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Tee, Kaffee und Architektur
von Thomas Wagner | 23. November 2012
„Tea & Coffee Piazza“ von Michael Graves (1983), Foto © Carlo Lavatori, Archivio Alessi

Alessi hat es stets auf besondere Weise verstanden, das Praktische mit dem Modischen zu verbinden. Jede Menge Inspirationsquellen wurden zum Sprudeln gebracht, Formen und Materialien auf neue und ungewöhnliche Weise betrachtet, um außergewöhnliche Produkte entstehen zu lassen. Die Reihe bekannter Architekten und Designer, die für Alessi arbeiten und gearbeitet haben, ist entsprechend lang. Sie reicht – um nur einige wenige zu nennen – von Aldo Rossi, den Brüdern Castiglione, Richard Sapper und Enzo Mari bis zu Philippe Starck, den Bouroullecs und Jasper Morisson. So sind immer wieder Inkunabeln für den täglichen Gebrauch entstanden.

Damit aber nicht genug. Alberto Alessi hat sich als Kundschafter auch in Gegenden umgesehen, die jenseits alltäglich-praktischer Dinge liegen. So hat der Designer Alessandro Mendini bereits 1983, mitten in der Aufbruchsstimmung der Postmoderne, gemeinsam mit Alberto Alessi das Projekt „Tea & Coffee Piazza“ entwickelt. Mit diesem hat er den Anstoß dazu gegeben, sich auf radikale Weise sowohl mit dem Gestalten silberner Tee- und Kaffeegarnituren auseinanderzusetzen, als auch mit dem Gestalten selbst und seinen vielfältigen Möglichkeiten. Elf der wichtigsten jungen, internationalen Architekten konnten Alessi und Mendini dafür begeistern, analytisch und in der Art eines architektonischen Manifestes an die Aufgabe heranzugehen. Die Ergebnisse waren überraschend und originell. Sämtliche Entwürfe schärften den Sinn für Konstruktion, Komposition und Symbolik – zuweilen mit einem kräftigen Schuss Ironie. Michael Graves gestaltete Kannen, die wie Wehrtürme aussehen, Charles Jencks deklinierte die Formensprache antiker Säulen durch, und bei Aldo Rossi sehen die Kannendeckel aus wie spitzgiebelige Dächer. Und alle Sets gruppierten sich als architektonisches Ensemble auf der Piazza des Tabletts.

Im Jahr 2003 haben Alberto Alessi und Alessandro Mendini die Idee dann ein weiteres Mal aufgegriffen, abermals mit Blick auf das Zusammenwirken der Disziplinen Architektur und Design. Was sie nun beschäftigte, war das Verhältnis zwischen dem Gestalten im großen Maßstab der Architektur – und im kleinen des Designs. Eingeladen, an dem Experiment mitzuwirken, wurde die Crème de la Crème unter den Architekten, ob sie Gary Chang oder David Chipperfield, Morphosis, Greg Lynn oder SANAA heißen. Beschritten wurde abermals ein neuer Weg des Gestaltens, in dem sich das Nachdenken über die eigene Zunft mit einer konkreten Aufgabe verbindet. Aus dem Projekt sind die „Alessi Tea & Coffee Towers“ hervorgegangen, in denen jeder Teilnehmer auf je eigene Weise mit den Dimensionen einzelner Teile und der Vereinigung unterschiedlicher Funktionen spielt.

Insgesamt sind 31 Tee- und Kaffeesets sind entstanden, ein jedes ein schickes und raffiniertes Objekt des häuslichen Bedarfs und zugleich eine kleine Bühne für gestalterische Experimente, lauter Solitäre, die eine urbane Landschaft formen, in der Körper und Raum eine zentrale Rolle spielen.

Zu dem Projekt der „Tea & Coffee Towers“ sind in einer Kooperation des Museo Alessi mit der Edizioni Corraini zwei DVDs mit Interviews erschienen, in denen einige der beteiligten Architekten Auskunft geben über ihre Intentionen und den Ansatz, den sie für ihre „Mikro-Architekturen“ und „Multiples“ gewählt haben. Wir stellen Ihnen drei der Interviews – mit David Chipperfield, Greg Lynn und Gary Chang exklusiv vor – die in Zusammenarbeit mit der Autorin und Regisseurin Anna Pitscheider entstanden sind.

Wie David Chipperfield berichtet, war er weniger daran interessiert, ein unmittelbar von der Architektur inspiriertes Tee- und Kaffee-Set zu entwerfen als vielmehr den Gestaltungsprozess, aus dem seine Bauten entstehen, auf die Designaufgabe zu übertragen. Bewusst verzichten seine beiden Kannen, die er als Flüssigkeitsbehälter auffasst, auf Henkel, was ihnen eine besondere haptische Qualität verleiht. Wie muss etwas aussehen, das Flüssigkeit enthält? – und: Was bedeutet es, Flüssigkeit auszugießen? – das sind die Fragen, die Chipperfield umgetrieben haben.

