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Viele Leben in einem
von Thomas Edelmann | 16. August 2011
Nicht nur die abgerissene Mauer wird fünfzig, sondern auch die Bremer Großsiedlung „Neue Vahr". Es gibt sie noch. Sie ist kein Slum, kein Arbeiterschlafregal, ihre Bewohner fallen nicht durch unterdurchschnittliche Bildung auf, durch hohe Arbeitslosenraten oder gar durch außergewöhnliche Neigung zu Randale und Zündelei. Grüner als hier wohnt man nirgends in Bremen. „Frische Luft, dachte er, das haben sie einem immer erzählt, geh doch mal an die frische Luft, aber was man da eigentlich machen soll, das haben sie einem nie gesagt," lässt Sven Regener seine Figur Frank Lehmann zu Beginn des Romans „Neue Vahr Süd" sinnieren.

Mit dem schönen Terminus „Bauwirtschaftsfunktionalismus" bedachte Heinrich Klotz, Gründer des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt am Main einen Wohnungsbau, der mehr auf Quantität aus war, auf Normierung und Standardisierung, auf vordergründige Wirtschaftlichkeit, statt auf Qualität. Was aber ist Qualität im Wohnungsbau? Unter Architekturkritikern entspricht es dem common sense, die Neue Vahr – mit 10.000 Wohnungen einstmals das größte westdeutsche Siedlungsprojekt der Nachkriegszeit – nicht so toll zu finden. 1972 untersuchte die Gesellschaft für Wohnungs- und Siedlungswesen die Neue Vahr und stellte fest: „Es muss bezweifelt werden, dass durch bauliche Anlagen und Strukturen nach Art einer ‚Sozialmontage' allein soziale Nähe oder gar Gemeinschaft zwischen heterogenen Gruppen zu erreichen ist."

Gerade das aber war eines der Ziele der Architekten und Städteplaner, durch kluge Mischung aus Eigenheimen, in Zeilen aufgereihten Wohnblöcken, neu angelegte Grün- und Erholungsflächen, dem Einkaufszentrum „Berliner Freiheit" sowie gute Verkehrsanbindung für Straßenbahn und Auto eine neue Stadtlandschaft im Grünen entstehen zu lassen. Die Siedlung, geplant von Ernst May, Hans Bernhard Reichow, Max Säume und Günter Hafemann erhielt als optischen Akzent ein Wohnhochhaus mit 22 Stockwerken von Alvar Aalto. Ein aktueller Radiobeitrag nennt die Neue Vahr ein „Monstrum des sozialen Wohnungsbaus."

Einer der Schöpfer der Siedlung, sah das anders: „Die Neue Vahr ist so offen, so locker, und vor allem das Volksleben funktioniert dort so wunderschön", erklärte May 1963 im „Spiegel-Gespräch", „dass ich sie absolut bejahe." Zugleich akzeptierte er die Kritik an zu kleinen und zu wenig flexiblen Grundrissen der Wohnungen, die er mit den rigiden Förderrichtlinien im sozialen Wohnungsbau begründete. Schon 1955 hatte das Hamburger Wochenblatt den Städtebauer May mit seinem charakteristischen Kurzhaar-Pony aufs Titelblatt gesetzt.

Die Neue Vahr gehört zum Alterswerk des Städtebauers, der noch bis zum 6. November mit der Ausstellung „Ernst May (1886–1970) – Neue Städte auf drei Kontinenten" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt geehrt wird, das damit auch Mays 125. Geburtstag am 27. Juli begeht. Das Museum hat in einer von Claudia Quiring kuratierten Ausstellung erstmals das Gesamtwerk von Ernst May dokumentiert. Die biographisch-dokumentarische Schau ist nach Lebensstationen Mays gegliedert. So erklären sich Motive Mays, der als Sohn eines eher künstlerisch als kaufmännisch begabten Lederfabrikanten in Frankfurt aufwuchs, durch zahlreiche Leihgaben, Pläne, Fotos, neu angefertigte Modelle und frühe Skizzenbücher aus dem Nachlass sehr viel plastischer als bislang. Mays Entwicklung vom künstlerisch Interessierten zum Anhänger und Verfechter der Gartenstadt-Idee, lässt sich an einzelnen Stationen seines Lebens nachvollziehen.

