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Verschärfter Wettbewerb
von Thomas Edelmann | 14. Oktober 2011
IFA 2011: Ausstellung zum Designpreis Deutschland – Nominee Selection, Foto: Designpreis Deutschland

Wer etwas Neues beginnt, tut gut daran, sein Produkt oder seine Dienstleistung so zu gestalten, dass sie sich von bereits bestehenden Angeboten unterscheidet. Heute ist genau dies ein zentrales Thema eines jeden Designwettbewerbs. Wie gut gelingt die Differenzierung? Wie unterscheidet man sich von Wettbewerbern? Welchen Anteil hat das Design daran? Ist sein Beitrag überzeugend? Um Design auszuzeichnen kommen Designprofis zusammen und beurteilen die Arbeit anderer Designprofis. Ein gewisser Prozentsatz der eingereichten Entwürfe erhält dabei eine Auszeichnung. Insgesamt ist das ein ritualisiertes Vorgehen, das Legitimation durch Verfahren erzeugt, ohne einen weitergehenden Wahrheitsanspruch zu unterstellen. „Der Verbraucher ist in der Marktwirtschaft letzte Instanz", schrieb einst Bundeswirtschafsminister Hans Friderichs (FDP), „es hat sich gezeigt, dass er für Anregungen, sein kritisches Bewusstsein zu bilden, aufgeschlossen ist." Das war 1974.

Damals hielt der Rat für Formgebung eine Rückschau auf die ersten fünf Jahre „Bundespreis‚ Gute Form'" und der Minister befand nicht nur „Formgebung ist ein Beitrag zur Emanzipation – sie sollte es jedenfalls sein", sondern er benannte konkretere Ziele: „Innerhalb der vom Staat gesetzten Rahmenbedingungen und seiner Daseinsvorsorge bleibt ein weites Arbeitsfeld, um die Ergebnisse wirtschaftlichen Handelns immer wieder aufs Neue auf ihre humane Relevanz hin zu überprüfen. Hierin liegen die Aufgaben des Rates für Formgebung und der Sinn des Bundespreises ‚Gute Form'." Heute erscheint es kaum denkbar, dass ein liberaler Minister den Begriff „Daseinsvorsorge" gebrauchen würde. Auch die „humane Relevanz" scheint ein wenig aus dem Blickfeld geraten zu sein. Und doch: Beim „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" arbeiteten das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in Berlin und Bonn sowie der Rat für Formgebung in Frankfurt in den letzten Jahrzehnten gedeihlich zusammen.

Neuer Wettbewerb mit alter Marke

Nun allerdings hat der Rat für Formgebung den kürzlich entschiedenen „Designpreis Deutschland" neu ins Leben gerufen, der dem bisherigen „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" bis ins Kleinste nachempfunden ist. Die Kombination aus Wort- und Bildmarke, die Zusammensetzung der Jury, das Nominierungsverfahren, die geplante Preisverleihung: Alle Elemente des Preises entsprechen detailgetreu denen des etablierten Vorgängers. Lediglich die Höhe des Preisgeldes für Nachwuchsdesigner stieg und die Teilnahmebeiträge sanken. Ein Beleg für die alte These, dass bestimmte privatwirtschaftlich erbrachte Leistungen günstiger sind als solche mit staatlicher Unterstützung? Oder einfach eine Einbuße an Prestige und Bedeutung, die sich in einem geringeren Wert niederschlägt?

„Der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland", heißt es auf der Website des Ministeriums so umständlich wie eindeutig „wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie als offizieller Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgelobt." Seit 1969 wurde der Rat mit der Durchführung beauftragt, ein eigenes Recht an der Marke leitet sich daraus schwerlich ab. Mit Zustimmung des BMWi hat der Rat unter der Registernummer 302009032592 beim Deutschen Patent- und Markenamt 2009 die Wort- und Bildmarke „Designpreis Deutschland" eintragen lassen. Das Logo stellte den Namen des Preises in Kurzform dar. Formal nahezu unverändert wirbt es nun für den völlig neuen Preis.

Irritationen im Wettbewerbsumfeld

Fürs Publikum, das über die Bedeutung und das Zustandekommen von Designauszeichnungen ohnehin kaum etwas weiß, ist dies verwirrend. Offenbar gehen viele Teilnehmer („Nominierte") und Gewinner des neuen Preises davon aus, beim offiziellen staatlichen Preis mitzumachen, obwohl sie sich lediglich um die private Auszeichnung des Rates für Formgebung bewarben. Dieser Tage verschicken zahlreiche Unternehmen und Designbüros Meldungen, mit der Behauptung, sie hätten den „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2012" gewonnen. Doch diesen Preis, den allein das BMWi lizenzieren kann, gibt es derzeit nicht. Stattdessen hat der Rat für Formgebung den „Designpreis Deutschland" als eigene Neuschöpfung gestartet. Womöglich ein taktischer Fehler.

