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Palaststerben
von Mathias Remmele | 8. Oktober 2011
"Palast der Republik 1994-2010" von Christian von Steffelin, alle Fotos: David Giebel

Wo einst, „mittenmang" in Berlin, der Palast der Republik stand, ist jetzt nur noch Wiese. Stets akkurat gemäht und von leicht erhöhten Holzstegen gesäumt, harrt sie darauf, bald wieder den Baumaschinen Platz zu machen, die den Ort bereits zuvor für viele Jahre beherrschten. Nach dem Willen von Bundestag und Bundesregierung soll hier ab 2014 eine Teilreplik des alten Stadtschlosses entstehen, das, im Weltkrieg stark beschädigt, auf Geheiß der DDR-Regierung 1950 gesprengt und abgetragen worden war. Bis dahin markiert die Wiese eine merkwürdige, in ihrer demonstrativen Kahlheit auch unwirtliche Leerstelle. Heute beleben vor allem Entspannung suchende Touristen das weitläufige Gelände – und manchmal auch mein Hund. Er und ein paar seiner Artgenossen dürften wohl auch die Einzigen sein, die den Platz so richtig unbeschwert genießen. Das junge Tier sieht hier nichts anderes als Wiese und weiß nur, dass sich sonst nirgendwo in der Stadt auf so großer Fläche unbeschwert herumtollen, im Gras wälzen und das Fell schubbern lässt wie eben dort. Mir hingegen erscheint die Leere immer ein wenig ungehörig, besonders wenn uns der Platz – was an Wintertagen oder recht früh am Morgen öfter vorkommt – ganz allein gehört.

Mit einer Serie von Aufnahme besagter Wiese beginnt ein jüngst erschienener Bildband des Fotografen Christian von Steffelin. Er trägt den lakonischen Titel „Palast der Republik 1994-2010" und entfaltet auf rund 250 Seiten eine eindrückliche Fotodokumentation der Abrissgeschichte dieses nach der „Wende" heftig umstrittenen, mittlerweile völlig verschwundenen Gebäudes. Das Buch, das nach einer Einstiegssequenz mit der Wiese, chronologisch aufgebaut ist, setzt zu einem Zeitpunkt ein, als der Palast der Republik – neben dem nahe gelegenen Fernsehturm das wohl prominenteste Bauwerk der DDR-Ära in Berlin – bereits seit vier Jahren leer stand. Steffelins Bilder zeigen zunächst die noch weitgehend unversehrten Interieurs des Palastes. Es sind Aufnahmen, die einerseits die Spuren von Nutzung und jahrelanger Vernachlässigung sichtbar machen, andererseits aber den Eindruck vermitteln, als könnten all die Säle, Foyers, Gaststätten und sonstigen Räume des riesigen Bauwerks mit Leichtigkeit wieder belebt werden. Nach der zwischen 1998 und 2002 durchgeführten Asbestsanierung – als auch von Steffelin keinen Zutritt zum Gebäude hatte – präsentiert sich der Bau hingegen bis auf sein rohes Stahlskelett entkleidet. Es folgt die allmähliche, mit chirurgischer Präzision durchgeführte Demontage der Stahlkonstruktion. Am Ende bleiben nur noch die aus Beton gefertigten Erschließungstürme übrig, bevor auch sie von den Stahlzangen der Abrissbagger zerbröselt werden. Die letzte Aufnahme zeigt eine Stützmauer neben dem von Baggern zerwühlten, weitgehend abgeräumten Palast-Areal. Auf ihr steht, in großen weißen Lettern von anonymer Hand geschrieben: „Die DDR hat's nie gegeben" – der knappste und zugleich treffendste Kommentar zu dem euphemistisch als Asbestsanierung und selektiver Rückbau bezeichneten langsamen Abriss des Palastes, der sich in von Steffelins Buch als mutwilliges Zerstörungswerk an einem solide gebauten, vielfältig nutzbaren und auch in gestalterischer Hinsicht erhaltenswerten Bauwerk offenbart.

