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Zimmerregen oder Beobachtungen in der Wohlfühlzone Teil 2
von Thomas Wagner | 17. März 2009
Alle Fotos © Thomas Wagner und Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Sie tragen so fantasievolle Namen wie Faraway oder Pura Vida, sie schmücken sich mit Anhängseln wie Murano oder Canyon, sie versprechen Clean Technology und eine Synthese aus Reinheit, Lifestyle und Umweltschutz. Von riesigen Leinwänden herab lächeln uns entspannte, leicht bekleidete Danaiden zu und von ihrer edel und luxuriös gestalteten Lagerstätte blicken sinnliche Frauenaugen in weite Landschaften voll dichtem Grün. Denn in eher profanen Schläuchen und Leitungen, durch Armaturen und Perlatoren fließt eben nicht nur Wasser. Was sich in die Badezimmer ergießt, in denen die Zukunft begonnen haben soll, sind nie versiegende Ströme von Träumen und Sehnsüchten, Kaskaden der Abschirmung, die den gestressten Menschen der westlichen Wohlfühlzonen einhüllen wie der Mutterschoß. Auch wenn es nicht leicht fällt, den durch wachsende Konkurrenz angeheizten Parcour der Werbebotschaften und der Marketinglyrik ernst zu nehmen, zumal auf einer Weltleitmesse, wo dergleichen geballt auftritt, so ist doch auch sie Ausdruck für die Veränderung unserer Welt. Denn besonders im Bad als dem Teil der Wohnung, in dem, neben dem Schlafzimmer, der Körper in seiner Intimität sich entfalten darf, wird offenbar, wie enorm das Bedürfnis des Menschen der Erlebnisgesellschaft nach einem geschützten Verwöhnraum ist. Dass er dem Zwang zum Erleben auch dort nicht entkommt, und dass die einschlägige Industrie noch seinen Rückzug als öffentliche Sphäre gestaltet, sagt einiges darüber aus, wie komplex das zeitgenössische Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit geworden ist. Je dichter und zudringlicher Natur und Zivilisation dem Menschen auf die Pelle rückt, desto bereitwilliger richtet er sich in deren kulturell verfeinerter, deshalb aber nicht weniger domestizierter Variante ein. Im Bad, am Rande eines künstlichen Teichs, so scheint es, ist der moderne Narziss endlich frei von aller Sorge und Hysterie. Voraussetzung dafür ist freilich, dass seine Wohnung - auch und neben anderen Einrichtungen wie der Familie oder der Stadt - als räumliches Immunsystem funktioniert, das für die Abwehr von zivilisatorischen Störungen zuständig ist.

Trendcocktail

Eine Mixtur aus Trends soll ihm behilflich sein, wenn es darum geht, seinen eigenen Verwöhnungsraum entsprechend einzurichten. Doch längst gibt es nicht nur einen Trend. Derer sind viele, und diese lassen sich ebenso kombinieren wie gelegentlich und in werbenden Absicht in Reinform darstellen. Kein Wunder also, wenn einem die zur ISH von der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft allzu idealtypisch aufgelisteten nicht nur bekannt, sondern auch recht nichtssagend vorkommen. Im „Soft bathroom" stört selbstverständlich keine Kante, an der sich der nackte Körper stoßen könnte. Hier stört nichts das wohlige Beisichselbstsein, hier ist alles warm, die Oberflächen sind samtig, die Podeste gepolstert, die Kunststoffe elastisch. Und wo im „Fashion bathroom" Mode und Lifestyle vorherrschen, da verbinden sich im „Green bathroom" gutes Gewissen und Wellness, dominieren natürliche Materialien, die Technik ist auf den neuesten Stand und das Design langlebig. Selbst im „Easy bathroom", einer schlichten Metamorphose des Durchschnittsbades, ist das Leben leichter, denn sein „Universal Design" soll niemanden ausschließen, weder Alt noch Jung. „Private spa" nennt sich hingegen die Genussvariante, bei der die „Routine zum Ritual und das Wasser zu Erlebnis wird". In „Design for a better bath" soll „die Handschrift eines bestimmten Designers" die „elitäre Vorstellung vom so genannten Designerbad" überholt erscheinen lassen, und in „Water love" die verschwenderische Lust am Plantschen mittels Regenduschen und Schwallarmaturen ausgelebt werden können. „Techness" ist etwas für den Ingenieur im Mann, „Homing" und „Interior concepts" sollen beschreiben, wie das Bad vollends zum Wohnzimmer und zu einer innenarchitektonischen Herausforderung wird.