Nachdem BMWi und Rat für Formgebung ihren Preis 41 Mal gemeinsam veranstalteten, beschloss das Ministerium 2010 die Ausrichtung des Wettbewerbs erstmals öffentlich auszuschreiben. Für jeweils drei Jahre soll ein Anbieter planen können. Anders als bisher, muss er das wirtschaftliche Risiko tragen. An die Stelle traditioneller Zuwendungen an den Rat tritt künftig eine Dienstleistungskonzession. Für den (unwahrscheinlichen) Fall, dass ein Veranstalter mit dem neuen Bundeswettbewerb Verluste machen sollte, steht eine genau umrissene Ausfallbürgschaft bereit. Die bundestaatliche Designförderung (zuletzt macht sie rund zwanzig Prozent des Etats des Rates aus), steht damit vor ihrem Ende.

Streit zwischen ehemaligen Partnern

Um seine Aufbauarbeit beim „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" zu schützen, die er durch die Ausschreibung des BMWi gefährdet sah, reagierte der Rat. Ob etwas dagegen spreche, einen weiteren Preis zu gründen, erkundigte sich der Rat beim Ministerium, das gegen einen solchen Plan nichts einzuwenden hatte. Dass der Rat freilich den alten Preis gewissermaßen kapern würde, um ihn unter eigener Flagge weiter laufen zu lassen, damit rechnete niemand im zuständigen Referat VII A 4 „Normung, Patentpolitik, Erfinderförderung" des BMWi. Dort sorgt die Kopie des bisherigen Kooperationsprojektes für Verstimmungen. Gegen den Rat für Formgebung leitete das Ministerium im September ein Verfahren zur Klärung der markenrechtlichen Situation ein. Seit September läuft auch das Vergabeverfahren für den Wettbewerb weiter, das zuvor unterbrochen worden war. Fünf Bewerber sind dabei in der Endrunde und stellen Ende Oktober ihre Konzepte vor, über die im Laufe des Novembers entschieden werden soll. Durch sein Plagiat zulasten des Auslobers dürften die Chancen der traditionell engen Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Rat nachhaltig beschädigt sein.

Vom Erziehungsprogramm zum Wirtschaftsunternehmen

Was in den fünfziger Jahren auf Basis von Vereinen und Stiftungen oft mit staatlicher Förderung und Unterstützung begann, um die Idee des Designs bei Unternehmern und Nutzern von Produkten zu verankern, hat sich mittlerweile zu einem prosperierenden Wirtschafszweig entwickelt. Drei Hauptakteure aus Deutschland sind mittlerweile als international agierende Wettbewerbsveranstalter aktiv: Aus der „Sonderschau formgerechter Industrieerzeugnisse", von der „Zentralstelle zur Förderung deutscher Wertarbeit" erstmals 1953 auf der Hannover Messe veranstaltet, entwickelte sich das iF Industrie Forum Design mit vielfältigen Wettbewerbsaktivitäten. Auf der Essener Villa Hügel startete 1955 die erste „Ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse" aus der das Haus Industrieform Essen entstand, das sich später zum Design Zentrum Nordrhein Westfalen transformierte. Inzwischen heißen der rein private Veranstalter wie auch der Preis „Red Dot". Kürzlich inszenierte Red-Dot-Gesellschafter Peter Zec in Berlin seinen Kommunikationspreis im Konzerthaus am Gendarmenmarkt als gesellschaftliches Ereignis. Auch iF Industrie Forum Design steht vor großen Umbrüchen. Als Ort der Preisvergabe dient künftig die BMW Welt in München, ein neuer Ausstellungs- und Veranstaltungsort von iF in der Hamburger HafenCity ist im Bau. Den traditionellen Standort auf der Deutschen Messe in Hannover bespielt iF künftig nur noch mit Einschränkung und bezieht ein neues Büro in der Stadt.

