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Propaganda
und Aufbruch
Architekturikonen auf den
Weltausstellungen seit 1851
Von Oliver Elser
24. April 2015
Nein, reden wir jetzt nicht darüber, wie die Bundesrepublik Deutschland auch bei der Expo 2015 in Mailand mit einer Pavillon-Architektur auftritt, die wieder so banal ist, dass man schon sehr weit in die Vergangenheit blicken muss, um sich an einen markanten deutschen Auftritt bei einer Weltausstellung zu erinnern. Das ist umso ärgerlicher, weil die Architektur zur unbestrittenen Leitwährung einer Expo zählt und Deutschland eine ganze Reihe von Bauten vorzuweisen hat, die ohne Zweifel Architekturgeschichte geschrieben haben. Man muss sich nur die Jahreszahlen und Architektennamen aufrufen, schon hat man die Bilder im Kopf: 1929 Mies van der Rohe, 1937 Albert Speer, 1958 Sepp Ruf und Egon Eiermann, 1967 Frei Otto und Rolf Gutbrod. Doch danach? Selbst bei der Expo 2000 in Hannover, der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden, fiel das Gastgeberland nur durch eine verpatzte Chance auf: Nicht zum ersten Mal wurde ein per Architekturwettbewerb bestimmter Pavillonentwurf kurzerhand verworfen und mit Durchschnittsware ersetzt. Genug der Klage. Warum 48 Jahre ohne herausragenden Pavillon vergangen sind, das beantwortet vielleicht das verantwortliche Bundeswirtschaftsministerium.

Verblassender Ruhm

International gesehen ist durchaus auch ein gewisses Schwächeln der Architektur zu beobachten: Wer erinnert sich schon an ein Bauwerk der Expo 2010 in Schanghai, die mit ähnlichen Ambitionen ins Rennen geschickt wurde, wie zwei Jahre zuvor die Olympischen Spiele, die ja gleich eine ganze Reihe von Architektur-Ikonen hervorgebracht haben (Vogelnest-Stadion, Schwimmstadion, CCTV-Hochhaus)? Von Shanghai bleibt – immerhin – der haarige britische Pavillon von Thomas Heatherwick und die chinesische Riesenpagode im Gedächtnis. Namhafte Architekten wie Bjarke Ingels (BIG) oder Buchner Bründler hatten für Dänemark und die Schweiz Bauwerke errichtet, die das Dilemma auf den Punkt bringen, das jede Expo-Architektur seit ein paar Jahren bestimmt: Ist ein Pavillon beliebt, müssen derartige Besuchermassen bewältigt werden, dass eher die Infrastruktur in den Vordergrund rückt, die dabei zwangsläufig entstehen muss. Rampen führten zu Kopenhagens „Kleiner Meerjungfrau“, Skilifte schaufelten die staunenden Chinesen in eine Art gigantisches Modell der Schweiz hinein. Die Hauptbeschäftigung eines Expo-Besuchers ist das Schlange stehen – so ist die Vermeidung von langen Wartezeiten zu einer wesentlichen Architekturvorgabe geworden.
Erste Weltausstellung 1851 in London: Der Crystal Palace von Joseph Paxton. Foto © Philip Henry Delamotte, Wikipedia.org
Ein großer Anfang: der Crystal Palace

Ganz am Beginn der Weltausstellungen stand ein Bauwerk, das groß war. Pavillons der Nationen gab es noch nicht. 1851 fand in London die erste Weltausstellung statt. Mitten in der Stadt, im Hyde Park, war dafür nach Plänen von Joseph Paxton der "Crystal Palace" errichtet worden. Die Konstruktion war von so atemberaubender Modernität, dass sie bis heute als Vorbild einer bis auf die Knochen reduzierten Architektur verehrt wird. Der Bau wurde bereits von den Zeitgenossen als Riesenschritt zu einer neuen Architektur der industriellen Revolution diskutiert, bejubelt und bisweilen, wie etwa von Gottfried Semper, auch kritisiert. In London war nicht nur eine Hülle für die Ausstellungsstücke entstanden, sondern das Symbol einer neuen Zeit. Ausgestellt wurden Produkte aus knapp dreißig Ländern. Österreich beispielsweise schickte die maschinell hergestellten Möbel der Firma Thonet ins Rennen. Die teilnehmenden Nationen präsentierten ihre Waren in eigenen Abteilungen, für die der lichte Innenraum teilweise mit schweren Stoffbahnen verhängt wurde. Während die offizielle Architektur in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch tief in historischen Formen badete, waren mit dem Crystal Palace und den allerorten emporschießenden Industriebauten die ersten Prototypen der Moderne entstanden.
Weltausstellung 1889 in Paris: Der Eiffelturm von Gustave Eiffel und Stephen Sauvestre.
Foto © commons.wikimedia.org
Der Eiffelturm war mit seinen 324 Metern zur Zeit seiner Erbauung das höchste Gebäude der Welt. Foto © commons.wikimedia.org
Weltausstellung 1889 in Paris: Die Galerie des Machines von Charles Louis Ferdinand Dutert. Foto © commons.wikimedia.org
Groß, größer, Expo: der Eiffel-Turm und die Galerie des Machines

