transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2140 Forward End
Willkommen in Utopia!
von Jörg Zimmermann | 31. Oktober 2012
Die Ausstellungsfläche des diesjährigen Audi Urban Future Award in der Hasköy Spinning Factory in Istanbul, Foto © Audi Urban Future Initiative

Wenn man in Istanbul die unzähligen Seitenstraßen und Gassen verlässt und sich auf eine der größeren Verbindungsstraßen begibt, wird die Problematik sofort gegenwärtig: Auto an Auto an Auto an Auto, dazwischen LKWs und Busse, einige wenige Zweiräder. Das Ganze dann auf zwei, drei, vier und mehr Spuren, voran geht es nur im Schritttempo. Aus den Fahrzeugen heraus sieht man die Fußgänger auf den Gehwegen – wenn diese nicht zugestellt oder zugeparkt sind – vorbeiziehen wie sonst nur Sportwagen auf der Überholspur. Straßenverkehr, der zum Stillstand kommt, ist für alle Beteiligten sichtbar und spürbar eine Last. Und so liegt es nahe, dass das Istanbuler Architektenbüro „Superpool“ sich der Frage nach zukünftiger Mobilität auf einer individuellen Ebene nähert.

Superpool, einer von fünf Teilnehmern am Audi Urban Future Award 2012, verzichtet auf große Theoriegebäude und Visionen und bleibt mit seinen Vorschlägen für urbane Mobilität im Jahr 2030 ganz an den praktischen Bedürfnissen der Bewohner orientiert. Wie lässt sich das Verkehrsaufkommen und damit die Belastung der Bewohner reduzieren, gleichzeitig aber auch ganz pragmatisch der Weg von A nach B bewältigen? Muss der Verkehr der alles determinierende Parameter für das Stadtbild sein oder gibt es Möglichkeiten, Stadträume neu zu ordnen, in dem man den Begriff „Mobilität“ nicht nur an Fahrzeuge knüpft? Nur im gemeinschaftlichen Miteinander der Bewohner und Akteure im städtischen Leben sehen Selva Gürdogan und Gregers Tang Thomsen Ansätze, der Situation in ihrer Stadt Herr zu werden. Statt einzeln im PKW sollen die Bewohner ihre Fahrten in der Stadt in kleinen Bussen, „Dolmus“ genannt, bewältigen. Dieses System aus Kleinbussen, die als Sammeltaxis eingesetzt werden, existiert schon heute, soll aber nach den Vorstellungen von Superpool zukünftig vernetzt und effektiver organisiert werden. Natürlich per Internet, denn mit neun Millionen Facebook-Nutzern – weltweit Platz zwei – belegt die Istanbuler Bevölkerung ihre Offenheit für digitale Welten. Nicht nur die Nutzung der „Dolmus“ soll über die Online-Plattform „PARK“ abgewickelt werden, die Anwendung soll auch helfen, den Gebrauch des öffentlichen Raumes neu zu regeln. Wäre es nicht eine schöne Sache, wenn man einfach per Mausklick den Parkplatz vor der Haustür am Wochenende für eine Open-Air-Feier mit der Familie buchen könnte? Oder für ein Street Soccer-Match mit Freunden und Nachbarn?

So nah und pragmatisch die Planer von Superpool offensichtlich am Bestehenden bleiben, so weit wagt sich das Projekt von Höweler + Yoon Architecture in die Zukunft. Mit „Shareway“ skizzieren die Amerikaner ein futuristisch anmutendes Szenario für die Metropol-Region zwischen Boston und der Hauptstadt Washington. 53 Millionen Menschen leben in diesem Ballungsgebiet „BosWash“, das seine Stadtzentren am Interstate I-95 ausgerichtet hat, ansonsten aber in die Fläche wuchert. Geprägt hat den Begriff „BosWash“ der amerikanische Zukunftsforscher Hermann Kahn, der in einer 1967 vorgestellten Studie für das Jahr 2000 drei Metropol-Regionen für die Vereinigten Staaten beschrieben hat – neben „BosWash“ die Regionen „ChiPitts“ (Chicago/Pittsburgh) und „SanSan“ (Santa Barbara/San Francisco/San Diego). Heute wird in „BosWash“ rund ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes des Landes erwirtschaftet, eine Fortschreibung der (infrastrukturellen) Entwicklung der Megalopolis aber ist mit herkömmlichen Ansätzen kaum vorstellbar.

