. Ein iPhone ist nichts anderes als eine schwarze Glasplatte, mit allenfalls noch einem silbernen Rand. Ob ich jetzt damit Musik höre, telefoniere, Videos aufnehme, ist eine Frage der, wie der Italiener sagt, consuetudine, der Gewohnheit. Oder auch der Marktnachfrage. Das Produkt an sich sieht immer gleich aus und hat doch unterschiedlichste Funktionen.

Wen halten Sie für den bemerkenswertesten Designer der jüngeren Generation?
Hufnagl: Da gibt es einen Designer im aktuellen Geschehen, der ganz klar alle anderen hinter sich lässt. Er steht zwar an der Spitze eines Teams, aber er persönlich verkörpert den Gestaltungsgedanken: Jonathan Ive, der den iMac, den iPod, das iBook und das iPhone geformt hat. Bezeichnenderweise keine Möbel! Alle drei Dinge stehen wie nichts anderes für unsere Welt und haben sie nachhaltig verändert.

Welche Frage im Hinblick auf das Design beschäftigt Sie am meisten?
Hufnagl: Ich frage mich jeden Tag: Warum mache ich das, was ich hier mache? Warum beschäftige ich mich mit dem Thema Design? Warum mit dieser Intensität, in der ich das tue? Und da finde ich immer eine Antwort, zumindest noch.

Immer eine andere?
Hufnagl: Immer Varianten. Mit der Frage wächst man ja auch, sie hat ganz klar einen positiven Sinn. Wenn ich mich nicht nach dem „Warum" meines Tuns frage, wird es beliebig. Und beliebig dürfen die Dinge keinesfalls sein. Sie müssen entschieden sein, sie müssen begründbar sein und damit bewusst.