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The Powers of Ten (Muppet Version)
von Claus Richter | 31. Dezember 2009

Okidoki, 2009 geht zu Ende, 2010 kommt in Siebenmeilenstiefeln herangetrabt und ratzefatze haben wir eine Dekade des neuen Jahrtausends hinter uns. Ich war mir als Kind ziemlich sicher, dass um das Jahr 2000 fliegende Autos und unglaublich futuristische Architektur unser Leben prägen würden. Dass es nun das Internet, winzige Mobiltelefone und riesige Wolken unsichtbarer Datenströme geworden sind, ist zwar optisch nicht ganz so spektakulär, aber es gibt uns die Möglichkeit, ziemlich fix auf allerhand Dinge zuzugreifen, die man sonst nie so schnell und dazu noch auf einem Fleck gefunden hätte.

Zum Beispiel alle Sesamstraßen-Episoden zum Thema „Zehn". Wenn jetzt jemand anführt, dass das komplett unrelevant ist und jeder heute sowieso nur noch aus Wikipedia abschreibt, dann soll er jetzt zu den Kulturpessimisten in die Ecke gehen, während wir einen erquicklichen oberflächlichen und teils bei „Muppet Wiki" zusammen gestohlenen Streifzug durch die großartige Welt des frühen Jim Hensons beginnen.

Jim Henson ist bekanntermaßen einer der größten Kulturschaffenden des letzten Jahrhunderts, wenn 99 Prozent der Maler oder Konzeptkünstler vergessen sind, und unzählige wahnsinnig originelle „Designerlampen" in die feuchte und düstere Abstellkammer des schlechten Geschmacks gewandert sind, wird man sich hoffentlich noch freudestrahlend an Kermit, Miss Piggy oder Ernie und Bert erinnern... Hensons Figuren sind in ihrem stetigen Grenzgang zwischen Pädagogik und Anarchie hervorragende Beispiele für den Versuch eines richtigen Lebens im Falschen. Sie sind optimistische aber nicht weichgespülte Rollenmodelle, liebenswert aber nicht immer liebenswürdig und vor allem immer wieder befreiend und wahnsinnig unterhaltsam. Wo auf der Welt sah man Superstars wie Ray Charles, Stevie Wonder, Rudolf Nurejew oder Liza Minelli im Duett mit singenden Kühen, explodierenden Hühnern oder einem nervösen grünen Frosch? Jemand, der die Muppets nicht mag, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln.

Oder vielleicht mit acht Siegeln, oder neun, oder vielleicht sogar zehn? Zehn! Da wären wir wieder bei der Dekade und beim kommenden Jahr. Und bei Jim Hensons grandiosen Zählfilmen. In unserem Fall interessiert uns also speziell die Nummer Zehn.

Henson hat mit seinen Kollegen für die frühen Staffeln der Sesame Street einige wundervolle Kurzbeiträge produziert, die (diesmal ganz ohne Muppets) Kindern das Zählen lernen erleichtern sollen. Meistens geht es in diesen kurzen Filmen um eine Zahlenfolge von eins bis zehn, manchmal wird nur bis vier gezählt, ein anderes Mal endet der Wahnsinn bei der Ziffer zwölf. Immer jedoch staunt man als Zuschauer über die entzückende Gabe der Regisseure, immer wieder dasselbe zu zeigen, aber auf so abwechslungsreiche und unterhaltsame Weise, dass es eben doch nie dasselbe ist. „T´aint what you do - It´s the way that you do it!" sang 1939 schon Ella Fitzgerald, und Jim Henson und Company zeigen uns mit ihren schillernden Zahlenfilmen, wie so etwas funktionieren kann.

1969, im ersten Sendejahr der Sesame Street, produzierte Henson zusammen mit Joseph Raposo eine Reihe kurzer Einspieler, die heute unter dem Überbegriff „Baker Films" bekannt sind. Ihren Titel erlangten die Produktionen durch den sich in verschiedener Drastik wiederholenden Slapstick-Sturz eines Bäckers, der mit ein bis zehn meist Sahne strotzenden Backwaren die kleinen Zählfilme mit einem sicherlich freudvoll erwarteten Sturz beendete. Vorher jedoch illustrierten Tiere, Spielzeuge oder Alltagsgegenstände die jeweilige Zahl, begleitet von einem funky upbeat Musiktrack und einem Chor selbstbewusster Kinder. Die Nummer zehn der „Baker Films"-Reihe zeigt uns zehn Fußzehen eines entzückenden asiatischen Mädchens, zehn wissenschaftlich präsentierte Dreiecke, zehn meisterhaft getroffene Kegel, zehn klingelnde Glocken und zehn rasselnde und ratternde Aufziehspielzeuge. Der Sturz des Bäckers endet diesmal in zehn Schokoladenküchlein.

Im selben Jahr schrieb Denny Zeitlin für die Henson-Studios eine weitere Zählfilm-Reihe, die als „Jazz Numbers" bekannt wurden.