„Der amerikanische Traum von gestern und brachliegende Infrastruktur bestimmen das Bild von „BosWash“ – das, was übrig bleibt, wenn die traditionelle Vorstellung von der Stadt keinen Bestand mehr hat“, formuliert Eric Höweler. Mit seiner Partnerin J. Meejin Yoon setzt er denn auch bei der Neuordnung und Vernetzung der Infrastruktur an. Verkehrssysteme, die überregionale Verbindungen zur Verfügung stellen, sollen besser mit regionalen und lokalen Systemen koordiniert werden. Individualverkehr ist bei „Shareway“ der lokalen Ebene vorbehalten. Hier, auf der „letzten Meile“, bleibt vielleicht ein Rest des alten amerikanischen Traums von individueller Mobilität bestehen. Im Konzept von Höweler + Yoon, den Preisträgern des diesjährigen Audi Urban Future Awards, kommen dort Fahrgeräte zum Einsatz, die mit gegenwärtigen Fahrzeugtypen nur noch wenig gemein haben, aber in den Visualisierungen doch ein Stück der Freiheit versprechen, die mit dem Begriff der Mobilität wohl auf immer verbunden bleiben wird. Nicht mehr Besitz steht dann im Fokus, sondern die gemeinschaftliche Nutzung von Infrastruktur, Gebäuden und Flächen.

Dass die vernetzte Nutzung von (Verkehrs-)Systemen der digitalen Unterstützung bedarf, ist fast schon nicht mehr erwähnenswert. Der Erfolg von städteplanerischen Konzepten scheint in der Zukunft also nicht mehr nur allein an die baulichen Umsetzungen gebunden, sondern in ähnlichem Maße von der Gestaltung und Nutzbarkeit der digitalen Interfaces abzuhängen. In der Präsentation von „Shareway“ werden diese Interfaces von den Protagonisten schon ganz selbstverständlich in der Luft bedient, genau so selbstverständlich wie sich die unterschiedlichen Infrastrukturen als Ebenen übereinander legen und miteinander verzahnen, die Räume zwischen den Infrastrukturen konsequent mit Wohn- und Arbeitsgebäuden bebaut werden, Gebäude und Räume ebenso pragmatisch gemeinschaftlich genutzt werden wie Brachen in der Nachbarschaft als Flächen für Gartenbau in kleinen, aber auch großem Maßstab dienen. Welcome Utopia! Es ist spannend, für einen Moment in diese schöne neue Welt einzutauchen. Trotz aller Dringlichkeit zur Transformation scheinen aber neben den technischen Entwicklungen noch viele gesellschaftliche Veränderungen notwendig zu sein, bevor Konzepte wie „Shareway“ tatsächlich greifen.

Die gesellschaftliche Transformation ist denn auch der Ausgangspunkt der Überlegungen von NODE. Für die Stadt Shenzhen fordert NODE-Gründerin Doreen Heng Liu eine Abkehr von westlichen Entwicklungsmodellen. „Shenzhen“, sagt sie, „sollte einem neuen urbanen Vorbild folgen.“ Shenzhen, eine von fünf explosionsartig wachsenden Agglomerationen im chinesischen Pearl River Delta, ist wie seine Nachbarn auf Wachstum fokussiert. In den vergangenen dreißig Jahren ist die Grenzstadt mit rund dreißigtausend Einwohnern zu einer Mega-City mit 15 Millionen Einwohnern geworden. Doreen Heng Liu: „Unsere Mission ist es, die Stadt aus einem Zustand des Festgefahrensein in einen freiheitlichen Zustand zu überführen.“ Aus dem chinesischen KUN soll ein XIAN werden. NODE plädiert dazu bei den Mobilitätssystemen für eine Trennung von Waren- und Personenströmen. Das logistische System für Waren soll in den Untergrund wandern, während der Personenverkehr davon strikt getrennt auf einer neu geschaffenen Oberfläche abläuft. Die strikte Trennung der Systeme, die Ausbildung einer dualen Infrastruktur, schaffe einen Einklang der sozialen und ökologischen Forderungen, ohne die wirtschaftliche Entwicklung zu begrenzen.

