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Nur die stuhlgewordene Langeweile?
von Knuth Hornbogen | 28. Mai 2011
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Es ist schon eigenartig. Ausgestattet mit der Gabe, Inhalte mit visueller Raffinesse aufzuwerten, mag sich manch ein Grafikdesigner nicht allein auf solides Können verlassen. Zweifel scheinen zu existieren, ob die Wucht des eigenen Handwerks ausreichend wirkt. So muss, um ein Buch zu legitimieren, Text herbei. Der verspricht stets „Inhalt", so braucht man sich nicht mehr allein auf die Form zu stützen. Text hat aber, gegenüber visueller Schönheit, aus der Sicht des Grafikers per se einen Nachteil: Er rockt nicht von selbst, muss also „gestaltet" werden. Und damit beginnen die Probleme. Zum Beispiel Fontfarben, die keine ausreichenden Kontraste liefern; die Augen schweifen davon. So etwas kann kein Mensch lesen. Was noch zu ertragen wäre. Schließlich betrifft dies auch nur einen einzigen Text im Buch „220°C Virus Monobloc". Leider den Besten, den Hejo Eickhoff beigesteuert hat. Das Problem setzt sich in einem Layout fort, das nicht mit der Bindung des Buches korrespondiert. Das Druckwerk lässt sich kaum aufschlagen. Selbst brachiale Gewalt, Zerren und Quälen des Bundes, kann Text und Bild nicht recht vor Augen befördern. Wird das Buch nicht hemmungslos mit Ziegelsteinen aufgehalten, klappt das Ding immer wieder zu. Wer auch immer hier versagt hat: Grafik, Produktion, Herausgeber, Verleger oder irgendeine billige Druckerei in China – nur die Macher des Buches selbst wissen es.

Das ärgert vor allem deshalb, weil der kluge Inhalt eine gelungene Präsentation verdient hätte. Schließlich eröffnen die Herausgeber einen ganz neuen Blickwinkel. Mit ihrem Buch errichten sie dem unter Designern wohl meistgehassten Möbel ein Denkmal: dem Monobloc-Stuhl. Millionenfach produziert, ist er wohl das am weitesten verbreitete Symbol für billig, für Standard und für serielle Monotonie. Die stuhlgewordene Langeweile eben. Also das Gegenteil von anspruchsvollem Design, hoher Qualität und verfeinertem Gebrauchswert?

Allein die technische Beschreibung des Massenmöbels spricht eine Sprache der Nützlichkeit: Stapelbar ist er, gut zu reinigen, wetterbeständig, leicht, preiswert in der Produktion und damit auch für kleine Geldbeutel erschwinglich – lang ist die Reihe vorteilhafter Eigenschaften. Mehr noch: Der Monobloc-Stuhl verspricht nicht nur, er liefert auch. Er löst Versprechen ein, an denen sich noble Designschaffende vor allem rhetorisch abarbeiten. Schließlich ist die Idee des demokratischen Designs so alt wie das Design selbst. Was sonst steckt hinter dem ersten echten Designmöbel, dem Kaffeehausstuhl von Thonet? Hier begann die arbeitsteilige Entwicklung von Produktion und Design und die Eroberung des Massenmarktes. Was danach kam, stand stets im Schatten der gebogenen Holzmöbel. Insofern ist es nicht ganz verständlich, weshalb die preiswerten Kunststoffmöbel stets einem Standesdünkel gegenüberstanden. Nein, der Monobloc-Stuhl ist vielleicht viel eher ein Designklassiker als manch skulpturaler Stuhl der letzten hundert Jahre. Er hat ein schönes Buch verdient.

