transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Odysseus langweilt sich nicht: Venezianische Streifzüge Folge 1
von Thomas Wagner | 9. Juli 2009
Es hat sich manches verändert im venezianischen Gartenreich der Kunst: der Deutsche Pavillon hat jetzt endlich eine Küche, in der trotzdem nicht gekocht werden kann, der französische gegenüber dafür einen Laufkäfig für revolutionsmüde Raubtiere; und ein Pavillon - wir wussten gar nicht, dass es den Dänen so schlecht geht - steht sogar zum Verkauf. Dafür werden in den ehemaligen Arsenalen der Kriegsmarine noch einmal Spiegel zerschlagen.

Keine langweilige Kunst mehr, versprochen

Venedig ist ein Trost verheißenes Herz aus Stein, durch dessen Adern jede Menge alte und neue, private und öffentliche Sehnsüchte gepumpt werden. Um ihnen, seien es eigene oder fremde, auf der Spur zu bleiben, durchwandert man wie eh und je das Labyrinth der Gassen, tuckert dicht gedrängt mit dem Vaporetto auf dem Canal Grande dahin oder überquert ihn - bei weitem die preiswerteste Art, Gondel zu fahren - mit Hilfe eines Traghetto. Steht man auf der Seite von Dorsoduro und wartet vor der Kirche Santa Maria della Salute auf Einlass in das von Tadao Ando veredelte ehemalige Hauptzollamt, in dem der französische Milliardär François Pinault mit seinen jüngsten Erwerbungen protzt, so erblickt man gegenüber, an der Fassade der nach langer Renovierungszeit gerade fertig gestellten Ca' Giustinian hängt, wo seit kurzem die Biennale-Verwaltung residiert, ein weithin sichtbares Transparent. „I will not make anymore boring art", hat der amerikanische Künstler John Baldessari darauf geschrieben. Aber wer wird sich, selbst bei langweiliger Kunst, in Venedig schon langweilen?

So antiquiert ist das Konzept gar nicht

Es versteht sich von selbst, dass sich nicht alle Künstlerinnen und Künstler, die ihre Werke in Venedig präsentieren - offiziell im Rahmen der 53. Kunst-Biennale oder in deren Umfeld -, an ein solches Verspechen gehalten haben. Auch mag man darüber streiten, was nun langweilig ist und was nicht. Doch wäre es lobenswert gewesen, auch die Kritik hätte sich an Baldessari orientiert, statt abermals reflexartig und gebetsmühlenhaft den Vorwurf zu wiederholen, das Konzept der Länderpavillons in den Giardini habe sich erledigt. Denn erstens wäre die Biennale ohne die bohrende Frage, ob und wie sich Kunst überhaupt in einen nationalstaatlichen Rahmen einfügt und was Repräsentation heute in diesem Zusammenhang bedeutet, nichts als eine - diesmal von einem einzigen Kurator konzipierte - weitere Großausstellung. Zweitens sind es am Ende doch die Künstler, die sich selbst repräsentieren, drittens garantiert das antiquierte Modell auch diesmal eine vielfältige Mischung, die eben nicht allein über den Leisten eines vorgegebenen Themas geschlagen wird, zu dessen Illustration Werke aus aller Herren Länder und unterschiedlichen Zeiten herangezogen werden. Und viertens erweist sich das venezianische Kunst-Potpourri dieses Mal gerade in den Giardini als lebendig, selbst wenn es einen gelegentlich doch langweilt, dass einige Arbeiten - siehe Deutscher Pavillon - hauptsächlich um die Geschichte, den Ort und das Ereignis selbst kreisen.