Für Urban-Think Tank ist das Zusammenspiel von formellen und informellen Verkehrssystemen eine wichtige Voraussetzung, um flexible Räume zu schaffen, die aufeinander Einfluss nehmen. „Urban Parangolé“ nennen Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner ihr Konzept, das beim Bedürfnis der Menschen nach Bewegung und Mobilität ansetzt. Multifunktionale Kontenpunkte spannen ein verbindendes Netz über São Paulo. Unterhalb dieser Kontenpunkte prägen offene Mobilitätskonzepte das Bild. Dabei bleibt der Mobilitätsbegriff nicht an Fortbewegungsmittel gebunden, sondern nimmt auch mobile Arbeitsplätze, Verkaufsstände oder Restaurants mit in das Konzept auf. „Das Projekt Parangolé schafft eine Vision für die Stadt, in der Bewegung eine nützliche Aktivität ist“, glauben die Vordenker von Urban-Think Tank, die vor wenigen Wochen den Goldenen Löwen der Architekturbiennale in Venedig gewonnen haben.

In Mumbai gibt unternehmerische Aktivität längst den Takt vor. Die 12-Millionen-Stadt auf dem indischen Subkontinent steckt nach der Analyse des ortsansässigen Forschungskollektivs CRIT mitten in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel. Existierende Infrastrukturen, die auf der lange Zeit dominierenden verarbeitenden Industrie gründen, sind mit den dynamischen Entwicklungen überfordert. Stoßzeiten im Nahverkehr ändern sich, Verkehrsstaus treten an bisher unbeachteten Stellen auf, und das Geschäft entwickelt sich dort, wo Menschen zusammenkommen, manchmal nur kurz, aber auch dauerhaft und über den Tag hinaus. „2030 wird Mumbai von vier Aspekten geprägt sein“, vermuten CRIT. Die technologische Entwicklung werde die ökonomischen Systeme noch nachhaltiger verändern, es werde sich eine Überalterung der Bevölkerung auch in der Stadt abzeichnen, der Abstand zwischen Arm und Reich werde zunehmend polarisieren und das Thema Umwelt, heute vielleicht zu einer Modeerscheinung abgeschliffen, werde längst nicht vom Tisch sein. Eine Auflösung dieser wohlmöglich verhängnisvollen Abhängigkeiten sei nur über die Öffnung zu den unterschiedlichen Akteuren möglich.

Der Mensch also im Mittelpunkt der Debatte um die Mobilität im Jahr 2030. Bei allen technischen Fortschritten und planerischen Überlegungen bilden die gesellschaftlichen Veränderungen und die individuellen Interessen wohl auch in Zukunft die Basis, anhand derer neue Konzepte und Systeme immer wieder neu zu prüfen sind.