Da sind etwa die prägenden England-Aufenthalte 1908 und 1910, das Architekturstudium in München, London und Darmstadt, die frühe Tätigkeit als Architekt im Frankfurt der zehner Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Während des Ersten Weltkriegs, wo er ab 1916 Kriegergräber in Russisch-Polen, Rumänien und Frankreich gestaltete und anlegte, entdeckt er seine Begabung als Organisator, als Teamchef und Kommunikator kleinerer und großer Arbeitsgruppen. Nicht das architektonische Detail, sondern die Arbeit im Team, die sich parallel auf verschiedenste Themenfelder erstreckt, kennzeichnen Mays Arbeit. Es folgt zwischen 1919 und 1925 seine Tätigkeit bei der „Schlesischen Heimstätte" und der „Schlesischen Landgesellschaft" in Breslau, wo er sich bereits mit Typisierung und Standardisierung von Wohnbauten befasste und im Team etliche Siedlungen plante. Hier sind bedeutende Exponate aus dem Muzeum Architektury aus dem heutigen Wroclaw zu sehen, sowie Fotos der Siedlungen aus der Bauzeit und von heute. Damals gründete er erstmals eine eigene Zeitschrift namens „Schlesisches Heim", die von Hans Leistikow gestaltet wurde und weit mehr als ein PR-Blatt für Bauaktivitäten war. Ein eigenes Haus bauen, eine Zeitschrift gründen, die planerische Aktivitäten ebenso wie gesellschaftliche und kulturelle thematisiert: das gehört zu den Leitmotiven bei May. Ebenso wie seine Betätigung im eigenen Garten, die sich in Afrika zeitweise zur Tätigkeit als Farmer auswächst.

Im Erdgeschoss des DAM sind frühe Entwicklungsphasen und ganz späte dokumentiert: die kontrovers interpretierte Zeit als Städtebauer in der Sowjetunion von 1930 bis 1933. „Ich betrachte mein Lebensziel darin, an der großen Aufgabe mitzuwirken, das Los der Menschen mit den schwachen Mitteln, die mir gegeben sind, verbessern zu helfen", schrieb er am 1. August 1930 auf der Titelseite des Morgenblatts der Frankfurter Zeitung. Auch Bauten aus Mays längster Schaffensperiode 1934 bis 1953 in Ostafrika (als Farmer in Tanganjika, als freier Architekt und Städtebauer in Nairobi und Kampala), wie auch die Spätphase des bundesrepublikanischen Siedlungsbaus (als Planungsleiter und später als Berater für die „Neue Heimat" ab den fünfziger Jahren bis zu seinem Tod 1970 in Hamburg) sind hier zu sehen. Ein ganzes Stockwerk ist der bekanntesten und innovativsten Arbeitsphase vorbehalten, in der May zwischen 1925 und 1930 in seiner Heimatstadt wirkte.

Seine größte Ausstellung steht unter freiem Himmel, hat seit über achtzig Jahren täglich geöffnet und ist bei freiem Eintritt zu bewundern: In der extrem kurzen Zeit zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise schuf May mit einem Stab von über fünfzig Architekten einen „Kranz neuer Siedlungen an der Peripherie", wie Walter Gropius einst treffend schrieb. Je nach Zählung zwischen 12.000 und 15.000 Wohnungen in rund 23 neu errichteten Siedlungen konzipierte er. Ein handfester Beitrag zur Behebung des Wohnungsmangels. Rückblickend resümierte May 1963: „Wenn es in unserer Zeit je irgendwo gelang, breite Kreise der Bürgerschaft einer Großstadt zu innerer Anteilnahme an dem öffentlichen Geschehen auf allen Gebieten der Kultur zu bewegen, so in Frankfurt Ende der zwanziger Jahre." Sogar in der Straßenbahn sei damals engagiert über städtebauliche Fragen diskutiert worden, berichtete er.

Wichtiger aber war, dass die Stadt insgesamt sich modernisierte. „Das Neue Frankfurt" war ein städtebauliches Programm und zugleich ein öffentliches Experimentierlabor der Moderne. Literatur und Kunst, Bildung, Film, Theater und Radio – auf alle erdenklichen Bereiche des städtischen Lebens bezog sich das Neue Frankfurt, das Themen aus Entwurfs- und Baupraxis, aber auch aus Kino und Tanz in der gleichnamigen Zeitschrift thematisierte. Nicht nach und nach, sondern zeitgleich wuchsen die Siedlungen am Stadtrand.

Eine breite Koalition von sozialdemokratischen, bürgerlichen und liberalen Kräften der Stadt unterstützte ihn im Parlament wie in alltäglichen Kontroversen. Gerade die Überschreitung und Überwindung von Ressortgrenzen lassen das Projekt hoch aktuell erscheinen. Einerseits strebte das „Neue Frankfurt" nach wirtschaftlicher Typisierung der Wohnungsgrundrisse, anderseits sorgten die Vielzahl der beteiligten Architekten und ihre unterschiedlichen gestalterischen Ansätze für Abwechslungsreichtum.

