transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369373_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Halb vergraben, halb schwebend thront in 2.275 Meter Höhe das sechste Messner Mountain Museum auf dem Gipfelplateau des Kronplatz im Südtiroler Pustertal. Foto © www.wisthaler.com
Sein 15. Achttausender
von Franziska Horn
27. Oktober 2015
Ein Bauwerk, das Wellen schlägt, sogar bis auf die andere Seite des Atlantiks: „Mountain meets design“, schrieb die New York Times im Juli 2015, und zeigte ein Foto von Œuvre Nummer 6. Und tatsächlich: Das „MMM Corones“, das letzte „Messner Mountain Museum“ (MMM), thront in 2.275 Meter Höhe auf dem Gipfelplateau des Kronplatz im Südtiroler Pustertal. „Die Museen-Kette wurde von Reinhold Messner gegründet“, erklärt die NYT-Autorin. Moment mal. Messner baut? Eine ganze Kette von Gebäuden sogar, manche in Bergeshöh’, auf dem Gipfel? Wer denkt da nicht an jenen genial eingefädelten Sketch aus dem Jahr 1988 zurück, als der Gaudimensch Kurt Felix für seine TV-Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ einen Kiosk in 4000 Meter Höhe auf die Spitze des Matterhorns pflanzte, um den für seine temperamentvollen Ausbrüche bekannten Messner zu foppen. Die Episode schrieb Fernseh-Geschichte. Und seitdem eilt dem größten Bergsteiger aller Zeiten das Credo voraus, lautstark gegen die Verschandelung der Alpen vorzugehen. (siehe Youtube)

Das Bergsteigen, Berge überhaupt, das Bauen in den Bergen – das sind bis heute Messners große Themen. Dafür hat er viel bezahlt – körperlich, mental, finanziell. Allein das Museumsprojekt soll an die 30 Millionen Euro gekostet haben, getragen von Messner und der Provinz Südtirol. Die Idee dahinter? Wer als erster Mensch 14 Achttausendern ohne Sauerstoff bezwungen hat, der hat als Grenzgänger das Verständnis menschlichen Könnens erweitert. Zudem hat Messner als Hauptakteur und Chronist des internationalen Alpinismus sich mit der Macht der Natur auseinandergesetzt und erfahren, was es bedeutet, ihren Kräften allein am Berg ausgesetzt zu sein. Was eine Innenschau nach sich zieht und zu existentiellen Fragen führt. Die Reise im Kopf, das ist die eigentliche Reise. Und da Messner beides ist, ein Jäger nach Rekorden und ein Sammler von Kulturgütern, hat er auf seinen rund 100 Expeditionen in beinahe alle Gebirge und Wüsten der Welt nicht nur persönliche Erfahrungen gesammelt, sondern auch einen Schatz von Zeugnissen fremder Kulturen und Philosophien, von Kunst und Kunsthandwerk sowie Relikte von Bergsteigern und Bergvölkern angehäuft. Intellektuell wie materiell. Das ist sein Vermächtnis. Um diesem einen Ort zu geben und auch um andere mit auf die Reise zu nehmen, startete er 1995 sein Museums-Projekt. Ein immenses Unterfangen, das er seinen „15. Achttausender“ nennt.

Rückblende: 1983 kauft Messner die Burgruine Juval im Vinschgau. Er baut sie aus, bewohnt sie. 1995 eröffnet er in Sulden eine Ausstellung namens „Alpine Curiosa“. Parallel dazu zeigt er im „MMM Juval“ Exponate zum Thema „Heilige Berge“. Während lange Querelen die Eröffnung des „MMM Firmian“ auf Schloss Sigmundskron, dem Herzstück der Museen, verzögern, entsteht das „MMM Dolomites“ auf dem Gipfel des Monte Rite zwischen Pieve di Cadore und Cortina d’Ampezzo. Thema: „Vertikale Welt und Felsklettern“. 2004 öffnet das „MMM Ortles“ bei Sulden auf 1.900 Metern Höhe mit dem Thema „Eis und Gletscher“ seine unterirdischen Pforten. Mit seinem gezackten Oberlicht ahmt der Betonbau architektonisch den Verlauf einer Gletscherspalte nach. Im Jahr 2006 eröffnet schließlich auch das „MMM Firmian“ auf dem Burgberg Sigmundskron bei Bozen. Als Zentrum von Messners Museumskette illustriert es die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg. Und als fünftes Museum in der Reihe entsteht 2011 in einer alten Burg in der Stadt Bruneck das „MMM Ripa“ mit Fokus auf die „Bergvölker aller Welt“.

