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Neue Betone für Architektur und Design
von Juergen Glaesle | 20. Oktober 2009
Beton, der „Marmor der Moderne", ist als moderner Baustoff im 21. Jahrhundert angekommen. Kaum ein Material hat sich in der Wahrnehmung der Menschen in den letzten Jahren mehr gewandelt: Aus dem grauen Material der monotonen Bausünden vergangener Jahre ist ein angesagtes Material von Architekten geworden, die auf der Suche nach einer puren Ästhetik sind. Besonders Sichtbeton erlebt derzeit eine wahre Renaissance.

Aber dieser außergewöhnliche Baustoff hat noch viel mehr zu bieten, denn nicht nur die Ästheten, auch die Technologen haben sich in jüngster Vergangenheit dem Material intensiv angenommen. Aus dem Low-tech-Material ist ein High-tech-Baustoff geworden. Betontechnologische Innovationen und Entwicklungen weisen den Weg in eine neue, spannende Zukunft. Maßgeschneiderte Varianten wie selbstverdichtende oder ultrahochfeste Betone versprechen filigrane Konstruktionen und eine Architektur, die bisher nicht „baubar" erschienen war. Zusammen mit der Mannigfaltigkeit bei der Gestaltung der Oberfläche bietet sich ein unendlich weites Feld für die Kreativität der Planer. Texturen, Farben - fast alles ist möglich, selbst transluzente Betone sind mittlerweile machbar.

Und nicht nur die Architektur hat Haptik und Optik des Betons neu entdeckt. Immer mehr Hersteller von Premiummarken inszenieren ihre Produkte mit der Ästhetik dieses Baustoffs und setzen in der Werbung zunehmend auf das klare Design von Betonarchitektur. Beton ist cool und elegant, innovativ und hochwertig. Dabei bleibt er dezent und unaufdringlich, verleiht jedoch immer zusätzlich Stärke und Kontur. Ein Beweis dafür, wie sehr Beton „in" ist und den Zeitgeist widerspiegelt.
Einige der aktuellen Betonentwicklungen und Trends sind nachfolgend aufgeführt:

Selbstverdichtender Beton

Ende der achtziger Jahre wurde selbstverdichtender Beton in Japan entwickelt. Bei SVB gibt es nichts zu rütteln, er entlüftet allein durch die Schwerkraft. Ermöglicht wird dies durch einen modernen Hochleistungsbetonverflüssiger auf Polycarboxylatbasis. Seine Vorteile sind seine hohe Festigkeit und sehr gute Dauerhaftigkeit. Mit SVB lassen sich komplexe Geometrien betonieren und homogene porenarme Oberflächen erzielen. Das Wissenschaftsmuseum Phæno in Wolfsburg von Zaha Hadid war einer der ersten Großbauten mit SVB. Inzwischen sind viele dazu gekommen. Ein besonders schönes und skulpturales Objekt befindet sich in Südtirol: das Seebad Kaltern von The next ENTERprise Architekten. Fast alle Zement- und Betonhersteller bieten mittlerweile selbstverdichtende Betone an.

Hochleistungsbetone

Hochleistungsbetone sind Betone mit einer hohen Druckfestigkeit. Um sie zu erhalten, ist eine Optimierung des Betongefüges erforderlich. Erreicht wird dies - je nach Anwendung - durch die Minimierung des Wasserzementwertes, den Einsatz leistungsfähiger Fließmittel und die optimale Abstimmung von Gesteinskörnungs- und Zementsteineigenschaften, wie etwa durch Zusatz von Silicastaub, Mikrosilica oder Nanosilica. Neben der Druckfestigkeit weist hochfester Beton auch verbesserte Frostbeständigkeiten und eine gesteigerte Widerstandsfähigkeit auf. In der Architektur werden gerne der Schweizer Ultra-Hochleistungsbeton Vifort aus dem Hause Creabeton sowie das Hochleistungsbindemittel Flowstone, das mit DyckerhoffWeiß-Zement hergestellt wird, verwendet. Das hoch belastbare Material „Quantz", entwickelt von G.tecz, ist ebenfalls hervorragend für den konstruktiven und dekorativen Einsatz im Design-, Architektur- und Strukturkontext geeignet. Es verbindet herausragende Materialeigenschaften wie die Druckfestigkeit von Stahl und die Widerstandsfähigkeit von Keramik mit dem Potential eines zementgebundenen High-tech Werkstoffs, und dies mit einem hohen ökologischen und ökonomischen Vorteil. „Quantz" kann in jede Form gebracht werden, ob als Strangguss-Material eingesetzt oder aber in extrem dünne Schalungen vergossen. Planare, wie auch mehrfach gekrümmte, hoch ästhetische Objekte mit dünnen Wandstärken können damit hergestellt werden.

Hochfeste Beton erlauben in der Architektur neben schlanken Bauteilen auch scharfkantige Texturausführungen wie etwa bei der Fassadengestaltung des RATP-Betriebsgebäudes in Paris oder filigranste Strukturen wie die Vorhangfassade der „Dress Your Body"-Zentrale im schweizerischen Cormondrèche eindrucksvoll zeigt.

