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Wie man aus der Geschichte lernt
19. Juli 2013
Song Jianming war als Vize-Präsident der CCA am Ankauf der Sammlung Bröhan von Anfang an beteiligt. Foto © Egon Chemaitis

Der Ankauf der Sammlung Bröhan vor zwei Jahren durch die Chinese Academy of Art (CAA) in Hangzhou hat in einschlägigen Kreisen Erstaunen ausgelöst. Der Vorgang ist tatsächlich bemerkenswert. Qualität und Anzahl der Exponate – die Kollektion umfasst 7010 Objekte –, die Bedeutung, die sie designhistorisch für Deutschland haben, und nicht zuletzt ihre Verlagerung in einen ganz anderen Kulturkreis: alles in allem handelt es sich um keine alltägliche Transaktion. Derzeit ist eine Auswahl von rund 140 Exponaten in einer provisorischen Präsentation öffentlich zugänglich.

Egon Chemaitis, Designer und bis 2011 Professor für Design-Grundlagen an der Universität der Künste in Berlin, hat in Hangzhou mit Song Jianming gesprochen, der an den Verhandlungen beteiligt war, die zu dem Ankauf führten. Song Jianming, der unter anderem in Paris studiert hat, lehrt „Farbgestaltung in Architektur und Stadt“ und forscht zu diesem Thema an der Chinese Academy of Art (CAA). Eines der jüngsten Projekte Songs, der etwa fünfzig chinesische Städte beraten hat, war die Farbgestaltung des chinesischen Pavillons auf Shanghai-Expo 2010. Als Vize-Präsident der CCA war Song am Ankauf der Sammlung Bröhan von Anfang an beteiligt.

Egon Chemaitis: Wie ist innerhalb der CAA die Idee entstanden, die Sammlung Bröhan ankaufen zu wollen? Oder wurde ihnen die Sammlung angeboten?

Song Jianming: Der Import dieser Sammlung nach China ist ein großes Ereignis. Der Grund liegt darin, dass hier alle, die mit Design und Gestaltung zu tun haben, sehr an dieser Sammlung interessiert waren. Dies gilt für die jüngeren wie die älteren Gestalter und für alle an Gestaltung Interessierten. Als wir erfahren haben, dass die Sammlung verkauft werden soll, waren wir positiv überrascht, und wir wurden aktiv. Offen gesagt, wir als Kunsthochschule wären aber gar nicht in der Lage gewesen, eine Sammlung von dieser Qualität und diesem Umfang zu erwerben und zu übernehmen. Die Stadtregierung von Hangzhou dagegen konnte so etwas zwar finanziell realisieren, doch sie ist ihrerseits nicht in der Lage, die Sammlung zu bearbeiten und zu pflegen. Sie hat jedoch großes Vertrauen in unsere Hochschule. Wir haben gegenüber der Stadtregierung immer betont, dass das Bauhaus designgeschichtlich eine große Bedeutung für die Welt und eine große Bedeutung für China hat. Worauf die Regierung sagte, wenn ihr das für so bedeutend haltet, dann macht ihr das. Ihr habt seit Jahren eine Kooperation mit Deutschland (Anm. EC: Song bezieht sich hier auf die Chinesisch-Deutsche Kunstakademie CDK), euer Präsident Xu Jian hat in Deutschland studiert, ihr habt viele Kontakte zu deutschen Institutionen und das schon seit langem. Ihr seid also in der Lage, das zu machen, dann macht ihr das.
Man muss wissen: In China gibt es zahllose Hochschulen, aber die CAA ist die einzige, die so enge Beziehungen zu deutschen Institutionen unterhält; sie besitzt in dieser Frage ein großes Renommee. Dennoch: Dass die Stadtregierung die CAA in dieser Sache so vertrauensvoll unterstützt hat, das war für uns wie ein Pfannkuchen, der vom Himmel fällt. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, als ich mit Präsident Xu bei der Stadtregierung war und der Bürgermeister zu uns sagte: Das schenke ich euch. Präsident Xu hat mich ungläubig angesehen und in unserem Heimatdialekt gefragt, ob er wirklich richtig höre.