Wer genau hinschaut, erkennt: Messner nutzt – abgesehen vom MMM Ortles – ausschließlich Ruinen beziehungsweise bestehende historische Bauten als Standort, die er aufwendig saniert und renoviert hat. Das entzieht dem vielstimmigen Ruf der Kritiker jede Grundlage, Messner würde die Berggipfel mit seinen Bauten verstellen oder sogar verschandeln. Interessant ist zudem: Messner hat jedes Museum mit einem anderen Architekten geplant und realisiert. „Ich wollte keine Wiederholungen“, erklärt Messner die Strategie. Besonders der Umbau des „MMM Firmian“ zeigt in vielen Details, dass der Bergsteiger den sogenannten „Alpinstil“ nicht nur erfunden, sondern ihn auch auf das Bauen übertragen hat. Die Kriterien sind klar umrissen: Minimalinvasiv, originalgetreu, nur die nötigsten Maßnahmen ergreifend, und nach 30 Jahren vollständig rückbaubar.

Im Juli 2015 wurde nun das „MMM Corones“ eröffnet. Doch warum ausgerechnet auf Südtirols Skiberg Nummer 1? Man muss sich den Kronplatz als eine Art Guglhupf vorstellen. An Spitzentagen im Winter schaufeln 32 Lifte bis zu 23.000 Besucher auf das Plateau – im Sommer sind es gerade mal 2.500. Im Grunde fehlen nur Kreisverkehr und Ampeln. „Ursprünglich“, erzählt Messner, der zu dieser Zeit nach einem sechsten Standort fahndete, „plante die Kronplatz AG hier eine Aussichtsplattform. Die Ausschreibung dazu hatte Zaha Hadid gewonnen. Doch ich riet davon ab. Das wäre kontraproduktiv gewesen“. Er konnte die Bauherren überzeugen. Namen wie Messner oder Hadid sind Weltmarken, Garanten für internationale Aufmerksamkeit – ein wohlkalkulierter Mehrwert also. Hadid entwarf den Bau mit 1.000 Quadratmeter Fläche. Kosten: 3 Millionen Euro. Gemäß Messners Idee verlegte man den Bau in die Erde.

Doch passen Messners museale Träume zu Hadids Handschrift? Manch einer bezeichnet Hadids gebaute Fließformen als gestalterischen Feldzug gegen den rechten Winkel und moniert, Hadid zitiere sich in einer Art manischem Wiederholungszwang nur noch selbst. Klar ist aber auch: Ihre diagonalen Linien greifen den natürlichen Verlauf von Berghängen eher auf als jeder ins Gelände gesetzte Kubus. Reinhold Messner selbst sagt über Zaha Hadid: „Sie ist mehr Künstlerin und Designerin als Architektin. So agiert sie auch. Sie macht ihr Ding und zieht das durch. Ihre Architektur richtet sich nicht nach dem Inhalt, sondern steht für sich. Und die Kurven liefert der Computer“.

Dabei gelang Zaha Hadid 2002 mit der Berg-Isel-Schanze in Innsbruck ein echter Wurf, gestalterisch wie funktionell. „Eine Landmark“, nennt Messner die Schanze. Und als „Landmark“, sagt er, habe er das „MMM Corones“ bewusst nicht gedacht, mit seinem Themenschwerpunkt traditioneller Alpinismus und Entwicklung des modernen Bergsteigens. Vielmehr sei es ihm hier – wie schon beim „MMM Ortles“ – darum gegangen, ein Bild für die Zukunft zu liefern: „Sehr bewusst haben wir in den Fels hinein gebaut, um die Landschaft weitgehend unberührt zu belassen und zudem die Klima-Bedingungen besser nutzen zu können. Dieses Experiment da oben geht viel weiter, als die Kritiker meinen!“. Auch mit Ausblicken und Sichtachsen treibt Messner beim „Corones“ sein Spiel: „Sie lenken den Blick auf die Routen meiner Erstbegehungen, auf den Heiligkreuzkofel, die Geislerspitzen, den Peitlerkofel – oder auch auf die Kulturlandschaft im Tal“.