Noch kühner wurde die Architektur im Jahr 1889, zum 100. Geburtstag der französischen Revolution. Der Eiffel-Turm war mit seinen 325 Metern das bis dahin höchste Gebäude der Welt und die „Galerie des Machines“ mit ihren 422 auf 114 Metern Grundfläche und fast 50 Metern maximaler Höhe der bei Weitem größte je von Menschen überbaute Raum. Bereits seit der Pariser Weltausstellung von 1867 entstand an der Seite der eigentlichen Ausstellungshallen eine Art Themenpark. Dort zeigten sich die teilnehmenden Nationen nicht mit den neuesten Produkten, sondern in ihrer jeweiligen traditionellen Architektur. Die Imitation ging so weit, dass 1873 auf der Weltausstellung in Wien ein Teil Venedigs mit Kanälen und Gondeln nachgebaut wurde. Beliebt waren in der Blütezeit des Kolonialismus auch „Negerdörfer“, inklusive authentischer Bewohnerschaft.
Weltausstellung 1929 in Barcelona: Der Deutsche Pavillon von Mies van der Rohe. Foto © Berliner Bildbericht, Stiftung Bauhaus Dessau
Der Pavillon von Mies van der Rohe galt als das erste Gebäude mit offenen Grundriss. Foto © CC by SA, commons.wikimedia.org
Aufbruch und Selbstschau:
der Barcelona Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe


Die große Zeit der Nationen-Pavillons begann 1929 in Barcelona. Reichlich spät eigentlich. Denn manifeste Bau-Ausstellungen waren bereits seit der Jahrhundertwende etabliert. 1901 und 1908 waren auf der Darmstädter Mathildenhöhe wegweisende Bauten entstanden, darunter der weltbekannte Hochzeitsturm, ein reines Zeichen wie bereits der Eiffelturm. 1925 fand in Paris die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ statt, eine „kleine Weltausstellung“, deren Bauten von Le Corbusier und Konstantin Melnikow zu wichtigen Wegezeichen der modernen Architektur wurden. Kurz darauf, 1927, feierte man in Stuttgart die Eröffnung der Weißenhofsiedlung mit einer großen Ausstellung. Bevor die Bewohner einzogen, standen die Häuser zur Besichtigung offen. In diesem Klima der spektakelhaften Inszenierung des Neuen entstand 1929 der deutsche Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona. Sein Architekt, Ludwig Mies van der Rohe, hatte ein nahezu völlig zweckfreies Haus entworfen, das nur dazu diente, während der Eröffnungszeremonie vom spanischen König besucht zu werden. Sonst stellte es nichts anderes aus als sich selbst – und damit die atemberaubenden Prinzipien einer neuen Architektur und eines neuen Raumgefühls. In einer Studie, die zu den Klassikern der Architektursoziologie zählt, konnte der Autor Juan Pablo Bonta allerdings nachweisen, dass der Pavillon zunächst kaum Beachtung fand und erst im Nachhinein zu einer Ikone der modernen Architektur wurde.
Weltausstellung 1937 in Paris: Der Deutsche Pavillon von Albert Speer.
Foto © Bundesarchiv, CC by SA, commons.wikimedia.org
Weltausstellung 1937: Der sowjetische Pavillon von Boris Iofan.
Foto © Bundesarchiv, CC by SA, commons.wikimedia.org
Machtdemonstration und wettrüsten: der Pavillon von Albert Speer

