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„Porzellanfabriken gehören für mich zu den schönsten“: Sebastian Herkner mit der noch ungebrannten Vase „Falda“ für Rosenthal. Foto © Rosenthal
Scherben bringen Glück
von Martina Metzner
9. November 2015
Montagmorgens im Zug nach Selb: Sebastian Herkner hat den Anschluss verpasst, organisiert sich aber per Bahn-App schnell eine Alternative und kommt schließlich in Nürnberg an, von wo aus er für das letzte Wegstück den Bus nimmt. Der Designer aus Offenbach ist gut gelaunt, redet viel, vor allem von der prall mit Terminen gefüllten Woche. Vier Interviews, so sagt er, stünden auf dem Plan. Am nächsten Tag müsse er nach Berlin, nur für eine Stunde Meeting, am Abend gehe es dann wieder zurück. Er nehme das in Kauf, denn er wolle die Leute, mit denen er arbeite, persönlich sehen. Nebenbei organisiert er noch einen Gesundheitscheck für Kolumbien, wohin er auf Einladung des Goethe-Instituts in wenigen Tagen aufbrechen wird.

Man hat den Eindruck, Herkners Karriere befinde sich derzeit in einer entscheidenden Phase. Im Jahr 2012 hat der Absolvent der Hochschule für Gestaltung Offenbach den „Bell Table“ bei ClassiCon herausgebracht – von da an ging es steil bergauf. Nicht weniger als 15 neue Produkte wird Herkner im kommenden Jahr vorstellen. Und er wird „Das Haus“ auf der imm cologne gestalten. „Ich brauche nur vier Stunden Schlaf“, verrät der Vierunddreißigjährige und lächelt dabei verschmitzt. In der Bahn, fügt er hinzu, könne er kaum zeichnen, schon eher lesen. Den „Spiegel“ habe er dann an einem Tag durchgelesen. Sein Programm: „Unter der Woche reise ich, am Wochenende bin ich in Offenbach und arbeite.“ Erfolg kommt nie von allein. Sicher trägt auch seine offene, kommunikative Art dazu bei: „Weil ich reden kann. Design ist Kommunikation“, so Herkner. Manch einer bezeichnet ihn gar als „Marketingmaschine“.

Einst Hochburg des weißen Goldes

Als wir den Firmensitz von Rosenthal in Selb erreichen, werden wir von haushohen Schuttbergen empfangen: Das sei einmal die Produktionsstätte von Hutschenreuther gewesen, erzählt der Taxifahrer. Die Marke gehörte seit 2000 zur Rosenthal-Gruppe, unter deren Dach die Marken Rosenthal, Rosenthal Studio-Line, Arzberg und Thomas mehr oder weniger gut gedeihen. Der Bauschutt symbolisiert die Misere: Selb war einmal eine Hochburg der Porzellanherstellung. In den 1950er und 1960er Jahren lebten hier in „bayrisch Sibirien“, wie die raue Gegend auch genannt wird, bis zu 37.000 Menschen von der Produktion des weißen Goldes. Inzwischen hat die Billigkonkurrenz aus Fernost den Markt überschwemmt, Ess- und Einkaufsgewohnheiten haben sich verändert – und das kostete zahlreiche Arbeitsplätze. Heute arbeiten in Selb noch insgesamt 2.000 „Porzelliner“; bei Rosenthal sind es rund 850 Beschäftigte.

Auch Rosenthal hat turbulente Zeiten hinter sich: Nach der Insolvenz im Jahr 2009 wurde die Firma – damals noch Teil des irisch-britischen Konzerns Waterford-Wedgewood – von der italienischen Sambonet-Paderno-Gruppe übernommen, einem Marktführer in Sachen Besteck. Heute heißt der Geschäftsführer Pierluigi Coppo und ist Italiener. Gleichwohl ist Rosenthal weiterhin Rosenthal geblieben. An den zwei Standorten – Am Rothbühl in Selb und Thomas am Kulm in Speichersdorf – wird nach wie vor produziert. Seit dem Einstieg der Italiener schreibt die Rosenthal GmbH auch wieder schwarze Zahlen; die Umsatzerlöse lagen im Jahr 2013 bei 77 Millionen.