Alle haben die einst als ästhetische Erziehungsprogramme konzipierten Wettbewerbe höchst erfolgreich zu Maßnahmen der Verkaufsförderung ausgebaut. Nur wenige Hersteller, die auf gestalterische Qualität setzen, wie etwa Vitra, beteiligen sich nicht mehr an Designwettbewerben. Für neue Marken und Hersteller ist eine Teilnahme dagegen geradezu Pflicht. Selbst von regelmäßigen Teilnehmern wird kritisiert, dass die Veranstalter immer neue Kategorien, Angebote und Dienstleistungen schaffen, um damit Umsatz zu machen. Auf der anderen Seite ist der wirtschaftliche Erfolg der Veranstalter unumstritten, ihr organisatorischer Aufwand ist groß, mit ihren Preisverleihungen stiften sie so etwas wie den sozialen Zusammenhalt der Designszene. Von der Idee, die Unterscheidungsfähigkeit des Nutzers von Produkten und Dienstleistungen zu fördern, blieb allerdings wenig übrig. Selbst Abstauber bringen sich in Position. Eine Verlagsgruppe bietet Auszeichnungen gegen Bezahlung. Statt einer unabhängigen Jury, wählen dabei Chefredakteure und einzelne Experten aus, wer wohl einer Auszeichnung würdig sei. Ein ökonomisch vielversprechendes, inhaltlich jedoch höchst fragwürdiges Projekt.

Wettbewerb der Wettbewerbe

Ralph Wiegmann, Geschäftsführer von iF, ist einer der Hauptkritiker der bisherigen staatlichen Unterstützung des Designpreises der Bundesrepublik, solange diese ohne Ausschreibung erfolgte. In der Kritik stand dabei auch das Nominierungsverfahren. Die Nominierung ist nämlich keine von einer Jury aufgestellte Shortlist, wie das bei anderen Wettbewerben üblich ist, sondern sie ist eine Aufforderung zur Zahlung einer Teilnahmegebühr, verbunden mit der Möglichkeit, das Nominierungs-Logo zur eigenen Kommunikation zu nutzen. Die Nominierung (im Grunde eine Einladung zur Wettbewerbsteilnahme) erfolgt aufgrund bereits gewonnener anderer Preise. Schon diese Praxis wurde von Konkurrenten des Rates für Formgebung immer wieder infrage gestellt. In der Öffentlichkeit bleibt völlig unklar, dass es sich nicht um fünf, acht oder zehn Nominierte handelt, sondern Jahr für Jahr um bis zu 1.500 Wettbewerbsteilnehmer.

Wiegmann informierte Mitte Juli 2011 in einem offenen Brief über die Verwechslungsgefahr zwischen dem „Designpreis Deutschland" und seinem traditionsreichen Vorläufer. „Der offizielle Designpreis der Bundesrepublik Deutschland wird erst noch ausgelobt", heißt es in dem Schreiben. Die Zeitschrift „Page" widmete dem Konflikt einen Brennpunkt, in dem der Hauptgeschäftsführer des Rates für Formgebung, Andrej Kupetz, und Ralph Wiegmann ausführlich zu Wort kommen. Während Kupetz durch Wiegmanns Schreiben die „Regeln des geschäftlichen Anstands" verletzt sieht und überlegt, ob ein „gewonnener iF award in Zukunft noch ein Nominierungsgrund für den Designpreis Deutschland" sein könne, fragt sich Wiegmann, ob sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine erneute Durchführung des Designpreises der Bundesrepublik nicht „extrem verändert" hätten und dieser Wettbewerb somit „nachhaltig geschädigt sei".

Auch im Wirtschaftsministerium gibt es dazu bereits Überlegungen. Sollte der neue offizielle Preis mit Einbußen aufgrund geringerer Teilnehmerzahlen zu tun haben, wird eine Klärung zivilrechtlicher Ansprüche gegen den Rat erwogen. Keine schöne Nachricht für die Designförderung in Deutschland. Der Wettbewerb der Wettbewerbe jedenfalls verschärft sich. Welche anderen Ziele Designförderung hat und haben könnte – und wie diese zu finanzieren sind, darüber hat die Debatte noch nicht begonnen.

www.german-design-council.de/deutscher-designpreis
de.red-dot.org
www.ifdesign.de


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Unser Interview mit Andrej Kupetz „Wer also willens war zu lesen..."

