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Möbel als veritable „Maschinen zum Denken“
von Claudia Mareis | 31. März 2012
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Eine Sichtweise, die in der Designtheorie seit Längerem schon unter dem Stichwort „Produktsemantik" verhandelt wird, hat nun auch Einzug in die Medien- und Kulturtheorie gefunden. Es handelt sich um die Einsicht, dass gestaltete Objekte über ihre funktional-technischen Qualitäten hinaus als mediale Träger symbolischer Ordnungen und als Agenten kommunikativer Prozesse fungieren. In dieser Sichtweise sind auch Möbel keine leblosen Gebrauchsgegenstände, die unseren Alltag bloß funktional ausstaffieren, vielmehr sind sie Bestandteile einer materiellen Kultur, die mit menschlichen Individuen und sozialen Positionen interagiert. Dieser These folgend versammelt der von Sebastian Hackenschmidt und Klaus Engelhorn herausgegebene Band „Möbel als Medien. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge" achtzehn Texte aus unterschiedlichen disziplinären Kontexten. Es handelt sich um Beiträge philosophischer, anthropologischer, kunsthistorischer, soziologischer, literarischer, literaturwissenschaftlicher oder psychologischer Herkunft. Einen explizit designtheoretischen Text findet man in dieser Reihung zwar nicht, dennoch lassen sich so gut wie alle der versammelten Beiträge auch unter designtheoretischen Prämissen deuten.

Den Medienbegriff, der bei der Analyse von Möbeln eine thematische Kongruenz herstellen soll, entlehnen die Herausgeber vom Medientheoretiker Marshall McLuhan. Von diesem stammt auch die pragmatische Vorstellung, dass das Medium erst in seiner Funktion und praktischen Anwendung zur Botschaft werde. Basierend auf dieser Lesart werden Tische, Stühle, Betten, Truhen und Schränke von den beitragenden Autoren über ihrer Rolle als funktionale Gebrauchsobjekte hinaus als Mittler und Vermittler von kommunikativen Sachverhalten befragt. Die Beiträge stellen also keine stilgeschichtlichen oder formanalytischen Untersuchungen von Möbeln in den Mittelpunkt ihrer Analysen, sondern konzentrieren sich auf solche Aspekte, die sich aus dem praktischen Gebrauch beziehungsweise aus dem jeweiligen Gebrauchskontext heraus ergeben. Daraus leitet sich ein Zugang zu alltäglichen Dingen ab, der diesen eine immense kulturelle Bedeutung zugesteht. Für Vilém Flusser, von dem ein Text über das Bett als Dreh- und Angelpunkt menschlichen Lebens und Sterbens in den Band aufgenommen wurde, stellen Dinge zugleich Bedingungen für unser physisches und soziales Leben dar.

Doch wie äußern sich durch Dinge erzeugte Bedingungen konkret? Und welche Botschaften können Möbel vermitteln, wenn wir sie als Medien lesbar machen? Der Band bietet ein breites Spektrum an Fallstudien zur Erhellung dieser Fragen an. Am Beispiel der Medialität des Herrscherthrons etwa wird dargelegt, auf welche Weise Herrscher und Thron gemeinsam ein ikonisches Medium bilden, das ihre Herrschaft ebenso begründet wie verkörpert. Eine vergleichbare Lesart gilt für die streng codierte und ritualisierte Verwendung von Sitzmöbeln bei Hof, in der Möbel höfische Machgefüge zum Ausdruck bringen. Doch sind nicht nur Stühle von medialer Bedeutung, sondern auch Truhen, Schränke oder Tische. In der Renaissance bildeten beispielsweise reich geschmückte italienische Hochzeitstruhen einen materiellen Bestandteil der Familiengeschichte, sie waren Medien zur Kommunikation gesellschaftlicher Werte, Ansprüche und Normen. Im 18. Jahrhundert strukturierten und unterstützten Naturalienschränke als Sammlungsmöbel sich aufkommende Vorstellungen einer akkumulativen, ordnenden naturwissenschaftlichen Systematik. Erhellend sind auch jene Beispiele, in denen Schreibtische als Voraussetzung und Gegenstand des Schreibens selbst thematisiert werden und in denen sich nach Mark Kingwell Möbel als veritable „Maschinen zum Denken" erweisen. Erweitert man den Blick vom Einzelmöbel auf die Ausstattung ganzer Räume, dann werden Chefzimmer durch die Art und Weise ihrer Möblierung und innenarchitektonischen Gestaltung als Orte der professionellen Selbstdarstellung und Hierarchie lesbar. Ebenso erzeugen therapeutische Innenräume vermittels ihrer Einrichtung kommunikative Effekte im Hinblick auf verdinglichte ästhetische, medizinische und gesellschaftlich Normen und Ordnungen.