Jetzt kommen wir zum Inhaltlichen. Wir Designer sind hier sehr gut informiert über das Bauhaus, über die deutsche Designgeschichte, die verschiedenen Museen dort. Aber für uns bleibt es doch immer eine oberflächliche Begegnung. Wir wissen oft gar nicht, was dahinter steht. Wir wissen ja nur, dass es schöne Bilder, interessante Schriften und beeindruckende Objekte gibt, aber wir kommen nicht zur Sache; wir bleiben an der Erscheinung hängen. Aber wir wollen es wissen! Alle Schriftstücke, alle Dokumentationen müssen übersetzt werden, das heißt in Wahrheit: richtig durchgearbeitet werden. Dabei lernen wir. Unsere Kenntnisse sind letztlich fragmentarisch. Wenn wir jetzt einen Gegenstand in die Hand nehmen können, dann können wir ihn uns genau anschauen, in der Hand halten und begreifen.

Das heißt, mit der Sammlung wird das Bauhaus konkret. Sie können Kenntnisse über die Dinge, über das Bauhaus, aus eigener Anschauung und aus einer eigenen Forschungsperspektive gewinnen. Im zurzeit zugänglichen Teil der Sammlung sind Stücke, die deutlich vor beziehungsweise nach dem Bauhaus entstanden sind. Wie viel Bauhaus beherbergt die Sammlung tatsächlich?

Jianming: Sie haben recht, es sind nicht viele wirkliche Bauhaus-Stücke dabei. Im Ganzen ungefähr 200 bis 300 Arbeiten. Wir sind jedoch nicht nur am Bauhaus interessiert, unser Interesse gilt der westlichen Kultur- und Designgeschichte. Wir sind an der ganzen Kette interessiert. Diese Dinge haben mit unserem Leben zu tun, durch die Technik, die Produktion sind sie mit unserem Leben und unserer Geschichte verbunden. Wir wollen und müssen verstehen, was in dieser Zeit passiert ist. Die Dinge sind real – wie unser Leben. Das ist die gesellschaftliche Perspektive des Bauhauses beziehungsweise der modernen Gestaltungsauffassung. Es ist eine Art Bildungsprogramm.

Nur wenige Bauhaus-Entwürfe sind zu Massenprodukten geworden.

Jianming: Ja, stimmt, aber die Wirkung, die diese Gestaltungsauffassung, dieser Gestaltungswille auf die Massenproduktionen hatte, ist nicht zu unterschätzen.

Wenn ich mir die Bauhaus-Gründung und die gegenwärtige Situation Chinas in ihren zeitgeschichtlichen Kontexten vorstelle, erscheint mir die hfg ulm ein logischeres Modell zu sein. Max Bills Reichweiten-Diktum „vom Löffel bis zur Stadt“, Massenproduktion und Massenkommunikation als zentrale Perspektiven moderner Gestaltung sowie der moralische Impetus der Ulmer Hochschule – wären dort nicht eher konzeptuelle oder methodische Muster zu finden für die Aufgaben, vor denen die Gestalter in China stehen?

Jianming: Vielleicht für euch. Für euch ist das Bauhaus das Bauhaus und die hfg ulm ist die hfg ulm. Für uns ist aber das ganze Paket, die ganze historische Strecke interessant. Ich bin kein Bauhaus-Experte, aber aus den Gegenständen kann ich viel erfahren über die deutsche Philosophie, die Ästhetik, darüber, wie systematisch die Deutschen diese Zivilisationsstrecke, ja, wie sie das Leben angehen. Das interessiert mich. Andere sind nur an der Formgebung interessiert und finden diesen Untersuchungsaspekt interessant. Wir nehmen diese Objekte als Anregung zum Nachdenken, sie sind eine geistige Ressource für uns. Nun sind die Gegenstände hier, und jeder kann aus seinem fachlichen Blickwinkel etwas gewinnen.