Teller kauft man heute bei Ikea

In Selb rüstet man sich dieser Tage für den im kommenden Jahr anstehenden 100. Geburtstag von Philip Rosenthal, der 2001 im Alter von 84 Jahren verstorben ist. Auch Sebastian Herkner wird beim festlichen Jubiläum eine Rolle spielen. Andreas Gerecke, seit neun Jahren Marketingleiter bei Rosenthal, ist der Mann, der das Firmenimage wieder aufpolieren möchte, verfügt die Marke, die wie Braun, Vorwerk oder Walter Knoll für deutsches Produktdesign steht, doch über ein reich gefülltes Portfolio, angefangen bei den Entwürfen eines Raymond Loewy, über Tapio Wirkkala, Björn Wiinblad, Mario Bellini, Jasper Morrison, Konstantin Grcic, Patricia Urquiola bis hin zu Walter Gropius, dessen 1967 aufgelegtes „TAC“-Service bis heute als eines der begehrtesten aus Meisterhand gilt.

In Selb ist es ein offenes Geheimnis, dass sich die Menschen heute nur selten ein qualitativ hochwertiges dreißigteiliges Porzellanservice zuhause in die Vitrine stellen wie das noch bis vor wenigen Jahrzehnten in einem gutbürgerlichen Haushalt der Fall war. Auch wird beim Kauf von Geschirr oft mehr auf den Preis als auf die Qualität geachtet. So wird in Deutschland mittlerweile jeder vierte Teller bei Ikea gekauft, weshalb sich Rosenthal hierzulande, wo rund 60 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet werden, ebenso wie anderen europäischen Ländern, auf einem stagnierenden oder schrumpfenden Markt bewegt. Nur in Russland, China und im Nahen Osten wächst das Interesse an Porzellan. Ein neues Service aufzusetzen, verlangt zudem große Investitionen. Die Entwicklungskosten inklusive der zum Brennen notwendigen Formen belaufen sich auf rund 1,5 Millionen bis 2 Millionen Euro. Ein Service, das im Verkauf nicht so gut läuft, bedeutet also einen enormen Verlust.

Eine komplette Markenwelt

Es müssen also frische Ideen her – und die entstehen zum Beispiel in Kooperationen mit Designern wie Sebastian Herkner. Er hat für die Rosenthal Studio-Line, angelehnt an den „Bell Table“, zum Beispiel die Vase „Collana“ entworfen, die modular aufgebaut ist und Glas und Porzellan auf höchst galante Weise durch einen goldfarbenen „Kragen“ (ital. collana) miteinander verbindet. Hinzu kommen die Vase „Falda“, die mit dem Gegensatz von Glasur- und Biskuit-Porzellan spielt und deren Öffnung an eine geöffnete Manschette von Champagnerflaschen erinnert, sowie „Mitis“, eine Serie von Vasen, Uhren und Kleiderhaken aus Biskuit-Porzellan in Pastell-Tönen.

Im neu gestalteten Rosenthal-Büro, das ein wenig an das bunt eingerichtete Google-Office erinnert, erklärt Gerecke, es reiche heutzutage nicht mehr, nur Geschirr herzustellen, eine komplette Markenwelt müsse geschaffen werden. Dabei hat Gerecke, der zwischen Selb und seinem zweiten Wohnsitz in Berlin pendelt, die gehobene Design- und Lifestyle-Welt im Blick. Wohl auch deshalb hat Rosenthal im Frühjahr während des Salone del Mobile in Mailand im Museo delle Culture unter dem Titel „Long tradition, young creation“ die „signature pieces“ aus Designerhand präsentiert, auch jene von Sebastian Herkner. Auch Möbel sind wieder im Programm, wie in den 1970er Jahren: Kastige Polstersofas, Lounge-Sessel mit schlanken Beinen aus Messingrohr, aber auch Einrichtungsobjekte aus Porzellan wie tropfenförmige Lautsprecherboxen oder die Leuchte „Nightingale“ von Christophe de la Fontaine. Selbst Armbanduhren mit einem Zifferblatt aus Porzellan werden angeboten. „Aufbruch, Neubeginn, Zuversicht. Der Zeitgeist wandelt sich. Diesem Wandel entspricht Rosenthal“, so steht es zumindest schon mal auf der Website.