audi-urban-future-initiative.com
istanbuldesignbiennial.iksv.org

Das Forschungskollektiv CRIT präsentiert eine neue Infrastruktur für Mumbai im Jahr 2030, Foto © Audi Urban Future Initiative
CRIT aus Mumbai, Foto © Audi Urban Future Initiative
Mit der Zukunft des Pearl River Delta in China setzt sich NODE auseinander, Foto © Audi Urban Future Initiative
Die Architektin und Gründerin von NODE, Doreen Heng Liu, Foto © Audi Urban Future Initiative
Superpool zeigen ihre Vision für das Stadtgebiet von Istanbul, Foto © Audi Urban Future Initiative
Das Istanbuler Architekturbüro „Superpool“, Foto © Audi Urban Future Initiative
„Urban Parangolé“ von Urban-Think Tank entwirft ein Mobilitätskonzept für São Paulo, Foto © Audi Urban Future Initiative
Urban-Think Tank aus São Paulo, Foto © Audi Urban Future Initiative
Das Konzept „Shareway“ von Höweler + Yoon Architecture für die Metropol-Region „BosWash”, Foto © Audi Urban Future Initiative
Eric Höweler von Höweler + Yoon Architecture, Gewinner des Audi Urban Future Award 2012 , Foto © Audi Urban Future Initiative
News & Stories › 2012 › Oktober
Willkommen in Utopia!
von Jörg Zimmermann | 31. Oktober 2012
Das gemeinschaftliche Nutzen von Strukturen stellen die Preisträger Höweler + Yoon Architecture in den Mittelpunkt ihrer Konzeptes „Shareway“ für den Audi Urban Future Award 2012. Auch die übrigen Teilnehmer des von Stylepark kuratierten Architekturpreises diskutieren Fragen der Mobilität im Jahr 2030 vor dem Hintergrund individueller Bedürfnisse und gesellschaftlicher Entwicklungen.
Wenn man in Istanbul die unzähligen Seitenstraßen und Gassen verlässt und sich auf eine der größeren Verbindungsstraßen begibt, wird die Problematik sofort gegenwärtig: Auto an Auto an Auto an Auto, dazwischen LKWs und Busse, einige wenige Zweiräder. Das Ganze dann auf zwei, drei, vier und mehr Spuren, voran geht es nur im Schritttempo. Aus den Fahrzeugen heraus sieht man die Fußgänger auf den Gehwegen – wenn diese nicht zugestellt oder zugeparkt sind – vorbeiziehen wie sonst nur Sportwagen auf der Überholspur. Straßenverkehr, der zum Stillstand kommt, ist für alle Beteiligten sichtbar und spürbar eine Last. Und so liegt es nahe, dass das Istanbuler Architektenbüro „Superpool“ sich der Frage nach zukünftiger Mobilität auf einer individuellen Ebene nähert.

Superpool, einer von fünf Teilnehmern am Audi Urban Future Award 2012, verzichtet auf große Theoriegebäude und Visionen und bleibt mit seinen Vorschlägen für urbane Mobilität im Jahr 2030 ganz an den praktischen Bedürfnissen der Bewohner orientiert. Wie lässt sich das Verkehrsaufkommen und damit die Belastung der Bewohner reduzieren, gleichzeitig aber auch ganz pragmatisch der Weg von A nach B bewältigen? Muss der Verkehr der alles determinierende Parameter für das Stadtbild sein oder gibt es Möglichkeiten, Stadträume neu zu ordnen, in dem man den Begriff „Mobilität“ nicht nur an Fahrzeuge knüpft? Nur im gemeinschaftlichen Miteinander der Bewohner und Akteure im städtischen Leben sehen Selva Gürdogan und Gregers Tang Thomsen Ansätze, der Situation in ihrer Stadt Herr zu werden. Statt einzeln im PKW sollen die Bewohner ihre Fahrten in der Stadt in kleinen Bussen, „Dolmus“ genannt, bewältigen. Dieses System aus Kleinbussen, die als Sammeltaxis eingesetzt werden, existiert schon heute, soll aber nach den Vorstellungen von Superpool zukünftig vernetzt und effektiver organisiert werden. Natürlich per Internet, denn mit neun Millionen Facebook-Nutzern – weltweit Platz zwei – belegt die Istanbuler Bevölkerung ihre Offenheit für digitale Welten. Nicht nur die Nutzung der „Dolmus“ soll über die Online-Plattform „PARK“ abgewickelt werden, die Anwendung soll auch helfen, den Gebrauch des öffentlichen Raumes neu zu regeln. Wäre es nicht eine schöne Sache, wenn man einfach per Mausklick den Parkplatz vor der Haustür am Wochenende für eine Open-Air-Feier mit der Familie buchen könnte? Oder für ein Street Soccer-Match mit Freunden und Nachbarn?