Es gibt auch sie, die Krise des Ausstellens

Wie immer gibt es mehr zu sehen, als man in ein paar Tagen verdauen kann. Dreierlei aber lässt sich inmitten der Vielfalt trotzdem beobachten. Neben der Frage, wer in den Nationenpavillons nun wen repräsentiere und der, ob mit Bruce Nauman, der einen Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon erhielt, ein Künstler oder dessen Land ausgezeichnet wird, lässt sich noch eine ganz andere Krise der Repräsentation ausmachen. Sie betrifft die unterschiedlichen Konzepte für das, was man gemeinhin Ausstellung nennt. So verspricht eine Arbeit wie das von Michael Elmgreen und Ingar Dragset in den Pavillons der Nordischen Staaten und Dänemarks eingerichtete Environment „The Collectors" nicht nur jede Menge aktueller Bezüge und eine Auseinandersetzung mit einem zum Lebensstil mutierten Modernismus; sie wirft auch ein grelles Licht auf eine konventionelle Form von Ausstellung, wie sie Daniel Birnbaum im ehemaligen Italienischen Pavillon in den Giardini und in den Hallen der Arsenale eingerichtet hat. Man mag die ironische Inszenierung eines Sammlers, der tot im Swimming Pool liegt, während sich in seinem modernistischen Bungalow nackte Lustknaben vor Werken der zeitgenössischen Kunst in Designer-Möbeln räkeln und ihm Haus daneben, das zum Verkauf steht, sich zwar edle Kunstwerke stapeln, in der Bibliothek aber die Treppe abbröckelt, für theatralisch halten; doch Elmgreen & Dragset setzen gleichwohl einen präzisen narrativen Rahmen, innerhalb dessen sich mehr und anders beobachten lässt als in der Schau „Fare mundo - Making Worlds - Weltenmachen", die zwar einen aufgeräumt wirkenden Parcour schafft, Werke aber letzen Endes doch wie Belegstücke einer These oder wie Waren auf einer Messe aneinanderreiht.

Verkochte Weltbilder

Und noch ein Phänomen ist nicht zu übersehen, eines, das geeignet scheint, am Formwillen von Künstlern oder an deren Fähigkeit zur Form zu zweifeln. Nicht wenige Arbeiten treten auf, als sei ein Kunstwerk nichts anderes als die mehr oder weniger gelungene Illustration der Meinung oder Weltanschauung eines Künstlers, so, als zähle allein das „Thema", das sie „transportieren" wollen. Gleich ob Gemälde, Video oder Installation, es wird zu einer Art Weltbild verkocht, das gleichzeitig in unterschiedlichen medialen Zuständen präsentiert oder im Raum ausgebreitet wird, als gehe es allein darum, „wichtige Themen" wie Umweltzerstörung, globale Vernetzung oder Migration anzusprechen. Dass ein Kunstwerk in einem bestimmten Medium auftritt, vielleicht sogar nur in diesem möglich ist, scheint heutzutage nicht länger zu genügen. Was man glaubt, sagen zu müssen, muss multimedial aufbereitet oder gleich mehrfach gezeigt und ausgesprochen werden. Die Reihe reicht hier von Pavel Pepperstein, der seine Aquarelle utopischer Denkmalsentwürfe medial aufmotzt bis zu Pascale Marthines mit Video-Filmen ausgestattetem afrikanischem Dorf und den Farbtöpfen und Transportkisten von Guyton/Walker im Eingang zum ehemaligen Italienischen Pavillon in den Giardini, über dessen Eingang nun „La Biennale" steht.
Womöglich wirken viele zeitgenössische Werke deshalb oft nur gut gemeint. Beruhigt wird das eigene Gewissen. Für eine ästhetische Aussage, die mehr ist als eine Meinung, reicht das aber nicht. So wird man ein ums andere Mal den Eindruck nicht los, als offenbare sich in der medialen Multiplikation der Botschaft eine unbewusste Unterströmung der zeitgenössischen Kunst, die, von ihren Markterfolgen beflügelt, einerseits ungemein selbstbewusst, ja zuweilen fast triumphal auftritt, auf der anderen Seite aber ihren eigenen Möglichkeiten misstraut. Womöglich hat die zeitgenössische Kunst hier ihren blinden Fleck.