Gropius und Flamingos

In der Firmenzentrale von Rosenthal fliegt Herkner förmlich durch die Flure. Auch hier begegnet man immer wieder seinen Entwürfen wie der Vase „Collana“. Man sieht, er fühlt sich hier wie zuhause, spricht mit den Spezialisten aus der Produktentwicklung, tauscht sich mit Gerecke aus, und fährt dann in die Fabrik am Rothbühl. Das Fabrikgebäude hat kein Geringerer als Walter Gropius entworfen, mit dem Philip Rosenthal ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, ebenso wie das als „Glaskathedrale“ bekannte Fabrikgebäude in Amberg, das Rosenthal heute allerdings nicht mehr gehört. Bis vor wenigen Jahren wurden die Besucher Am Rothbühl noch von Flamingos begrüßt, typisch für den Exzentriker Rosenthal Junior. Heute platzt der Putz von den Wänden und statt Flamingos gibt es Schildkröten. Den berühmten „Gropius-Hammer“ in der Eingangshalle – ein Stützpfeiler mit einem hammerartigen Kopf, der an den Seiten so eingekerbt ist, damit die Dachträger einfach aufgelegt werden können – ficht das nicht an. Der Bau mit seinem Rastergrundriss von zehn auf zehn Metern wirkt klar und besitzt eine großzügige Raumhöhe – auch heute noch sei er ausgesprochen zweckdienlich, versichert der Produktionsleiter.

Liebe zur Fabrik

„Porzellanfabriken gehören für mich zu den schönsten“, sagt Sebastian Herkner. Hier gebe es keinen Schmutz, keine unangenehmen Gerüche und keine unschönen Geräusche – alles erscheine rein und sanft, wie Porzellan eben. Der Designer ist gern vor Ort, wo seine Dinge hergestellt werden. „Ich interessiere mich für Manufakturen, schaue mir immer an, wo und wie ein Hersteller produziert“, erzählt er, „und wenn es nicht zu meiner Haltung passt, sage ich auch schon mal eine mögliche Zusammenarbeit ab.“ Solche Manufakturen in Deutschland zu erhalten, dafür setze er sich ein, und erkläre den Kunden gerne, wieso ein Tisch, der hierzulande produziert wird, eben auch seinen Preis habe. Es mache ihn stolz, wenn er einem Betrieb zu mehr Aufschwung verhelfen könne wie im Falle der Poschinger Glasmanufaktur, die den „Bell Table“ für ClassiCon produziert.

Am Rothbühl stehen auf den so genannten Karussells Gipsformen, in welche die noch weiche Masse aus Feldspat, Kaolin und Quarz gegossen wird. Ist das Objekt an der Luft getrocknet, wird es in Ofen von knapp 40 Metern Länge bei einer Hitze von 1400 Grad etwa fünf Stunden lang gebrannt. Beim zweiten Brand erhält der „Scherben“, wie das Stück nach dem ersten Brand genannt wird, seine Glasur und wird wasserundurchlässig. Herkner begrüßt eine Dame, die gerade per Hand eine Wachslösung auf die gefächerten Partien seiner „Falda“-Vase aufträgt, damit das Porzellan an diesen Stellen unglasiert bleibt. Es ist eine Szene, die sich wiederholt: Herkner geht auf die Fabrikarbeiter zu, lacht und scherzt wie ein guter Jugendfreund, und ist zugleich ganz bei der Sache. Er ist einer, der sofort einen Draht zu Menschen bekommt. Herkner ist so vielseitig wie seine Entwürfe. Es ist schwer, eine eindeutige Linie an ihnen zu erkennen. Warum das so ist, erklärt er selbst: Er schaue sich ein Unternehmen genau an, mache eine Analyse und entwerfe dann für dessen Bedarf. Herkner will mehr als nur Produkte realisieren. So engagiert er sich zusammen mit dem Goethe-Institut für soziale Projekte, reist etwa nach Zimbabwe, um dort mit einer Frauenkooperative Bastkörbe herzustellen, die inzwischen über den Design-Versand Ikarus vertrieben werden.

