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Nachdenken über des Lebens Spannkraft
von Nora Sobich | 23. November 2010
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Elastisch, so der Duden, bedeutet so viel wie beweglich, biegsam, dehnbar, geschmeidig, nachgiebig, weich oder federnd und wird auch als Synonym für elegant und harmonisch verwendet. Wenn nicht alles täuscht, so scheint die Welt in den vergangenen Dezennien elastischer geworden zu sein, wobei Phänomene wie Zahnspangen, Kondome und Gummizüge von Hosen, die Tragflächen einer Boeing, natürlich das Internet als eine Art elastischem Wissensspeicher oder das elastische Freundschaftsverständnis von Facebook die Elastizität zugleich auch einzuschränken scheinen. Wie der italienische Physiker Michele Vallisneri in „Findings on Elasticity" schreibt, lässt sich Elastizität eben nicht auf einen Nenner bringen. In der Physik gilt ein Material dann als elastisch, wenn es sich nur schwer verformen lässt, im nichttechnischen Bereich hingegen, wenn es sich verformen lässt und wieder in seinen Urzustand zurückkehren kann.

Nach „Findings on Ice" ist „Findings on Elasticity" der zweite Band, der in der Reihe „Pars Foundation" erschienen ist, einem „Atlas kreativen Denkens", wie Astrid van Baalen und Hester Aardse ihr Projekt nennen. Beide leben in Amsterdam, Astrid van Baalen als Übersetzerin und Dichterin, Hester Aardse als Grafikdesignerin. Für ihre enzyklopädische Elastizitätsstudie haben sie Architekten, Fotografen, Regisseure, Künstler, Komponisten, Lyriker, Ökonomen, Neuropsychologen, Biochemiker, Biomechaniker, Nanoexperten und Politikwissenschaftler eingeladen, ihre „wichtigsten, verrücktesten, amüsantesten, ärgerlichsten, verwirrendsten, widersprüchlichsten Grübeleien und Vermerke mitzuteilen." Zwei Bedingungen sollten die Beiträge erfüllen: sie sollten sich um das Thema „Elastizität" drehen und in der jeweiligen Fachsprache verfasst sein.

Das Ergebnis ist höchst inspirierend. Die versammelte Vielfalt bekannter und weniger bekannter Namen verdichtet sich eindrucksvoll zu einem inhaltlich wie ästhetisch eigenständigen Sammelsurium aus soziologischen Erkenntnissen, Notenblättern, Drehbuchseiten, DNA-Formeln, Comics, Berechnungen aus der Raumfahrttechnik, Materialstudien, Nanodiagrammen, biologischen Schaubildern, Gedichten und Liebesbriefen. So nimmt der Leser quasi an einem kreativen Gedankenfindungsprozesses teil. Das ist Absicht und wird von den beiden Herausgeberinnen als „vierte Dimension" bezeichnet. Als Vergleich fällt einem der Katalog der Basler Ausstellung „Die Tücke des Objekts" von 1991 ein, in dem sich Gebrauchsanleitungen, Literatur, Kunst und wissenschaftliche Abhandlungen auf ähnlich offene Weise zu einer Art Lexikon fügten. Statt nach dem ABC oder nach Weltregionen gliedert sich die aktuelle Fundgrube der Elastizität aber nach Kategorien wie „Material", „Bewegung", „Spiel", „Politik", „Stretch", „Gummi", „Reaktion", „Resonanz", „Anpassung", „Universum" oder „Ökonomie", wobei in letzterer Preis- und Mengenelastizitäten zu einem universellen Handwerkszeug werden.

In der Kategorie „Anpassung" ist etwa über das menschliche Gehirn zu lesen: „Indem wir es verändern, können wir werden, was wir wollen." Da wir diesem Veränderungsprozess selten genügend Zeit einräumen, wie die Neuropsychologin Margriet Sitskoorn schreibt, würden die meisten allerdings eher Benutzer als Architekten ihres Gehirns bleiben. Von diesem wissenschaftlichen Essay, der das gesamte Buchprojekt treffend charakterisiert, blättert man weiter zu den Installationen des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, die wie fantastische Gebärstuben aussehen. Alles ist weich, wabbelig und wuchernd, als wäre die Welt eine einzige organische Zelle, in der biomorphe Gebilde ruhelos und bedrückend nachwachsen. Darauf folgt die wunderbare Fotografie eines unberührten Kaugummistreifens, ebenfalls von Ernesto Neto, und ein Elastizitätsbeweis: Über den Gummibaum und südamerikanische Kautraditionen sei das Kunstzeug in den Mund gekommen, wo es seitdem extrem elastisch die Form wechselt.