Soviel ich sehen konnte, scheint die Sammlung sich über das ganze vorige Jahrhundert zu erstrecken. Also etwa von Riemerschmied und dem Werkbund, über Wagner, Hoffmann vor dem Bauhaus sowie über Aalto, Rietveld bis zu Sapper nach dem Bauhaus. Der Flötenkessel – eher weniger à la Bauhaus – scheint das jüngste Exponat zu sein.

Jianming: Ja, die Sammlung erstreckt sich über einen Zeitraum von rund achtzig Jahren. Philippe Starck ist übrigens ebenfalls dabei. Es ist tatsächlich nicht nur das Bauhaus vertreten.

Was man derzeit sehen kann sind im Wesentlichen zwei Produktgattungen: Zum einen Tischgerät – Service aus Porzellan oder Glas, Bestecke, Vasen et cetera – zum anderen Sitzmöbel. Ist das repräsentativ für die Sammlung?

Jianming: Wie ich bereits gesagt habe: Das Bauhaus ist nicht allein das Zentrum unseres Interesses. Wir wollen die gesamte Entwicklungskette der westlichen, hier der deutschen Designgeschichte studieren und verstehen.

Dann ist jedoch das – in Bauhaus-Lettern gesetzte – dreidimensionale Schrift-Objekt irreführend?

Jianming: Das Bauhaus ist hier sehr bekannt, jeder kennt diesen Namen.

Die Sammlung soll in einem eigenen Museum untergebracht werden. Der Bau ist in Planung, der Entwurf stammt von Alvarò Suiza. Wie wird das Museum heißen und wann wird es eröffnet?

Jianming: Es wird Museum für modernes westliches Design der China Academy of Art heißen und soll 2015 eröffnet werden.

Wird das Museum ausschließlich diese Sammlung aufnehmen oder ist an eine Erweiterung der Kollektion gedacht?

Jianming: Wir wollen weiter machen, wir werden zum Himmel gucken und darauf hoffen, dass eines Tages wieder ein Pfannkuchen auf uns fällt.

Die CAA muss auch die Folgekosten für die Erschließung und Pflege der Sammlung, ihre Konservierung, ihre Aufarbeitung inklusive der sehr aufwendigen und komplizierten Übersetzungsarbeiten tragen.

Jianming: Ein enormer Aufwand, ohne Frage. Es kostet uns sehr große Mühe, wir können tatsächlich nicht auf den Pfannkuchen warten, wir müssen selbst arbeiten.

Wird ihnen die Stadt Hangzhou dabei abermals zur Seite stehen?

Jianming: Die wirtschaftliche Situation ist nicht mehr so gut in China, wir können die Stadt nicht ständig damit nerven, dass wir Geld brauchen. Wir müssen selbst etwas schaffen.

Apropos Geld. In einer aktuellen Masterarbeit habe ich gelesen, dass der Ankauf der Sammlung 55 Millionen Euro gekostet haben soll. Hat die Studentin gut recherchiert?

Jianming: Also, wenn Sie mich fragen, ob diese Summe stimmt, dann sage ich: Ich kann dazu nichts sagen. Unser Partner soll wissen, dass wir zuverlässig sind.

Das respektiere ich natürlich. Ich habe mich nur gewundert, woher diese Angaben kommen und dass sie in einer Masterarbeit auftauchen.

Jianming: In China kursieren viele unterschiedliche Summen. Niemand weiß jedoch etwas Genaues. Ich bin der einzige, und egal, ob chinesische, deutsche oder andere ausländische Journalisten oder Kollegen nachfragen, ich sage nichts.

Vor eineinhalb Jahren hat die CAA einen Bauhaus-Kongress – „Bauhaus in China“– veranstaltet, mit internationaler Beteiligung. Wird es solche Formate auch in Zukunft geben?

Jianming: Wir werden jedes Jahr ein Forschungssymposium veranstalten. Ich werde in diesem Jahr nach Chicago reisen, Stichwort „New Bauhaus“. Unser Präsident möchte, dass wir auch diesen Zweig untersuchen. Das Bauhaus war immer ein Thema in China, schon als wir studiert haben Anfang der 1980er Jahre. Der Museumsleiter, Han Jian, leitet beispielsweise eine Forschungsarbeit über das Bauhaus.