Rund und offen

Soziale Aspekte spielen für Herkner auch eine Rolle, wenn er Projekte wie „Das Haus“ für die imm cologne angeht: „Ich habe mir die Frage gestellt, wie wird man hier bei uns empfangen, was bedeutet Gastfreundschaft?“, erläutert Herkner die Genese und kommt auf den Flüchtlingszustrom nach Deutschland zu sprechen. „Das Haus“ solle transparent und offen sein, jeden willkommen heißen – und fügt hinzu, das mit den Flüchtlingen sei natürlich nur symbolisch gemeint. Herkners „Haus“ ist rund, es gibt kaum Wände, mittels von der Decke herabhängenden Stoffbahnen lassen sich einzelne Bereiche abtrennen. Man solle jederzeit eintreten oder wieder rausgehen können; auch kochen und Gäste bewirten werde er dort.

Spät am Abend sind wir zurück in Offenbach. Sebastian Herkner ist der Stadt seit seinem Studium treu geblieben, hier lebt und arbeitet er. Viel Glamour hat sie nicht zu bieten. Doch wer Herkner kennt, weiß, dass Offenbach gut zu ihm passt: die Bodenständigkeit, die unterschiedlichen Kulturen, die hier Tür an Tür wohnen, vielleicht auch die gern zur Schau gestellte Underdog-Mentalität. „Ich beschäftige mich mehr mit dieser Stadt, als die Stadt sich mit mir beschäftigt“, sagt er und gerät dabei fast ins Schwärmen. Im letzten Jahr seien 6000 Menschen von Frankfurt nach Offenbach gezogen. Von der Stadtmitte sei er in einer halben Stunde am Flughafen, und schließlich habe Goethes erste, große Liebe, Lili Schönemann, auch hier gewohnt. Er selbst hat seinen Fingerabdruck im Stadtbild hinterlassen, indem er, gemeinsam mit den Kollegen Reinhard Dienes und Peter Eckart, den großen Kohle-Kran am Hafen mit einer weithin sichtbaren Lichtinstallation versehen hat. „Offenbach“, ist sich Herkner sicher, „wird unterschätzt.“