Inspiriert von Bernd Becher-Schülern wie Candida Höfer und Thomas Struth, ist von Steffelin ein Fotograf, der sein Handwerk versteht und auf der Höhe der Zeit arbeitet. Die Stärke seines Projektes über den Palast der Republik liegt in der Präzision und Vielschichtigkeit der Dokumentation – die er mit bewunderungswürdiger Hartnäckigkeit und langem Atem vorantrieb – und weniger in der Entwicklung einer neuen Bildästhetik. Gleichwohl ist ihm ein Reihe von atmosphärisch dichten, auch künstlerisch überzeugenden Aufnahmen gelungen. Etwa das erst nach stundenlanger Belichtungszeit entstandene Bild des in völliger Dunkelheit liegenden ehemaligen Volkskammersaals, der wie eine riesige, gespenstische Grabkammer der DDR-Geschichte wirkt. Oder jenes fast pointilistisch anmutende Panorama des Marx-Engel-Forums mit Marienkirche, Fernsehturm und Rotem Rathaus, das erst auf den zweiten Blick als Spiegelung in einer gesprungenen Glasscheibe des Palastes erkennbar wird. Oder jene Nachtaufnahme, auf der hinter einer hell erleuchteten Imbissbude die letzten Überbleibsel des Palastes wie Weltkriegsruinen in den Himmel ragen.

„Palast der Republik 1994-2010" ist gewiss ein schönes und zugleich verdienstvolles Bilderbuch. Doch wenn man den Band so als Ganzes durchblättert und betrachtet, drängt sich, je länger desto deutlicher der Eindruck auf, dass da und dort weniger mehr gewesen wäre. Nicht jedes Bild bietet substanziell Neues und in der Fülle droht die Prägnanz bisweilen auf der Strecke zu bleiben. Von Steffelin, der so lange um sein Projekt gerungen und so viel Lebenszeit hineingesteckt hat, mag man es nicht vorwerfen, dass er die Kunst des Weglassens nicht ganz meisterlich beherrscht. Dem Verlag aber, der hier in der Pflicht gewesen wäre, schon eher.

Palast der Republik 1994-2010
Von Christian von Steffelin
Hardcover, 248 Seiten, deutsch/englisch
Hatje Cantz, Ostfildern, 2011
39,80 Euro
www.hatjecantz.de

News & Stories › 2011 › Oktober
Palaststerben
von Mathias Remmele | 8. Oktober 2011
Den „Palast der Republik“ in Berlin gibt es nicht mehr, wohl aber Dokumentationen seines Abrisses. Christian von Steffelin hielt die Schritte der Zerstörung mit einer Kamera fest. Seine Fotos sind jetzt in einem empfehlenswerten Bildband zu begutachten.
Wo einst, „mittenmang" in Berlin, der Palast der Republik stand, ist jetzt nur noch Wiese. Stets akkurat gemäht und von leicht erhöhten Holzstegen gesäumt, harrt sie darauf, bald wieder den Baumaschinen Platz zu machen, die den Ort bereits zuvor für viele Jahre beherrschten. Nach dem Willen von Bundestag und Bundesregierung soll hier ab 2014 eine Teilreplik des alten Stadtschlosses entstehen, das, im Weltkrieg stark beschädigt, auf Geheiß der DDR-Regierung 1950 gesprengt und abgetragen worden war. Bis dahin markiert die Wiese eine merkwürdige, in ihrer demonstrativen Kahlheit auch unwirtliche Leerstelle. Heute beleben vor allem Entspannung suchende Touristen das weitläufige Gelände – und manchmal auch mein Hund. Er und ein paar seiner Artgenossen dürften wohl auch die Einzigen sein, die den Platz so richtig unbeschwert genießen. Das junge Tier sieht hier nichts anderes als Wiese und weiß nur, dass sich sonst nirgendwo in der Stadt auf so großer Fläche unbeschwert herumtollen, im Gras wälzen und das Fell schubbern lässt wie eben dort. Mir hingegen erscheint die Leere immer ein wenig ungehörig, besonders wenn uns der Platz – was an Wintertagen oder recht früh am Morgen öfter vorkommt – ganz allein gehört.

