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Wohnen fast perfekt
von Jörg Zimmermann | 8. Juni 2012
Den Deutschen geht es richtig gut. Zumindest wenn man Fragen nach Zustand und Wünschen bei der Wohnung stellt. „Es fehlt nichts“, sagen acht von zehn Deutschen. Um genau zu sein: 79 Prozent leben nach eigenen Angaben in der fast perfekten Wohnung. Das sind 24 Prozentpunkte mehr als noch bei der Studie „Neues vom Wohnen der Deutschen (West)“, die der Kölner Soziologe Alphons Silbermann 1989 durchführte. Was auf der einen Seite nun nach einer nahezu idealen Situation klingt, mutet für die Möbelbranche wie eine bittere Pille an. Wo soll Geschäft entstehen, wenn alles passt und der Bedarf nach Wandel in der Wohnung nur beschränkt vorhanden ist? Doch Leo Lübke sieht das Ergebnis der Studie „Deutschland privat – So wohnen und leben die Deutschen 2012“ eher als Bestätigung für das eigene Angebot. „Mit unseren Produkten haben wir Werte geschaffen, die nach Jahrzehnten noch Bestand haben.“ Der Geschäftsführer von Interlübke hatte die Studie zum 75-jährigen Bestehen des Unternehmens in Auftrag gegeben.

Leo Lübke spricht vom „Kulturgut Möbel“ und liegt richtig mit dieser Einschätzung, denn nach wie vor ist eine gut eingerichtete Wohnung – noch vor der Freizeit – für die Deutschen von zentraler Bedeutung. Auch wenn Klaus-Peter Schöppner von TNS Emnid, das die Studie ausgehend von einer repräsentativen Telefonbefragung Ende Februar 2012 erstellte, anmerkt, dass „Wohnen seit 1989 anders geworden ist“. Seit damals haben sich Raumfolgen, Raumnutzung und auch der Technologisierungsgrad deutlich verändert. Geblieben sei der Wunsch nach einer hochwertigen Einrichtung und dieser Wunsch nehme mit steigendem Alter zu, so der Meinungsforscher. Ein Wunsch, der nicht naturgegeben ist, sondern im Laufe des Lebens „erlernt“ wird. Der Einstieg in die Einrichtungswelt erfolgt für viele über Do-it-yourself-Möbel aus dem Möbelmarkt, vielfach von Ikea. Erst in der dritten Einrichtungsrunde landet dann ein erheblicher Teil der Käufer bei den Qualitätsanbietern im Fachhandel. „Dann kommen wir mit dem Kaufargument Wertigkeit und Langlebigkeit ins Spiel“, sagt Leo Lübke, auch wenn die aktuelle Studie den Deutschen weiterhin wenig Markenbewusstsein beim Möbelkauf nachweist (vierzehn Prozent).

Informierte Kunden fordern andere Beratung

Eine schlechte Position also für Möbelmarken? Wohl eher eine Chance, wenn denn die Markenkommunikation an der richtigen Stelle erfolgt. Laut Studie holen sich 51 Prozent der Kunden in der ersten Kaufphase Informationen und Orientierung im Internet. Fast zehn Prozent weniger (42 Prozent) werfen vor einer Kaufentscheidung einen Blick in Wohnzeitschriften. Das Gros der Käufer holt sich anschließend Rat im Fachgeschäft (66 Prozent), was dort für ein neues Kräfteverhältnis sorgt. Klaus-Peter Schöppner: „Die Kunden sind wesentlich informierter, die Beratungssituation im Fachhandel hat sich dadurch deutlich gewandelt.“

Doch was will der Kunde beim Möbelkauf? In Deutschland zunächst einmal wenig Experiment, das zeichnet sich schon bei der Aufteilung der Wohnung ab. Die Wohnbereiche bleiben bei einer Vielzahl fein säuberlich getrennt. Das mag zum einen an vorhandenen Grundrissen liegen, die nicht ohne weiteres zu verändern sind. Doch auch die nationale Mentalität spielt offenbar eine Rolle. „Die Deutschen sind eher traditionell“, stellt Leo Lübke fest, „in kleineren Ländern wie den Niederlanden oder Belgien herrscht mehr Offenheit für neues Wohnen.“

Die Küche bleibt autark

In Deutschland ist ein Schlafzimmer ein Schlafzimmer und sonst nichts, sagen 85 Prozent der Befragten. Elf Prozent lassen noch eine Arbeitsecke rein, dann ist aber die Tür zu. Anders sieht es im Wohnzimmer aus. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) bleiben zwar beim reinen Wohnzimmer, doch immerhin vierzig Prozent kombinieren das Wohnzimmer mit einem Essbereich, manche nehmen weitere Funktionen wie Arbeiten und Schlafen dazu. In der Deutlichkeit überraschend, wie die Studie mit manchen prognostizierten Trends aufräumt, die (noch) die Bilderwelten der Werbung dominieren. Die Liaison der Küche mit dem Wohn- oder Esszimmer scheint eher ein kurzer Flirt oder eine extravagante Fantasie gewesen zu sein. Bei 73 Prozent der Deutschen bleibt die Küche autark, nur 21 Prozent erlauben das Zusammengehen mit dem Esszimmer, im Wohnzimmer ist die Küche fast vollständig außen vor (drei Prozent).