www.sebastianherkner.com

www.rosenthal.de
„Falda“ von Sebastian Herkner für Rosenthal soll an die geöffnete Manschette von Champagnerflaschen erinnern. Foto © Rosenthal
„Collana“ ist modular aufgebaut: Auf den Korpus aus Biskuitporzellan kann man einen „Kragen“ setzen, der wiederum das Collier aus mundgeblasenem und getöntem Glas hält. Foto © Rosenthal
Walter Gropius hat die Rosenthal-Fabrik „Am Rothbühl“ 1967 gebaut. Foto © Rosenthal
Der Rosenthal-Hauptsitz in Selb mit Fassadengestaltung von Otto Piene. Foto © Rosenthal
Auf die gefächerten Partien der Vase „Falda“ wird eine Wachslösung per Hand aufgetragen, damit das Porzellan an diesen Stellen unglasiert bleibt. Foto © Martina Metzner
Vor dem Brand: Noch ist die Porzellan-Masse aus Feldspat, Kaolin und Quarz weich.
Foto © Martina Metzner
Auch heute noch sei der Gropius-Bau ausgesprochen zweckdienlich, versichert der Produktionsleiter. Foto © Martina Metzner
Sebastian Herkner mit Andreas Gerecke, Marketingleiter von Rosenthal. Foto © Martina Metzner
Freunde und Geschäftspartner: Walter Gropius und Philip Rosenthal.
Foto © Rosenthal
Eingangsbereich im Schloss Erkersreuth, dem Familiensitz der Rosenthals in Selb.
Foto © Rosenthal
Auf Rosenthal lässt es sich auch gut sitzen: Seit 2013 sind wieder Möbel im Programm. Foto © Rosenthal
Neben Polstergruppen gibt es auch Möbel aus Porzellan wie den Hocker „Landscape“ von Patricia Urquiola. Foto © Rosenthal
Produkte
Moroso: Bask @ Stylepark
Moroso
Bask
Sebastian Herkner
De Vorm: Coil @ Stylepark
De Vorm
Coil
Sebastian Herkner
Gubi: Collar Lamp groß @ Stylepark
Gubi
Collar Lamp groß
Sebastian Herkner
ClassiCon: Bell Light @ Stylepark
ClassiCon
Bell Light
Sebastian Herkner
FontanaArte: Nebra @ Stylepark
FontanaArte
Nebra
Sebastian Herkner
ClassiCon: Bell Table Copper @ Stylepark
ClassiCon
Bell Table Copper
Sebastian Herkner
Foundry: Epos @ Stylepark
Foundry
Epos
Reinhard Dienes
Sebastian Herkner
Moroso: Pipe Beistelltisch @ Stylepark
Moroso
Pipe Beistelltisch
Sebastian Herkner
Gubi: Collar Lamp klein @ Stylepark
Gubi
Collar Lamp klein
Sebastian Herkner
De Vorm: Clip @ Stylepark
De Vorm
Clip
Sebastian Herkner
Moroso: M' Afrique Collection - Banjooli @ Stylepark
Moroso
M' Afrique Collection - Banjooli
Sebastian Herkner
Moroso: Coat @ Stylepark
Moroso
Coat
Sebastian Herkner
Moroso: Pipe Sessel @ Stylepark
Moroso
Pipe Sessel
Sebastian Herkner
Moroso: M' Afrique Collection - Banjooli Tisch @ Stylepark
Moroso
M' Afrique Collection - Banjooli Tisch
Sebastian Herkner
De Vorm: Arnhem Sofa @ Stylepark
De Vorm
Arnhem Sofa
Sebastian Herkner
pulpo: Container Low @ Stylepark
pulpo
Container Low
Sebastian Herkner
pulpo: Alwa I @ Stylepark
pulpo
Alwa I
Sebastian Herkner
pulpo: Tauber Cabinet @ Stylepark
pulpo
Tauber Cabinet
Sebastian Herkner
pulpo: Passerelle 160 2 Elements @ Stylepark
pulpo
Passerelle 160 2 Elements
Sebastian Herkner
pulpo: Oda Medium @ Stylepark
pulpo
Oda Medium
Sebastian Herkner
News & Stories › 2015 › November
Scherben bringen Glück
von Martina Metzner | 9. November 2015
Sebastian Herkner ist ein viel gefragter Designer. Wir haben ihn von Offenbach nach Selb begleitet, wo er für Rosenthal das Porzellangeschäft mit Vasen und Teekannen wieder zum Glänzen bringen soll.
Montagmorgens im Zug nach Selb: Sebastian Herkner hat den Anschluss verpasst, organisiert sich aber per Bahn-App schnell eine Alternative und kommt schließlich in Nürnberg an, von wo aus er für das letzte Wegstück den Bus nimmt. Der Designer aus Offenbach ist gut gelaunt, redet viel, vor allem von der prall mit Terminen gefüllten Woche. Vier Interviews, so sagt er, stünden auf dem Plan. Am nächsten Tag müsse er nach Berlin, nur für eine Stunde Meeting, am Abend gehe es dann wieder zurück. Er nehme das in Kauf, denn er wolle die Leute, mit denen er arbeite, persönlich sehen. Nebenbei organisiert er noch einen Gesundheitscheck für Kolumbien, wohin er auf Einladung des Goethe-Instituts in wenigen Tagen aufbrechen wird.

Man hat den Eindruck, Herkners Karriere befinde sich derzeit in einer entscheidenden Phase. Im Jahr 2012 hat der Absolvent der Hochschule für Gestaltung Offenbach den „Bell Table“ bei ClassiCon herausgebracht – von da an ging es steil bergauf. Nicht weniger als 15 neue Produkte wird Herkner im kommenden Jahr vorstellen. Und er wird „Das Haus“ auf der imm cologne gestalten. „Ich brauche nur vier Stunden Schlaf“, verrät der Vierunddreißigjährige und lächelt dabei verschmitzt. In der Bahn, fügt er hinzu, könne er kaum zeichnen, schon eher lesen. Den „Spiegel“ habe er dann an einem Tag durchgelesen. Sein Programm: „Unter der Woche reise ich, am Wochenende bin ich in Offenbach und arbeite.“ Erfolg kommt nie von allein. Sicher trägt auch seine offene, kommunikative Art dazu bei: „Weil ich reden kann. Design ist Kommunikation“, so Herkner. Manch einer bezeichnet ihn gar als „Marketingmaschine“.

