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Ohne Durchblick
Eine Kolumne von Michael Erlhoff
4. Juni 2015
Was geschieht mit uns, wenn wir uns permanent an Bilder halten und unseren Augen trauen?

Offensichtlich ist unsere gesellschaftliche Wirklichkeit geprägt durch ein Pathos des Sehens. So sind bekanntlich viele der Erkenntnis umschreibenden Vokabeln mit dem Sehen eng verbunden: Einsicht, Perspektive, Aufklärung, Aspekte, Weitsicht und viele mehr.

Dies begründet sich in dem aufrechten Gang, der den Menschen imaginiert, sich von den Tieren zu unterscheiden und mit dem diese sich von den unmittelbareren animalischen Nahsinnen absetzen können. Hörig ist der Sklave, „Gesichte haben“ gilt immerhin als fantastisch, „Stimmen hören“ als ziemlich bekloppt. Und es gibt sogar eine „Bildwissenschaft“, die offenkundig glaubt oder glauben machen will, man könne einfach ohne den Einfluss anderer Sinne Bilder sehen.

Nun kann man sowieso einwenden, dass wir Menschen den nahen Sinnen ohnehin nicht entgehen können – wir riechen, hören, schmecken und fühlen unausweichlich und permanent –, doch noch spannender ist, was derweil im Rahmen des pathetischen Sehens an Kurzsichtigkeit entstanden ist. Entwickelte sich doch schon beizeiten im urbanen Raum der verkürzte Blick, lediglich noch die Fußwege, die Straßen nebst den darauf sich bewegenden Fahrzeugen und dann noch die Schaufenster erblicken zu wollen. Das reichte, sich in einer Stadt einzurichten – und das führte vor einigen Jahren ja zu der wunderbaren Aktion eines Architekturbüros in Köln, auf die Fußwege in der Innenstadt „Blick heben“ zu schreiben, was zumindest jene Menschen, die dieser Aufforderung folgten, zum Staunen veranlasste über neue Blickwinkel. Aber selbst dies ist mittlerweile nur noch Geschichte, denn die Blicke der meisten Menschen richten sich derzeit lediglich noch auf den Monitor ihres Smartphones. Sie starren darauf, sind davon völlig absorbiert, angezogen von den vermeintlich ständig wechselnden Informationen, die dort zu finden sind. Kurzsichtig sind die Menschen geworden, glauben jedoch im Schein des Smartphones die Welt zu erblicken. Was nur noch ihre eigene Welt abbildet, eben die, die sie sich durch Apps und Twitter, Facebook und andere Kommunikationskanäle konstruiert haben. Man bewegt sich blasiert in der eigenen Blase, kann gar nicht mehr wahrnehmen, was um einen herum geschieht.

Lediglich aus Versehen tritt die äußere Welt noch in Erscheinung, nämlich dann, wenn man stolpert, gegen andere läuft und auf die Nase fällt. Tatsächlich hört man nun beispielsweise in Hongkong an allen öffentlichen Rolltreppen die Durchsage, alle sollten unbedingt auf der Rolltreppe die Augen von ihren Smartphones lösen, da das sonst gefährlich werden könnte. Denn diesseits der von den Smartphones so geförderten Egozentrik und somit Kurzsichtigkeit existiert dummerweise doch noch eine handfeste Realität. Selbst wenn von manchen inzwischen auch diese Wirklichkeiten verwechselt werden. „Heute morgen“, so ein Junge in der Straßenbahn, „wurde ich erschossen.“ Seltsam, dass er dann noch mit der Straßenbahn fahren konnte.

Die Perspektive dieser Sichtweise sieht womöglich noch düsterer aus. Denn Ingenieure und die im Design Tätigen wähnen schon längst den Einsatz jener Brillen, die als Monitore fungieren sollen, auf denen man also alles das sehen kann, was das Smartphone liefert. Und zugleich den Rest der Welt. Was unweigerlich zu einer sensationellen Vermischung von Sichtweisen führen wird, auf dass niemand mehr auseinander halten kann, was Spiel und was externe Realität sein soll. Das Leben gerät zur Imagination – voller Sehnsüchte und Ängste, stets zugerichtet durch die Informationen des Smartphone.
Naja. Da hat doch schon vor etwa 150 Jahren der Naturwissenschaftler Helmholtz völlig berechtigt formuliert, die Menschen würden zwar glauben, zum Beispiel rechte Winkel und parallele Linien zu sehen, doch die Augen können das gar nicht. Alles Einbildung.
Michael Erlhoff
Er ist Autor, Design-Theoretiker, Unternehmensberater, Kurator und Organisator; einst CEO des Rat für Formgebung, Mitglied des Beirats der documenta 8 und Gründungsdekan (und dann bis 2013 Professor) der Köln International School of Design/KISD. Erlhoff war Gründer der Raymond Loewy Foundation, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und leitete als Gastdozent Projekte und Workshops an Universitäten in Tokio, Nagoya, Fukuoka, Hangzhou, Shanghai, Taipei, Hongkong, New York und Sydney.
News & Stories › 2015 › Juni
Ohne Durchblick
von Michael Erlhoff | 4. Juni 2015
Was geschieht mit uns, wenn wir uns permanent an Bilder halten und unseren Augen trauen?
Was geschieht mit uns, wenn wir uns permanent an Bilder halten und unseren Augen trauen?