Dazu dürfte nicht zuletzt die weitere Entwicklung Deutschlands beigetragen haben: Das Musterland der Moderne zeigte sich 1937 in gänzlich anderer Weise auf der Weltausstellung in Paris, die zu einem Menetekel des aufziehenden Großkonflikts wurde, der Europa kurz darauf in den Abgrund stürzen sollte. Statt der Mies’schen Instabilität und Offenheit dröhnte Albert Speers Pavillon des „Dritten Reiches“ als steinerne Machtgeste mit dem gegenüberliegenden sowjetischen Pavillon um die Wette. Angesichts dieser Architekturmuskelspiele hätte schon deutlich werden können, dass das alles kein gutes Ende nimmt. Doch im Schatten der Großmächte zeigte sich auch in Paris der architektonische Aufbruch. Jaromír Krejcar entwarf den Pavillon der Tschechoslowakei als leuchtenden Hightech-Bau in Stahl und Glas, Josep Lluís Sert den spanischen Pavillon. Ausgestellt wurde dort unter anderem Pablo Picassos Antwort auf die Bombardierung der Zivilbevölkerung von Guernica durch die deutsche Luftwaffe. Alvar Aaltos Pavillon von Finnland ist einer der seltenen Fälle, in denen nicht nur die äußere Gestalt in Erinnerung bleibt. Die organisch geformten Holzwände nehmen den skandinavischen Sonderweg einer menschlichen Moderne vorweg.
Weltausstellung 1937: Der Tschechoslowakische Pavillon von Aromír Krejcar.
Foto © urbipedia.org
Detail der Fassade von Krejcars Pavillon. Foto © urbipedia.org
Weltausstellung 1937: Der Finnische Pavillon von Alvar Aalto.
Foto © morehouse gallery.com, pinterest
Weltausstellung 1937: Der Finnische Pavillon von Alvar Aalto.
Foto © morehouse gallery.com, pinterest
Weltausstellung 1939 in New York: Der Futurama Pavillon von Norman Bel Geddes für General Motors. Foto © National Building Museums; Courtsesy Albert Kahn Family of companies, blogs.voannews.com
New Yorker Zukunftsvisionen: Futurama von General Motors

1939 fand in New York eine Weltausstellung statt, in deren Zentrum nicht die Nationen, sondern die Industrie standen. Besonders das „Futurama“ von General Motors wurde zum Publikumsmagnet. Auf einer Art Fließband wurden die Besucher über ein riesiges Stadt-Diorama hinweggetragen, das ihnen mit erstaunlich sicherer Prognose das Amerika des Jahres 1960 vorführte: Wolkenkratzer und Highways zeigten die kommende „autogerechte Stadt“. Auch die Firma Shell gab bei Norman Bel Geddes, dem Designer des „Futurama“, ein gigantisches Stadtmodell in Auftrag.
Geddes war Bühnenbildner und Produktdesigner. Für General Motors entwarf er den Pavillon als Stadt der Zukunft. Foto © mit freundlicher Genehmigung von General Motors
Futurama sollte ein Prototyp des zukünftigen New Yorks in den 1960ern sein.
Foto © mit freundlicher Genehmigung von General Motors
Charakteristisch war vor allem das automatisierte Verkehrssystem, das Geddes für sein Futurama entwarf. Foto © mit freundlicher Genehmigung von General Motors
Blick in das Innere des Pavillons von Futurama.
Foto © Norman Bell Geddes Street Intersection, Wikipedia
Weltausstellung 1958 in Brüssel: Der Philips Pavillon von Le Corbusier. Foto © commons.wikimedia.org
Mediales Spektakel: der Philipps Pavillon von Le Corbusier

Bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel hingegen investierte ein anderer Industriezweig das Geld für große Gesten. Jetzt zählte nicht mehr die Auto- oder Erdölindustrie zur Avantgarde, sondern der Elektronikkonzern Philipps. Dieser beauftragte den berühmtesten Architekten der Welt, Le Corbusier, gemeinsam mit dem Komponisten (und Architekten) Iannis Xenakis mit dem Bau eines Pavillons, in dessen Inneren eine Licht-Sound-Installation gezeigt wird. Mit diesem Bau entstand ein noch heute weltbekanntes Wahrzeichen. Deutschland setzte mit der Pavillonlandschaft von Sep Ruf und Egon Eiermann ein Gegen-Signal zur Speer-Architektur in Paris 1937. Doch die leichte Moderne war nicht die einzige Option für den Westen. Der US-Pavillon wurde vom Neo-Klassizisten Edward Durell Stone mit einem Ornament-Vorhang umhüllt, woraufhin Sigfried Giedion einen Verrat an der Moderne witterte. „Playboy-Architektur“, so lautete der Vorwurf des Hohepriesters der Architekturavantgarde.
Weltausstellung 1958: Das Atomium von dem Ingenieur André Waterkeyn und den Architekten André und Jean Polak. Foto © flickr.comkmeron
Weltausstellung 1958: Der Deutsche Pavillon von Sep Ruf und Egon Eiermann.
Foto © flickr.comkmeron
Postkartenansicht der Weltausstellung in Montreal mit dem Fuller Dome im Hintergrund, 1967: Die Expo stand unter dem Stern neuer Zukunftstechnologien aus der Raumfahrt und Atomkraft.
Foto © Wikipedia.org
Lego-Steine und Zeltbauten: Moshe Safdie, Frei Otto und Rolf Gutbrod