Es wird also nicht nur ein Museum errichtet, sondern ein Forschungslabor für westliche moderne Designgeschichte?

Jianming: Es ist in China eine Art Forschungsinstitut, ja, wir wollen zukünftig Masterabsolventen und Doktoranden aufnehmen und betreuen. Dafür sind im Museum die räumlichen und technischen Voraussetzungen eingeplant. Wir sind nicht einfach nur Sammler! Die normalen Bürger sind verwundert, dass wir solche hässlichen Sachen kaufen, aufbewahren, ausstellen und, mehr noch, verehren. Sie verstehen nicht, warum wir das tun. Die chinesischen Bürger wollen feine, klassische Sachen bewundern.

Eine historische Parallele zum Beginn des Bauhauses und der hfg ulm, wenn man an das Geschrei um das Flachdach und das SK 4 denkt. Und, so gesehen, vielleicht eine Bestätigung ihrer Arbeit …

Jianming: Sammeln wird hier in China assoziiert mit Antiquitäten, die bestimmte dynastische Epochen oder Herrscher repräsentieren, mit historischen Kostümen, Schmuck, Einrichtungsgegenständen und ähnlichen Dingen. Aber doch nicht mit gebrauchten, zum Teil kaputten, schmucklosen und einfachen Dingen. – Wozu dies alles sammeln?

(Dolmetscherin: Dipl.-Ing. Arch. Xiao Yi Liu-Cuk)

Die Designer der CAA interessieren sich sehr für westliche Kultur- und Designgeschichte. Foto © Michael Erlhoff
Der Investor hinter dem neuen Bauhaus-Museum ist die Stadt Hangzhou, Foto © Egon Chemaitis
Xiangshan-Campus, Foto © Egon Chemaitis
Neue Gebäude für die Baushaus-Objekte von Karl H. Bröhan, Foto © Michael Erlhoff
Eingang zur Bauhaus-Sammlung in Hangzhou, Foto © Michael Erlhoff
Teeservice „Tac" von Walter Gropius, Foto © Michael Erlhoff
News & Stories › 2013 › Juli
Wie man aus der Geschichte lernt
19. Juli 2013
Vor zwei Jahren wurde die Sammlung Bröhan nach China verkauft. Egon Chemaitis hat mit Song Jianming darüber gesprochen, was man in Hangzhou mit der Sammlung vorhat und welche enorme Bedeutung das Bauhaus in China hat.

Der Ankauf der Sammlung Bröhan vor zwei Jahren durch die Chinese Academy of Art (CAA) in Hangzhou hat in einschlägigen Kreisen Erstaunen ausgelöst. Der Vorgang ist tatsächlich bemerkenswert. Qualität und Anzahl der Exponate – die Kollektion umfasst 7010 Objekte –, die Bedeutung, die sie designhistorisch für Deutschland haben, und nicht zuletzt ihre Verlagerung in einen ganz anderen Kulturkreis: alles in allem handelt es sich um keine alltägliche Transaktion. Derzeit ist eine Auswahl von rund 140 Exponaten in einer provisorischen Präsentation öffentlich zugänglich.

Egon Chemaitis, Designer und bis 2011 Professor für Design-Grundlagen an der Universität der Künste in Berlin, hat in Hangzhou mit Song Jianming gesprochen, der an den Verhandlungen beteiligt war, die zu dem Ankauf führten. Song Jianming, der unter anderem in Paris studiert hat, lehrt „Farbgestaltung in Architektur und Stadt“ und forscht zu diesem Thema an der Chinese Academy of Art (CAA). Eines der jüngsten Projekte Songs, der etwa fünfzig chinesische Städte beraten hat, war die Farbgestaltung des chinesischen Pavillons auf Shanghai-Expo 2010. Als Vize-Präsident der CCA war Song am Ankauf der Sammlung Bröhan von Anfang an beteiligt.

