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Rad geht vor Fuß
von Egon Chemaitis | 10. September 2011
Die meisten Besucher Chinas sind erst einmal verwirrt, wenn sie den dortigen Straßenverkehr beobachten oder sich darin bewegen. Es scheint auf den ersten Blick kaum Regeln zu geben, alles fährt und läuft scheinbar durcheinander. Sie stellen eine für europäische Verhältnisse ungehörige Missachtung von Fußgängern fest, und ihre Verwirrung wird möglicherweise noch dadurch gesteigert, dass die Fortbewegung irgendwie zu funktionieren scheint. Es ist, auch für die eigene körperliche Unversehrtheit, wichtig, vor allem eine Grundregel zu kennen und sie immer im Kopf zu behalten: Rad geht vor Fuß! Es ist dabei völlig einerlei, ob das Rad zu einem der zahlreichen Busse gehört oder zu einem Moped.

Und es ist auch völlig einerlei, wo sie sich befinden. Selbst Zebrastreifen sind keine sicheren Zonen für Fußgänger; sie markieren lediglich geordnete Übergänge. Allein die städtischen Busse sind gehalten, vor Fußgängern auf Zebrastreifen zu halten, genauer: ihnen den Vortritt zu lassen. Eben diese Regel ist es aber wiederum, die den Zebrastreifen für Fußgänger so gefährlich macht und für so manche Kollision sorgt. Hält nämlich der Bus, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen Fahrzeuge dies auch tun. Und so kommt es zu brenzligen Begegnungen, wenn aus der schmalen und nicht einsehbaren Gasse zwischen Bus und Gehsteig völlig unerwartet Fahrräder und Mopeds angesaust kommen.

Apropos Mopeds. Alle Mopeds und Roller – und es gibt in China sehr, sehr viele davon – sind Elektromopeds und -roller. Vornehmlich an öffentlichen Gebäuden entdeckt man deshalb an den Moped-Parkplätzen lange Reihen mit Ladesteckern. Dort stehen sie sehr zahlreich und in ordentlichen Reihen und werden während der Arbeitszeit aufgeladen. Für die Elektrifizierung dieser Gefährte ist man eingedenk ihrer immensen Anzahl dankbar. Aber auch diese ökologisch vorbildliche Maßnahme hat eine kleine Nebenwirkung. Die Mopeds – ebenso wie Fahrräder und nicht selten auch Autos – sind nachts nicht beleuchtet. Läuft man zu später Stunde durch enge Gassen oder überquert die Straße, so gibt es überdies auch kein akustisches Signal, das auf das herannahende Zweirad aufmerksam werden lässt. Die Hupe, wenn vorhanden, klingt wie der Summer an einer Wohnungstür.

Als westlicher Besucher benutzt man in den Städten überwiegend das Taxi. Die Fahrer sind mitunter recht flott unterwegs. Sie sind eingekapselt in eine transparente Schutzhaube aus Kunststoff, durch deren Fugen man dem Fahrer am Ziel das Geld hindurchfingert. Manche haben auf ihrem gut sichtbaren Identitätsausweis ein oder mehrere rote Sternchen für Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Sicherheit. Zum Schutz der Fahrgäste lassen sich nur die rechten, also dem Straßenrand oder Gehsteig zugewandten Türen öffnen. Das Taxi ist ein sehr praktisches und preiswertes Verkehrsmittel in der Stadt. Ist man sich nicht sicher, ob man sein Fahrziel, zum Beispiel den Namen der Straße, verständlich angeben kann, sollte man die in den Geschäften oder Restaurants immer ausliegenden Geschäftskarten zu Hilfe nehmen. Chinesen tun sich schwer, etwas so abstraktes wie einen Stadtplan zu lesen.

Das Fahrrad ist auch im heutigen China noch ein unverzichtbares und entsprechend häufig auf den Straßen anzutreffendes Verkehrsmittel. Der rasante Wandel in China bringt es mit sich, dass die meisten Chinesen zwar noch auf das Fahrrad angewiesen sind, dass aber gleichzeitig ein Zeitsprung in die Spätfolgen der Industrialisierung stattfindet. In Hangzhou zum Beispiel hat man das Modell von J.C. Decaux, das nur wenige Jahre zuvor und augenscheinlich erfolgreich in Paris eingeführt worden ist, übernommen und quasi über Nacht etwa 2.000 Leihfahrrad-Stationen in der Innenstadt eingerichtet. Das System basiert auf einem möglichst engmaschigen Netz von Leihstationen. Andock-Poller sowie Buchungs- und Zahlsystem sind mit dem französischen Original identisch. Die Fahrräder indes werden in China hergestellt; sie haben einen kleineren Rahmen und keine Gangschaltung. Das Ganze ist vermutlich ein einträgliches Lizenzgeschäft zum Vorteil aller. Denn vor allem die insbesondere an den Wochenenden zahlreichen chinesischen Touristen nutzen dieses Angebot exzessiv.

Immer größere Bedeutung – vor allem im Regional- und Fernverkehr – bekommt die Bahn. Innerstädtisch werden vor allem U-Bahnen den Bus als schnelles und sicheres Verkehrsmittel ergänzen. Die großen Städte sind inzwischen durch Hochgeschwindigkeitsstrecken miteinander verbunden. Ende letzten Jahres wurde die Trasse zwischen Shanghai und Peking fertig gestellt. Die Fahrt mit dem Zug dauert – sofern es keine Störungen gibt – mit viereinhalb Stunden in etwa so lang wie die Brutto-Flugzeit. Hier war natürlich die Weltausstellung in Shanghai ein großer Antrieb.
Straßenkreuzung in Shanghai
Moped-Erweiterung
Mopeds vor dem Rockbund Art Museum in Shanghai
Verkehrserziehung, Wandmalerei
Rent-a-bike
Alte Fahrrad in der verbotenen Stadt in Peking, Alle Fotos: Egon Chemaitis, Berit Nagel und Nancy Jehmlich
Straßenverkehr in Peking mit CCTV-Tower im Hintergrund
Handwerkerfahrräder
Transparente Schutzhaube aus Kunststoff für den Taxifahrer
Im Hochgeschwindigkeitszug vom Flughafen nach Shanghai
E-Bikes
In der U-Bahn
E-Bikes