Die Preisverleihung des Red Dots gleicht einer Gala-Veranstaltung, Foto: Red Dot
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News & Stories › 2011 › Oktober
Verschärfter Wettbewerb
von Thomas Edelmann | 14. Oktober 2011
Als zu Beginn der fünfziger Jahre von staatlicher Seite erste Programme zur Designförderung aufgelegt wurden, war die Warenwelt noch übersichtlich und die Ausrichter der offiziellen Wettbewerbe hatten ihren Auftrag verstanden. Heute dominieren in Deutschland drei große international ausgerichtete Wettbewerbe die Szene. Die Veranstalter verdienen gut und die teilnehmenden Hersteller am alljährlichen Reigen konnten mit einigem Stolz auf die Auszeichnungen blicken. Nun scheint die Orientierungsfunktion der Auszeichnungen für Endverbraucher und Teilnehmer auf der Kippe zu stehen.
Wer etwas Neues beginnt, tut gut daran, sein Produkt oder seine Dienstleistung so zu gestalten, dass sie sich von bereits bestehenden Angeboten unterscheidet. Heute ist genau dies ein zentrales Thema eines jeden Designwettbewerbs. Wie gut gelingt die Differenzierung? Wie unterscheidet man sich von Wettbewerbern? Welchen Anteil hat das Design daran? Ist sein Beitrag überzeugend? Um Design auszuzeichnen kommen Designprofis zusammen und beurteilen die Arbeit anderer Designprofis. Ein gewisser Prozentsatz der eingereichten Entwürfe erhält dabei eine Auszeichnung. Insgesamt ist das ein ritualisiertes Vorgehen, das Legitimation durch Verfahren erzeugt, ohne einen weitergehenden Wahrheitsanspruch zu unterstellen. „Der Verbraucher ist in der Marktwirtschaft letzte Instanz", schrieb einst Bundeswirtschafsminister Hans Friderichs (FDP), „es hat sich gezeigt, dass er für Anregungen, sein kritisches Bewusstsein zu bilden, aufgeschlossen ist." Das war 1974.

Damals hielt der Rat für Formgebung eine Rückschau auf die ersten fünf Jahre „Bundespreis‚ Gute Form'" und der Minister befand nicht nur „Formgebung ist ein Beitrag zur Emanzipation – sie sollte es jedenfalls sein", sondern er benannte konkretere Ziele: „Innerhalb der vom Staat gesetzten Rahmenbedingungen und seiner Daseinsvorsorge bleibt ein weites Arbeitsfeld, um die Ergebnisse wirtschaftlichen Handelns immer wieder aufs Neue auf ihre humane Relevanz hin zu überprüfen. Hierin liegen die Aufgaben des Rates für Formgebung und der Sinn des Bundespreises ‚Gute Form'." Heute erscheint es kaum denkbar, dass ein liberaler Minister den Begriff „Daseinsvorsorge" gebrauchen würde. Auch die „humane Relevanz" scheint ein wenig aus dem Blickfeld geraten zu sein. Und doch: Beim „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" arbeiteten das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in Berlin und Bonn sowie der Rat für Formgebung in Frankfurt in den letzten Jahrzehnten gedeihlich zusammen.

Neuer Wettbewerb mit alter Marke

Nun allerdings hat der Rat für Formgebung den kürzlich entschiedenen „Designpreis Deutschland" neu ins Leben gerufen, der dem bisherigen „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" bis ins Kleinste nachempfunden ist. Die Kombination aus Wort- und Bildmarke, die Zusammensetzung der Jury, das Nominierungsverfahren, die geplante Preisverleihung: Alle Elemente des Preises entsprechen detailgetreu denen des etablierten Vorgängers. Lediglich die Höhe des Preisgeldes für Nachwuchsdesigner stieg und die Teilnahmebeiträge sanken. Ein Beleg für die alte These, dass bestimmte privatwirtschaftlich erbrachte Leistungen günstiger sind als solche mit staatlicher Unterstützung? Oder einfach eine Einbuße an Prestige und Bedeutung, die sich in einem geringeren Wert niederschlägt?

„Der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland", heißt es auf der Website des Ministeriums so umständlich wie eindeutig „wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie als offizieller Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgelobt." Seit 1969 wurde der Rat mit der Durchführung beauftragt, ein eigenes Recht an der Marke leitet sich daraus schwerlich ab. Mit Zustimmung des BMWi hat der Rat unter der Registernummer 302009032592 beim Deutschen Patent- und Markenamt 2009 die Wort- und Bildmarke „Designpreis Deutschland" eintragen lassen. Das Logo stellte den Namen des Preises in Kurzform dar. Formal nahezu unverändert wirbt es nun für den völlig neuen Preis.