Den Blick für die Qualitäten des Monoblocs öffneten die damals noch völlig unbekannten Designerinnen, die sich unter dem Namen „Front" inzwischen größter Bekanntheit erfreuen. Sie nobilitierten das billige Möbel für das Café der Tensta Konsthall in Stockholm. Ein passgenauer Lederbezug macht aus dem banalen Kunststoffteil, wenn schon keinen Thron, so aber doch ein plötzlich irritierend edel wirkendes Sitzobjekt. Die Bürostuhlversion mit untergeschraubten Rollen, gespannten Drähten und zusammengezurrten Beinen kündet von einem etwas anderen Geist. Hier legen die jungen Designerinnen den Grundstein ihres Schaffens, das erst zu Ergebnissen kommt, wenn Nutzer ihre Ideen weiter konkretisieren: der permanente Wandel durch Nutzung – nicht durch das Diktat des Designs. Ohne diese kluge Aktion wäre der Monobloc-Stuhl vielleicht auch heute noch nicht auf die Designbühne gerückt worden.

Insgesamt 26 Designansätze, Konzepte, Experimente, aber auch neue Stühle im selben Produktionsverfahren stellen die Autoren Arnd Friedrichs und Kerstin Finger kenntnisreich in dem Buch zusammen. Das breite gefächerte Spektrum enthält etwa Reparaturarbeiten, die das französische Designquartett „5.5 Designers" beigesteuert hat. Darauf spezialisiert, den Nutzern das letzte Wort zu geben, arrangieren sie Gebrauchtes, Kaputtes, liefern Bastelarbeiten, die bereits unter der Überschrift „Krankenhaus für Möbel" für allerhand Wirbel gesorgt haben.

Nach einigem Blättern beginnt man zu ahnen, was Leute in den Bann der billigen Möbel zieht. Immerhin betreibt Jens Thiel die umfangreiche Website functionalfate.org, die sich allein dem Monobloc-Stuhl widmet: Es ist die Vielfalt, die aus der monotonen Massenfertigung erwächst. Das fasziniert die Macher, Forscher und Aktivisten des preiswerten Möbels. Die Variantenvielfalt, Kreativität und die Lust am Neuen fesselt. Gerade das vermisst man schließlich beim noblen Möbeldesign der etablierten Märkte. Also schaukelt der Monobloc mit einem Mal in einem Stahlrohrgestell von Rebecca Ahlstedt. Aber ein Möbel kann auch zum Medium mutieren. Bei Marti Guixé wird der Stuhl zur Leinwand, zum Träger für mehr oder minder wichtige Mitteilungen. Tina Roeder experimentiert mit Lochbohrungen und operiert so – destabilisierend – an der Oberfläche. Der Niederländer Maarten Baas erprobt mehr als die Optik des Kunststoffstuhles, wenn er ihn in Holz fertigen lässt. Per Formgebung verwandelt der Amerikaner sein Objekt scheinbar zu einem Gusseisenmöbel. Und so weiter, und so fort.

Eine deutliche Ausnahme bildet der Stuhl von Konstantin Grcic, der rein gar nichts mit dem Billigimage seiner Produktbrüder zu tun hat. Der „Myto", entwickelt von BASF und Plank, ist zwar auch nur ein Kunststoffstuhl, aber als Freischwinger verbindet er die Qualitäten eines Designklassikers mit denen von Massenwaren. So sieht er aus, der Gipfel der aktuellen Entwicklung auf dem Gebiet des Stuhldesigns.

Man kann also festhalten: Es gibt Bücher für Menschen, die gerne lesen – und es gibt Designbücher. Oft sind diese vor allem eines: schön gemacht, aber nicht gut zu lesen. Ein solches liegt hier vor. Inhaltlich lohnt die Lektüre allemal. Die gestalterische Umsetzung des Buchs überzeugt leider nicht. Dabei hätte der Monobloc durchaus eine rundum gelungene Monografie verdient.