So nah und pragmatisch die Planer von Superpool offensichtlich am Bestehenden bleiben, so weit wagt sich das Projekt von Höweler + Yoon Architecture in die Zukunft. Mit „Shareway“ skizzieren die Amerikaner ein futuristisch anmutendes Szenario für die Metropol-Region zwischen Boston und der Hauptstadt Washington. 53 Millionen Menschen leben in diesem Ballungsgebiet „BosWash“, das seine Stadtzentren am Interstate I-95 ausgerichtet hat, ansonsten aber in die Fläche wuchert. Geprägt hat den Begriff „BosWash“ der amerikanische Zukunftsforscher Hermann Kahn, der in einer 1967 vorgestellten Studie für das Jahr 2000 drei Metropol-Regionen für die Vereinigten Staaten beschrieben hat – neben „BosWash“ die Regionen „ChiPitts“ (Chicago/Pittsburgh) und „SanSan“ (Santa Barbara/San Francisco/San Diego). Heute wird in „BosWash“ rund ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes des Landes erwirtschaftet, eine Fortschreibung der (infrastrukturellen) Entwicklung der Megalopolis aber ist mit herkömmlichen Ansätzen kaum vorstellbar.

„Der amerikanische Traum von gestern und brachliegende Infrastruktur bestimmen das Bild von „BosWash“ – das, was übrig bleibt, wenn die traditionelle Vorstellung von der Stadt keinen Bestand mehr hat“, formuliert Eric Höweler. Mit seiner Partnerin J. Meejin Yoon setzt er denn auch bei der Neuordnung und Vernetzung der Infrastruktur an. Verkehrssysteme, die überregionale Verbindungen zur Verfügung stellen, sollen besser mit regionalen und lokalen Systemen koordiniert werden. Individualverkehr ist bei „Shareway“ der lokalen Ebene vorbehalten. Hier, auf der „letzten Meile“, bleibt vielleicht ein Rest des alten amerikanischen Traums von individueller Mobilität bestehen. Im Konzept von Höweler + Yoon, den Preisträgern des diesjährigen Audi Urban Future Awards, kommen dort Fahrgeräte zum Einsatz, die mit gegenwärtigen Fahrzeugtypen nur noch wenig gemein haben, aber in den Visualisierungen doch ein Stück der Freiheit versprechen, die mit dem Begriff der Mobilität wohl auf immer verbunden bleiben wird. Nicht mehr Besitz steht dann im Fokus, sondern die gemeinschaftliche Nutzung von Infrastruktur, Gebäuden und Flächen.

Dass die vernetzte Nutzung von (Verkehrs-)Systemen der digitalen Unterstützung bedarf, ist fast schon nicht mehr erwähnenswert. Der Erfolg von städteplanerischen Konzepten scheint in der Zukunft also nicht mehr nur allein an die baulichen Umsetzungen gebunden, sondern in ähnlichem Maße von der Gestaltung und Nutzbarkeit der digitalen Interfaces abzuhängen. In der Präsentation von „Shareway“ werden diese Interfaces von den Protagonisten schon ganz selbstverständlich in der Luft bedient, genau so selbstverständlich wie sich die unterschiedlichen Infrastrukturen als Ebenen übereinander legen und miteinander verzahnen, die Räume zwischen den Infrastrukturen konsequent mit Wohn- und Arbeitsgebäuden bebaut werden, Gebäude und Räume ebenso pragmatisch gemeinschaftlich genutzt werden wie Brachen in der Nachbarschaft als Flächen für Gartenbau in kleinen, aber auch großem Maßstab dienen. Welcome Utopia! Es ist spannend, für einen Moment in diese schöne neue Welt einzutauchen. Trotz aller Dringlichkeit zur Transformation scheinen aber neben den technischen Entwicklungen noch viele gesellschaftliche Veränderungen notwendig zu sein, bevor Konzepte wie „Shareway“ tatsächlich greifen.