Das Buch erhebt insgesamt nicht den Anspruch, ein Theorieband zum Thema zu sein, sondern versteht sich vielmehr als ein Lesebuch. Texte, die zum Teil verstreut in anderen Zusammenhängen bereits erschienen sind, wurden in dem Band erstmals zusammengeführt, zum Teil neu bearbeitet oder ins Deutsche übersetzt. Den einzelnen Beiträgen geht ein medientheoretischer Beitrag zu Möbeln von Walter Seitter voraus, in dem Tisch, Stuhl und Bett grundlegend als „Mittlerkörper" definiert werden, die Menschen in einer je spezifischen Weise präsentieren und vermitteln. Dieser Text kann als eine verbindende theoretische Grundlage für alle weiteren Beiträge dienen. Die Stärke des Buches liegt aber zweifellos in den konkreten Fallstudien, an denen sich die mediale Dimension von Möbeln als Bestandteil einer Kulturgeschichte der Dinge erst in ihrer ganzen Vielfalt und Komplexität zu entfalten vermag.

Möbel als Medien
Herausgegeben von Sebastian Hackenschmidt und Klaus Engelhorn
Softcover, 316 Seiten, deutsch
Transcript, Bielefeld, 2011
32,80 Euro
www.transcript-verlag.de

News & Stories › 2012 › März
Möbel als veritable „Maschinen zum Denken“
von Claudia Mareis | 31. März 2012
Meist werden Möbel „nur“ hinsichtlich ihres Konzeptes, ihrer Funktion und ihrer Form betrachtet – profunde medientheoretische Betrachtungen finden sich noch selten. Das Lesebuch „Möbel als Medien“ bietet mit Beiträgen von Autoren wie Marshall McLuhan, Vilém Flusser und Mark Kingwell einen breiten Betrachtungshorizont.
Eine Sichtweise, die in der Designtheorie seit Längerem schon unter dem Stichwort „Produktsemantik" verhandelt wird, hat nun auch Einzug in die Medien- und Kulturtheorie gefunden. Es handelt sich um die Einsicht, dass gestaltete Objekte über ihre funktional-technischen Qualitäten hinaus als mediale Träger symbolischer Ordnungen und als Agenten kommunikativer Prozesse fungieren. In dieser Sichtweise sind auch Möbel keine leblosen Gebrauchsgegenstände, die unseren Alltag bloß funktional ausstaffieren, vielmehr sind sie Bestandteile einer materiellen Kultur, die mit menschlichen Individuen und sozialen Positionen interagiert. Dieser These folgend versammelt der von Sebastian Hackenschmidt und Klaus Engelhorn herausgegebene Band „Möbel als Medien. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge" achtzehn Texte aus unterschiedlichen disziplinären Kontexten. Es handelt sich um Beiträge philosophischer, anthropologischer, kunsthistorischer, soziologischer, literarischer, literaturwissenschaftlicher oder psychologischer Herkunft. Einen explizit designtheoretischen Text findet man in dieser Reihung zwar nicht, dennoch lassen sich so gut wie alle der versammelten Beiträge auch unter designtheoretischen Prämissen deuten.