Einst Hochburg des weißen Goldes

Als wir den Firmensitz von Rosenthal in Selb erreichen, werden wir von haushohen Schuttbergen empfangen: Das sei einmal die Produktionsstätte von Hutschenreuther gewesen, erzählt der Taxifahrer. Die Marke gehörte seit 2000 zur Rosenthal-Gruppe, unter deren Dach die Marken Rosenthal, Rosenthal Studio-Line, Arzberg und Thomas mehr oder weniger gut gedeihen. Der Bauschutt symbolisiert die Misere: Selb war einmal eine Hochburg der Porzellanherstellung. In den 1950er und 1960er Jahren lebten hier in „bayrisch Sibirien“, wie die raue Gegend auch genannt wird, bis zu 37.000 Menschen von der Produktion des weißen Goldes. Inzwischen hat die Billigkonkurrenz aus Fernost den Markt überschwemmt, Ess- und Einkaufsgewohnheiten haben sich verändert – und das kostete zahlreiche Arbeitsplätze. Heute arbeiten in Selb noch insgesamt 2.000 „Porzelliner“; bei Rosenthal sind es rund 850 Beschäftigte.

Auch Rosenthal hat turbulente Zeiten hinter sich: Nach der Insolvenz im Jahr 2009 wurde die Firma – damals noch Teil des irisch-britischen Konzerns Waterford-Wedgewood – von der italienischen Sambonet-Paderno-Gruppe übernommen, einem Marktführer in Sachen Besteck. Heute heißt der Geschäftsführer Pierluigi Coppo und ist Italiener. Gleichwohl ist Rosenthal weiterhin Rosenthal geblieben. An den zwei Standorten – Am Rothbühl in Selb und Thomas am Kulm in Speichersdorf – wird nach wie vor produziert. Seit dem Einstieg der Italiener schreibt die Rosenthal GmbH auch wieder schwarze Zahlen; die Umsatzerlöse lagen im Jahr 2013 bei 77 Millionen.

Teller kauft man heute bei Ikea

In Selb rüstet man sich dieser Tage für den im kommenden Jahr anstehenden 100. Geburtstag von Philip Rosenthal, der 2001 im Alter von 84 Jahren verstorben ist. Auch Sebastian Herkner wird beim festlichen Jubiläum eine Rolle spielen. Andreas Gerecke, seit neun Jahren Marketingleiter bei Rosenthal, ist der Mann, der das Firmenimage wieder aufpolieren möchte, verfügt die Marke, die wie Braun, Vorwerk oder Walter Knoll für deutsches Produktdesign steht, doch über ein reich gefülltes Portfolio, angefangen bei den Entwürfen eines Raymond Loewy, über Tapio Wirkkala, Björn Wiinblad, Mario Bellini, Jasper Morrison, Konstantin Grcic, Patricia Urquiola bis hin zu Walter Gropius, dessen 1967 aufgelegtes „TAC“-Service bis heute als eines der begehrtesten aus Meisterhand gilt.

In Selb ist es ein offenes Geheimnis, dass sich die Menschen heute nur selten ein qualitativ hochwertiges dreißigteiliges Porzellanservice zuhause in die Vitrine stellen wie das noch bis vor wenigen Jahrzehnten in einem gutbürgerlichen Haushalt der Fall war. Auch wird beim Kauf von Geschirr oft mehr auf den Preis als auf die Qualität geachtet. So wird in Deutschland mittlerweile jeder vierte Teller bei Ikea gekauft, weshalb sich Rosenthal hierzulande, wo rund 60 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet werden, ebenso wie anderen europäischen Ländern, auf einem stagnierenden oder schrumpfenden Markt bewegt. Nur in Russland, China und im Nahen Osten wächst das Interesse an Porzellan. Ein neues Service aufzusetzen, verlangt zudem große Investitionen. Die Entwicklungskosten inklusive der zum Brennen notwendigen Formen belaufen sich auf rund 1,5 Millionen bis 2 Millionen Euro. Ein Service, das im Verkauf nicht so gut läuft, bedeutet also einen enormen Verlust.