Im Vorwort erzählt Astrid van Baalen die Geschichte eines braunen Gummibandes, wie es auch die 206 Seiten des Bandes zusammenhält. Aus einem solchen Gummi hatte sich Astrid van Baalen in Kindertagen ein Katapult gebaut, mit dem sie dem Nachbarn ihrer Großmutter einen Klumpen Dreck in die Wohnung schleuderte. Schon früh, wie sie schreibt, habe sie so gelernt, dass Elastizität das eigene Selbstbewusstsein fördern kann. Wie Erinnerungen fließen in ihrem Sammelsurium auch Assoziationen - an Zahlen und Formeln, an Relationen, Reaktionen und Verhältnisse, an die elastischen Seltsamkeiten des Alltags mit Büstenhalter, Seidenstrumpf oder Stretchhose. Gleichsam alles und nichts kommt vor: Ein Schweinchen auf einem Trampolin, wassertropfenscharf aufgenommene Spinnennetze, menschliche Haare und Haut, die, wie auf wissenschaftlichen Darstellungen zu sehen ist, je nach Sonnenkonsum ebenso ausleiert wie die Saiten eines Musikinstruments, das dadurch seinen Klang verliert und langsam verstummt.

Elastizität symbolisiert im Spiel der Kräfte also sowohl Stillstand als auch ewige Wiederkehr. Und sie beschreibt, wo sie nachlässt, den Abschied vom Leben, dessen Spannkraft erschlafft. Auf einer der letzten Seiten dieser großartigen Anthologie geht dem Postkartenmotiv vereister Birken - Zweige, die schwer zu Boden hängen und die Spannung einer gläsernen Welt halten - eine geradezu leise, poetische Fotografie voraus. Zusammengekauert und etwas verloren sitzt der so genannte „Rubber-Man" Rafal Milach in seinem alten, glitzernden Auftrittskostüm zuhause in Polen auf dem Bett. Dass er vor fast dreißig Jahren einer der berühmtesten Clowns der Welt war, der sich dann allerdings bei einem Auftritt fast die Wirbelsäule verbogen hätte, erzählt jetzt nur noch seine ihm inzwischen zu groß gewordene Glitzerjacke. Gegen den Lauf der Zeit ist auch sie wirkungslos.

Findings on Elasticity
Herausgegeben von der Pars Foundation
Softcover, 190 Seiten
Lars Müller, Baden, 2010
35 Euro
www.lars-mueller-publishers.com

News & Stories › 2010 › November
Nachdenken über des Lebens Spannkraft
von Nora Sobich | 23. November 2010
Ob Seidenstrumpf, ein Schweinchen auf dem Trampolin oder das menschliche Gehirn - zu der großartigen Anthologie „Findings on Elasticity" haben Künstler und Wissenschaftler jede Menge Elastizitätsphänomene beigetragen. Dabei ist ein Sammelsurium entstanden, das den Leser an einem kreativen Gedankenfindungsprozesses teilhaben lässt.
Elastisch, so der Duden, bedeutet so viel wie beweglich, biegsam, dehnbar, geschmeidig, nachgiebig, weich oder federnd und wird auch als Synonym für elegant und harmonisch verwendet. Wenn nicht alles täuscht, so scheint die Welt in den vergangenen Dezennien elastischer geworden zu sein, wobei Phänomene wie Zahnspangen, Kondome und Gummizüge von Hosen, die Tragflächen einer Boeing, natürlich das Internet als eine Art elastischem Wissensspeicher oder das elastische Freundschaftsverständnis von Facebook die Elastizität zugleich auch einzuschränken scheinen. Wie der italienische Physiker Michele Vallisneri in „Findings on Elasticity" schreibt, lässt sich Elastizität eben nicht auf einen Nenner bringen. In der Physik gilt ein Material dann als elastisch, wenn es sich nur schwer verformen lässt, im nichttechnischen Bereich hingegen, wenn es sich verformen lässt und wieder in seinen Urzustand zurückkehren kann.

Nach „Findings on Ice" ist „Findings on Elasticity" der zweite Band, der in der Reihe „Pars Foundation" erschienen ist, einem „Atlas kreativen Denkens", wie Astrid van Baalen und Hester Aardse ihr Projekt nennen. Beide leben in Amsterdam, Astrid van Baalen als Übersetzerin und Dichterin, Hester Aardse als Grafikdesignerin. Für ihre enzyklopädische Elastizitätsstudie haben sie Architekten, Fotografen, Regisseure, Künstler, Komponisten, Lyriker, Ökonomen, Neuropsychologen, Biochemiker, Biomechaniker, Nanoexperten und Politikwissenschaftler eingeladen, ihre „wichtigsten, verrücktesten, amüsantesten, ärgerlichsten, verwirrendsten, widersprüchlichsten Grübeleien und Vermerke mitzuteilen." Zwei Bedingungen sollten die Beiträge erfüllen: sie sollten sich um das Thema „Elastizität" drehen und in der jeweiligen Fachsprache verfasst sein.

