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Vom Glück in kleinen Stücken
von Markus Frenzl | 23. Dezember 2008
Eigentlich hatte sich das Thema längst erledigt. Das Mosaik hatte seine beste Zeit hinter sich und seine letzte Blüte irgendwann zwischen den Fünfzigern und Siebzigern erlebt: als Tresenverkleidung in Milchbars und italienischen Eisdielen, als Kunst am Bau und auf Fassaden wie beim Fries am „Haus des Lehrers" beim Berliner Alexanderplatz. Danach wollte kaum einer mehr mit dem angestaubten Thema zu tun haben. Doch Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger begann das digitale Zeitalter und mit ihr auch der Siegeszug des Pixels. Anders als die unverständlichen, in Datentiefen verborgenen Bits und Bytes stand das Pixel sichtbar und anschaulich für die neue Multimedia-Welt. Wer ganz vorne bei der digitalen Revolution dabei sein wollte, gründete Unternehmen, die irgendwo ein „Pixel" im Namen hatten, und startete damit zur Eroberung neuer Märkte. Sobald aber die digitalen Technologien begannen, die ganze Welt in Myriaden einzelner Bildpunkte zu zerlegen, konnte sich - in einem der zahlreichen Rückkopplungseffekte vom Virtuellen zum Realen - auch das Mosaik von seinem altbackenen Image befreien.

Das norditalienische Unternehmen Bisazza verstand es, neue Anwendungsmöglichkeiten für Mosaik aufzeigen, das eigene Produkt Glasmosaik mit Flagshipstores und Messeauftritten perfekt zu inszenieren und eine alte Tradition von jungen Designern und Architekten in die Gegenwart holen zu lassen. Seitdem gelten die sündhaft teuren Bisazza-Quader als die begehrenswerten Originale und Mosaik als Designthema. Marcel Wanders formte aus Mosaiksteinchen bunte kieselförmige Couchtische, Jürgen Mayer H. ließ das Mosaik bei seinen „Soft Mosaic" zu einem elastischen Möbelmaterial werden. Patricia Urquiola vergrößerte mit ihm traditionelle Dekore auf Paravents, Andrée Putman belegte damit die Unterseite eines Schreibtisches, und Jaime Hayon überzog mit ihm Vasen oder gar Flugzeuge.
In den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten wurden die grobe Rasterung und die in Einzelteile aufgelöste Fläche in vielen Bereichen zum Ausdruck des Zeitgenössischen: Im Werk von Architekten wie Sauerbruch Hutton etwa, deren Fassaden sich aus unzähligen bunten Farbfeldern formen, bei Parkettböden, die bewusst einen Mix unterschiedlicher Hölzer verwenden, beim „Sushi"-Sessel der Campana-Brüder für Edra, der aus einem Wust von Textilresten besteht, beim „Stack"-Regal von Shay Alkalay für Established & Sons, das aus bunten Schubladen gestapelt wird, bei Teppichen, die wirken, als seien sie aus hunderten von Lakritzstangen zusammengesetzt oder bei Kachelwänden in niederländischen Cafés, die erst aus der Distanz das Bild von Königin Beatrix erkennen lassen. Als Reaktion auf die vermeintliche Glätte und Zweidimensionalität der virtuellen Welt haben Architektur und Design die Komplexität und Tiefe der Materialien und die Schönheit des Kleinteiligen wiederentdeckt. Das Prinzip der Homogenität der Oberfläche ist dem Prinzip der Heterogenität gewichen, das für Vielfalt, Persönlichkeit und Einzigartigkeit steht.

Schnell ist die kleinteilige Ästhetik des Mosaiks in den Sog des Mainstreams geraten: kein Wellnesstempel mehr ohne Glasmosaik, kein „Designhotel" ohne Bisazza-Bad, kein Baumarkt, der nicht mehrere Varianten billiger Bisazza-Kopien im Angebot hätte. Die Bisazza-Wand ist zu einem innenarchitektonischen Topos geworden wie vorher nur die Mies'sche Onyx-Wand oder die allgegenwärtige Bruchsteinwand der Sechziger. Sie ist der Farbtupfer, der für Lebendigkeit und Oberflächenstruktur sorgt, der ein Stück Materialität selbst in ansonsten sterile Umgebungen holt. Und vielfach ist sie auch nur noch das „Instant-Dekor", von dem sich auch tote Umgebungen ein wenig Belebung erhoffen. Längst musste auch das Pixel Kratzer an seinem fortschrittlichen Image hinnehmen: Das Unternehmen Pixelpark steht nun auch für das Platzen der Dotcom-Blase. Verbraucher lernten, sich mit Pixelfehlern bei Monitoren oder Digicams zu arrangieren. Und auch für die einstmals stolze Berufsbezeichnung des Web-Designers hat sich - analog zur Saftschubse in der Luftfahrt - der wenig schmeichelhafte Name Pixelschubser etabliert.

Dennoch gilt das Pixel noch immer als kleinste anschauliche Einheit digitaler Bilder. Und die Produkte, mit denen Bisazza auf der ganzen Welt erfolgreich ist, stehen noch immer für eine nachvollziehbare Verbindung zwischen Handwerkstradition und digitaler Ästhetik. Sie verknüpfen die Zweidimensionalität der Oberfläche mit der Tiefe des Materials. Ihre Kleinteiligkeit steht für Handwerk und Tradition ebenso wie für Fraktale und die Formung kleiner Einheiten zu Metastrukturen, mit denen sich die Komplexität unserer Zeit anscheinend überzeugender abbilden lässt als mit den homogenen Oberflächen und geschlossenen Formen, die Jahrzehnte lang für die Moderne gegolten hatten. Der spielerische Umgang mit Mustern beim Mosaik hat seinen Teil dazu beigetragen, das Klischee einer glatten und aseptischen „Design-Ästhetik" zu durchbrechen und Dekor wieder zu einem gestalterischen Thema zu machen.

Fast schon ist „Bisazza" zum Gattungsbegriff für Glasmosaik geworden. Solange die Italiener es schaffen, das Thema aktuell zu halten und von experimentierfreudigen Gestaltern überraschend bespielen zu lassen, wird auch die Faszination fürs wiederentdeckte Mosaik bestehen bleiben - schließlich war es schon ein paar Tausend Jahre vor dem Pixel da.