Was Messner nicht abstreiten kann: Dass einige Exponate – zum Beispiel großflächige Gemälde von Compton oder die historische Mauerhakensammlung – visuell in Konflikt mit den organisch-dynamischen Linien des Baus geraten, manchmal sogar deplatziert wirken. Messner gesteht, dass er in den Räumen Mühe hatte, seine Werke ansprechend zu arrangieren. „Hadid hat mir gratuliert, sie findet es gut bestückt. Aber wenn es nicht bespielt wäre, wäre ihr das wohl lieber. Da bin ich ganz sicher“, sagt Messner und lacht. Zurück im Tal ist mancher Besucher überzeugt: Dieser Berg konnte durch das „MMM Corones“ nur gewinnen. Ob der vielzitierte Bilbao-Effekt auch im Pustertal eintritt, bleibt abzuwarten.


Buchtipp:
Andreas Gottlieb Hempel
„Die Messner Mountain Museen“ – Architektur & Berge,
geb., 160 S., Callwey Verlag, 2011,
64,00 Euro
ISBN 978-3-7667-1911-9

Das Buch dokumentiert die ersten fünf Museen, die Reinhold Messner realisiert hat. Fotografien, Architektenpläne und Infos zu den Ausstellungen erläutern das Konzept.
Die Aussichtsbereiche des Zaha Hadid Baus lenken den Blick auf Messners Erstbegehungen: auf den Heiligkreuzkofel, die Geislerspitzen und den Peitlerkofel. Foto © Inexhibit
Die Ausstellung des Museums widmet sich dem traditionellen Alpinismus und der Entwicklung des modernen Bergsteigens. Die Lichtlösung in den Ausstellungsräumen des Baus mit der organisch-dynamischen Linienführung stammt von Zumtobel. Foto © www.wisthaler.com
Reinhold Messner hat auf seinen rund 100 Expeditionen in beinahe alle Gebirge und Wüsten der Welt eine Sammlung aufgebaut, bestückt mit Zeugnissen fremder Kulturen und Philosophien, mit Kunst und Kunsthandwerk sowie Relikte von Bergsteigern und Bergvölkern.
Foto © Tappeiner AG
Für alle bisherigen Messner Mountain Museen nutzte der Bergsteiger– abgesehen vom MMM Ortles – ausschließlich Ruinen beziehungsweise bestehende historische Bauten als Standorte – wie hier das „MMM Firmian“. Foto © MMM
„MMM Firmian“ ist das Zentrum der Museumskette und illustriert in der Ausstellung die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg. Foto © Paolo Zanzi
2004 öffnet das „MMM Ortles“ bei Sulden auf 1.900 Metern Höhe mit dem Thema „Eis und Gletscher“ seine unterirdischen Pforten. Foto © Tappeiner
Das gezackte Oberlicht ahmt architektonisch den Verlauf einer Gletscherspalte nach – passend zur Ausstellung, die sich dem Thema „Eis und Gletscher“ widmet. Foto © Tappeiner AG
Das „MMM Dolomites“ befindet sich auf dem Gipfel des Monte Rite zwischen Pieve di Cadore und Cortina d’Ampezzo. Foto © Tappeiner AG
Die Ausstellung im „MMM Dolomites“ widmet sich dem Thema „Vertikale Welt und Felsklettern“. Photo © Tappeiner AG
Messners erstes Bauprojekt: die Burgruine Juval im Vinschgau, die er auch bewohnt. Foto © Tappeiner AG
Namen wie Messner oder Hadid sind Weltmarken, Garanten für internationale Aufmerksamkeit – ein wohlkalkulierter Mehrwert also für die Regionen. Foto © Franziska Horn
„Sehr bewusst haben wir in den Fels hinein gebaut, um die Landschaft weitgehend unberührt zu belassen und zudem die Klima-Bedingungen besser nutzen zu können. Dieses Experiment da oben geht viel weiter, als die Kritiker meinen!“, erklärt Messner. Foto © Werner Huthmacher
News & Stories › 2015 › Oktober
Sein 15. Achttausender
von Franziska Horn | 27. Oktober 2015
Der Extrembergsteiger Reinhold Messner hat auf seinen Expeditionen vieles gesammelt. Er präsentiert es, nach Themen geordnet, in einer Kette von„Messner Mountain Museen“. Das sechste und letzte, entworfen von Zaha Hadid, wurde gerade eröffnet.
Ein Bauwerk, das Wellen schlägt, sogar bis auf die andere Seite des Atlantiks: „Mountain meets design“, schrieb die New York Times im Juli 2015, und zeigte ein Foto von Œuvre Nummer 6. Und tatsächlich: Das „MMM Corones“, das letzte „Messner Mountain Museum“ (MMM), thront in 2.275 Meter Höhe auf dem Gipfelplateau des Kronplatz im Südtiroler Pustertal. „Die Museen-Kette wurde von Reinhold Messner gegründet“, erklärt die NYT-Autorin. Moment mal. Messner baut? Eine ganze Kette von Gebäuden sogar, manche in Bergeshöh’, auf dem Gipfel? Wer denkt da nicht an jenen genial eingefädelten Sketch aus dem Jahr 1988 zurück, als der Gaudimensch Kurt Felix für seine TV-Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ einen Kiosk in 4000 Meter Höhe auf die Spitze des Matterhorns pflanzte, um den für seine temperamentvollen Ausbrüche bekannten Messner zu foppen. Die Episode schrieb Fernseh-Geschichte. Und seitdem eilt dem größten Bergsteiger aller Zeiten das Credo voraus, lautstark gegen die Verschandelung der Alpen vorzugehen. (siehe Youtube)