Venezianische Streifzüge

Da in den letzten Jahren die Tendenz unübersehbar geworden ist, den Künstler sein Werk in einem kleinen Video-Film selbst erklären und somit vor allen seine Intention erläutern zu lassen, oder, alternativ, einen mehr oder weniger kritischen Kommentator - oft ebenfalls per Video-Clip - seine auf seinem persönlichen Geschmack beruhende Meinung kundtun zu lassen, wollen wir bewusst einen anderen Weg einschlagen. In einer losen Folge von Einzelbeiträgen werden wir in den kommenden Wochen - die 53. Biennale di Venezia hat ihre Pforten bis zum 22. November geöffnet - einzelne Pavillons, Werke, die Ausstellungen in den Arsenalen und im zentralen Pavillon „La Biennale" oder thematisch zusammenhängende Aspekte vorstellen und einer kritischen Prüfung unterziehen. Das Verfahren gleicht in seiner immanenten Bewegung in gewisser Weise derjenigen, die man als Besucher in den Giardini, den Arsenale und, auf der Suche nach über die Stadt verstreuten Pavillons und Ausstellungsorten, in Venedig und seinen Gassen und Kanälen vollzieht.

Im Sinne einer Visite, bei der man sich einfach treiben oder von Zufällen wie langen Warteschlangen oder Begegnungen leiten lässt, tauchen Orte und Konstellationen auf, es werden symbolische Ordnungen erkundet und Risse in unserem alltäglichen Bild der Welt erfahren. Man wird, da man selten weiß, was einen erwartet, von Unvorhersehbarem in Bann geschlagen, von Installationen oder Videos in andere Welten und Zeiten versetzt oder mit Erinnerungen an andere Werke und andere Orte konfrontiert. Man wandert umher, um das Territorium der Kunst zu erkunden, wie es sich auf einem realen Territorium ausbreitet. Wobei die Wanderung nicht eine von A nach B, von einem Ort zu einem anderen ist, sondern eher einem planlosen, aber entdeckungsfreudigen Durchstreifen einer Landschaft gleicht, bei dem es keine geraden Wege gibt und der jeweilige Ort, den man erreicht, stets die Bewegung hemmt, ihr ein Hindernis ist. Bei einem solchen Randgang ergeben sich überraschende Mischungen, begegnen und kreuzen sich Reales und Symbolisches und verbinden sich Lokales und Globales auf heitere Weise bei der Jagd nach der Kunst, dem Ereignis, dem Besonderen.

Auf der Jagd nach Kunst

„In der alten Sprache der Jäger", schreibt der Philosoph Michel Serres, „bedeutet courir à randon das Wild verfolgen, etwa zu Pferd einen Hirsch, auf dem Weg, den er zwischen dem Aufspüren und dem Zusammenbrechen zurücklegt. In seinem stürmischen Lauf musste das Tier häufig die Richtung wechseln und unerwartet zur Seite ausbrechen, um der Meute zu entgehen. Die Hunde aber führten die Musik und die Reiter und das ganze Getöse der Treibjagd stets wieder in die richtige Richtung. Randon, in der Mitte des Ärmelkanals oder des Sankt-Lorenz-Stroms, ist gemeinsames Gut der französischen und der englischen Sprache. Im Französischen nahm es am Ende die Bedeutung eines recht langen und schwierigen Spaziergangs, einer Wanderung an, während es im Englischen als random die Erinnerung an den unregelmäßigen, unvorhergesehenen Fluchtweg des Wildes behielt und ,Zufall' bedeutet. Ich möchte randonnée in einem Sinne verwenden, der seinem Ursprung recht nahe bleibt und ihn um ein paar Zufallsziehungen hinsichtlich der Wahl der eingeschlagenen Richtung wie auch hinsichtlich der Länge des zurückgelegten Weges vermehrt. Das Wetter, die schwierigen Wasser und widrigen Strömungen machen aus der Odyssee häufig solch eine randonnée. Das Zusammentreffen diverser Umstände veranlasst Odysseus, den besten Weg zu verlassen." (Michel Serres, Die fünf Sinne, Methode und Wanderung (global und lokal), Frankfurt am Main 1993, S. 349)

