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Phänomenologie des Sehens
von Sandra Hofmeister | 27. August 2012
Neue Wache, Unter den Linden, Berlin, Foto © 2011 Gerrit Engel / Courtesy Schirmer/Mosel

Manchmal geht die Qualität des Originals für die Nachwelt im lauten Pathos der Epigonen und selbsternannten Jünger unter. Aus dem nüchternen Blick wird dann verklärender Mythos und aus der sachgerechten Auseinandersetzung eine ideologisch geführte Diskussion. Die Rekonstruktionsabsichten des Berliner Stadtschlosses zeigen, dass bei solchen Debatten städtebauliche oder funktionale Argumente zweitrangig werden können, und stattdessen Emotionen zu weittragenden Beschlüssen beflügeln. Nüchtern betrachtet liegt der Reiz historischer Gebäude in der Komplexität ihrer Geschichte, die verschiedene Schichten des Damals und des Heute übereinander legt und sichtbar macht.

Gerrit Engels Fotografien der Schinkel-Bauten in Berlin und Potsdam sind der Versuch, Zeugnisse dieser komplexen Geschichte an den ehemaligen Orten der preußischen Monarchie aufzuspüren. Die insgesamt 26 erhaltenen Schinkel-Gebäude in der Region, die der kürzlich erschienene Bildband „Schinkel in Berlin und Potsdam“ dokumentiert, zeigen sowohl urbane Hauptstadtmonumente des preußischen Königreichs als auch Beispiele privater Baukunst im Gartenreich des nahe gelegenen Potsdams. Die Außenaufnahmen der Gebäude von Karl Friedrich Schinkel zeigen kaum Aspekte des städtebaulichen Kontexts, der meist ohnehin nicht mehr in seiner ursprünglichen Form existiert. Stattdessen lassen die menschenleeren und sachlichen Fotografien die Gebäude für sich sprechen – als Monumente einer Epoche, die es zu studieren gilt. Durch den nüchternen Blick des Fotografen entsteht dabei eine Art Schinkel’scher Phänomenologie, die auch eine Schule des Sehens und ein Architekturführer ist.

„Schinkel definierte die Sprache für die moderne Architektur im Gleichgewicht zwischen Urbanität und Natur, Krone und Kommerz, Klassik und Gotik, Privatsphäre und Öffentlichkeit“, so Barry Bergdoll im Vorwort des Buches. Wie unterschiedlich diese Aspekte im Einzelnen auch ausfallen mögen, sei es im Kasino im Park Glienicke oder bei der Alten Nazarethkirche am Leopoldplatz in Berlin, es überrascht die Vielfalt architektonischer Elemente, die sich jeweils zu einem eigenen Kanon verbinden. Zerbrechlich mutet das Kavaliershaus auf der Pfaueninsel an, das Schinkel aus der Fassade eines gotischen Danziger Patrizierhauses und eigenen Ergänzungen 1824 zusammengesetzt hatte. Der kleine Maßstab von Schloss Charlottenhof in Potsdam machen den klassizistischen Bau mit seinem Mittelrisalit zu einer eleganten Villa, die sich mit Laubengängen und Wasserbassins im Lenné’schen Landschaftspark versteckt. Und selbst Potsdams Nikolaikirche erhält vor der Linse Gerrit Engels eine Würde, die den kürzlich renovierten Zentralbau deutlich weniger monumental erscheinen lässt, als er vielleicht vom letzten Potsdam-Besuch in Erinnerung geblieben ist.

„Die Geschichte hat nie frühere Geschichte copirt, und wenn sie es gethan hat, so zählt ein solcher Akt nicht in der Geschichte ...“, hielt Schinkel selbst fest. Das Alte Museum am Lustgarten in Berlin – bis heute der bedeutendste erhaltene Bau des Architekten – macht deutlich, was es mit dieser Haltung Schinkels auf sich hat. Der Museumsbau greift Zitate der Antike – beispielsweise die Pantheon-Kuppel – auf und überführt sie in die Typologie des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig öffnet sich das Museum zum Stadtraum, bezieht ihn dezidiert durch seine Wandelgänge mit ein und bildet den Abschluss für Schinkels Pläne zur städtebaulichen Umgestaltung der Mitte Berlins. Mies van der Rohes Feststellung, man könne an diesem Bau alles lernen, was es an Architektur zu wissen gibt, trug mit zu einer Mythenbildung bei, die Schinkel selbst fast schon zum Monument der Baukunst werden ließ. Doch mit Gerrit Engels nüchternen Aufnahmen, die bewusst keine Innenräume zeigen, kommt Schinkel wieder auf den Boden der Realität zurück. An Originalität büßt seine Architektur trotzdem nichts ein.