Glasfaserbeton und Textilbeton

Je dünner desto besser. Dem Wunsch vieler Architekten, filigran zu gestalten, kann auch der moderne Beton Rechnung tragen. Mit fibre C hat beispielsweise das österreichische Unternehmen Rieder ein innovatives Produkt aus Glasfaserbeton auf dem Markt, das eine sehr schlanke Bauweise der Elemente zulässt, die trotz extremer Dünnwandigkeit hochbelastbar sind. Einfärbbare, dünne Platten von 8 bis 13 Millimeter, die sehr leicht und zugleich biegefest sind. Das WM-Stadium „Soccer City" in Johannesburg wie auch Zaha Hadids Brückenpavillon für die Weltausstellung in Zaragoza haben jüngst Fassaden aus Glasfaserbeton erhalten. Auch der niederländische Hersteller Fydro (DimamiC-CCC) oder das Allgäuer Unternehmen Rudolph produzieren besondere Produkte aus Glasfaserbeton: dreidimensional gekrümmt, pigmentiert, hydrophobiert und optional mit Strukturen versehen. Altbewährt, aber aus der modernen Architektur nicht mehr wegzudenken, sind Zementfaserplatten wie etwa die bekannten Eternit-Platten.

Selbstreinigende Betone

Photokatalyse heißt das Zauberwort bei den neuen, selbstreinigenden Betonen. Bei der Herstellung kommt ein photokatalytischer Spezialzement zum Einsatz, in dem das enthaltene Titandioxid als Katalysator wirkt und mit Hilfe von Tageslicht Luftschadstoffe in unschädliche Bestandteile umwandelt. Regenwasser bewirkt dann die Selbstreinigung. Einige Anbieter sind hier auf dem Markt wie etwa der selbstreinigende Beton von SAW aus der Schweiz. Richard Meiers bekannte weiße Jubilee Church in Rom ist mit solchen skulpturalen Fertigteilen aus selbstreinigendem Beton erstellt worden.

Selbstreinigende Betonoberflächen sind auch mit superhydrophoben (Silikonharzen oder Tetrafluorethylen) oder superhydrophilen (Lotuseffekt) Oberflächenbeschichtungen zu erzielen.

Isolationsbetone

Monolithisch zu bauen ist in Zeiten der Energieeinsparverordnung eine kleine Herausforderung. Doch auch dafür hat Beton innovative Lösungen parat: sogenannte Isolationsbetone, Dämmbetone oder Infraleichtbetone helfen dabei. Mit den Blähglaskugeln von Liapor als Zuschlagsstoff lässt sich zum Beispiel so ein Leichtbeton herstellen. Auch die Schweizer Unternehmen Misapor und Millcell (Vetrocell) haben für solche Fälle Glasschaumbeton in ihrem Angebot. Das eben fertiggestellte Goethe-Gymnasium in Regensburg mit seiner einschaligen Wand ist ein gutes Beispiel für das Bauen mit Isolationsbeton.

Möbeldesign mit Beton

Beton ist chic und zwar auch in der Wohnung. Mittlerweile gibt es ein großes Angebot an Küchenplatten, Waschbecken, Couchtischen, Tischen und Schränken aus dem harten Material, die sich oft durch weiche Formen und warme Farben auszeichnen. Auch Badewannen, ob massiv oder aus dünnem Glasfaserbeton, gibt es in vielerlei Ausführungen. Die edlen Möbel des Franzosen Francesco Passaniti gelten hier schon fast als Klassiker. Wer es etwas wilder mag, findet bei der Freiburger Betonmanufaktur Villa Rocca mit Ihrem roughcrete bestimmt etwas Passendes. Die Zahl der Designer ist in den letzten Jahren explodiert: ob material raum form aus Hamburg oder Werkform aus Köln, ob stayconcrete aus Luxemburg oder hightech aus München, die Palette an kreativem Wohndesign aus Beton ist enorm. Auch die österreichische Manufaktur concreto mischt hier mit ihrem hitzebeständigen Beton fuoco in braungrauer Strukturgebung mit. Wer es ökologisch mag, dem gefällt sicher der ecoX-Beton des amerikanischen Herstellers Meld. Über 70 Prozent der Zuschläge stammen hier aus Industrie-Recyclingmaterial. Und wenn es vom Gewicht doch etwas leichter sein soll, hilft der niederländische Balsa Concrete sicher mit seinem Schaumkern.

Aber auch ganz einfacher Beton ohne Technologie hat viele optische Reize zu bieten. Ein schönes Beispiel dafür ist der Kalksteinbeton der Kalt Kies- und Betonwerk AG aus der Schweiz: Dank Jurakalkstein aus dem Steinbruch Mellikon strahlt dieser Kalksteinbeton mit seinen Beigetönen sprichwörtlich Wärme und Behaglichkeit aus. Beton ist eben Vielfalt.
Galerie in New York, Fassade aus Beton von Rieder
Jubilee Kirche von Richard Meier in Rom; Foto von alaninabox
Beton von Liapor in Chur
Beton von Liapor
Bank aus aus dem Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz
Bank aus aus dem Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz
Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz, Schale von Doreen Westphal design
Seebad Kaltern von the next ENTERprise - architects; Fotos von Lukas Schaller
Seebad Kaltern von the next ENTERprise - architects; Fotos von Lukas Schaller
Brücke aus Leichtbeton von Liapor
Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz, concrete lace von Doreen Westphal design
Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz, concrete lace von Doreen Westphal design
Goethe-Gymnasium in Regensburg, Beton von Liapor
Gartenstuhl von Doreen Westphal aus dem Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz
Beton von Rieder
Quantz von G.tecz
Hochleistungsbeton Quantz von G.tecz, Q-cup von Doreen Westphal
Seebad Kaltern von the next ENTERprise - architects; Fotos von Lukas Schaller