Offensichtlich ist unsere gesellschaftliche Wirklichkeit geprägt durch ein Pathos des Sehens. So sind bekanntlich viele der Erkenntnis umschreibenden Vokabeln mit dem Sehen eng verbunden: Einsicht, Perspektive, Aufklärung, Aspekte, Weitsicht und viele mehr.

Dies begründet sich in dem aufrechten Gang, der den Menschen imaginiert, sich von den Tieren zu unterscheiden und mit dem diese sich von den unmittelbareren animalischen Nahsinnen absetzen können. Hörig ist der Sklave, „Gesichte haben“ gilt immerhin als fantastisch, „Stimmen hören“ als ziemlich bekloppt. Und es gibt sogar eine „Bildwissenschaft“, die offenkundig glaubt oder glauben machen will, man könne einfach ohne den Einfluss anderer Sinne Bilder sehen.

Nun kann man sowieso einwenden, dass wir Menschen den nahen Sinnen ohnehin nicht entgehen können – wir riechen, hören, schmecken und fühlen unausweichlich und permanent –, doch noch spannender ist, was derweil im Rahmen des pathetischen Sehens an Kurzsichtigkeit entstanden ist. Entwickelte sich doch schon beizeiten im urbanen Raum der verkürzte Blick, lediglich noch die Fußwege, die Straßen nebst den darauf sich bewegenden Fahrzeugen und dann noch die Schaufenster erblicken zu wollen. Das reichte, sich in einer Stadt einzurichten – und das führte vor einigen Jahren ja zu der wunderbaren Aktion eines Architekturbüros in Köln, auf die Fußwege in der Innenstadt „Blick heben“ zu schreiben, was zumindest jene Menschen, die dieser Aufforderung folgten, zum Staunen veranlasste über neue Blickwinkel. Aber selbst dies ist mittlerweile nur noch Geschichte, denn die Blicke der meisten Menschen richten sich derzeit lediglich noch auf den Monitor ihres Smartphones. Sie starren darauf, sind davon völlig absorbiert, angezogen von den vermeintlich ständig wechselnden Informationen, die dort zu finden sind. Kurzsichtig sind die Menschen geworden, glauben jedoch im Schein des Smartphones die Welt zu erblicken. Was nur noch ihre eigene Welt abbildet, eben die, die sie sich durch Apps und Twitter, Facebook und andere Kommunikationskanäle konstruiert haben. Man bewegt sich blasiert in der eigenen Blase, kann gar nicht mehr wahrnehmen, was um einen herum geschieht.

Lediglich aus Versehen tritt die äußere Welt noch in Erscheinung, nämlich dann, wenn man stolpert, gegen andere läuft und auf die Nase fällt. Tatsächlich hört man nun beispielsweise in Hongkong an allen öffentlichen Rolltreppen die Durchsage, alle sollten unbedingt auf der Rolltreppe die Augen von ihren Smartphones lösen, da das sonst gefährlich werden könnte. Denn diesseits der von den Smartphones so geförderten Egozentrik und somit Kurzsichtigkeit existiert dummerweise doch noch eine handfeste Realität. Selbst wenn von manchen inzwischen auch diese Wirklichkeiten verwechselt werden. „Heute morgen“, so ein Junge in der Straßenbahn, „wurde ich erschossen.“ Seltsam, dass er dann noch mit der Straßenbahn fahren konnte.

Die Perspektive dieser Sichtweise sieht womöglich noch düsterer aus. Denn Ingenieure und die im Design Tätigen wähnen schon längst den Einsatz jener Brillen, die als Monitore fungieren sollen, auf denen man also alles das sehen kann, was das Smartphone liefert. Und zugleich den Rest der Welt. Was unweigerlich zu einer sensationellen Vermischung von Sichtweisen führen wird, auf dass niemand mehr auseinander halten kann, was Spiel und was externe Realität sein soll. Das Leben gerät zur Imagination – voller Sehnsüchte und Ängste, stets zugerichtet durch die Informationen des Smartphone.
Naja. Da hat doch schon vor etwa 150 Jahren der Naturwissenschaftler Helmholtz völlig berechtigt formuliert, die Menschen würden zwar glauben, zum Beispiel rechte Winkel und parallele Linien zu sehen, doch die Augen können das gar nicht. Alles Einbildung.
Er ist Autor, Design-Theoretiker, Unternehmensberater, Kurator und Organisator; einst CEO des Rat für Formgebung, Mitglied des Beirats der documenta 8 und Gründungsdekan (und dann bis 2013 Professor) der Köln International School of Design/KISD. Erlhoff war Gründer der Raymond Loewy Foundation, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und leitete als Gastdozent Projekte und Workshops an Universitäten in Tokio, Nagoya, Fukuoka, Hangzhou, Shanghai, Taipei, Hongkong, New York und Sydney.