Den Medienbegriff, der bei der Analyse von Möbeln eine thematische Kongruenz herstellen soll, entlehnen die Herausgeber vom Medientheoretiker Marshall McLuhan. Von diesem stammt auch die pragmatische Vorstellung, dass das Medium erst in seiner Funktion und praktischen Anwendung zur Botschaft werde. Basierend auf dieser Lesart werden Tische, Stühle, Betten, Truhen und Schränke von den beitragenden Autoren über ihrer Rolle als funktionale Gebrauchsobjekte hinaus als Mittler und Vermittler von kommunikativen Sachverhalten befragt. Die Beiträge stellen also keine stilgeschichtlichen oder formanalytischen Untersuchungen von Möbeln in den Mittelpunkt ihrer Analysen, sondern konzentrieren sich auf solche Aspekte, die sich aus dem praktischen Gebrauch beziehungsweise aus dem jeweiligen Gebrauchskontext heraus ergeben. Daraus leitet sich ein Zugang zu alltäglichen Dingen ab, der diesen eine immense kulturelle Bedeutung zugesteht. Für Vilém Flusser, von dem ein Text über das Bett als Dreh- und Angelpunkt menschlichen Lebens und Sterbens in den Band aufgenommen wurde, stellen Dinge zugleich Bedingungen für unser physisches und soziales Leben dar.

Doch wie äußern sich durch Dinge erzeugte Bedingungen konkret? Und welche Botschaften können Möbel vermitteln, wenn wir sie als Medien lesbar machen? Der Band bietet ein breites Spektrum an Fallstudien zur Erhellung dieser Fragen an. Am Beispiel der Medialität des Herrscherthrons etwa wird dargelegt, auf welche Weise Herrscher und Thron gemeinsam ein ikonisches Medium bilden, das ihre Herrschaft ebenso begründet wie verkörpert. Eine vergleichbare Lesart gilt für die streng codierte und ritualisierte Verwendung von Sitzmöbeln bei Hof, in der Möbel höfische Machgefüge zum Ausdruck bringen. Doch sind nicht nur Stühle von medialer Bedeutung, sondern auch Truhen, Schränke oder Tische. In der Renaissance bildeten beispielsweise reich geschmückte italienische Hochzeitstruhen einen materiellen Bestandteil der Familiengeschichte, sie waren Medien zur Kommunikation gesellschaftlicher Werte, Ansprüche und Normen. Im 18. Jahrhundert strukturierten und unterstützten Naturalienschränke als Sammlungsmöbel sich aufkommende Vorstellungen einer akkumulativen, ordnenden naturwissenschaftlichen Systematik. Erhellend sind auch jene Beispiele, in denen Schreibtische als Voraussetzung und Gegenstand des Schreibens selbst thematisiert werden und in denen sich nach Mark Kingwell Möbel als veritable „Maschinen zum Denken" erweisen. Erweitert man den Blick vom Einzelmöbel auf die Ausstattung ganzer Räume, dann werden Chefzimmer durch die Art und Weise ihrer Möblierung und innenarchitektonischen Gestaltung als Orte der professionellen Selbstdarstellung und Hierarchie lesbar. Ebenso erzeugen therapeutische Innenräume vermittels ihrer Einrichtung kommunikative Effekte im Hinblick auf verdinglichte ästhetische, medizinische und gesellschaftlich Normen und Ordnungen.

Das Buch erhebt insgesamt nicht den Anspruch, ein Theorieband zum Thema zu sein, sondern versteht sich vielmehr als ein Lesebuch. Texte, die zum Teil verstreut in anderen Zusammenhängen bereits erschienen sind, wurden in dem Band erstmals zusammengeführt, zum Teil neu bearbeitet oder ins Deutsche übersetzt. Den einzelnen Beiträgen geht ein medientheoretischer Beitrag zu Möbeln von Walter Seitter voraus, in dem Tisch, Stuhl und Bett grundlegend als „Mittlerkörper" definiert werden, die Menschen in einer je spezifischen Weise präsentieren und vermitteln. Dieser Text kann als eine verbindende theoretische Grundlage für alle weiteren Beiträge dienen. Die Stärke des Buches liegt aber zweifellos in den konkreten Fallstudien, an denen sich die mediale Dimension von Möbeln als Bestandteil einer Kulturgeschichte der Dinge erst in ihrer ganzen Vielfalt und Komplexität zu entfalten vermag.

Möbel als Medien
Herausgegeben von Sebastian Hackenschmidt und Klaus Engelhorn
Softcover, 316 Seiten, deutsch
Transcript, Bielefeld, 2011
32,80 Euro
www.transcript-verlag.de