Das Bergsteigen, Berge überhaupt, das Bauen in den Bergen – das sind bis heute Messners große Themen. Dafür hat er viel bezahlt – körperlich, mental, finanziell. Allein das Museumsprojekt soll an die 30 Millionen Euro gekostet haben, getragen von Messner und der Provinz Südtirol. Die Idee dahinter? Wer als erster Mensch 14 Achttausendern ohne Sauerstoff bezwungen hat, der hat als Grenzgänger das Verständnis menschlichen Könnens erweitert. Zudem hat Messner als Hauptakteur und Chronist des internationalen Alpinismus sich mit der Macht der Natur auseinandergesetzt und erfahren, was es bedeutet, ihren Kräften allein am Berg ausgesetzt zu sein. Was eine Innenschau nach sich zieht und zu existentiellen Fragen führt. Die Reise im Kopf, das ist die eigentliche Reise. Und da Messner beides ist, ein Jäger nach Rekorden und ein Sammler von Kulturgütern, hat er auf seinen rund 100 Expeditionen in beinahe alle Gebirge und Wüsten der Welt nicht nur persönliche Erfahrungen gesammelt, sondern auch einen Schatz von Zeugnissen fremder Kulturen und Philosophien, von Kunst und Kunsthandwerk sowie Relikte von Bergsteigern und Bergvölkern angehäuft. Intellektuell wie materiell. Das ist sein Vermächtnis. Um diesem einen Ort zu geben und auch um andere mit auf die Reise zu nehmen, startete er 1995 sein Museums-Projekt. Ein immenses Unterfangen, das er seinen „15. Achttausender“ nennt.

Rückblende: 1983 kauft Messner die Burgruine Juval im Vinschgau. Er baut sie aus, bewohnt sie. 1995 eröffnet er in Sulden eine Ausstellung namens „Alpine Curiosa“. Parallel dazu zeigt er im „MMM Juval“ Exponate zum Thema „Heilige Berge“. Während lange Querelen die Eröffnung des „MMM Firmian“ auf Schloss Sigmundskron, dem Herzstück der Museen, verzögern, entsteht das „MMM Dolomites“ auf dem Gipfel des Monte Rite zwischen Pieve di Cadore und Cortina d’Ampezzo. Thema: „Vertikale Welt und Felsklettern“. 2004 öffnet das „MMM Ortles“ bei Sulden auf 1.900 Metern Höhe mit dem Thema „Eis und Gletscher“ seine unterirdischen Pforten. Mit seinem gezackten Oberlicht ahmt der Betonbau architektonisch den Verlauf einer Gletscherspalte nach. Im Jahr 2006 eröffnet schließlich auch das „MMM Firmian“ auf dem Burgberg Sigmundskron bei Bozen. Als Zentrum von Messners Museumskette illustriert es die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg. Und als fünftes Museum in der Reihe entsteht 2011 in einer alten Burg in der Stadt Bruneck das „MMM Ripa“ mit Fokus auf die „Bergvölker aller Welt“.

Wer genau hinschaut, erkennt: Messner nutzt – abgesehen vom MMM Ortles – ausschließlich Ruinen beziehungsweise bestehende historische Bauten als Standort, die er aufwendig saniert und renoviert hat. Das entzieht dem vielstimmigen Ruf der Kritiker jede Grundlage, Messner würde die Berggipfel mit seinen Bauten verstellen oder sogar verschandeln. Interessant ist zudem: Messner hat jedes Museum mit einem anderen Architekten geplant und realisiert. „Ich wollte keine Wiederholungen“, erklärt Messner die Strategie. Besonders der Umbau des „MMM Firmian“ zeigt in vielen Details, dass der Bergsteiger den sogenannten „Alpinstil“ nicht nur erfunden, sondern ihn auch auf das Bauen übertragen hat. Die Kriterien sind klar umrissen: Minimalinvasiv, originalgetreu, nur die nötigsten Maßnahmen ergreifend, und nach 30 Jahren vollständig rückbaubar.