Die Nummer Zehn wird auch hier von einem treibenden upbeat-Rhythmus untermalt. Zehn Finger einer Hand zählen zehn Rennwägen die vor zehn recht illustren Zuschauern ganze zehn Hunde und einen aus zehn Bananen bestehenden Vogel vor sich herjagen, um dabei von zehn knapp dem Tod entgehenden Spionen beobachtet zu werden und nach zehn Runden ins Ziel einzufahren.

Der nervös zappelnde Jazzbeat, der gesprochen-gesungen-gehauchte Gesang der Jefferson Airplanes Sängerin Grace Slick (!) und die geradezu surreale Szenerie lassen einen heutzutage wehmütig an Zeiten denken, in denen Kinderfernsehen eine psychedelische Kunstform war.

Einer der Höhepunkte dieser Kunstform schufen die Henson-Studios 1977 mit einer weiteren Zählfilm-Reihe, diesmal betitelt „Pinball Number Count".

Niemand anderes als die legendären Pointer Sisters sangen die Zahlen von eins bis zwölf über einen funkigen Jazztrack des Komponisten Walt Kraemer. Der Künstler Jeff Hale animierte dazu mit seinem Team einen durch und durch psychedelischen Flipper, in dem der Verlauf der Kugel bei der (von uns in Anbetracht des kommenden Jahres favorisierten) Nummer Zehn mechanische Drachen, Ritter, Riesen, Burgtürme, Kanonen und Hexen in unterschiedlichsten Konstellationen „angeflippert" werden, stets begleitet vom Ausruf „TEN!" der Pointer Sisters und farbigen Lichtblitzen.

Meine Güte! Zählen war selten so aufregend! Die Zehn war noch nie so funky, selbst nach zehnmaligem Betrachten ist jeder der Zählfilme ein kleines funkelndes Juwel.

Und auch nach Hensons Tod im Jahr 1990 starben die charmanten Zählfilme zum Glück nicht aus, heutzutage wird vielleicht nur bis Vier gezählt, das aber zum Glück nicht von einer überdidaktischen rundum geprüften pseudopeppigen Langweilerfigur, sondern von der äußerst charmanten Feist und in Begleitung etlicher gutgelaunter Monster, Pinguine und Hühnern.

Jim Henson hat vor knapp vierzig Jahren etwas wirklich Wertvolles in meine Welt gebracht, und solange bis Zehn zu zählen weiterhin im Geiste Jim Hensons gelernt werden kann, macht mir 2010 keine Sorgen.

News & Stories › 2009 › Dezember
The Powers of Ten (Muppet Version)
von Claus Richter | 31. Dezember 2009
Zehn! Da wären wir bei der Dekade und beim kommenden Jahr. Und bei Jim Hensons grandiosen Zählfilmen. In unserem Fall interessiert uns also speziell die Nummer Zehn.
Okidoki, 2009 geht zu Ende, 2010 kommt in Siebenmeilenstiefeln herangetrabt und ratzefatze haben wir eine Dekade des neuen Jahrtausends hinter uns. Ich war mir als Kind ziemlich sicher, dass um das Jahr 2000 fliegende Autos und unglaublich futuristische Architektur unser Leben prägen würden. Dass es nun das Internet, winzige Mobiltelefone und riesige Wolken unsichtbarer Datenströme geworden sind, ist zwar optisch nicht ganz so spektakulär, aber es gibt uns die Möglichkeit, ziemlich fix auf allerhand Dinge zuzugreifen, die man sonst nie so schnell und dazu noch auf einem Fleck gefunden hätte.

Zum Beispiel alle Sesamstraßen-Episoden zum Thema „Zehn". Wenn jetzt jemand anführt, dass das komplett unrelevant ist und jeder heute sowieso nur noch aus Wikipedia abschreibt, dann soll er jetzt zu den Kulturpessimisten in die Ecke gehen, während wir einen erquicklichen oberflächlichen und teils bei „Muppet Wiki" zusammen gestohlenen Streifzug durch die großartige Welt des frühen Jim Hensons beginnen.

Jim Henson ist bekanntermaßen einer der größten Kulturschaffenden des letzten Jahrhunderts, wenn 99 Prozent der Maler oder Konzeptkünstler vergessen sind, und unzählige wahnsinnig originelle „Designerlampen" in die feuchte und düstere Abstellkammer des schlechten Geschmacks gewandert sind, wird man sich hoffentlich noch freudestrahlend an Kermit, Miss Piggy oder Ernie und Bert erinnern... Hensons Figuren sind in ihrem stetigen Grenzgang zwischen Pädagogik und Anarchie hervorragende Beispiele für den Versuch eines richtigen Lebens im Falschen. Sie sind optimistische aber nicht weichgespülte Rollenmodelle, liebenswert aber nicht immer liebenswürdig und vor allem immer wieder befreiend und wahnsinnig unterhaltsam. Wo auf der Welt sah man Superstars wie Ray Charles, Stevie Wonder, Rudolf Nurejew oder Liza Minelli im Duett mit singenden Kühen, explodierenden Hühnern oder einem nervösen grünen Frosch? Jemand, der die Muppets nicht mag, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln.