Egon Chemaitis: Wie ist innerhalb der CAA die Idee entstanden, die Sammlung Bröhan ankaufen zu wollen? Oder wurde ihnen die Sammlung angeboten?

Song Jianming: Der Import dieser Sammlung nach China ist ein großes Ereignis. Der Grund liegt darin, dass hier alle, die mit Design und Gestaltung zu tun haben, sehr an dieser Sammlung interessiert waren. Dies gilt für die jüngeren wie die älteren Gestalter und für alle an Gestaltung Interessierten. Als wir erfahren haben, dass die Sammlung verkauft werden soll, waren wir positiv überrascht, und wir wurden aktiv. Offen gesagt, wir als Kunsthochschule wären aber gar nicht in der Lage gewesen, eine Sammlung von dieser Qualität und diesem Umfang zu erwerben und zu übernehmen. Die Stadtregierung von Hangzhou dagegen konnte so etwas zwar finanziell realisieren, doch sie ist ihrerseits nicht in der Lage, die Sammlung zu bearbeiten und zu pflegen. Sie hat jedoch großes Vertrauen in unsere Hochschule. Wir haben gegenüber der Stadtregierung immer betont, dass das Bauhaus designgeschichtlich eine große Bedeutung für die Welt und eine große Bedeutung für China hat. Worauf die Regierung sagte, wenn ihr das für so bedeutend haltet, dann macht ihr das. Ihr habt seit Jahren eine Kooperation mit Deutschland (Anm. EC: Song bezieht sich hier auf die Chinesisch-Deutsche Kunstakademie CDK), euer Präsident Xu Jian hat in Deutschland studiert, ihr habt viele Kontakte zu deutschen Institutionen und das schon seit langem. Ihr seid also in der Lage, das zu machen, dann macht ihr das.
Man muss wissen: In China gibt es zahllose Hochschulen, aber die CAA ist die einzige, die so enge Beziehungen zu deutschen Institutionen unterhält; sie besitzt in dieser Frage ein großes Renommee. Dennoch: Dass die Stadtregierung die CAA in dieser Sache so vertrauensvoll unterstützt hat, das war für uns wie ein Pfannkuchen, der vom Himmel fällt. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, als ich mit Präsident Xu bei der Stadtregierung war und der Bürgermeister zu uns sagte: Das schenke ich euch. Präsident Xu hat mich ungläubig angesehen und in unserem Heimatdialekt gefragt, ob er wirklich richtig höre.

Jetzt kommen wir zum Inhaltlichen. Wir Designer sind hier sehr gut informiert über das Bauhaus, über die deutsche Designgeschichte, die verschiedenen Museen dort. Aber für uns bleibt es doch immer eine oberflächliche Begegnung. Wir wissen oft gar nicht, was dahinter steht. Wir wissen ja nur, dass es schöne Bilder, interessante Schriften und beeindruckende Objekte gibt, aber wir kommen nicht zur Sache; wir bleiben an der Erscheinung hängen. Aber wir wollen es wissen! Alle Schriftstücke, alle Dokumentationen müssen übersetzt werden, das heißt in Wahrheit: richtig durchgearbeitet werden. Dabei lernen wir. Unsere Kenntnisse sind letztlich fragmentarisch. Wenn wir jetzt einen Gegenstand in die Hand nehmen können, dann können wir ihn uns genau anschauen, in der Hand halten und begreifen.

Das heißt, mit der Sammlung wird das Bauhaus konkret. Sie können Kenntnisse über die Dinge, über das Bauhaus, aus eigener Anschauung und aus einer eigenen Forschungsperspektive gewinnen. Im zurzeit zugänglichen Teil der Sammlung sind Stücke, die deutlich vor beziehungsweise nach dem Bauhaus entstanden sind. Wie viel Bauhaus beherbergt die Sammlung tatsächlich?