Irritationen im Wettbewerbsumfeld

Fürs Publikum, das über die Bedeutung und das Zustandekommen von Designauszeichnungen ohnehin kaum etwas weiß, ist dies verwirrend. Offenbar gehen viele Teilnehmer („Nominierte") und Gewinner des neuen Preises davon aus, beim offiziellen staatlichen Preis mitzumachen, obwohl sie sich lediglich um die private Auszeichnung des Rates für Formgebung bewarben. Dieser Tage verschicken zahlreiche Unternehmen und Designbüros Meldungen, mit der Behauptung, sie hätten den „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2012" gewonnen. Doch diesen Preis, den allein das BMWi lizenzieren kann, gibt es derzeit nicht. Stattdessen hat der Rat für Formgebung den „Designpreis Deutschland" als eigene Neuschöpfung gestartet. Womöglich ein taktischer Fehler.

Nachdem BMWi und Rat für Formgebung ihren Preis 41 Mal gemeinsam veranstalteten, beschloss das Ministerium 2010 die Ausrichtung des Wettbewerbs erstmals öffentlich auszuschreiben. Für jeweils drei Jahre soll ein Anbieter planen können. Anders als bisher, muss er das wirtschaftliche Risiko tragen. An die Stelle traditioneller Zuwendungen an den Rat tritt künftig eine Dienstleistungskonzession. Für den (unwahrscheinlichen) Fall, dass ein Veranstalter mit dem neuen Bundeswettbewerb Verluste machen sollte, steht eine genau umrissene Ausfallbürgschaft bereit. Die bundestaatliche Designförderung (zuletzt macht sie rund zwanzig Prozent des Etats des Rates aus), steht damit vor ihrem Ende.

Streit zwischen ehemaligen Partnern

Um seine Aufbauarbeit beim „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" zu schützen, die er durch die Ausschreibung des BMWi gefährdet sah, reagierte der Rat. Ob etwas dagegen spreche, einen weiteren Preis zu gründen, erkundigte sich der Rat beim Ministerium, das gegen einen solchen Plan nichts einzuwenden hatte. Dass der Rat freilich den alten Preis gewissermaßen kapern würde, um ihn unter eigener Flagge weiter laufen zu lassen, damit rechnete niemand im zuständigen Referat VII A 4 „Normung, Patentpolitik, Erfinderförderung" des BMWi. Dort sorgt die Kopie des bisherigen Kooperationsprojektes für Verstimmungen. Gegen den Rat für Formgebung leitete das Ministerium im September ein Verfahren zur Klärung der markenrechtlichen Situation ein. Seit September läuft auch das Vergabeverfahren für den Wettbewerb weiter, das zuvor unterbrochen worden war. Fünf Bewerber sind dabei in der Endrunde und stellen Ende Oktober ihre Konzepte vor, über die im Laufe des Novembers entschieden werden soll. Durch sein Plagiat zulasten des Auslobers dürften die Chancen der traditionell engen Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Rat nachhaltig beschädigt sein.

Vom Erziehungsprogramm zum Wirtschaftsunternehmen

Was in den fünfziger Jahren auf Basis von Vereinen und Stiftungen oft mit staatlicher Förderung und Unterstützung begann, um die Idee des Designs bei Unternehmern und Nutzern von Produkten zu verankern, hat sich mittlerweile zu einem prosperierenden Wirtschafszweig entwickelt. Drei Hauptakteure aus Deutschland sind mittlerweile als international agierende Wettbewerbsveranstalter aktiv: Aus der „Sonderschau formgerechter Industrieerzeugnisse", von der „Zentralstelle zur Förderung deutscher Wertarbeit" erstmals 1953 auf der Hannover Messe veranstaltet, entwickelte sich das iF Industrie Forum Design mit vielfältigen Wettbewerbsaktivitäten. Auf der Essener Villa Hügel startete 1955 die erste „Ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse" aus der das Haus Industrieform Essen entstand, das sich später zum Design Zentrum Nordrhein Westfalen transformierte. Inzwischen heißen der rein private Veranstalter wie auch der Preis „Red Dot". Kürzlich inszenierte Red-Dot-Gesellschafter Peter Zec in Berlin seinen Kommunikationspreis im Konzerthaus am Gendarmenmarkt als gesellschaftliches Ereignis. Auch iF Industrie Forum Design steht vor großen Umbrüchen. Als Ort der Preisvergabe dient künftig die BMW Welt in München, ein neuer Ausstellungs- und Veranstaltungsort von iF in der Hamburger HafenCity ist im Bau. Den traditionellen Standort auf der Deutschen Messe in Hannover bespielt iF künftig nur noch mit Einschränkung und bezieht ein neues Büro in der Stadt.