Gary Chang denkt Bauen und Gestalten konsequent als kooperativen Prozess. Er hat deshalb eine lokale Tradition beobachtet und diese anschließend ins Globale übertragen. Bei seinem „kung fu-Tea Service“ entspricht jedes Element einem Teil des Rituals des Teetrinkens. Jedes sieht anders aus, mit jedem kann man spielen, doch erst aus dem Zusammenwirken aller aber entsteht der lebendige Prozess des Teetrinkens.

Sehr radikal ist Greg Lynn zu Werke gegangen. Inspiriert von der Hochtechnologie, formt er vier Teile aus Titanium, die einen einzigen Körper, aber auch eine Gruppe oder Familie bilden. Was er konstruiert, wirkt organisch, expressiv und erotisch zugleich. Beim Entstehen der Form spielen Transformation und Interaktion eine zentrale Rolle. Lynn spielt mit Volumen ebenso wie mit dem Gebrauch und dem dabei entstehenden und sich verändernden Raum, wenn aus den vier Elementen am Ende eine Art Blüte entsteht.

Wer den drei Architekten zuhört und ihre Tee- und Kaffee-Sets betrachtet, erhält freilich nicht nur einen einzigartigen Einblick in den Gestaltungsprozess. Es ist jedes Mal auch eine Begegnung mit der menschlichen Kreativität, ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt.

Museo Alessi – Design interviews
Tea & Coffee Towers vol. 1 und vol. 2
von Anna Pitscheider und Museo Alessi
Edizioni Corraini
Buch/ DVD
15€

Museo Alessi – Design interviews
Stefano Giovannoni
von Anna Pitscheider und Museo Alessi
Edizioni Corraini
Buch/ DVD
15€

www.alessi.com

Video „Tea & Coffee Towers vol. 1”, Video © Anna Pitscheider und Museo Alessi
Video „Tea & Coffee Towers vol. 2”, Video © Anna Pitscheider und Museo Alessi
Museo Alessi – Design Interview Stefano Giovannoni , Video © Anna Pitscheider und Museo Alessi
Das Tee- und Kaffeeservice von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa ist einer Obstschale nachempfunden; die silbernen Servicestücke gleichen Äpfeln, Birnen und anderem Obst, Foto © Carlo Lavatori, Archivio Alessi
David Chipperfields elegantes Tee- und Kaffeeservice ist aus Keramik und Silber gefertigt; der Knauf besteht aus thermoplastischem Harz, Foto © Carlo Lavatori, Archivio Alessi
Das silberne „Kung-Fu-Teeservice“ von Gary Chang bezieht sich auf die turmartig aufgebauten Schalen der Restaurants in Hong Kong, Foto © Carlo Lavatori, Archivio Alessi
„Tea & Coffee Piazza“ von Alessandro Mendini, Foto © Carlo Lavatori, Archivio Alessi
Tea & Coffee Towers von Greg Lynn, Foto © Carlo Lavatori, Archivio Alessi
News & Stories › 2012 › November
Tee, Kaffee und Architektur
von Thomas Wagner | 23. November 2012
Das Projekt der „Tea & Coffee Towers“, das Alberto Alessi und Alessandro Mendini 2002 auf den Weg gebracht haben, genießt längst einen legendären Status. Nun sind drei neue Interviews erschienen, in denen David Chipperfield, Greg Lynn und Gary Chang erläutern, wie sie vorgegangen sind.
Alessi hat es stets auf besondere Weise verstanden, das Praktische mit dem Modischen zu verbinden. Jede Menge Inspirationsquellen wurden zum Sprudeln gebracht, Formen und Materialien auf neue und ungewöhnliche Weise betrachtet, um außergewöhnliche Produkte entstehen zu lassen. Die Reihe bekannter Architekten und Designer, die für Alessi arbeiten und gearbeitet haben, ist entsprechend lang. Sie reicht – um nur einige wenige zu nennen – von Aldo Rossi, den Brüdern Castiglione, Richard Sapper und Enzo Mari bis zu Philippe Starck, den Bouroullecs und Jasper Morisson. So sind immer wieder Inkunabeln für den täglichen Gebrauch entstanden.

Damit aber nicht genug. Alberto Alessi hat sich als Kundschafter auch in Gegenden umgesehen, die jenseits alltäglich-praktischer Dinge liegen. So hat der Designer Alessandro Mendini bereits 1983, mitten in der Aufbruchsstimmung der Postmoderne, gemeinsam mit Alberto Alessi das Projekt „Tea & Coffee Piazza“ entwickelt. Mit diesem hat er den Anstoß dazu gegeben, sich auf radikale Weise sowohl mit dem Gestalten silberner Tee- und Kaffeegarnituren auseinanderzusetzen, als auch mit dem Gestalten selbst und seinen vielfältigen Möglichkeiten. Elf der wichtigsten jungen, internationalen Architekten konnten Alessi und Mendini dafür begeistern, analytisch und in der Art eines architektonischen Manifestes an die Aufgabe heranzugehen. Die Ergebnisse waren überraschend und originell. Sämtliche Entwürfe schärften den Sinn für Konstruktion, Komposition und Symbolik – zuweilen mit einem kräftigen Schuss Ironie. Michael Graves gestaltete Kannen, die wie Wehrtürme aussehen, Charles Jencks deklinierte die Formensprache antiker Säulen durch, und bei Aldo Rossi sehen die Kannendeckel aus wie spitzgiebelige Dächer. Und alle Sets gruppierten sich als architektonisches Ensemble auf der Piazza des Tabletts.

