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Pilze für den Salon der Bourgeoisie
Zum Tod von Pierre Paulin
von Sandra Hofmeister | 18. Juni 2009
Pierre Paulin; © Artifort

Was wäre die Design-Welt ohne Pierre Paulin. Viele seiner Entwürfe sind heute schon zeitlose Ikonen - avantgardistisch und klassisch zugleich. Der Franzose selbst hat seine eigene Leistung stets als Marginalie angesehen, auch wenn er allen Grund dazu gehabt hätte, sich als den Designer der Grande Nation feiern zu lassen. Experimentierfreude und Neugierde zeichnen seine unverkennbare Handschrift aus - sei es in den Räumen für Georges Pompidou im Elysée-Palast oder bei den geschwungenen Linien des Stuhls „Flower" aus transparentem Polycarbonate, der erst in diesem Jahr in Mailand präsentiert wurde. Am 13. Juni 2009 ist Pierre Paulin im Alter von 81 Jahren in Montpellier gestorben. Seine Visionen werden lebendig bleiben.

„Meine berufliche Überzeugung ist es, dass ich keine traditionelle Produktion wollte", erklärte der Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin einmal. Die Möbel und Räume, Bügeleisen und Flugzeuginterieurs, die er neben vielen anderen Dingen gestaltet hat, sind Manifestationen dieser Überzeugung. Mit unaufhaltsamem Drang hat Pierre Paulin die Grenzen des Machbaren ausgelotet und dabei utopische, aber dennoch nutzerorientierte Welten inszeniert, die für den ganz normalen Alltag ebenso wie für ein Bankett beim französischen Präsidenten bestimmt waren. 1927 in Paris geboren, studierte Paulin an der Kunstschule Camondo und wurde in seinen frühen Jahren vom skandinavischen Design, von Charles und Ray Eames und von Florence Knoll inspiriert. 1953 präsentierte er auf der Pariser Haushaltswarenmesse seine erste eigene Möbelkollektion. Den Schreibtisch „CM141" - ein minimalistisches Pult mit dünnen Stahlbeinen und reduzierten Holzschubladen - hatte er damals mithilfe seines Vaters gefertigt. Seit letztem Jahr wird der Klassiker von Ligne Roset in einer Reedition unter dem Namen „Tanis" wieder produziert.

Kleider für Möbel

Experimente mit elastischen Stoffhüllen, die Pierre Paulin den Stuhlgestellen wie einen Badeanzug überstülpte, machten ihn in den Sechzigerjahren zum unangefochtenen Star des zeitgenössischen Sitzmöbels. Humor ist den organischen Formen des „Mushroom Pouffs" (1963), „Little Tulip" (1965) und der „Tongue" (1967) ebenso eingeschrieben wie der Lust der Pop-Art zu klaren Farben. Zarte Psychedelik und hoher Sitzkomfort zeichnen diese Sitzwellen mit dehnbaren Textilbezügen aus. Mit Pierre Paulin haben monströse Austern und Riesenpilze, Tulpen und Knospen in den Wohnbereich Einzug gehalten, und ihre eleganten geschwungenen Linien haben sich als ebenso aufregend wie wohntauglich erwiesen. In fließenden Formen schmiegen sich Paulins Möbel in Kurven um den Körper, schmeicheln ihm und verlangen eine ebenso legere wie lässige Sitzhaltung - recht ungewöhnlich für den strengen Salon der Bourgeoisie. Auch die Sessel „Ribbon", „Oyster" und der „Groovy" zelebrieren die fröhliche Moderne in einem Maß, dass einem beinahe schwindelig werden kann. Paulins Fantasiezeichnungen haben die Funktion nie aus den Augen verloren, sondern sich ihr untergeordnet. Die meisten Entwürfe entstanden in der sicheren Vorstellungskraft ihres Gestalters: „Wenn ich die Augen schloss - oder auch mit geöffneten Augen -, konnte ich ein Objekt, das ich mir ausdachte, vor meinem geistigen Auge drehen und sogar verändern. Ich sah es deutlich vor mir, wie heute auf dem Bildschirm. Der Bildschirm ist eine Art Viagra für schlechte Designer!"