Im Juli 2015 wurde nun das „MMM Corones“ eröffnet. Doch warum ausgerechnet auf Südtirols Skiberg Nummer 1? Man muss sich den Kronplatz als eine Art Guglhupf vorstellen. An Spitzentagen im Winter schaufeln 32 Lifte bis zu 23.000 Besucher auf das Plateau – im Sommer sind es gerade mal 2.500. Im Grunde fehlen nur Kreisverkehr und Ampeln. „Ursprünglich“, erzählt Messner, der zu dieser Zeit nach einem sechsten Standort fahndete, „plante die Kronplatz AG hier eine Aussichtsplattform. Die Ausschreibung dazu hatte Zaha Hadid gewonnen. Doch ich riet davon ab. Das wäre kontraproduktiv gewesen“. Er konnte die Bauherren überzeugen. Namen wie Messner oder Hadid sind Weltmarken, Garanten für internationale Aufmerksamkeit – ein wohlkalkulierter Mehrwert also. Hadid entwarf den Bau mit 1.000 Quadratmeter Fläche. Kosten: 3 Millionen Euro. Gemäß Messners Idee verlegte man den Bau in die Erde.

Doch passen Messners museale Träume zu Hadids Handschrift? Manch einer bezeichnet Hadids gebaute Fließformen als gestalterischen Feldzug gegen den rechten Winkel und moniert, Hadid zitiere sich in einer Art manischem Wiederholungszwang nur noch selbst. Klar ist aber auch: Ihre diagonalen Linien greifen den natürlichen Verlauf von Berghängen eher auf als jeder ins Gelände gesetzte Kubus. Reinhold Messner selbst sagt über Zaha Hadid: „Sie ist mehr Künstlerin und Designerin als Architektin. So agiert sie auch. Sie macht ihr Ding und zieht das durch. Ihre Architektur richtet sich nicht nach dem Inhalt, sondern steht für sich. Und die Kurven liefert der Computer“.

Dabei gelang Zaha Hadid 2002 mit der Berg-Isel-Schanze in Innsbruck ein echter Wurf, gestalterisch wie funktionell. „Eine Landmark“, nennt Messner die Schanze. Und als „Landmark“, sagt er, habe er das „MMM Corones“ bewusst nicht gedacht, mit seinem Themenschwerpunkt traditioneller Alpinismus und Entwicklung des modernen Bergsteigens. Vielmehr sei es ihm hier – wie schon beim „MMM Ortles“ – darum gegangen, ein Bild für die Zukunft zu liefern: „Sehr bewusst haben wir in den Fels hinein gebaut, um die Landschaft weitgehend unberührt zu belassen und zudem die Klima-Bedingungen besser nutzen zu können. Dieses Experiment da oben geht viel weiter, als die Kritiker meinen!“. Auch mit Ausblicken und Sichtachsen treibt Messner beim „Corones“ sein Spiel: „Sie lenken den Blick auf die Routen meiner Erstbegehungen, auf den Heiligkreuzkofel, die Geislerspitzen, den Peitlerkofel – oder auch auf die Kulturlandschaft im Tal“.

Was Messner nicht abstreiten kann: Dass einige Exponate – zum Beispiel großflächige Gemälde von Compton oder die historische Mauerhakensammlung – visuell in Konflikt mit den organisch-dynamischen Linien des Baus geraten, manchmal sogar deplatziert wirken. Messner gesteht, dass er in den Räumen Mühe hatte, seine Werke ansprechend zu arrangieren. „Hadid hat mir gratuliert, sie findet es gut bestückt. Aber wenn es nicht bespielt wäre, wäre ihr das wohl lieber. Da bin ich ganz sicher“, sagt Messner und lacht. Zurück im Tal ist mancher Besucher überzeugt: Dieser Berg konnte durch das „MMM Corones“ nur gewinnen. Ob der vielzitierte Bilbao-Effekt auch im Pustertal eintritt, bleibt abzuwarten.


Buchtipp:
Andreas Gottlieb Hempel
„Die Messner Mountain Museen“ – Architektur & Berge,
geb., 160 S., Callwey Verlag, 2011,
64,00 Euro
ISBN 978-3-7667-1911-9

Das Buch dokumentiert die ersten fünf Museen, die Reinhold Messner realisiert hat. Fotografien, Architektenpläne und Infos zu den Ausstellungen erläutern das Konzept.