220 °C Virus Monobloc / The Infamous Chair
Herausgegeben von Arnd Friedrichs und Kerstin Finger
Softcover, 192 Seiten, englisch
Gestalten, Berlin, 2010
Euro 29,90
www.gestalten.com

News & Stories › 2011 › Mai
Nur die stuhlgewordene Langeweile?
von Knuth Hornbogen | 28. Mai 2011
Der Monobloc-Stuhl gilt als Inbegriff eines Massenprodukts. Lange abfällig betrachtet, stellen ihn in letzter Zeit eine Reihe von Designern ins Zentrum ihrer Arbeiten. Die Publikation „220°C Virus Monobloc“ beleuchtet sämtliche Facetten dieser Annäherung.
Es ist schon eigenartig. Ausgestattet mit der Gabe, Inhalte mit visueller Raffinesse aufzuwerten, mag sich manch ein Grafikdesigner nicht allein auf solides Können verlassen. Zweifel scheinen zu existieren, ob die Wucht des eigenen Handwerks ausreichend wirkt. So muss, um ein Buch zu legitimieren, Text herbei. Der verspricht stets „Inhalt", so braucht man sich nicht mehr allein auf die Form zu stützen. Text hat aber, gegenüber visueller Schönheit, aus der Sicht des Grafikers per se einen Nachteil: Er rockt nicht von selbst, muss also „gestaltet" werden. Und damit beginnen die Probleme. Zum Beispiel Fontfarben, die keine ausreichenden Kontraste liefern; die Augen schweifen davon. So etwas kann kein Mensch lesen. Was noch zu ertragen wäre. Schließlich betrifft dies auch nur einen einzigen Text im Buch „220°C Virus Monobloc". Leider den Besten, den Hejo Eickhoff beigesteuert hat. Das Problem setzt sich in einem Layout fort, das nicht mit der Bindung des Buches korrespondiert. Das Druckwerk lässt sich kaum aufschlagen. Selbst brachiale Gewalt, Zerren und Quälen des Bundes, kann Text und Bild nicht recht vor Augen befördern. Wird das Buch nicht hemmungslos mit Ziegelsteinen aufgehalten, klappt das Ding immer wieder zu. Wer auch immer hier versagt hat: Grafik, Produktion, Herausgeber, Verleger oder irgendeine billige Druckerei in China – nur die Macher des Buches selbst wissen es.

Das ärgert vor allem deshalb, weil der kluge Inhalt eine gelungene Präsentation verdient hätte. Schließlich eröffnen die Herausgeber einen ganz neuen Blickwinkel. Mit ihrem Buch errichten sie dem unter Designern wohl meistgehassten Möbel ein Denkmal: dem Monobloc-Stuhl. Millionenfach produziert, ist er wohl das am weitesten verbreitete Symbol für billig, für Standard und für serielle Monotonie. Die stuhlgewordene Langeweile eben. Also das Gegenteil von anspruchsvollem Design, hoher Qualität und verfeinertem Gebrauchswert?

Allein die technische Beschreibung des Massenmöbels spricht eine Sprache der Nützlichkeit: Stapelbar ist er, gut zu reinigen, wetterbeständig, leicht, preiswert in der Produktion und damit auch für kleine Geldbeutel erschwinglich – lang ist die Reihe vorteilhafter Eigenschaften. Mehr noch: Der Monobloc-Stuhl verspricht nicht nur, er liefert auch. Er löst Versprechen ein, an denen sich noble Designschaffende vor allem rhetorisch abarbeiten. Schließlich ist die Idee des demokratischen Designs so alt wie das Design selbst. Was sonst steckt hinter dem ersten echten Designmöbel, dem Kaffeehausstuhl von Thonet? Hier begann die arbeitsteilige Entwicklung von Produktion und Design und die Eroberung des Massenmarktes. Was danach kam, stand stets im Schatten der gebogenen Holzmöbel. Insofern ist es nicht ganz verständlich, weshalb die preiswerten Kunststoffmöbel stets einem Standesdünkel gegenüberstanden. Nein, der Monobloc-Stuhl ist vielleicht viel eher ein Designklassiker als manch skulpturaler Stuhl der letzten hundert Jahre. Er hat ein schönes Buch verdient.