Jianming: Sie haben recht, es sind nicht viele wirkliche Bauhaus-Stücke dabei. Im Ganzen ungefähr 200 bis 300 Arbeiten. Wir sind jedoch nicht nur am Bauhaus interessiert, unser Interesse gilt der westlichen Kultur- und Designgeschichte. Wir sind an der ganzen Kette interessiert. Diese Dinge haben mit unserem Leben zu tun, durch die Technik, die Produktion sind sie mit unserem Leben und unserer Geschichte verbunden. Wir wollen und müssen verstehen, was in dieser Zeit passiert ist. Die Dinge sind real – wie unser Leben. Das ist die gesellschaftliche Perspektive des Bauhauses beziehungsweise der modernen Gestaltungsauffassung. Es ist eine Art Bildungsprogramm.

Nur wenige Bauhaus-Entwürfe sind zu Massenprodukten geworden.

Jianming: Ja, stimmt, aber die Wirkung, die diese Gestaltungsauffassung, dieser Gestaltungswille auf die Massenproduktionen hatte, ist nicht zu unterschätzen.

Wenn ich mir die Bauhaus-Gründung und die gegenwärtige Situation Chinas in ihren zeitgeschichtlichen Kontexten vorstelle, erscheint mir die hfg ulm ein logischeres Modell zu sein. Max Bills Reichweiten-Diktum „vom Löffel bis zur Stadt“, Massenproduktion und Massenkommunikation als zentrale Perspektiven moderner Gestaltung sowie der moralische Impetus der Ulmer Hochschule – wären dort nicht eher konzeptuelle oder methodische Muster zu finden für die Aufgaben, vor denen die Gestalter in China stehen?

Jianming: Vielleicht für euch. Für euch ist das Bauhaus das Bauhaus und die hfg ulm ist die hfg ulm. Für uns ist aber das ganze Paket, die ganze historische Strecke interessant. Ich bin kein Bauhaus-Experte, aber aus den Gegenständen kann ich viel erfahren über die deutsche Philosophie, die Ästhetik, darüber, wie systematisch die Deutschen diese Zivilisationsstrecke, ja, wie sie das Leben angehen. Das interessiert mich. Andere sind nur an der Formgebung interessiert und finden diesen Untersuchungsaspekt interessant. Wir nehmen diese Objekte als Anregung zum Nachdenken, sie sind eine geistige Ressource für uns. Nun sind die Gegenstände hier, und jeder kann aus seinem fachlichen Blickwinkel etwas gewinnen.

Soviel ich sehen konnte, scheint die Sammlung sich über das ganze vorige Jahrhundert zu erstrecken. Also etwa von Riemerschmied und dem Werkbund, über Wagner, Hoffmann vor dem Bauhaus sowie über Aalto, Rietveld bis zu Sapper nach dem Bauhaus. Der Flötenkessel – eher weniger à la Bauhaus – scheint das jüngste Exponat zu sein.

Jianming: Ja, die Sammlung erstreckt sich über einen Zeitraum von rund achtzig Jahren. Philippe Starck ist übrigens ebenfalls dabei. Es ist tatsächlich nicht nur das Bauhaus vertreten.

Was man derzeit sehen kann sind im Wesentlichen zwei Produktgattungen: Zum einen Tischgerät – Service aus Porzellan oder Glas, Bestecke, Vasen et cetera – zum anderen Sitzmöbel. Ist das repräsentativ für die Sammlung?

Jianming: Wie ich bereits gesagt habe: Das Bauhaus ist nicht allein das Zentrum unseres Interesses. Wir wollen die gesamte Entwicklungskette der westlichen, hier der deutschen Designgeschichte studieren und verstehen.

Dann ist jedoch das – in Bauhaus-Lettern gesetzte – dreidimensionale Schrift-Objekt irreführend?

Jianming: Das Bauhaus ist hier sehr bekannt, jeder kennt diesen Namen.

Die Sammlung soll in einem eigenen Museum untergebracht werden. Der Bau ist in Planung, der Entwurf stammt von Alvarò Suiza. Wie wird das Museum heißen und wann wird es eröffnet?

Jianming: Es wird Museum für modernes westliches Design der China Academy of Art heißen und soll 2015 eröffnet werden.