Freiheit für die Wanne Konkret sieht die Realität des Luxuslebensraums Bad dann doch etwas anders aus. Trends gibt es aber durchaus, auch wenn diese sich nicht gar so einfach sortieren lassen wie die professionellen Trendberater glauben. Der zur frei stehenden Badewanne jedenfalls lässt sich auf der Messe überall beobachten. Ergänzt wird er durch die fortschreitende Aufrüstung des Zubers zu einem Wellness-Bassin mit allerlei Funktionen. Aber das ist alles andere als neu. Das Lösen der Wanne von der Wand indes hat erhebliche Konsequenzen, nicht allein, was Raumgröße, Raumaufteilung und technische Anbindung angeht. Es ist vor allem ein Geschenk für die Designer, das es ihnen ermöglicht, das Becken nun skulptural zu behandeln. Was einerseits eine Emanzipation von den integrativen und standardisierten Systemen des 20. Jahrhunderts bedeutet, ist andererseits der Schlüssel zu luxuriösen Wohlfühllandschaften, die zwischen Innenarchitektur und künstlerischer Installation schwanken. Viele dieser Erlebnisbäder sind mehr oder weniger bewusst japanisch inspiriert, von den Becken und Bottichen der Onsen ebenso wie von der japanischen Vorstellung einer Repräsentation der Natur im kleinen Format. Was nicht heißt, dass nun alle Badezimmer japanisch eingerichtet würden. Übernommen wird nicht die Ästhetik, sondern die Raumstruktur, in der das Wasser und die in den Innenraum integrierte Natur ins Zentrum rücken. Und: Man holt sich Inspiration nicht bei der Technik, sondern bei der Natur. Auf diese Weise gibt das Bad zugleich sein Inseldasein auf. Aus der Nasszelle oder der Badmaschine wird nun ein Ort der Symbiose, mit sich selbst und einer gezähmten Natur. Markante Einläufe, aus denen sich das Leben spendende Nass wie aus einem Wasserfall ergießt, große, freistehende oder in Holzpodeste eingelassen Bottiche, all das findet man beispielsweise bei Axor Massaud, aber auch bei Zuchetti. Kos, und - wie könnte es anders sein - bei Toto, Japans führendem Hersteller, der sich mit einem vom Züricher Architekturbüro MACH in Zusammenarbeit mit Intentionallies, e15 und Guise überaus ansprechend gestalteten Stand erstmals in Europa präsentiert und bei dieser Gelegenheit seine drei neuen Serien „Neorest SE", „Neorest LE" und „NC" vorstellt. Vor allem der von e15 gestaltete Raum, in dem die Serie „Neorest LE" aus dem Epoxidharz Luminist präsentiert wird, entwickelt die japanisch inspirierte, aber europäischen Bedürfnissen angepasste Raumökonomie nahezu idealtypisch, ohne in den Fehler zu verfallen, aus dem Bad gleich einen kompletten Wohnraum mit Bett, Sessel, Teppich, Büchern und vielem mehr zu machen.

Die Dusche als Bühne Unter dem Diktat luxuriöser Inszenierung wandelt sich auch die Dusche vom platzsparenden, transparent eingehegten Reinigungsinstrument mehr und mehr zum großzügig angelegten Solitär. Das geht so weit, dass Kaldewei seinen neuen, kreisrunden Duschteller Piatto mitten im Raum umfangen von einem schweren roten Vorhang als bühnenhaften Präsentierteller wohliger Selbstdarstellung vorstellt. In ihrer Grundstruktur erinnern solche Rundumduschen trotzdem an Modelle, wie sie um 1900 in Gebrauch waren. Im derart symbolisch aufgeladenen Duschvorhang lebt, zum erotischen Showeffekt verkehrt, das mittelalterliche Badewannenzelt fort, das sich im puritanischen England bis ins 18. Jahrhundert bewährte. Ansonsten, ob offen und weiträumig gestaltet oder nicht, dominiert bei den Duschen die Vorstellung vom großen, warmen und sanften Regen, der sich über den ganzen Körper ergießt und ihn angenehm einhüllt. Keine Anstrengung scheint zu groß, um den eigenen Körper mittels der prickelnden und entspannenden Ionisierung der Haut neu empfangen zu können. Grohe bietet zu diesem Zweck eine „Rainshower" genannte Serie von Handbrausen an, die auf den ersten Blick in ihrer Zweifarbigkeit etwas zu sehr wie Haarbürsten aussehen, doch gleichwohl auf exemplarische Weise Genuss und Sparwillen verbinden. Wer weniger im Regen stehen will, muss einfach nur einen Eco-Knopf betätigen.