Das Ergebnis ist höchst inspirierend. Die versammelte Vielfalt bekannter und weniger bekannter Namen verdichtet sich eindrucksvoll zu einem inhaltlich wie ästhetisch eigenständigen Sammelsurium aus soziologischen Erkenntnissen, Notenblättern, Drehbuchseiten, DNA-Formeln, Comics, Berechnungen aus der Raumfahrttechnik, Materialstudien, Nanodiagrammen, biologischen Schaubildern, Gedichten und Liebesbriefen. So nimmt der Leser quasi an einem kreativen Gedankenfindungsprozesses teil. Das ist Absicht und wird von den beiden Herausgeberinnen als „vierte Dimension" bezeichnet. Als Vergleich fällt einem der Katalog der Basler Ausstellung „Die Tücke des Objekts" von 1991 ein, in dem sich Gebrauchsanleitungen, Literatur, Kunst und wissenschaftliche Abhandlungen auf ähnlich offene Weise zu einer Art Lexikon fügten. Statt nach dem ABC oder nach Weltregionen gliedert sich die aktuelle Fundgrube der Elastizität aber nach Kategorien wie „Material", „Bewegung", „Spiel", „Politik", „Stretch", „Gummi", „Reaktion", „Resonanz", „Anpassung", „Universum" oder „Ökonomie", wobei in letzterer Preis- und Mengenelastizitäten zu einem universellen Handwerkszeug werden.

In der Kategorie „Anpassung" ist etwa über das menschliche Gehirn zu lesen: „Indem wir es verändern, können wir werden, was wir wollen." Da wir diesem Veränderungsprozess selten genügend Zeit einräumen, wie die Neuropsychologin Margriet Sitskoorn schreibt, würden die meisten allerdings eher Benutzer als Architekten ihres Gehirns bleiben. Von diesem wissenschaftlichen Essay, der das gesamte Buchprojekt treffend charakterisiert, blättert man weiter zu den Installationen des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, die wie fantastische Gebärstuben aussehen. Alles ist weich, wabbelig und wuchernd, als wäre die Welt eine einzige organische Zelle, in der biomorphe Gebilde ruhelos und bedrückend nachwachsen. Darauf folgt die wunderbare Fotografie eines unberührten Kaugummistreifens, ebenfalls von Ernesto Neto, und ein Elastizitätsbeweis: Über den Gummibaum und südamerikanische Kautraditionen sei das Kunstzeug in den Mund gekommen, wo es seitdem extrem elastisch die Form wechselt.

Im Vorwort erzählt Astrid van Baalen die Geschichte eines braunen Gummibandes, wie es auch die 206 Seiten des Bandes zusammenhält. Aus einem solchen Gummi hatte sich Astrid van Baalen in Kindertagen ein Katapult gebaut, mit dem sie dem Nachbarn ihrer Großmutter einen Klumpen Dreck in die Wohnung schleuderte. Schon früh, wie sie schreibt, habe sie so gelernt, dass Elastizität das eigene Selbstbewusstsein fördern kann. Wie Erinnerungen fließen in ihrem Sammelsurium auch Assoziationen - an Zahlen und Formeln, an Relationen, Reaktionen und Verhältnisse, an die elastischen Seltsamkeiten des Alltags mit Büstenhalter, Seidenstrumpf oder Stretchhose. Gleichsam alles und nichts kommt vor: Ein Schweinchen auf einem Trampolin, wassertropfenscharf aufgenommene Spinnennetze, menschliche Haare und Haut, die, wie auf wissenschaftlichen Darstellungen zu sehen ist, je nach Sonnenkonsum ebenso ausleiert wie die Saiten eines Musikinstruments, das dadurch seinen Klang verliert und langsam verstummt.

Elastizität symbolisiert im Spiel der Kräfte also sowohl Stillstand als auch ewige Wiederkehr. Und sie beschreibt, wo sie nachlässt, den Abschied vom Leben, dessen Spannkraft erschlafft. Auf einer der letzten Seiten dieser großartigen Anthologie geht dem Postkartenmotiv vereister Birken - Zweige, die schwer zu Boden hängen und die Spannung einer gläsernen Welt halten - eine geradezu leise, poetische Fotografie voraus. Zusammengekauert und etwas verloren sitzt der so genannte „Rubber-Man" Rafal Milach in seinem alten, glitzernden Auftrittskostüm zuhause in Polen auf dem Bett. Dass er vor fast dreißig Jahren einer der berühmtesten Clowns der Welt war, der sich dann allerdings bei einem Auftritt fast die Wirbelsäule verbogen hätte, erzählt jetzt nur noch seine ihm inzwischen zu groß gewordene Glitzerjacke. Gegen den Lauf der Zeit ist auch sie wirkungslos.

Findings on Elasticity
Herausgegeben von der Pars Foundation
Softcover, 190 Seiten
Lars Müller, Baden, 2010
35 Euro
www.lars-mueller-publishers.com