Wird das Museum ausschließlich diese Sammlung aufnehmen oder ist an eine Erweiterung der Kollektion gedacht?

Jianming: Wir wollen weiter machen, wir werden zum Himmel gucken und darauf hoffen, dass eines Tages wieder ein Pfannkuchen auf uns fällt.

Die CAA muss auch die Folgekosten für die Erschließung und Pflege der Sammlung, ihre Konservierung, ihre Aufarbeitung inklusive der sehr aufwendigen und komplizierten Übersetzungsarbeiten tragen.

Jianming: Ein enormer Aufwand, ohne Frage. Es kostet uns sehr große Mühe, wir können tatsächlich nicht auf den Pfannkuchen warten, wir müssen selbst arbeiten.

Wird ihnen die Stadt Hangzhou dabei abermals zur Seite stehen?

Jianming: Die wirtschaftliche Situation ist nicht mehr so gut in China, wir können die Stadt nicht ständig damit nerven, dass wir Geld brauchen. Wir müssen selbst etwas schaffen.

Apropos Geld. In einer aktuellen Masterarbeit habe ich gelesen, dass der Ankauf der Sammlung 55 Millionen Euro gekostet haben soll. Hat die Studentin gut recherchiert?

Jianming: Also, wenn Sie mich fragen, ob diese Summe stimmt, dann sage ich: Ich kann dazu nichts sagen. Unser Partner soll wissen, dass wir zuverlässig sind.

Das respektiere ich natürlich. Ich habe mich nur gewundert, woher diese Angaben kommen und dass sie in einer Masterarbeit auftauchen.

Jianming: In China kursieren viele unterschiedliche Summen. Niemand weiß jedoch etwas Genaues. Ich bin der einzige, und egal, ob chinesische, deutsche oder andere ausländische Journalisten oder Kollegen nachfragen, ich sage nichts.

Vor eineinhalb Jahren hat die CAA einen Bauhaus-Kongress – „Bauhaus in China“– veranstaltet, mit internationaler Beteiligung. Wird es solche Formate auch in Zukunft geben?

Jianming: Wir werden jedes Jahr ein Forschungssymposium veranstalten. Ich werde in diesem Jahr nach Chicago reisen, Stichwort „New Bauhaus“. Unser Präsident möchte, dass wir auch diesen Zweig untersuchen. Das Bauhaus war immer ein Thema in China, schon als wir studiert haben Anfang der 1980er Jahre. Der Museumsleiter, Han Jian, leitet beispielsweise eine Forschungsarbeit über das Bauhaus.

Es wird also nicht nur ein Museum errichtet, sondern ein Forschungslabor für westliche moderne Designgeschichte?

Jianming: Es ist in China eine Art Forschungsinstitut, ja, wir wollen zukünftig Masterabsolventen und Doktoranden aufnehmen und betreuen. Dafür sind im Museum die räumlichen und technischen Voraussetzungen eingeplant. Wir sind nicht einfach nur Sammler! Die normalen Bürger sind verwundert, dass wir solche hässlichen Sachen kaufen, aufbewahren, ausstellen und, mehr noch, verehren. Sie verstehen nicht, warum wir das tun. Die chinesischen Bürger wollen feine, klassische Sachen bewundern.

Eine historische Parallele zum Beginn des Bauhauses und der hfg ulm, wenn man an das Geschrei um das Flachdach und das SK 4 denkt. Und, so gesehen, vielleicht eine Bestätigung ihrer Arbeit …

Jianming: Sammeln wird hier in China assoziiert mit Antiquitäten, die bestimmte dynastische Epochen oder Herrscher repräsentieren, mit historischen Kostümen, Schmuck, Einrichtungsgegenständen und ähnlichen Dingen. Aber doch nicht mit gebrauchten, zum Teil kaputten, schmucklosen und einfachen Dingen. – Wozu dies alles sammeln?

(Dolmetscherin: Dipl.-Ing. Arch. Xiao Yi Liu-Cuk)