Mit einer Serie von Aufnahme besagter Wiese beginnt ein jüngst erschienener Bildband des Fotografen Christian von Steffelin. Er trägt den lakonischen Titel „Palast der Republik 1994-2010" und entfaltet auf rund 250 Seiten eine eindrückliche Fotodokumentation der Abrissgeschichte dieses nach der „Wende" heftig umstrittenen, mittlerweile völlig verschwundenen Gebäudes. Das Buch, das nach einer Einstiegssequenz mit der Wiese, chronologisch aufgebaut ist, setzt zu einem Zeitpunkt ein, als der Palast der Republik – neben dem nahe gelegenen Fernsehturm das wohl prominenteste Bauwerk der DDR-Ära in Berlin – bereits seit vier Jahren leer stand. Steffelins Bilder zeigen zunächst die noch weitgehend unversehrten Interieurs des Palastes. Es sind Aufnahmen, die einerseits die Spuren von Nutzung und jahrelanger Vernachlässigung sichtbar machen, andererseits aber den Eindruck vermitteln, als könnten all die Säle, Foyers, Gaststätten und sonstigen Räume des riesigen Bauwerks mit Leichtigkeit wieder belebt werden. Nach der zwischen 1998 und 2002 durchgeführten Asbestsanierung – als auch von Steffelin keinen Zutritt zum Gebäude hatte – präsentiert sich der Bau hingegen bis auf sein rohes Stahlskelett entkleidet. Es folgt die allmähliche, mit chirurgischer Präzision durchgeführte Demontage der Stahlkonstruktion. Am Ende bleiben nur noch die aus Beton gefertigten Erschließungstürme übrig, bevor auch sie von den Stahlzangen der Abrissbagger zerbröselt werden. Die letzte Aufnahme zeigt eine Stützmauer neben dem von Baggern zerwühlten, weitgehend abgeräumten Palast-Areal. Auf ihr steht, in großen weißen Lettern von anonymer Hand geschrieben: „Die DDR hat's nie gegeben" – der knappste und zugleich treffendste Kommentar zu dem euphemistisch als Asbestsanierung und selektiver Rückbau bezeichneten langsamen Abriss des Palastes, der sich in von Steffelins Buch als mutwilliges Zerstörungswerk an einem solide gebauten, vielfältig nutzbaren und auch in gestalterischer Hinsicht erhaltenswerten Bauwerk offenbart.

Inspiriert von Bernd Becher-Schülern wie Candida Höfer und Thomas Struth, ist von Steffelin ein Fotograf, der sein Handwerk versteht und auf der Höhe der Zeit arbeitet. Die Stärke seines Projektes über den Palast der Republik liegt in der Präzision und Vielschichtigkeit der Dokumentation – die er mit bewunderungswürdiger Hartnäckigkeit und langem Atem vorantrieb – und weniger in der Entwicklung einer neuen Bildästhetik. Gleichwohl ist ihm ein Reihe von atmosphärisch dichten, auch künstlerisch überzeugenden Aufnahmen gelungen. Etwa das erst nach stundenlanger Belichtungszeit entstandene Bild des in völliger Dunkelheit liegenden ehemaligen Volkskammersaals, der wie eine riesige, gespenstische Grabkammer der DDR-Geschichte wirkt. Oder jenes fast pointilistisch anmutende Panorama des Marx-Engel-Forums mit Marienkirche, Fernsehturm und Rotem Rathaus, das erst auf den zweiten Blick als Spiegelung in einer gesprungenen Glasscheibe des Palastes erkennbar wird. Oder jene Nachtaufnahme, auf der hinter einer hell erleuchteten Imbissbude die letzten Überbleibsel des Palastes wie Weltkriegsruinen in den Himmel ragen.

„Palast der Republik 1994-2010" ist gewiss ein schönes und zugleich verdienstvolles Bilderbuch. Doch wenn man den Band so als Ganzes durchblättert und betrachtet, drängt sich, je länger desto deutlicher der Eindruck auf, dass da und dort weniger mehr gewesen wäre. Nicht jedes Bild bietet substanziell Neues und in der Fülle droht die Prägnanz bisweilen auf der Strecke zu bleiben. Von Steffelin, der so lange um sein Projekt gerungen und so viel Lebenszeit hineingesteckt hat, mag man es nicht vorwerfen, dass er die Kunst des Weglassens nicht ganz meisterlich beherrscht. Dem Verlag aber, der hier in der Pflicht gewesen wäre, schon eher.

Palast der Republik 1994-2010
Von Christian von Steffelin
Hardcover, 248 Seiten, deutsch/englisch
Hatje Cantz, Ostfildern, 2011
39,80 Euro
www.hatjecantz.de