Die Moderne als Mischarmatur Auch metaphorologisch hat der Sanitärbereich einiges zu bieten. Das gilt vor allem für die so genannte Mischarmatur, in der die Gegensätze in Form heißen und kalten Wassers bekanntlich zusammenfließen. Die Mischbatterie ist gleichsam der Ort eines wohltemperierten Lebens, das die Extreme gebändigt hat und somit buchstäblich ausschließt, dass man sich an der Wirklichkeit die Finger verbrennt oder in der Berührung mit ihr vor Kälte erstarrt. Mittlerweile gibt es so viele Serien von Armaturen, dass man sich nicht einmal bei den Neuheiten einen Überblick verschaffen kann. Aus der Masse des Neuen und Verbesserten ragt in diesem Jahr besonders eine Serie heraus: „Supernova" von Dornbracht. Mit dieser eleganten Armaturenserie ist Sieger Design etwas Außergewöhnliches gelungen. Ob als Mischbatterie, Wandarmatur oder Wanneneinlauf, stets führt die markante Geometrie des Auslaufs und der Bedienelemente zu einem kubistischen Spiel des Lichts auf den glänzenden Flächen. Eine leichte Neigung nach vorn erzeugt zusätzlich Dynamik, und die seidenmatt schimmernde und doch glänzende Oberflächengestaltung tut ein Übriges, um aus „Supernova" ein Produkt zu machen, das ebenso in der Moderne verankert ist wie diese augenzwinkernd hinter sich zu lassen. Da sich die Armatur obendrein problemlos in unterschiedliche Einrichtungsstile einfügt, könnte aus einem explodierenden Stern leicht ein Klassiker von morgen werden.

Wohnräume verschmelzen Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk recht hat und die Kunstinstallation „die ästhetische Explikation der Einbettung" ist, dann setzt sich dies, nicht nur weil auch im Sanitärbereich von Installation die Rede ist, innerhalb einer liberalen Massenkultur im Badezimmer fort. Innerhalb der Wohnung ist das Bad der Ort gesteigerter Einbettung in die Elemente. Und so verwundert es eigentlich wenig, wenn die neuen, raumgreifenden, Schlafzimmer, Wohnbereich, Entspannungszone und Reinigungsort vereinenden Badoasen zu dem tendieren, was sie sind: Inszenierungen im Sinne künstlerischer Installationen oder Environments. Da hilft auch alle Zweckbestimmung nichts. So verschmelzen auch in Patricia Urquiolas neuen Programm „Axor Urquiola" Schlafzimmer und Bad zu einem Bereich der Entspannung, Regeneration, Körperpflege und Kommunikation. Konnte man in den heiteren Siebzigerjahren noch auf Meinungsbuttons lesen: „Save water, bath with a friend", so liegt der von seinem Dauereinsatz in seiner Büro-Wohnung ermüdete Gegenwartsmensch nun eher in einer eigenen Wanne neben dem Partner und plaudert. Die Wanne freilich ist, ebenso schlicht wie raffiniert gestaltet, inspiriert vom guten alten Waschzuber, aber auch von den am Kopfende hochgezogenen Wannen des 19. Jahrhunderts, nun aber am Fußende versehen mit einer griffartigen Aussparung, die das Badetuch aufnimmt. Sie wolle das Bad „häuslicher machen", hat Patricia Urquiola bekannt, und das gelingt ihr dort am überzeugendsten, wo sie aus der profanen Waschschüssel nicht nur ein veritables Becken mit zwei „Griffen" macht, sondern dieses, statt es an der Wand zu hängen, auf einen tischartigen Unterbau stellt. Wo Urquiolas Bad auf das eher einfache Leben im Landhaus anspielt, setzen Ludivica und Roberto Palomba in ihrer Case Study „Faraway" für Zuchetti und Kos auf die Metapher des Reisens mit den Sinnen. Abgesehen von der Frage, wie man ohne Sinne reisen soll, interpretiert die Studie die Erweiterung des Bades als Entwicklung von der Wohnmaschine zum Nomadenzelt. Da Wanne und kelchförmiges Becken einbezogen sind in ein Sammelsurium aus Accessoires aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, muss man sie fast schon suchen. So ist der postmoderne Nomade also aus den trockenen Weiten der Wüste und den nassen, ungesicherten und schwankenden der Meere heimgekehrt ins Gehäuse, wo er sich imaginiert, was er verloren hat.