Eine komplette Markenwelt

Es müssen also frische Ideen her – und die entstehen zum Beispiel in Kooperationen mit Designern wie Sebastian Herkner. Er hat für die Rosenthal Studio-Line, angelehnt an den „Bell Table“, zum Beispiel die Vase „Collana“ entworfen, die modular aufgebaut ist und Glas und Porzellan auf höchst galante Weise durch einen goldfarbenen „Kragen“ (ital. collana) miteinander verbindet. Hinzu kommen die Vase „Falda“, die mit dem Gegensatz von Glasur- und Biskuit-Porzellan spielt und deren Öffnung an eine geöffnete Manschette von Champagnerflaschen erinnert, sowie „Mitis“, eine Serie von Vasen, Uhren und Kleiderhaken aus Biskuit-Porzellan in Pastell-Tönen.

Im neu gestalteten Rosenthal-Büro, das ein wenig an das bunt eingerichtete Google-Office erinnert, erklärt Gerecke, es reiche heutzutage nicht mehr, nur Geschirr herzustellen, eine komplette Markenwelt müsse geschaffen werden. Dabei hat Gerecke, der zwischen Selb und seinem zweiten Wohnsitz in Berlin pendelt, die gehobene Design- und Lifestyle-Welt im Blick. Wohl auch deshalb hat Rosenthal im Frühjahr während des Salone del Mobile in Mailand im Museo delle Culture unter dem Titel „Long tradition, young creation“ die „signature pieces“ aus Designerhand präsentiert, auch jene von Sebastian Herkner. Auch Möbel sind wieder im Programm, wie in den 1970er Jahren: Kastige Polstersofas, Lounge-Sessel mit schlanken Beinen aus Messingrohr, aber auch Einrichtungsobjekte aus Porzellan wie tropfenförmige Lautsprecherboxen oder die Leuchte „Nightingale“ von Christophe de la Fontaine. Selbst Armbanduhren mit einem Zifferblatt aus Porzellan werden angeboten. „Aufbruch, Neubeginn, Zuversicht. Der Zeitgeist wandelt sich. Diesem Wandel entspricht Rosenthal“, so steht es zumindest schon mal auf der Website.

Gropius und Flamingos

In der Firmenzentrale von Rosenthal fliegt Herkner förmlich durch die Flure. Auch hier begegnet man immer wieder seinen Entwürfen wie der Vase „Collana“. Man sieht, er fühlt sich hier wie zuhause, spricht mit den Spezialisten aus der Produktentwicklung, tauscht sich mit Gerecke aus, und fährt dann in die Fabrik am Rothbühl. Das Fabrikgebäude hat kein Geringerer als Walter Gropius entworfen, mit dem Philip Rosenthal ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, ebenso wie das als „Glaskathedrale“ bekannte Fabrikgebäude in Amberg, das Rosenthal heute allerdings nicht mehr gehört. Bis vor wenigen Jahren wurden die Besucher Am Rothbühl noch von Flamingos begrüßt, typisch für den Exzentriker Rosenthal Junior. Heute platzt der Putz von den Wänden und statt Flamingos gibt es Schildkröten. Den berühmten „Gropius-Hammer“ in der Eingangshalle – ein Stützpfeiler mit einem hammerartigen Kopf, der an den Seiten so eingekerbt ist, damit die Dachträger einfach aufgelegt werden können – ficht das nicht an. Der Bau mit seinem Rastergrundriss von zehn auf zehn Metern wirkt klar und besitzt eine großzügige Raumhöhe – auch heute noch sei er ausgesprochen zweckdienlich, versichert der Produktionsleiter.

Liebe zur Fabrik

„Porzellanfabriken gehören für mich zu den schönsten“, sagt Sebastian Herkner. Hier gebe es keinen Schmutz, keine unangenehmen Gerüche und keine unschönen Geräusche – alles erscheine rein und sanft, wie Porzellan eben. Der Designer ist gern vor Ort, wo seine Dinge hergestellt werden. „Ich interessiere mich für Manufakturen, schaue mir immer an, wo und wie ein Hersteller produziert“, erzählt er, „und wenn es nicht zu meiner Haltung passt, sage ich auch schon mal eine mögliche Zusammenarbeit ab.“ Solche Manufakturen in Deutschland zu erhalten, dafür setze er sich ein, und erkläre den Kunden gerne, wieso ein Tisch, der hierzulande produziert wird, eben auch seinen Preis habe. Es mache ihn stolz, wenn er einem Betrieb zu mehr Aufschwung verhelfen könne wie im Falle der Poschinger Glasmanufaktur, die den „Bell Table“ für ClassiCon produziert.