Den Blick für die Qualitäten des Monoblocs öffneten die damals noch völlig unbekannten Designerinnen, die sich unter dem Namen „Front" inzwischen größter Bekanntheit erfreuen. Sie nobilitierten das billige Möbel für das Café der Tensta Konsthall in Stockholm. Ein passgenauer Lederbezug macht aus dem banalen Kunststoffteil, wenn schon keinen Thron, so aber doch ein plötzlich irritierend edel wirkendes Sitzobjekt. Die Bürostuhlversion mit untergeschraubten Rollen, gespannten Drähten und zusammengezurrten Beinen kündet von einem etwas anderen Geist. Hier legen die jungen Designerinnen den Grundstein ihres Schaffens, das erst zu Ergebnissen kommt, wenn Nutzer ihre Ideen weiter konkretisieren: der permanente Wandel durch Nutzung – nicht durch das Diktat des Designs. Ohne diese kluge Aktion wäre der Monobloc-Stuhl vielleicht auch heute noch nicht auf die Designbühne gerückt worden.

Insgesamt 26 Designansätze, Konzepte, Experimente, aber auch neue Stühle im selben Produktionsverfahren stellen die Autoren Arnd Friedrichs und Kerstin Finger kenntnisreich in dem Buch zusammen. Das breite gefächerte Spektrum enthält etwa Reparaturarbeiten, die das französische Designquartett „5.5 Designers" beigesteuert hat. Darauf spezialisiert, den Nutzern das letzte Wort zu geben, arrangieren sie Gebrauchtes, Kaputtes, liefern Bastelarbeiten, die bereits unter der Überschrift „Krankenhaus für Möbel" für allerhand Wirbel gesorgt haben.

Nach einigem Blättern beginnt man zu ahnen, was Leute in den Bann der billigen Möbel zieht. Immerhin betreibt Jens Thiel die umfangreiche Website functionalfate.org, die sich allein dem Monobloc-Stuhl widmet: Es ist die Vielfalt, die aus der monotonen Massenfertigung erwächst. Das fasziniert die Macher, Forscher und Aktivisten des preiswerten Möbels. Die Variantenvielfalt, Kreativität und die Lust am Neuen fesselt. Gerade das vermisst man schließlich beim noblen Möbeldesign der etablierten Märkte. Also schaukelt der Monobloc mit einem Mal in einem Stahlrohrgestell von Rebecca Ahlstedt. Aber ein Möbel kann auch zum Medium mutieren. Bei Marti Guixé wird der Stuhl zur Leinwand, zum Träger für mehr oder minder wichtige Mitteilungen. Tina Roeder experimentiert mit Lochbohrungen und operiert so – destabilisierend – an der Oberfläche. Der Niederländer Maarten Baas erprobt mehr als die Optik des Kunststoffstuhles, wenn er ihn in Holz fertigen lässt. Per Formgebung verwandelt der Amerikaner sein Objekt scheinbar zu einem Gusseisenmöbel. Und so weiter, und so fort.

Eine deutliche Ausnahme bildet der Stuhl von Konstantin Grcic, der rein gar nichts mit dem Billigimage seiner Produktbrüder zu tun hat. Der „Myto", entwickelt von BASF und Plank, ist zwar auch nur ein Kunststoffstuhl, aber als Freischwinger verbindet er die Qualitäten eines Designklassikers mit denen von Massenwaren. So sieht er aus, der Gipfel der aktuellen Entwicklung auf dem Gebiet des Stuhldesigns.

Man kann also festhalten: Es gibt Bücher für Menschen, die gerne lesen – und es gibt Designbücher. Oft sind diese vor allem eines: schön gemacht, aber nicht gut zu lesen. Ein solches liegt hier vor. Inhaltlich lohnt die Lektüre allemal. Die gestalterische Umsetzung des Buchs überzeugt leider nicht. Dabei hätte der Monobloc durchaus eine rundum gelungene Monografie verdient.

220 °C Virus Monobloc / The Infamous Chair
Herausgegeben von Arnd Friedrichs und Kerstin Finger
Softcover, 192 Seiten, englisch
Gestalten, Berlin, 2010
Euro 29,90
www.gestalten.com