Alle haben die einst als ästhetische Erziehungsprogramme konzipierten Wettbewerbe höchst erfolgreich zu Maßnahmen der Verkaufsförderung ausgebaut. Nur wenige Hersteller, die auf gestalterische Qualität setzen, wie etwa Vitra, beteiligen sich nicht mehr an Designwettbewerben. Für neue Marken und Hersteller ist eine Teilnahme dagegen geradezu Pflicht. Selbst von regelmäßigen Teilnehmern wird kritisiert, dass die Veranstalter immer neue Kategorien, Angebote und Dienstleistungen schaffen, um damit Umsatz zu machen. Auf der anderen Seite ist der wirtschaftliche Erfolg der Veranstalter unumstritten, ihr organisatorischer Aufwand ist groß, mit ihren Preisverleihungen stiften sie so etwas wie den sozialen Zusammenhalt der Designszene. Von der Idee, die Unterscheidungsfähigkeit des Nutzers von Produkten und Dienstleistungen zu fördern, blieb allerdings wenig übrig. Selbst Abstauber bringen sich in Position. Eine Verlagsgruppe bietet Auszeichnungen gegen Bezahlung. Statt einer unabhängigen Jury, wählen dabei Chefredakteure und einzelne Experten aus, wer wohl einer Auszeichnung würdig sei. Ein ökonomisch vielversprechendes, inhaltlich jedoch höchst fragwürdiges Projekt.

Wettbewerb der Wettbewerbe

Ralph Wiegmann, Geschäftsführer von iF, ist einer der Hauptkritiker der bisherigen staatlichen Unterstützung des Designpreises der Bundesrepublik, solange diese ohne Ausschreibung erfolgte. In der Kritik stand dabei auch das Nominierungsverfahren. Die Nominierung ist nämlich keine von einer Jury aufgestellte Shortlist, wie das bei anderen Wettbewerben üblich ist, sondern sie ist eine Aufforderung zur Zahlung einer Teilnahmegebühr, verbunden mit der Möglichkeit, das Nominierungs-Logo zur eigenen Kommunikation zu nutzen. Die Nominierung (im Grunde eine Einladung zur Wettbewerbsteilnahme) erfolgt aufgrund bereits gewonnener anderer Preise. Schon diese Praxis wurde von Konkurrenten des Rates für Formgebung immer wieder infrage gestellt. In der Öffentlichkeit bleibt völlig unklar, dass es sich nicht um fünf, acht oder zehn Nominierte handelt, sondern Jahr für Jahr um bis zu 1.500 Wettbewerbsteilnehmer.

Wiegmann informierte Mitte Juli 2011 in einem offenen Brief über die Verwechslungsgefahr zwischen dem „Designpreis Deutschland" und seinem traditionsreichen Vorläufer. „Der offizielle Designpreis der Bundesrepublik Deutschland wird erst noch ausgelobt", heißt es in dem Schreiben. Die Zeitschrift „Page" widmete dem Konflikt einen Brennpunkt, in dem der Hauptgeschäftsführer des Rates für Formgebung, Andrej Kupetz, und Ralph Wiegmann ausführlich zu Wort kommen. Während Kupetz durch Wiegmanns Schreiben die „Regeln des geschäftlichen Anstands" verletzt sieht und überlegt, ob ein „gewonnener iF award in Zukunft noch ein Nominierungsgrund für den Designpreis Deutschland" sein könne, fragt sich Wiegmann, ob sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine erneute Durchführung des Designpreises der Bundesrepublik nicht „extrem verändert" hätten und dieser Wettbewerb somit „nachhaltig geschädigt sei".

Auch im Wirtschaftsministerium gibt es dazu bereits Überlegungen. Sollte der neue offizielle Preis mit Einbußen aufgrund geringerer Teilnehmerzahlen zu tun haben, wird eine Klärung zivilrechtlicher Ansprüche gegen den Rat erwogen. Keine schöne Nachricht für die Designförderung in Deutschland. Der Wettbewerb der Wettbewerbe jedenfalls verschärft sich. Welche anderen Ziele Designförderung hat und haben könnte – und wie diese zu finanzieren sind, darüber hat die Debatte noch nicht begonnen.

www.german-design-council.de/deutscher-designpreis
de.red-dot.org
www.ifdesign.de


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