Die Expo 1967 in Montreal ist noch heute durch die Wohnanlage aus vorfabrizierten Betonzellen in der Stadt präsent, die der damals 29-jährige Moshe Safdie unter Verwendung von sehr vielen Lego-Steinen entworfen hatte. Die Amerikaner präsentierten sich mit einer geodätischen Kuppel von Buckminster Fuller, die in den 1970er Jahren spektakulär abbrannte, danach aber wieder aufgebaut wurde. Frei Otto schuf, gemeinsam mit Rolf Gutbrod, eine Art Probelauf für das Stadion der Olympischen Spiele in München 1972. Die Zeltkonstruktion des deutschen Pavillons wurde zwar abgerissen. In Stuttgart-Vaihingen aber steht bis heute das Versuchsbauwerk, eine Art Modell im Maßstab 1:1, mit dem die Realisierbarkeit der Zelt-Idee nachgewiesen werden konnte, bevor der Bau in Montreal begann.
Weltausstellung 1962 in Seattle: Space Needle von Edward E. Carlson und John Graham.
Foto © Cropbot, Wikipedia
Weltausstellung 1964 in New York: Der New York State Pavilion Tent of Tomorrow von Philip Johnson. Foto © Cropbot, Wikipedia
Weltausstellung 1967 in Montreal: Das Habitat 67 von Moshe Safdie. Foto © Wikipedia
Weltausstellung 1967: Spielwiese und Jahrmarktstimmung: Expo-Gelände.
Foto © archimaps.tumbl.com
Weltausstellung 1967: Der Pavillon Pulp and Paper Industry von der Canadian Pulp & Paper Association (CPPA). Foto © archimaps.tumbl.com
Roboter und Glühbirnen: Die Expo-Plaza von Kenzo Tange

Die Expo in Osaka im Jahr 1970 war der Höhepunkt der technologischen Euphorie der Nachkriegszeit, eine letzte Feier der Zukunft, bevor Öl- und Umweltkrisen die beherrschenden Themen der 1970er Jahre werden sollten. Kenzo Tange und Arata Isozaki errichten eine gigantische stählerne Mega-Struktur, die „Expo-Plaza“. Es kamen 64 Millionen Besucher (erst übertroffen von Shanghai: 73 Millionen), um riesige Roboter und quietschbunte Pavillons zu sehen. Deutschland präsentierte eine Komposition von Karlheinz Stockhausen in einer Kuppel des Architekten Fritz Bornemann. Auch die Schweiz verzichtete auf die Selbstdarstellung mittels Wirtschaftswaren. Der Pavillon von Willi Walter war schlicht ein riesiger, funkelnder und klingender Baum aus Tausenden Glühbirnen und Alustangen.
Weltausstellung 1970 in Osaka: Der Schweizer Pavillon Radiant Structure von Willy Walter. Foto © Wikipedia
Weltausstellung 1970: Das Innere des Festival Plazas von Kenzō Tange.
Foto © Domusweb.it, Pinterest
Weltausstellung 1970: Tange wurde als Planer für ein 3,3 Quadratkilometer großes Gelände beauftragt. Foto © Domusweb.it, Pinterest
Weltausstellung 1970: Der Fuji-Pavillon aus einer aufgeblasenen Membrankonstruktion.
Foto © Wikipedia
Das Festival Plaza, eine bunte Legostadt: Die Expo stand unter dem Motto „Fortschritt und Harmonie für die Menschheit“. Foto © Wikipedia
Alles im Zeichen der Nachhaltigkeit: die Weltausstellungen ab 1992