Schinkel in Berlin und Potsdam
Von Gerrit Engel
Hardcover, 140 Seiten, deutsch / englisch
Schirmer Mosel, München, 2011
49,80 Euro
www.schirmer-mosel.com

Schloss und Kavalierhaus Klein-Glienecke, Königstraße, Potsdam, Foto © 2011 Gerrit Engel / Courtesy Schirmer/Mosel
Denkmal für die Befreiungskriege auf dem Kreuzberg, Berlin, Foto © 2011 Gerrit Engel / Courtesy Schirmer/Mosel
Altes Museum, Berlin, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Kavalierhaus auf der Pfaueninsel, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Schloss Babelsberg, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Buch „Schinkel in Berlin und Potsdam“ von Gerrit Engel, Foto © Schirmer/Mosel
Produkte
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Karl Friedrich Schinkel
News & Stories › 2012 › August
Phänomenologie des Sehens
von Sandra Hofmeister | 27. August 2012
Einst war Karl Friedrich Schinkel mit der städtebaulichen Umgestaltung der Mitte Berlins betraut. Noch heute erinnern zahlreiche Bauten in Berlin und Potsdam an ihn, etwa das Alte Museum am Lustgarten. Der Fotograf Gerrit Engels hat sie mit nüchternem Blick dokumentiert.
Manchmal geht die Qualität des Originals für die Nachwelt im lauten Pathos der Epigonen und selbsternannten Jünger unter. Aus dem nüchternen Blick wird dann verklärender Mythos und aus der sachgerechten Auseinandersetzung eine ideologisch geführte Diskussion. Die Rekonstruktionsabsichten des Berliner Stadtschlosses zeigen, dass bei solchen Debatten städtebauliche oder funktionale Argumente zweitrangig werden können, und stattdessen Emotionen zu weittragenden Beschlüssen beflügeln. Nüchtern betrachtet liegt der Reiz historischer Gebäude in der Komplexität ihrer Geschichte, die verschiedene Schichten des Damals und des Heute übereinander legt und sichtbar macht.

Gerrit Engels Fotografien der Schinkel-Bauten in Berlin und Potsdam sind der Versuch, Zeugnisse dieser komplexen Geschichte an den ehemaligen Orten der preußischen Monarchie aufzuspüren. Die insgesamt 26 erhaltenen Schinkel-Gebäude in der Region, die der kürzlich erschienene Bildband „Schinkel in Berlin und Potsdam“ dokumentiert, zeigen sowohl urbane Hauptstadtmonumente des preußischen Königreichs als auch Beispiele privater Baukunst im Gartenreich des nahe gelegenen Potsdams. Die Außenaufnahmen der Gebäude von Karl Friedrich Schinkel zeigen kaum Aspekte des städtebaulichen Kontexts, der meist ohnehin nicht mehr in seiner ursprünglichen Form existiert. Stattdessen lassen die menschenleeren und sachlichen Fotografien die Gebäude für sich sprechen – als Monumente einer Epoche, die es zu studieren gilt. Durch den nüchternen Blick des Fotografen entsteht dabei eine Art Schinkel’scher Phänomenologie, die auch eine Schule des Sehens und ein Architekturführer ist.

„Schinkel definierte die Sprache für die moderne Architektur im Gleichgewicht zwischen Urbanität und Natur, Krone und Kommerz, Klassik und Gotik, Privatsphäre und Öffentlichkeit“, so Barry Bergdoll im Vorwort des Buches. Wie unterschiedlich diese Aspekte im Einzelnen auch ausfallen mögen, sei es im Kasino im Park Glienicke oder bei der Alten Nazarethkirche am Leopoldplatz in Berlin, es überrascht die Vielfalt architektonischer Elemente, die sich jeweils zu einem eigenen Kanon verbinden. Zerbrechlich mutet das Kavaliershaus auf der Pfaueninsel an, das Schinkel aus der Fassade eines gotischen Danziger Patrizierhauses und eigenen Ergänzungen 1824 zusammengesetzt hatte. Der kleine Maßstab von Schloss Charlottenhof in Potsdam machen den klassizistischen Bau mit seinem Mittelrisalit zu einer eleganten Villa, die sich mit Laubengängen und Wasserbassins im Lenné’schen Landschaftspark versteckt. Und selbst Potsdams Nikolaikirche erhält vor der Linse Gerrit Engels eine Würde, die den kürzlich renovierten Zentralbau deutlich weniger monumental erscheinen lässt, als er vielleicht vom letzten Potsdam-Besuch in Erinnerung geblieben ist.

„Die Geschichte hat nie frühere Geschichte copirt, und wenn sie es gethan hat, so zählt ein solcher Akt nicht in der Geschichte ...“, hielt Schinkel selbst fest. Das Alte Museum am Lustgarten in Berlin – bis heute der bedeutendste erhaltene Bau des Architekten – macht deutlich, was es mit dieser Haltung Schinkels auf sich hat. Der Museumsbau greift Zitate der Antike – beispielsweise die Pantheon-Kuppel – auf und überführt sie in die Typologie des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig öffnet sich das Museum zum Stadtraum, bezieht ihn dezidiert durch seine Wandelgänge mit ein und bildet den Abschluss für Schinkels Pläne zur städtebaulichen Umgestaltung der Mitte Berlins. Mies van der Rohes Feststellung, man könne an diesem Bau alles lernen, was es an Architektur zu wissen gibt, trug mit zu einer Mythenbildung bei, die Schinkel selbst fast schon zum Monument der Baukunst werden ließ. Doch mit Gerrit Engels nüchternen Aufnahmen, die bewusst keine Innenräume zeigen, kommt Schinkel wieder auf den Boden der Realität zurück. An Originalität büßt seine Architektur trotzdem nichts ein.

Schinkel in Berlin und Potsdam
Von Gerrit Engel
Hardcover, 140 Seiten, deutsch / englisch
Schirmer Mosel, München, 2011
49,80 Euro
www.schirmer-mosel.com