May arbeitete mit Auswärtigen wie der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky zusammen, die ihn später in die Sowjetunion begleitete und zuvor die raum- und zeitsparende „Frankfurter Küche" schuf, die in der Ausstellung gezeigt wird. Der Jenaer Künstler, Grafiker und Kurator Walter Dexel entwickelte für May Regeln effizienter, gut gestalteter Lichtreklame sowie städtische Werbe- und Zeichensysteme. Aber auch einheimische Architekten wie Ferdinand Kramer, der 1925 den Wettbewerb der städtischen Hausrat GmbH gewann und dessen Kastenmöbel aus Sperrholz je nach Bedürfnissen der Siedlungsbewohner kombiniert werden konnten, spielten eine maßgebliche Rolle in der Verbindung von Design und Architektur. Lange vor den Ein-Euro-Jobs unserer Tage fertigten damals arbeitslose Schreiner Kramers Möbel in der „Erwerbslosenzentrale".

So schlüssig das biographische Format auch wirkt, es vereinfacht zugleich das Werk Mays. Das wird deutlich, sobald den schönen Architekturen, Plänen, Modellen und anrührenden Skizzenbüchern die vermeintlich formlosen späten Siedlungen gegenübergestellt werden. Die Wirkung des Städtebauers wird auf eine merkwürdig plakative Bildebene beschränkt. Der vornehmlich kunsthistorische Blick auf May erfasst nicht die Realität der Stadtgesellschaft, die sich seine Bauten auf höchst unterschiedliche Weise angeeignet hat. Die Frage, wie gesellschaftliche Tendenzen etwa der fünfziger Jahre, vor allem aber auch aktuelle Fragestellungen und Kontroversen über den Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften der Moderne in eine solche Ausstellung zu integrieren wären, muss offen bleiben. Entspricht das imposante, grobkörnige Schwarzweiß-Bild der hoch verdichteten Siedlung Darmstadt-Kranichstein, einem der letzten Werke Mays, das am Ende der Ausstellung zu sehen ist, der gegenwärtigen Wahrnehmung der Siedlungsbauten der siebziger Jahre? Von den Bewohnern wurden die Hochhäuser am Rand der Siedlung inzwischen halb despektierlich, halb stolz „Dolomiten" genannt. Auf dem Bild von 1970 stehen sie indes inmitten einer baulichen Mondlandschaft.

Wer solchen Fragestellungen nachgehen möchte, kann auf Literatur zu Ernst May und seiner Planungs- und Entwurfspraxis zurückgreifen, die inzwischen ganze Bibliotheken füllt. Der üppig bebilderte und mit einem umfassenden Werkverzeichnis versehene Katalog ist empfehlenswert. Ein Beitrag von Wolfgang Pehnt über das Menschenbild des Neuen Bauens, öffnet Horizonte. Dass selbst Mays Grünplaner Max Bromme und Leberecht Migge kontroversen Konzepten folgten, erläutert David H. Haney. Zu kurz kommt – in Ausstellung wie Katalog – der Aspekt der Durchdringung von Architektur und Design in Mays Schaffen wie sie etwa in den redaktionellen und gestalterischen Konzepten seiner Zeitschriften und Werbeschriften für Städtebauprojekte deutlich wurde.

Auch Ärgernisse haben sich eingeschlichen. So behauptet Eckhard Herrel, der Vorsitzende der Frankfurter Ernst May-Gesellschaft, in seinem instruktiven Beitrag über Mays eigene Wohnbauten, Mays letztes Wohnhaus in Hamburg Groß Flottbek sei abgerissen worden. Es steht noch an Ort und Stelle, freilich durch eine Aufstockung und veränderte Farbgebung entstellt. Ein Beitrag über Fotografie bezieht Mays eigne Praxis, die mit eindrucksvollen Stereo-Fotos aus der Sowjetunion in der Schau belegt wird, nicht mit ein. Warum? Auch die These, May habe sein Engagement in der Sowjetunion im Nachkriegsdeutschland heruntergespielt ist Unsinn. So berichtete das politisch unverdächtige „Hamburger Abendblatt" bereits 1961, May habe 1930 die „Leitung der gesamten russischen Wohnungsplanung" übernommen. In einer Studie „The Future of Communist Society" des Totalitarismus-Forschers Walter Laqueur von 1962, steuerte May ein Kapitel über „Cities of the Future" bei, das auf seinen Erinnerungen aus den dreißiger Jahren und einem Besuch einiger von ihm geplanter Siedlungen 1959 in der Sowjetunion fußte.