Die gesellschaftliche Transformation ist denn auch der Ausgangspunkt der Überlegungen von NODE. Für die Stadt Shenzhen fordert NODE-Gründerin Doreen Heng Liu eine Abkehr von westlichen Entwicklungsmodellen. „Shenzhen“, sagt sie, „sollte einem neuen urbanen Vorbild folgen.“ Shenzhen, eine von fünf explosionsartig wachsenden Agglomerationen im chinesischen Pearl River Delta, ist wie seine Nachbarn auf Wachstum fokussiert. In den vergangenen dreißig Jahren ist die Grenzstadt mit rund dreißigtausend Einwohnern zu einer Mega-City mit 15 Millionen Einwohnern geworden. Doreen Heng Liu: „Unsere Mission ist es, die Stadt aus einem Zustand des Festgefahrensein in einen freiheitlichen Zustand zu überführen.“ Aus dem chinesischen KUN soll ein XIAN werden. NODE plädiert dazu bei den Mobilitätssystemen für eine Trennung von Waren- und Personenströmen. Das logistische System für Waren soll in den Untergrund wandern, während der Personenverkehr davon strikt getrennt auf einer neu geschaffenen Oberfläche abläuft. Die strikte Trennung der Systeme, die Ausbildung einer dualen Infrastruktur, schaffe einen Einklang der sozialen und ökologischen Forderungen, ohne die wirtschaftliche Entwicklung zu begrenzen.

Für Urban-Think Tank ist das Zusammenspiel von formellen und informellen Verkehrssystemen eine wichtige Voraussetzung, um flexible Räume zu schaffen, die aufeinander Einfluss nehmen. „Urban Parangolé“ nennen Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner ihr Konzept, das beim Bedürfnis der Menschen nach Bewegung und Mobilität ansetzt. Multifunktionale Kontenpunkte spannen ein verbindendes Netz über São Paulo. Unterhalb dieser Kontenpunkte prägen offene Mobilitätskonzepte das Bild. Dabei bleibt der Mobilitätsbegriff nicht an Fortbewegungsmittel gebunden, sondern nimmt auch mobile Arbeitsplätze, Verkaufsstände oder Restaurants mit in das Konzept auf. „Das Projekt Parangolé schafft eine Vision für die Stadt, in der Bewegung eine nützliche Aktivität ist“, glauben die Vordenker von Urban-Think Tank, die vor wenigen Wochen den Goldenen Löwen der Architekturbiennale in Venedig gewonnen haben.

In Mumbai gibt unternehmerische Aktivität längst den Takt vor. Die 12-Millionen-Stadt auf dem indischen Subkontinent steckt nach der Analyse des ortsansässigen Forschungskollektivs CRIT mitten in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel. Existierende Infrastrukturen, die auf der lange Zeit dominierenden verarbeitenden Industrie gründen, sind mit den dynamischen Entwicklungen überfordert. Stoßzeiten im Nahverkehr ändern sich, Verkehrsstaus treten an bisher unbeachteten Stellen auf, und das Geschäft entwickelt sich dort, wo Menschen zusammenkommen, manchmal nur kurz, aber auch dauerhaft und über den Tag hinaus. „2030 wird Mumbai von vier Aspekten geprägt sein“, vermuten CRIT. Die technologische Entwicklung werde die ökonomischen Systeme noch nachhaltiger verändern, es werde sich eine Überalterung der Bevölkerung auch in der Stadt abzeichnen, der Abstand zwischen Arm und Reich werde zunehmend polarisieren und das Thema Umwelt, heute vielleicht zu einer Modeerscheinung abgeschliffen, werde längst nicht vom Tisch sein. Eine Auflösung dieser wohlmöglich verhängnisvollen Abhängigkeiten sei nur über die Öffnung zu den unterschiedlichen Akteuren möglich.

Der Mensch also im Mittelpunkt der Debatte um die Mobilität im Jahr 2030. Bei allen technischen Fortschritten und planerischen Überlegungen bilden die gesellschaftlichen Veränderungen und die individuellen Interessen wohl auch in Zukunft die Basis, anhand derer neue Konzepte und Systeme immer wieder neu zu prüfen sind.

audi-urban-future-initiative.com
istanbuldesignbiennial.iksv.org