Am Rothbühl stehen auf den so genannten Karussells Gipsformen, in welche die noch weiche Masse aus Feldspat, Kaolin und Quarz gegossen wird. Ist das Objekt an der Luft getrocknet, wird es in Ofen von knapp 40 Metern Länge bei einer Hitze von 1400 Grad etwa fünf Stunden lang gebrannt. Beim zweiten Brand erhält der „Scherben“, wie das Stück nach dem ersten Brand genannt wird, seine Glasur und wird wasserundurchlässig. Herkner begrüßt eine Dame, die gerade per Hand eine Wachslösung auf die gefächerten Partien seiner „Falda“-Vase aufträgt, damit das Porzellan an diesen Stellen unglasiert bleibt. Es ist eine Szene, die sich wiederholt: Herkner geht auf die Fabrikarbeiter zu, lacht und scherzt wie ein guter Jugendfreund, und ist zugleich ganz bei der Sache. Er ist einer, der sofort einen Draht zu Menschen bekommt. Herkner ist so vielseitig wie seine Entwürfe. Es ist schwer, eine eindeutige Linie an ihnen zu erkennen. Warum das so ist, erklärt er selbst: Er schaue sich ein Unternehmen genau an, mache eine Analyse und entwerfe dann für dessen Bedarf. Herkner will mehr als nur Produkte realisieren. So engagiert er sich zusammen mit dem Goethe-Institut für soziale Projekte, reist etwa nach Zimbabwe, um dort mit einer Frauenkooperative Bastkörbe herzustellen, die inzwischen über den Design-Versand Ikarus vertrieben werden.

Rund und offen

Soziale Aspekte spielen für Herkner auch eine Rolle, wenn er Projekte wie „Das Haus“ für die imm cologne angeht: „Ich habe mir die Frage gestellt, wie wird man hier bei uns empfangen, was bedeutet Gastfreundschaft?“, erläutert Herkner die Genese und kommt auf den Flüchtlingszustrom nach Deutschland zu sprechen. „Das Haus“ solle transparent und offen sein, jeden willkommen heißen – und fügt hinzu, das mit den Flüchtlingen sei natürlich nur symbolisch gemeint. Herkners „Haus“ ist rund, es gibt kaum Wände, mittels von der Decke herabhängenden Stoffbahnen lassen sich einzelne Bereiche abtrennen. Man solle jederzeit eintreten oder wieder rausgehen können; auch kochen und Gäste bewirten werde er dort.

Spät am Abend sind wir zurück in Offenbach. Sebastian Herkner ist der Stadt seit seinem Studium treu geblieben, hier lebt und arbeitet er. Viel Glamour hat sie nicht zu bieten. Doch wer Herkner kennt, weiß, dass Offenbach gut zu ihm passt: die Bodenständigkeit, die unterschiedlichen Kulturen, die hier Tür an Tür wohnen, vielleicht auch die gern zur Schau gestellte Underdog-Mentalität. „Ich beschäftige mich mehr mit dieser Stadt, als die Stadt sich mit mir beschäftigt“, sagt er und gerät dabei fast ins Schwärmen. Im letzten Jahr seien 6000 Menschen von Frankfurt nach Offenbach gezogen. Von der Stadtmitte sei er in einer halben Stunde am Flughafen, und schließlich habe Goethes erste, große Liebe, Lili Schönemann, auch hier gewohnt. Er selbst hat seinen Fingerabdruck im Stadtbild hinterlassen, indem er, gemeinsam mit den Kollegen Reinhard Dienes und Peter Eckart, den großen Kohle-Kran am Hafen mit einer weithin sichtbaren Lichtinstallation versehen hat. „Offenbach“, ist sich Herkner sicher, „wird unterschätzt.“

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