Die Idee der Expo als großes Architekturspektakel ging im folgenden Jahrzehnt verloren. Expos wie jene in New Orleans 1984 hatten mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen. Sevilla 1992 und Lissabon 1998 nutzten die Expo mehr oder minder geschickt als eventgetriebene Stadtentwicklungsmaßnahme. Die Expo im Jahr 2000 in Hannover versprach Nachhaltigkeit: Ein Großteil der Ausstellung fand auf dem bestehenden Messegelände statt und einige Länderpavillons sollten anschließend in eine neue Nutzung übergehen. Doch eine der Ikonen, der niederländische Pavillon von MVRDV mit seinen gestapelten Landschaften, steht heute völlig heruntergekommen auf dem Gelände und ist ein beliebtes Fotomotiv für Fans neo-romantischer Ruinen. Ökologisch unschädlicher geriet der japanische Pavillon von Shigeru Ban, dessen Konstruktion aus gepressten Altpapierrollen bestand, die allerdings mit Holz verstärkt und mit einer Brandschutzschicht versiegelt werden mussten. Peter Zumthors Pavillon der Schweiz war im Unterschied zu vielen anderen, an denen man in langen Schlangen warten musste, mit einer Vielzahl von Eingängen perforiert und daher sympathisch leicht zu besuchen. Er bestand aus gestapelten Holzbrettern mit einer Höhe von neun Metern auf einer Grundfläche von 50 auf 50 Metern. Der deutsche Pavillon in Hannover … ach, schweigen wir darüber. „Deutsche Werte“ repräsentierte immerhin unweit in Wolfsburg die „Autostadt“ des Volkswagenkonzerns: Ein mindestens ebenso ideologisch aufgeladenes und mit Architektur gewürztes Projekt wie das „Futurama“ im Jahre 1939.
Weltausstellung 1998 in Lissabon: Der Portugiesische Pavillon von Alvaro Siza. Foto © Magnus Manske via file upload bot, 2011
Weltausstellung 1992 in Sevilla: Blick in die Dachkonstruktion von Tadao Andos Japanischen Pavillon. Foto © Pilar, Flickr
Weltausstellung 1992 in Sevilla – Tadao Ando. Foto © Pilar, Flickr
Weltausstellung 2010 in Shanghai: Der UK Pavillon von Thomas Heatherwick. Foto © Green Archer
Oh nüchterne, eitle Gegenwart

Die Expo Mailand wollte vieles anders machen. Aber das Team um Herzog & de Meuron konnte sich nicht durchsetzen, wie Jacques Herzog unlängst in einem Interview mit Florian Heilmeyer für Uncube Magazine berichtete. Die momentan kursierenden Bilder lassen einen Jahrmarkt der Eitelkeiten erwarten. Das Gegenteil hatten Herzog & de Meuron vorgeschlagen. Aber auch die Expo 1970 war eine bunte Wundertüte voller kapriolenschlagender Gebäude. Der Unterschied ist allerdings, dass die Welt das damals noch unschuldig angestaunt hatte. Darüber sind wir längst hinweg und erleben seit Jahren die Expos als zombiehafte Zwangsbeglückung mit verzweifelt guter Laune und so frohen wie hohlen Botschaften.
Expo 2000: Der Niederländische Pavillon vom Architekturbüro MVRDV. Foto © Matthias Hensel
Architektur › 2015 › April
Propaganda
und Aufbruch
von Oliver Elser | 24. April 2015
Eine Expo, das ist nicht nur Spektakel und Event, damit hinterher alles wieder abgerissen wird. Seit der allerersten Weltausstellung in London sind wichtige Meilensteine der Architektur speziell für solche Großereignisse entstanden – und viele waren auch tatsächlich sehr groß. Einige stehen noch, manche nur noch als Ruinen.
Nein, reden wir jetzt nicht darüber, wie die Bundesrepublik Deutschland auch bei der Expo 2015 in Mailand mit einer Pavillon-Architektur auftritt, die wieder so banal ist, dass man schon sehr weit in die Vergangenheit blicken muss, um sich an einen markanten deutschen Auftritt bei einer Weltausstellung zu erinnern. Das ist umso ärgerlicher, weil die Architektur zur unbestrittenen Leitwährung einer Expo zählt und Deutschland eine ganze Reihe von Bauten vorzuweisen hat, die ohne Zweifel Architekturgeschichte geschrieben haben. Man muss sich nur die Jahreszahlen und Architektennamen aufrufen, schon hat man die Bilder im Kopf: 1929 Mies van der Rohe, 1937 Albert Speer, 1958 Sepp Ruf und Egon Eiermann, 1967 Frei Otto und Rolf Gutbrod. Doch danach? Selbst bei der Expo 2000 in Hannover, der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden, fiel das Gastgeberland nur durch eine verpatzte Chance auf: Nicht zum ersten Mal wurde ein per Architekturwettbewerb bestimmter Pavillonentwurf kurzerhand verworfen und mit Durchschnittsware ersetzt. Genug der Klage. Warum 48 Jahre ohne herausragenden Pavillon vergangen sind, das beantwortet vielleicht das verantwortliche Bundeswirtschaftsministerium.