Da Ernst May in der deutschen und internationalen Städtebau-Debatte immer schon eine große Rolle spielte, auch als Gegenstand von Kontroversen, gibt es wenige Dinge tatsächlich neu zu entdecken, die nicht verstreut schon publiziert wurden. Dennoch ist es verdienstvoll, welch umfangreiches Originalmaterial das DAM und seine Kuratorin hier zusammengetragen haben.

Am Ende allerdings bleiben viele Fragen offen: Wie entwickeln sich Mays Bauten weiter? Aus allen Lebens- und Arbeitsphasen existieren noch bedeutende Beispiele. Müssen wir ausradieren, was uns heute nicht gefällt? Die Bewohner vieler preiswerter Siedlungsbauten sind heute älter als der Durchschnitt der Bewohner der übrigen Stadt. Wie erhalten wir den preiswerten Wohnraum? In welcher Beziehung, so könnte beispielsweise ein Architekturmuseum fragen, steht das Konzept von Mays Trabantenstädten zum heutigen Bauen?

Ernst May (1886–1970). Neue Städte auf drei Kontinenten
Vom 28. Juli bis zum 6. November 2011
Deutsches Architekturmuseum Frankfurt
www.dam-online.de


Neuerscheinungen zum Thema:

Ernst May 1886–1970
Herausgegeben von Claudia Quiring, Wolfgang Voigt, Peter Cachola Schmal und Eckhard Herrel
Hardcover, 336 Seiten, deutsch / englisch
Prestel, München, 2011
49,95 Euro
www.randomhouse.de/prestel


Neues Wohnen 1929/2009
Herausgegeben von Helen Barr
Softcover, 176 Seiten, deutsch
Jovis, Berlin, 2011
29,80 Euro
www.jovis.de


Standardstädte – Ernst May in der Sowjetunion 1930–1933
Herausgegeben von Thomas Flierl
Softcover, 300 Seiten, deutsch
Suhrkamp, Berlin, 2011
16,00 Euro
www.suhrkamp.de
Siedlung Bruchfeldstraße, Frankfurt am Main, 1927 © Ernst May Gesellschaft
Siedlung Bruchfeldstraße, Frankfurt am Main, 1927 © Deutsches Kunstarchiv, Nürnberg
Siedlung Riederwald, 1929 © Historisches Museum, Frankfurt am Main
Siedlung Bornheimer Hang, Frankfurt am Main, 1929 © Ernst May Gesellschaft
Kopfbau Hadrianstraße, Siedlung Römerstadt, 1928 © Ernst May Gesellschaft
Großsiedlung Darmstadt-Kranichstein, 1970 © Darmstädter Echo
Siedlung Neisse in Schlesien, 1920 © DAM
Blick aus dem Wohnhaus May, Frankfurt-Ginnheim, 1926 © Institut für Stadtgeschichte
In der Ausstellung nicht identifiziert: Von Ernst May entworfener Sessel, den er in seinen Häusern in Frankfurt, Tanganika und Hamburg nutzte.
Ernst May in Ostafrika, 1937 © DAM
Wettbewerbsentwurf "Trabanten" in Breslau, zusammen mit Herbert Böhm, 1921, Foto: Nancy Jehmlich
Ausstellungsansicht im DAM, Foto: Nancy Jehmlich
Ausstellungsansicht, Foto: Nancy Jehmlich
Großsiedlung Neu Vahr, Bremen, 1961 © Hamburgisches Architekturarchiv
Ernst May auf dem Titelbild des Spiegels vom 4. Mai 1955
Neu-Altona, Hamburg: Skizze ca. 1958 von Ernst May. Um den weitgehend zerbombten Stadtteil funktional zu entmischen wurden nach dem Krieg rund 3800 Wohnungen abgerissen und neue Grünzüge angelegt.
Stadtteil Neu-Altona, Hamburg © Hamburgisches Architekturarchiv
Aktueller Reprint der Zeitschrift „Das neue Frankfurt“, ursprünglicher Entwurf: Hans Leistikow
Blick in Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky © Deutsches Kunstarchiv, Nürnberg
Hochzeitsfoto Ernst und Ilse May, 1919 © DAM
Eigenes Wohnhaus von Ernst May in Nairobi-Karen, 1938 © DAM
Ilse May mit Söhnen Klaus und Thomas, Wohnhaus May, Frankfurt-Ginnheim, 1928 © DAM
Haus in Nairobi © Eckhard Herrel
Skizzenbuch, Aktuelle Ausstellung im DAM, Foto: Nancy Jehmlich
Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky, Foto: Nancy Jehmlich
Frankfurter Küche ausgestellt im DAM, Foto: Nancy Jehmlich