Im Jahr 2003 haben Alberto Alessi und Alessandro Mendini die Idee dann ein weiteres Mal aufgegriffen, abermals mit Blick auf das Zusammenwirken der Disziplinen Architektur und Design. Was sie nun beschäftigte, war das Verhältnis zwischen dem Gestalten im großen Maßstab der Architektur – und im kleinen des Designs. Eingeladen, an dem Experiment mitzuwirken, wurde die Crème de la Crème unter den Architekten, ob sie Gary Chang oder David Chipperfield, Morphosis, Greg Lynn oder SANAA heißen. Beschritten wurde abermals ein neuer Weg des Gestaltens, in dem sich das Nachdenken über die eigene Zunft mit einer konkreten Aufgabe verbindet. Aus dem Projekt sind die „Alessi Tea & Coffee Towers“ hervorgegangen, in denen jeder Teilnehmer auf je eigene Weise mit den Dimensionen einzelner Teile und der Vereinigung unterschiedlicher Funktionen spielt.

Insgesamt sind 31 Tee- und Kaffeesets sind entstanden, ein jedes ein schickes und raffiniertes Objekt des häuslichen Bedarfs und zugleich eine kleine Bühne für gestalterische Experimente, lauter Solitäre, die eine urbane Landschaft formen, in der Körper und Raum eine zentrale Rolle spielen.

Zu dem Projekt der „Tea & Coffee Towers“ sind in einer Kooperation des Museo Alessi mit der Edizioni Corraini zwei DVDs mit Interviews erschienen, in denen einige der beteiligten Architekten Auskunft geben über ihre Intentionen und den Ansatz, den sie für ihre „Mikro-Architekturen“ und „Multiples“ gewählt haben. Wir stellen Ihnen drei der Interviews – mit David Chipperfield, Greg Lynn und Gary Chang exklusiv vor – die in Zusammenarbeit mit der Autorin und Regisseurin Anna Pitscheider entstanden sind.

Wie David Chipperfield berichtet, war er weniger daran interessiert, ein unmittelbar von der Architektur inspiriertes Tee- und Kaffee-Set zu entwerfen als vielmehr den Gestaltungsprozess, aus dem seine Bauten entstehen, auf die Designaufgabe zu übertragen. Bewusst verzichten seine beiden Kannen, die er als Flüssigkeitsbehälter auffasst, auf Henkel, was ihnen eine besondere haptische Qualität verleiht. Wie muss etwas aussehen, das Flüssigkeit enthält? – und: Was bedeutet es, Flüssigkeit auszugießen? – das sind die Fragen, die Chipperfield umgetrieben haben.

Gary Chang denkt Bauen und Gestalten konsequent als kooperativen Prozess. Er hat deshalb eine lokale Tradition beobachtet und diese anschließend ins Globale übertragen. Bei seinem „kung fu-Tea Service“ entspricht jedes Element einem Teil des Rituals des Teetrinkens. Jedes sieht anders aus, mit jedem kann man spielen, doch erst aus dem Zusammenwirken aller aber entsteht der lebendige Prozess des Teetrinkens.

Sehr radikal ist Greg Lynn zu Werke gegangen. Inspiriert von der Hochtechnologie, formt er vier Teile aus Titanium, die einen einzigen Körper, aber auch eine Gruppe oder Familie bilden. Was er konstruiert, wirkt organisch, expressiv und erotisch zugleich. Beim Entstehen der Form spielen Transformation und Interaktion eine zentrale Rolle. Lynn spielt mit Volumen ebenso wie mit dem Gebrauch und dem dabei entstehenden und sich verändernden Raum, wenn aus den vier Elementen am Ende eine Art Blüte entsteht.

Wer den drei Architekten zuhört und ihre Tee- und Kaffee-Sets betrachtet, erhält freilich nicht nur einen einzigartigen Einblick in den Gestaltungsprozess. Es ist jedes Mal auch eine Begegnung mit der menschlichen Kreativität, ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt.

Museo Alessi – Design interviews
Tea & Coffee Towers vol. 1 und vol. 2
von Anna Pitscheider und Museo Alessi
Edizioni Corraini
Buch/ DVD
15€

Museo Alessi – Design interviews
Stefano Giovannoni
von Anna Pitscheider und Museo Alessi
Edizioni Corraini
Buch/ DVD
15€

www.alessi.com