Befreites Fließen

Dass die Neudefinition des Bades nicht ganz ohne ideologischen Überbau vonstatten geht, zeigt auch Ross Lovegroves neueste Kreation „Freedom" für VitrA, immerhin seine dritte Kollektion für den erfolgreichen türkischen Hersteller. Auch wenn es sich dabei nicht um ein erweitertes Raumprogramm handelt, auch Lovegrove setzt, auf der Basis seiner Idee einer „supernaturalen" Form, auf eine Zustandsveränderung des Bades. Diese ergibt sich gleichsam prozessual aus der des Materials Keramik, das bei der Produktion erst verflüssigt wird, bevor es in seiner neuen Form wieder fest wird. Folglich wirken die monolithischen Blöcke, ob bei Toilette, Bidet oder Waschbecken, wie die skulpturale Verfestigung des Fließens selbst. Das drückt sich am prägnantesten in der eigens entwickelten, wellenförmigen Armatur aus, die trotz allem fremd, vielleicht aber auch nur ungewohnt wirkt. Auf einer spirituellen Ebene befinden wir uns somit dort, wo die Faszination des Wassers liegt: beim reinigen, umschmeichelnden, erfrischenden Fließen. Freiheit für das Wasser.

Axor Urquiola von Patricia Urquiola für AXOR/Hansgrohe
Axor Urquiola von Patricia Urquiola für AXOR/Hansgrohe
Axor Urquiola von Patricia Urquiola für AXOR/Hansgrohe
Faraway von Ludovica + Roberto Palomba für KOS
Faraway von Ludovica + Roberto Palomba für KOS
Faraway von Ludovica + Roberto Palomba für KOS
Supernova von Sieger Design für Dornbracht
Supernova von Sieger Design für Dornbracht
Tara white von Sieger Design für Dornbracht
Axor Massaud von Jean-Marie Massaud für AXOR/Hansgrohe
Axor Massaud von Jean-Marie Massaud für AXOR/Hansgrohe
Freedom von Ross Lovegrove für Vitra Bad
Alape
Neorest LE von Toto
Neorest LE von Toto
News & Stories › 2009 › März
Zimmerregen oder Beobachtungen in der Wohlfühlzone Teil 2
von Thomas Wagner | 17. März 2009
Trends gibt es viele, aber nur einer weist den Weg: Das Bad wird größer und verschmilzt mit dem Schlafzimmer zu einem Bereich der Entspannung und Regeneration. Ganz so einfach ist diese Designaufgabe allerdings nicht zu bewältigen.
Sie tragen so fantasievolle Namen wie Faraway oder Pura Vida, sie schmücken sich mit Anhängseln wie Murano oder Canyon, sie versprechen Clean Technology und eine Synthese aus Reinheit, Lifestyle und Umweltschutz. Von riesigen Leinwänden herab lächeln uns entspannte, leicht bekleidete Danaiden zu und von ihrer edel und luxuriös gestalteten Lagerstätte blicken sinnliche Frauenaugen in weite Landschaften voll dichtem Grün. Denn in eher profanen Schläuchen und Leitungen, durch Armaturen und Perlatoren fließt eben nicht nur Wasser. Was sich in die Badezimmer ergießt, in denen die Zukunft begonnen haben soll, sind nie versiegende Ströme von Träumen und Sehnsüchten, Kaskaden der Abschirmung, die den gestressten Menschen der westlichen Wohlfühlzonen einhüllen wie der Mutterschoß. Auch wenn es nicht leicht fällt, den durch wachsende Konkurrenz angeheizten Parcour der Werbebotschaften und der Marketinglyrik ernst zu nehmen, zumal auf einer Weltleitmesse, wo dergleichen geballt auftritt, so ist doch auch sie Ausdruck für die Veränderung unserer Welt. Denn besonders im Bad als dem Teil der Wohnung, in dem, neben dem Schlafzimmer, der Körper in seiner Intimität sich entfalten darf, wird offenbar, wie enorm das Bedürfnis des Menschen der Erlebnisgesellschaft nach einem geschützten Verwöhnraum ist. Dass er dem Zwang zum Erleben auch dort nicht entkommt, und dass die einschlägige Industrie noch seinen Rückzug als öffentliche Sphäre gestaltet, sagt einiges darüber aus, wie komplex das zeitgenössische Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit geworden ist. Je dichter und zudringlicher Natur und Zivilisation dem Menschen auf die Pelle rückt, desto bereitwilliger richtet er sich in deren kulturell verfeinerter, deshalb aber nicht weniger domestizierter Variante ein. Im Bad, am Rande eines künstlichen Teichs, so scheint es, ist der moderne Narziss endlich frei von aller Sorge und Hysterie. Voraussetzung dafür ist freilich, dass seine Wohnung - auch und neben anderen Einrichtungen wie der Familie oder der Stadt - als räumliches Immunsystem funktioniert, das für die Abwehr von zivilisatorischen Störungen zuständig ist.