Verblassender Ruhm

International gesehen ist durchaus auch ein gewisses Schwächeln der Architektur zu beobachten: Wer erinnert sich schon an ein Bauwerk der Expo 2010 in Schanghai, die mit ähnlichen Ambitionen ins Rennen geschickt wurde, wie zwei Jahre zuvor die Olympischen Spiele, die ja gleich eine ganze Reihe von Architektur-Ikonen hervorgebracht haben (Vogelnest-Stadion, Schwimmstadion, CCTV-Hochhaus)? Von Shanghai bleibt – immerhin – der haarige britische Pavillon von Thomas Heatherwick und die chinesische Riesenpagode im Gedächtnis. Namhafte Architekten wie Bjarke Ingels (BIG) oder Buchner Bründler hatten für Dänemark und die Schweiz Bauwerke errichtet, die das Dilemma auf den Punkt bringen, das jede Expo-Architektur seit ein paar Jahren bestimmt: Ist ein Pavillon beliebt, müssen derartige Besuchermassen bewältigt werden, dass eher die Infrastruktur in den Vordergrund rückt, die dabei zwangsläufig entstehen muss. Rampen führten zu Kopenhagens „Kleiner Meerjungfrau“, Skilifte schaufelten die staunenden Chinesen in eine Art gigantisches Modell der Schweiz hinein. Die Hauptbeschäftigung eines Expo-Besuchers ist das Schlange stehen – so ist die Vermeidung von langen Wartezeiten zu einer wesentlichen Architekturvorgabe geworden.
Ein großer Anfang: der Crystal Palace

Ganz am Beginn der Weltausstellungen stand ein Bauwerk, das groß war. Pavillons der Nationen gab es noch nicht. 1851 fand in London die erste Weltausstellung statt. Mitten in der Stadt, im Hyde Park, war dafür nach Plänen von Joseph Paxton der "Crystal Palace" errichtet worden. Die Konstruktion war von so atemberaubender Modernität, dass sie bis heute als Vorbild einer bis auf die Knochen reduzierten Architektur verehrt wird. Der Bau wurde bereits von den Zeitgenossen als Riesenschritt zu einer neuen Architektur der industriellen Revolution diskutiert, bejubelt und bisweilen, wie etwa von Gottfried Semper, auch kritisiert. In London war nicht nur eine Hülle für die Ausstellungsstücke entstanden, sondern das Symbol einer neuen Zeit. Ausgestellt wurden Produkte aus knapp dreißig Ländern. Österreich beispielsweise schickte die maschinell hergestellten Möbel der Firma Thonet ins Rennen. Die teilnehmenden Nationen präsentierten ihre Waren in eigenen Abteilungen, für die der lichte Innenraum teilweise mit schweren Stoffbahnen verhängt wurde. Während die offizielle Architektur in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch tief in historischen Formen badete, waren mit dem Crystal Palace und den allerorten emporschießenden Industriebauten die ersten Prototypen der Moderne entstanden.
Groß, größer, Expo: der Eiffel-Turm und die Galerie des Machines

Noch kühner wurde die Architektur im Jahr 1889, zum 100. Geburtstag der französischen Revolution. Der Eiffel-Turm war mit seinen 325 Metern das bis dahin höchste Gebäude der Welt und die „Galerie des Machines“ mit ihren 422 auf 114 Metern Grundfläche und fast 50 Metern maximaler Höhe der bei Weitem größte je von Menschen überbaute Raum. Bereits seit der Pariser Weltausstellung von 1867 entstand an der Seite der eigentlichen Ausstellungshallen eine Art Themenpark. Dort zeigten sich die teilnehmenden Nationen nicht mit den neuesten Produkten, sondern in ihrer jeweiligen traditionellen Architektur. Die Imitation ging so weit, dass 1873 auf der Weltausstellung in Wien ein Teil Venedigs mit Kanälen und Gondeln nachgebaut wurde. Beliebt waren in der Blütezeit des Kolonialismus auch „Negerdörfer“, inklusive authentischer Bewohnerschaft.
Aufbruch und Selbstschau:
der Barcelona Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe


Die große Zeit der Nationen-Pavillons begann 1929 in Barcelona. Reichlich spät eigentlich. Denn manifeste Bau-Ausstellungen waren bereits seit der Jahrhundertwende etabliert. 1901 und 1908 waren auf der Darmstädter Mathildenhöhe wegweisende Bauten entstanden, darunter der weltbekannte Hochzeitsturm, ein reines Zeichen wie bereits der Eiffelturm. 1925 fand in Paris die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ statt, eine „kleine Weltausstellung“, deren Bauten von Le Corbusier und Konstantin Melnikow zu wichtigen Wegezeichen der modernen Architektur wurden. Kurz darauf, 1927, feierte man in Stuttgart die Eröffnung der Weißenhofsiedlung mit einer großen Ausstellung. Bevor die Bewohner einzogen, standen die Häuser zur Besichtigung offen. In diesem Klima der spektakelhaften Inszenierung des Neuen entstand 1929 der deutsche Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona. Sein Architekt, Ludwig Mies van der Rohe, hatte ein nahezu völlig zweckfreies Haus entworfen, das nur dazu diente, während der Eröffnungszeremonie vom spanischen König besucht zu werden. Sonst stellte es nichts anderes aus als sich selbst – und damit die atemberaubenden Prinzipien einer neuen Architektur und eines neuen Raumgefühls. In einer Studie, die zu den Klassikern der Architektursoziologie zählt, konnte der Autor Juan Pablo Bonta allerdings nachweisen, dass der Pavillon zunächst kaum Beachtung fand und erst im Nachhinein zu einer Ikone der modernen Architektur wurde.
Machtdemonstration und wettrüsten: der Pavillon von Albert Speer

Dazu dürfte nicht zuletzt die weitere Entwicklung Deutschlands beigetragen haben: Das Musterland der Moderne zeigte sich 1937 in gänzlich anderer Weise auf der Weltausstellung in Paris, die zu einem Menetekel des aufziehenden Großkonflikts wurde, der Europa kurz darauf in den Abgrund stürzen sollte. Statt der Mies’schen Instabilität und Offenheit dröhnte Albert Speers Pavillon des „Dritten Reiches“ als steinerne Machtgeste mit dem gegenüberliegenden sowjetischen Pavillon um die Wette. Angesichts dieser Architekturmuskelspiele hätte schon deutlich werden können, dass das alles kein gutes Ende nimmt. Doch im Schatten der Großmächte zeigte sich auch in Paris der architektonische Aufbruch. Jaromír Krejcar entwarf den Pavillon der Tschechoslowakei als leuchtenden Hightech-Bau in Stahl und Glas, Josep Lluís Sert den spanischen Pavillon. Ausgestellt wurde dort unter anderem Pablo Picassos Antwort auf die Bombardierung der Zivilbevölkerung von Guernica durch die deutsche Luftwaffe. Alvar Aaltos Pavillon von Finnland ist einer der seltenen Fälle, in denen nicht nur die äußere Gestalt in Erinnerung bleibt. Die organisch geformten Holzwände nehmen den skandinavischen Sonderweg einer menschlichen Moderne vorweg.
New Yorker Zukunftsvisionen: Futurama von General Motors

1939 fand in New York eine Weltausstellung statt, in deren Zentrum nicht die Nationen, sondern die Industrie standen. Besonders das „Futurama“ von General Motors wurde zum Publikumsmagnet. Auf einer Art Fließband wurden die Besucher über ein riesiges Stadt-Diorama hinweggetragen, das ihnen mit erstaunlich sicherer Prognose das Amerika des Jahres 1960 vorführte: Wolkenkratzer und Highways zeigten die kommende „autogerechte Stadt“. Auch die Firma Shell gab bei Norman Bel Geddes, dem Designer des „Futurama“, ein gigantisches Stadtmodell in Auftrag.
Mediales Spektakel: der Philipps Pavillon von Le Corbusier

Bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel hingegen investierte ein anderer Industriezweig das Geld für große Gesten. Jetzt zählte nicht mehr die Auto- oder Erdölindustrie zur Avantgarde, sondern der Elektronikkonzern Philipps. Dieser beauftragte den berühmtesten Architekten der Welt, Le Corbusier, gemeinsam mit dem Komponisten (und Architekten) Iannis Xenakis mit dem Bau eines Pavillons, in dessen Inneren eine Licht-Sound-Installation gezeigt wird. Mit diesem Bau entstand ein noch heute weltbekanntes Wahrzeichen. Deutschland setzte mit der Pavillonlandschaft von Sep Ruf und Egon Eiermann ein Gegen-Signal zur Speer-Architektur in Paris 1937. Doch die leichte Moderne war nicht die einzige Option für den Westen. Der US-Pavillon wurde vom Neo-Klassizisten Edward Durell Stone mit einem Ornament-Vorhang umhüllt, woraufhin Sigfried Giedion einen Verrat an der Moderne witterte. „Playboy-Architektur“, so lautete der Vorwurf des Hohepriesters der Architekturavantgarde.
Lego-Steine und Zeltbauten: Moshe Safdie, Frei Otto und Rolf Gutbrod