Kaum ein Gedanke also an neue Wohnwelten und auch die Sitzgarnitur verteidigt ihren Stammplatz. Für 95 Prozent sind im Wohnzimmer Polstermöbel Pflicht. Der Berliner Designer Werner Aisslinger, der für Interlübke in den vergangenen Jahren einige Möbel gestaltet hat, sieht zwar „keine Stile mehr in den Wohnungen, sondern eher Kollagen“, doch auch wenn sich Materialien oder Formen mischen und überlagern, viel Platz für Neues scheint es in deutschen Wohnungen nicht zu geben, obwohl die durchschnittliche Wohnungsfläche mit 96 Quadratmetern erstaunlich hoch ist. Aisslinger: „Neue Wohnformen sickern nur langsam durch.“

492 Euro pro Jahr für Möbel

Wenn also in deutschen Wohnungen grundsätzlich vieles schon am rechten Platz ist, wo sind dann die Absatzmöglichkeiten? Klar ist, dass in Deutschland kontinuierlich ins Wohnen investiert wird. Laut Statistischem Bundesamt gab 2008 im Durchschnitt jeder deutsche Haushalt 492 Euro für Möbel und Einrichtungsgegenstände aus. Das war fast so viel wie für Damenbekleidung (516 Euro). Die Vorliebe der Frauen für Textiles zeigt sich laut der aktuellen Studie auch in den eigenen Wänden. 91 Prozent der Frauen setzen auf Gardinen (Männer 82 Prozent), 68 Prozent legen Wert auf Teppiche (Männer 54 Prozent). Männer hingegen lieben Technik und Ordnung. 78 Prozent halten eine Musikanlage für unverzichtbar (Frauen 71 Prozent), 55 Prozent sehen ihr Glück in Regalen und anderen Systemmöbeln (Frauen 46 Prozent). Im Zahlenspiel aus Umfragen und Statistiken könnte man sich nun schnell verlieren, doch kommen wir noch mal auf die Ausgangsfrage zurück: Welche konkreten Nachfragen und Wünsche bestehen nun im Wohnbereich?

Die aktuelle Studie liefert einige Anhaltspunkte. Natürliches wie Holz ist weiterhin beliebt (38 Prozent), wenn auch seit 1989 ein deutlicher Rückgang von elf Prozent zu verzeichnen ist. Dafür haben helle und weiße Farbtöne einen gewaltigen Sprung von plus siebzehn Prozent gemacht auf der Beliebtheitsskala (33 Prozent). Eine Entwicklung, die bei Leo Lübke für eine späte Genugtuung sorgt: „Den aktuellen Trend zu weiß sehen wir auch als Bestätigung unserer Aktivitäten in den 1960er Jahren.“ Damals hatte Interlübke die weisse Hochglanzlackierung für seine „endlosen“ Schrankwände eingeführt. Der Farbtrend lebt, der Wunsch nach praktischen Schrankwänden bleibt überdurchschnittlich (57 Prozent). Doch an vielen Stellen rückt laut Studie das Individuelle in den Vordergrund, die persönlichen Vorlieben entscheiden über die Einrichtung, nicht das gesellschaftliche Diktat. Und die Vorlieben sind nicht geschmäcklerisch, sondern vielfach ganz praktisch orientiert. Wie beispielsweise der Wunsch von älteren Menschen nach Verbesserungen bei der Nutzung der Möbel. Optimierte Griffe oder Griffmulden versprechen eine einfache Handhabung, Beleuchtung in den Schränken sorgt für ein leichteres Zurechtfinden. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von Universaldesign, doch das ist ein anderes Thema.

Wenn auch Interlübke die Studie als „Geschenk an die Nation“ aus Anlass des Firmenjubiläums begreift, im Hintergrund stehen wirtschaftliche Überlegungen für das Unternehmen, wie man im eigenen Handeln „gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen“ kann. Neben den veröffentlichten Eckpunkten hat die Befragung „noch viele weitere Erkenntnisse gebracht, die wir sorgfältig für unser Unternehmen auswerten werden“, so Leo Lübke. Können und sollen also die Umfragewerte direkt in die Produktentwicklung einfließen? In der Praxis wohl ein eher schwieriges Unterfangen, da Meinungsumfragen doch im Kern nur die jeweils aktuellen Wünsche abbilden können. Was heute auf der persönlichen Wohnungswunschliste steht, kann eine Umfrage erfassen, ob diese Wünsche morgen in konkretes Handeln münden, bleibt allerdings unbestimmt. Schon oft sind Ergebnisse der Demoskopie derart als verlässlicher Fingerzeig fehlinterpretiert worden.

So hat Interlübke mit der Studie „Deutschland privat“ zunächst eine umfangreiche Bestandsaufnahme zum Wohnen in Deutschland im Jahr 2012 ermöglicht. Ob die darin dokumentierten Vorstellungen und Wünsche der Deutschen Bestand haben oder sich aufgrund persönlicher, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Entwicklungen in eine andere Richtung verändern werden, wird erst im Rückblick verifiziert werden können.

Link zu Ergebnissen der Studie:
www.interluebke.de

Entwicklung von Möbeln von 1937 bis 1963, Fotos © Interlübke
„Serie 123” aus den 1950er Jahren, Foto © Interlübke
„Cabinet Wall“, 1964, Foto © Interlübke
Entwicklung des „Cube“, 2002, Grafik © Interlübke
Bett produziert von den Gebrüdern Lübke, 1937, Abbildung © Interlübke
Interlübke in den 1960er Jahren, Grafik © Interlübke
Inszenierung aus den 1970er Jahren, Foto © Interlübke
„Studimo“, 1976, Foto © Interlübke
Deutschlands häufigstes Wohnzimmer nach Jung von Matt, Foto © Jung von Matt AG, H. Schröder
Studentisches Wohnzimmer, 2007, Foto © Jan Beckendorf
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