In Venedig ist das Kunstwerk ein Wild, das während eines Spaziergangs gejagt wird. Einen geraden Weg gibt es dabei nicht. Nur Streifzüge, auf denen sich der Wanderer mal hier- und mal dorthin wendet, um den aktuellen Grenzverläufen zwischen Welt und Kunst auf der Spur zu bleiben.

53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org
For Sale: Etwas ist faul im Pavillon der Dänen
Es liegt ein Toter im Pool vor dem Nordischen Pavillon, in dem Michael Elmgreen und Ingar Dragset „The Collectors“ inszeniert haben.
Installation von Guyton/Walker im Eingangsbereich zum Palazzo delle Esposizoni in den Gardini
Über der Seufzerbrücke: Auch die Sisley-Werbung versucht es künstlerisch.
Blick von der Terrasse der Ca’ Giustinian hinüber nach Guidecca
Nur ein Wort auf der Wand? Fassade des Österreichischen Pavillons
John Baldessaris Fassadengestaltung des La Biennale-Pavillons.
Im Griechischen Pavillon sind unter dem Titel “Paraxena” Werke von Lucas Samaras versammelt, darunter “Ecdysiast and Viewers” von 2006.
Charles Rays Knabe mit Frosch vor der Punta della Dogana
Raum ist unter jedem Hocker: Rachel Whiteread, Untitled (One Hundred Spaces) von 1995 in der Punta della Dogana.
Motorhaube als Bild: Werke von Richard Prince aus Pinaults Sammlung
Mann mit Bart in der grauen Zelle: Rudolf Stingel, „Untitled“ von 2008
Bürgerliche Spiele: Jeff Koons, „Bourgeois Bust - Jeff and Ilona“ von 1991
Auf alle Fälle politisch: Paul McCarthy, „Train, Pig, Island“ von 2007
Im zweiten Australischen Pavillon im Stadtteil Castello haben Claire Healy & Sean Cordeiro einen Kubus aus VHS-Kasetten gebaut: “Life Span”.
Im großen Gitterkäfig der Revolution: Environment von Claude Lévêque im Französischen Pavillon.
Großes Versprechen: John Baldessaris weithin sichtbares Transparent an der Fassade der Ca’ Giustinian.
Eingang zur Ca’ Giustinian, dem neuen Domizil der Verwaltung der Biennale.
lick von der Terrasse der Ca’ Giustinian auf die von Tadao Ando für François Pinault umgebaute Punta della Dogana, wo zur Eröffnung die Schau „Mapping the studio: Artists from the François Pinault Collection“ gezeigt wird.
Der Koreanische Pavillon mit Arbeiten von Hague Yang.
Nicht nur Tamara Grcic ist in Venedig vertreten: Ein Chair One ihres Bruders Konstantin Grcic vor dem Griechischen Pavillon.
Ein Blick in den Österreichischen Pavillon mit Werken von Franziska und Lois Weinberger und der Rauminstallation „Tabu“ von Elke Krystufek
Es lebe der Sport, vor allem in den Slums: David Hammons hat für François Pinault sogar einen Basketballkorb zu einer edlen Skulptur gemacht.
Hängt kein Pferdekopf an der Wand: Maurizio Cattelan, Untitled von 2007 in der Punta della Dogana.
Gebautes Raster trifft auf gemaltes: Rudolf Stingel, Untitled von 2008 auf einer Wand in der Punta della Dogana
Etwas memento mori muss sein.
Liegeplatz Museum: Wer in Venedig nicht mit der entsprechenden Yacht aufwarten kann, der gehört nicht zum Jet Set.
Fischli und Weiss kennen sich aus: Geld macht glücklich!