Oder vielleicht mit acht Siegeln, oder neun, oder vielleicht sogar zehn? Zehn! Da wären wir wieder bei der Dekade und beim kommenden Jahr. Und bei Jim Hensons grandiosen Zählfilmen. In unserem Fall interessiert uns also speziell die Nummer Zehn.

Henson hat mit seinen Kollegen für die frühen Staffeln der Sesame Street einige wundervolle Kurzbeiträge produziert, die (diesmal ganz ohne Muppets) Kindern das Zählen lernen erleichtern sollen. Meistens geht es in diesen kurzen Filmen um eine Zahlenfolge von eins bis zehn, manchmal wird nur bis vier gezählt, ein anderes Mal endet der Wahnsinn bei der Ziffer zwölf. Immer jedoch staunt man als Zuschauer über die entzückende Gabe der Regisseure, immer wieder dasselbe zu zeigen, aber auf so abwechslungsreiche und unterhaltsame Weise, dass es eben doch nie dasselbe ist. „T´aint what you do - It´s the way that you do it!" sang 1939 schon Ella Fitzgerald, und Jim Henson und Company zeigen uns mit ihren schillernden Zahlenfilmen, wie so etwas funktionieren kann.

1969, im ersten Sendejahr der Sesame Street, produzierte Henson zusammen mit Joseph Raposo eine Reihe kurzer Einspieler, die heute unter dem Überbegriff „Baker Films" bekannt sind. Ihren Titel erlangten die Produktionen durch den sich in verschiedener Drastik wiederholenden Slapstick-Sturz eines Bäckers, der mit ein bis zehn meist Sahne strotzenden Backwaren die kleinen Zählfilme mit einem sicherlich freudvoll erwarteten Sturz beendete. Vorher jedoch illustrierten Tiere, Spielzeuge oder Alltagsgegenstände die jeweilige Zahl, begleitet von einem funky upbeat Musiktrack und einem Chor selbstbewusster Kinder. Die Nummer zehn der „Baker Films"-Reihe zeigt uns zehn Fußzehen eines entzückenden asiatischen Mädchens, zehn wissenschaftlich präsentierte Dreiecke, zehn meisterhaft getroffene Kegel, zehn klingelnde Glocken und zehn rasselnde und ratternde Aufziehspielzeuge. Der Sturz des Bäckers endet diesmal in zehn Schokoladenküchlein.

Im selben Jahr schrieb Denny Zeitlin für die Henson-Studios eine weitere Zählfilm-Reihe, die als „Jazz Numbers" bekannt wurden.

Die Nummer Zehn wird auch hier von einem treibenden upbeat-Rhythmus untermalt. Zehn Finger einer Hand zählen zehn Rennwägen die vor zehn recht illustren Zuschauern ganze zehn Hunde und einen aus zehn Bananen bestehenden Vogel vor sich herjagen, um dabei von zehn knapp dem Tod entgehenden Spionen beobachtet zu werden und nach zehn Runden ins Ziel einzufahren.

Der nervös zappelnde Jazzbeat, der gesprochen-gesungen-gehauchte Gesang der Jefferson Airplanes Sängerin Grace Slick (!) und die geradezu surreale Szenerie lassen einen heutzutage wehmütig an Zeiten denken, in denen Kinderfernsehen eine psychedelische Kunstform war.

Einer der Höhepunkte dieser Kunstform schufen die Henson-Studios 1977 mit einer weiteren Zählfilm-Reihe, diesmal betitelt „Pinball Number Count".

Niemand anderes als die legendären Pointer Sisters sangen die Zahlen von eins bis zwölf über einen funkigen Jazztrack des Komponisten Walt Kraemer. Der Künstler Jeff Hale animierte dazu mit seinem Team einen durch und durch psychedelischen Flipper, in dem der Verlauf der Kugel bei der (von uns in Anbetracht des kommenden Jahres favorisierten) Nummer Zehn mechanische Drachen, Ritter, Riesen, Burgtürme, Kanonen und Hexen in unterschiedlichsten Konstellationen „angeflippert" werden, stets begleitet vom Ausruf „TEN!" der Pointer Sisters und farbigen Lichtblitzen.

Meine Güte! Zählen war selten so aufregend! Die Zehn war noch nie so funky, selbst nach zehnmaligem Betrachten ist jeder der Zählfilme ein kleines funkelndes Juwel.

Und auch nach Hensons Tod im Jahr 1990 starben die charmanten Zählfilme zum Glück nicht aus, heutzutage wird vielleicht nur bis Vier gezählt, das aber zum Glück nicht von einer überdidaktischen rundum geprüften pseudopeppigen Langweilerfigur, sondern von der äußerst charmanten Feist und in Begleitung etlicher gutgelaunter Monster, Pinguine und Hühnern.

Jim Henson hat vor knapp vierzig Jahren etwas wirklich Wertvolles in meine Welt gebracht, und solange bis Zehn zu zählen weiterhin im Geiste Jim Hensons gelernt werden kann, macht mir 2010 keine Sorgen.