Die Expo 1967 in Montreal ist noch heute durch die Wohnanlage aus vorfabrizierten Betonzellen in der Stadt präsent, die der damals 29-jährige Moshe Safdie unter Verwendung von sehr vielen Lego-Steinen entworfen hatte. Die Amerikaner präsentierten sich mit einer geodätischen Kuppel von Buckminster Fuller, die in den 1970er Jahren spektakulär abbrannte, danach aber wieder aufgebaut wurde. Frei Otto schuf, gemeinsam mit Rolf Gutbrod, eine Art Probelauf für das Stadion der Olympischen Spiele in München 1972. Die Zeltkonstruktion des deutschen Pavillons wurde zwar abgerissen. In Stuttgart-Vaihingen aber steht bis heute das Versuchsbauwerk, eine Art Modell im Maßstab 1:1, mit dem die Realisierbarkeit der Zelt-Idee nachgewiesen werden konnte, bevor der Bau in Montreal begann.
Roboter und Glühbirnen: Die Expo-Plaza von Kenzo Tange

Die Expo in Osaka im Jahr 1970 war der Höhepunkt der technologischen Euphorie der Nachkriegszeit, eine letzte Feier der Zukunft, bevor Öl- und Umweltkrisen die beherrschenden Themen der 1970er Jahre werden sollten. Kenzo Tange und Arata Isozaki errichten eine gigantische stählerne Mega-Struktur, die „Expo-Plaza“. Es kamen 64 Millionen Besucher (erst übertroffen von Shanghai: 73 Millionen), um riesige Roboter und quietschbunte Pavillons zu sehen. Deutschland präsentierte eine Komposition von Karlheinz Stockhausen in einer Kuppel des Architekten Fritz Bornemann. Auch die Schweiz verzichtete auf die Selbstdarstellung mittels Wirtschaftswaren. Der Pavillon von Willi Walter war schlicht ein riesiger, funkelnder und klingender Baum aus Tausenden Glühbirnen und Alustangen.
Alles im Zeichen der Nachhaltigkeit: die Weltausstellungen ab 1992

Die Idee der Expo als großes Architekturspektakel ging im folgenden Jahrzehnt verloren. Expos wie jene in New Orleans 1984 hatten mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen. Sevilla 1992 und Lissabon 1998 nutzten die Expo mehr oder minder geschickt als eventgetriebene Stadtentwicklungsmaßnahme. Die Expo im Jahr 2000 in Hannover versprach Nachhaltigkeit: Ein Großteil der Ausstellung fand auf dem bestehenden Messegelände statt und einige Länderpavillons sollten anschließend in eine neue Nutzung übergehen. Doch eine der Ikonen, der niederländische Pavillon von MVRDV mit seinen gestapelten Landschaften, steht heute völlig heruntergekommen auf dem Gelände und ist ein beliebtes Fotomotiv für Fans neo-romantischer Ruinen. Ökologisch unschädlicher geriet der japanische Pavillon von Shigeru Ban, dessen Konstruktion aus gepressten Altpapierrollen bestand, die allerdings mit Holz verstärkt und mit einer Brandschutzschicht versiegelt werden mussten. Peter Zumthors Pavillon der Schweiz war im Unterschied zu vielen anderen, an denen man in langen Schlangen warten musste, mit einer Vielzahl von Eingängen perforiert und daher sympathisch leicht zu besuchen. Er bestand aus gestapelten Holzbrettern mit einer Höhe von neun Metern auf einer Grundfläche von 50 auf 50 Metern. Der deutsche Pavillon in Hannover … ach, schweigen wir darüber. „Deutsche Werte“ repräsentierte immerhin unweit in Wolfsburg die „Autostadt“ des Volkswagenkonzerns: Ein mindestens ebenso ideologisch aufgeladenes und mit Architektur gewürztes Projekt wie das „Futurama“ im Jahre 1939.
Oh nüchterne, eitle Gegenwart

Die Expo Mailand wollte vieles anders machen. Aber das Team um Herzog & de Meuron konnte sich nicht durchsetzen, wie Jacques Herzog unlängst in einem Interview mit Florian Heilmeyer für Uncube Magazine berichtete. Die momentan kursierenden Bilder lassen einen Jahrmarkt der Eitelkeiten erwarten. Das Gegenteil hatten Herzog & de Meuron vorgeschlagen. Aber auch die Expo 1970 war eine bunte Wundertüte voller kapriolenschlagender Gebäude. Der Unterschied ist allerdings, dass die Welt das damals noch unschuldig angestaunt hatte. Darüber sind wir längst hinweg und erleben seit Jahren die Expos als zombiehafte Zwangsbeglückung mit verzweifelt guter Laune und so frohen wie hohlen Botschaften.