Präsidiale Wohnwelten

Pierre Paulin hat für Renault und Citroën, für Ericsson und Allibert gearbeitet. Gemeinsam mit dem Industriedesigner Roger Tallon hob er eine Agentur für „Architectural Design" aus der Taufe, bevor er 1979 sein eigenes Studio gründete. Endgültig im blau-weiß-roten Olymp angekommen war Paulin spätestens ab den frühen Siebzigerjahren mit den Interieurgestaltungen des Elysée-Palastes für den Staatspräsidenten Georges Pompidou und für seinen späteren Nachfolger François Mitterand. Radikal modern der eine, bürgerlich der andere - Paulin fügte sich beiden präsidialen Auftraggebern und entwarf atemberaubende Repräsentationsräume. Offiziell beauftragt wurde er dazu von der Staatsinstitution „Atelier de Recherche et de Création du Mobilier national", die 1964 von dem Politiker und Kunstpublizisten André Malraux initiiert und damit Design zur Chefsache der Grande Nation gemacht hatte. Unvergesslich bleibt der Speisesaal für Pompidou: Eine Höhle aus gebrochenem Weiß, die sich wie das Innere eines Blütenkelchs rundherum wölbt und in mehreren tausend Kristallstäben an der Decke endet. Pompidou wollte den Elysée für die Moderne öffnen - Pierre Paulin schuf für dieses Vorhaben ein Raumensemble, dessen nahtlose weiche Wellen die Zukunft vorwegnahmen - eine stolze, weltoffene Zukunft, die repräsentativ für ganz Frankreich war. „Der seriöse Rahmen hindert einen doch nicht daran, fröhlich zu sein. Das wollte ich umsetzen. Ich versuche allen meinen Kreationen etwas Entspanntes, Zwangloses zu geben", kommentierte Pierre Paulin seine Raumkompositionen im Elysée, die in Teilen bis heute erhalten sind.

Vom Erfolg überrascht

Pierre Paulins Entwürfe befinden sich heute in den großen Designsammlungen in New York, Paris und Sidney. Die meisten seiner Möbel werden nach wie vor produziert - von Magis, Artifort oder anderen internationalen Herstellern. Der Designer wurde mit mehreren Preisen geehrt: 1969 erhielt er den Chicago Design Award und 1987 den Grand Prix National de la Création Industrielle. Vor etwa zehn Jahren hatte er sich von der Hauptstadt in die Provinz zurückgezogen. Seitdem lebte und arbeitete Pierre Paulin im südfranzösischen Cevennen-Gebirge - dort, wo die Bären leben und die Menschen zu Bären werden, wie ein französisches Sprichwort sagt. Präsident Nikolas Sarkozy, der übrigens anders als manche seiner Vorgänger an einem pompösen Louis XV-Prunktisch arbeitet, erinnerte an Paulin als einen der Großen des Designs. Einen, der es verstand, aus Design eine Kunst zu machen. So viel staatstragendes Pathos hätte Paulin selbst sicherlich nicht recht gefallen. „Ich bin überrascht von so viel Ehrung", meinte er erst letztes Jahr, als er beim Salon du Meuble in Paris zum Designer des Jahres gekürt worden war.

News & Stories › 2009 › Juni
Pilze für den Salon der Bourgeoisie
Zum Tod von Pierre Paulin
von Sandra Hofmeister | 18. Juni 2009
Er hat Sitzknospen, Wohnpilze und unvergleichbare Interieurs geschaffen. Pierre Paulins fröhliche Kreationen haben die Designgeschichte maßgeblich beeinflusst. Sie sind heute so lebendig wie eh und je. Letzten Samstag ist der französische Wohnvisionär im Alter von 81 Jahren gestorben.
Was wäre die Design-Welt ohne Pierre Paulin. Viele seiner Entwürfe sind heute schon zeitlose Ikonen - avantgardistisch und klassisch zugleich. Der Franzose selbst hat seine eigene Leistung stets als Marginalie angesehen, auch wenn er allen Grund dazu gehabt hätte, sich als den Designer der Grande Nation feiern zu lassen. Experimentierfreude und Neugierde zeichnen seine unverkennbare Handschrift aus - sei es in den Räumen für Georges Pompidou im Elysée-Palast oder bei den geschwungenen Linien des Stuhls „Flower" aus transparentem Polycarbonate, der erst in diesem Jahr in Mailand präsentiert wurde. Am 13. Juni 2009 ist Pierre Paulin im Alter von 81 Jahren in Montpellier gestorben. Seine Visionen werden lebendig bleiben.

„Meine berufliche Überzeugung ist es, dass ich keine traditionelle Produktion wollte", erklärte der Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin einmal. Die Möbel und Räume, Bügeleisen und Flugzeuginterieurs, die er neben vielen anderen Dingen gestaltet hat, sind Manifestationen dieser Überzeugung. Mit unaufhaltsamem Drang hat Pierre Paulin die Grenzen des Machbaren ausgelotet und dabei utopische, aber dennoch nutzerorientierte Welten inszeniert, die für den ganz normalen Alltag ebenso wie für ein Bankett beim französischen Präsidenten bestimmt waren. 1927 in Paris geboren, studierte Paulin an der Kunstschule Camondo und wurde in seinen frühen Jahren vom skandinavischen Design, von Charles und Ray Eames und von Florence Knoll inspiriert. 1953 präsentierte er auf der Pariser Haushaltswarenmesse seine erste eigene Möbelkollektion. Den Schreibtisch „CM141" - ein minimalistisches Pult mit dünnen Stahlbeinen und reduzierten Holzschubladen - hatte er damals mithilfe seines Vaters gefertigt. Seit letztem Jahr wird der Klassiker von Ligne Roset in einer Reedition unter dem Namen „Tanis" wieder produziert.

Kleider für Möbel

Experimente mit elastischen Stoffhüllen, die Pierre Paulin den Stuhlgestellen wie einen Badeanzug überstülpte, machten ihn in den Sechzigerjahren zum unangefochtenen Star des zeitgenössischen Sitzmöbels. Humor ist den organischen Formen des „Mushroom Pouffs" (1963), „Little Tulip" (1965) und der „Tongue" (1967) ebenso eingeschrieben wie der Lust der Pop-Art zu klaren Farben. Zarte Psychedelik und hoher Sitzkomfort zeichnen diese Sitzwellen mit dehnbaren Textilbezügen aus. Mit Pierre Paulin haben monströse Austern und Riesenpilze, Tulpen und Knospen in den Wohnbereich Einzug gehalten, und ihre eleganten geschwungenen Linien haben sich als ebenso aufregend wie wohntauglich erwiesen. In fließenden Formen schmiegen sich Paulins Möbel in Kurven um den Körper, schmeicheln ihm und verlangen eine ebenso legere wie lässige Sitzhaltung - recht ungewöhnlich für den strengen Salon der Bourgeoisie. Auch die Sessel „Ribbon", „Oyster" und der „Groovy" zelebrieren die fröhliche Moderne in einem Maß, dass einem beinahe schwindelig werden kann. Paulins Fantasiezeichnungen haben die Funktion nie aus den Augen verloren, sondern sich ihr untergeordnet. Die meisten Entwürfe entstanden in der sicheren Vorstellungskraft ihres Gestalters: „Wenn ich die Augen schloss - oder auch mit geöffneten Augen -, konnte ich ein Objekt, das ich mir ausdachte, vor meinem geistigen Auge drehen und sogar verändern. Ich sah es deutlich vor mir, wie heute auf dem Bildschirm. Der Bildschirm ist eine Art Viagra für schlechte Designer!"

Präsidiale Wohnwelten

Pierre Paulin hat für Renault und Citroën, für Ericsson und Allibert gearbeitet. Gemeinsam mit dem Industriedesigner Roger Tallon hob er eine Agentur für „Architectural Design" aus der Taufe, bevor er 1979 sein eigenes Studio gründete. Endgültig im blau-weiß-roten Olymp angekommen war Paulin spätestens ab den frühen Siebzigerjahren mit den Interieurgestaltungen des Elysée-Palastes für den Staatspräsidenten Georges Pompidou und für seinen späteren Nachfolger François Mitterand. Radikal modern der eine, bürgerlich der andere - Paulin fügte sich beiden präsidialen Auftraggebern und entwarf atemberaubende Repräsentationsräume. Offiziell beauftragt wurde er dazu von der Staatsinstitution „Atelier de Recherche et de Création du Mobilier national", die 1964 von dem Politiker und Kunstpublizisten André Malraux initiiert und damit Design zur Chefsache der Grande Nation gemacht hatte. Unvergesslich bleibt der Speisesaal für Pompidou: Eine Höhle aus gebrochenem Weiß, die sich wie das Innere eines Blütenkelchs rundherum wölbt und in mehreren tausend Kristallstäben an der Decke endet. Pompidou wollte den Elysée für die Moderne öffnen - Pierre Paulin schuf für dieses Vorhaben ein Raumensemble, dessen nahtlose weiche Wellen die Zukunft vorwegnahmen - eine stolze, weltoffene Zukunft, die repräsentativ für ganz Frankreich war. „Der seriöse Rahmen hindert einen doch nicht daran, fröhlich zu sein. Das wollte ich umsetzen. Ich versuche allen meinen Kreationen etwas Entspanntes, Zwangloses zu geben", kommentierte Pierre Paulin seine Raumkompositionen im Elysée, die in Teilen bis heute erhalten sind.

Vom Erfolg überrascht

Pierre Paulins Entwürfe befinden sich heute in den großen Designsammlungen in New York, Paris und Sidney. Die meisten seiner Möbel werden nach wie vor produziert - von Magis, Artifort oder anderen internationalen Herstellern. Der Designer wurde mit mehreren Preisen geehrt: 1969 erhielt er den Chicago Design Award und 1987 den Grand Prix National de la Création Industrielle. Vor etwa zehn Jahren hatte er sich von der Hauptstadt in die Provinz zurückgezogen. Seitdem lebte und arbeitete Pierre Paulin im südfranzösischen Cevennen-Gebirge - dort, wo die Bären leben und die Menschen zu Bären werden, wie ein französisches Sprichwort sagt. Präsident Nikolas Sarkozy, der übrigens anders als manche seiner Vorgänger an einem pompösen Louis XV-Prunktisch arbeitet, erinnerte an Paulin als einen der Großen des Designs. Einen, der es verstand, aus Design eine Kunst zu machen. So viel staatstragendes Pathos hätte Paulin selbst sicherlich nicht recht gefallen. „Ich bin überrascht von so viel Ehrung", meinte er erst letztes Jahr, als er beim Salon du Meuble in Paris zum Designer des Jahres gekürt worden war.