Trendcocktail

Eine Mixtur aus Trends soll ihm behilflich sein, wenn es darum geht, seinen eigenen Verwöhnungsraum entsprechend einzurichten. Doch längst gibt es nicht nur einen Trend. Derer sind viele, und diese lassen sich ebenso kombinieren wie gelegentlich und in werbenden Absicht in Reinform darstellen. Kein Wunder also, wenn einem die zur ISH von der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft allzu idealtypisch aufgelisteten nicht nur bekannt, sondern auch recht nichtssagend vorkommen. Im „Soft bathroom" stört selbstverständlich keine Kante, an der sich der nackte Körper stoßen könnte. Hier stört nichts das wohlige Beisichselbstsein, hier ist alles warm, die Oberflächen sind samtig, die Podeste gepolstert, die Kunststoffe elastisch. Und wo im „Fashion bathroom" Mode und Lifestyle vorherrschen, da verbinden sich im „Green bathroom" gutes Gewissen und Wellness, dominieren natürliche Materialien, die Technik ist auf den neuesten Stand und das Design langlebig. Selbst im „Easy bathroom", einer schlichten Metamorphose des Durchschnittsbades, ist das Leben leichter, denn sein „Universal Design" soll niemanden ausschließen, weder Alt noch Jung. „Private spa" nennt sich hingegen die Genussvariante, bei der die „Routine zum Ritual und das Wasser zu Erlebnis wird". In „Design for a better bath" soll „die Handschrift eines bestimmten Designers" die „elitäre Vorstellung vom so genannten Designerbad" überholt erscheinen lassen, und in „Water love" die verschwenderische Lust am Plantschen mittels Regenduschen und Schwallarmaturen ausgelebt werden können. „Techness" ist etwas für den Ingenieur im Mann, „Homing" und „Interior concepts" sollen beschreiben, wie das Bad vollends zum Wohnzimmer und zu einer innenarchitektonischen Herausforderung wird.

Freiheit für die Wanne Konkret sieht die Realität des Luxuslebensraums Bad dann doch etwas anders aus. Trends gibt es aber durchaus, auch wenn diese sich nicht gar so einfach sortieren lassen wie die professionellen Trendberater glauben. Der zur frei stehenden Badewanne jedenfalls lässt sich auf der Messe überall beobachten. Ergänzt wird er durch die fortschreitende Aufrüstung des Zubers zu einem Wellness-Bassin mit allerlei Funktionen. Aber das ist alles andere als neu. Das Lösen der Wanne von der Wand indes hat erhebliche Konsequenzen, nicht allein, was Raumgröße, Raumaufteilung und technische Anbindung angeht. Es ist vor allem ein Geschenk für die Designer, das es ihnen ermöglicht, das Becken nun skulptural zu behandeln. Was einerseits eine Emanzipation von den integrativen und standardisierten Systemen des 20. Jahrhunderts bedeutet, ist andererseits der Schlüssel zu luxuriösen Wohlfühllandschaften, die zwischen Innenarchitektur und künstlerischer Installation schwanken. Viele dieser Erlebnisbäder sind mehr oder weniger bewusst japanisch inspiriert, von den Becken und Bottichen der Onsen ebenso wie von der japanischen Vorstellung einer Repräsentation der Natur im kleinen Format. Was nicht heißt, dass nun alle Badezimmer japanisch eingerichtet würden. Übernommen wird nicht die Ästhetik, sondern die Raumstruktur, in der das Wasser und die in den Innenraum integrierte Natur ins Zentrum rücken. Und: Man holt sich Inspiration nicht bei der Technik, sondern bei der Natur. Auf diese Weise gibt das Bad zugleich sein Inseldasein auf. Aus der Nasszelle oder der Badmaschine wird nun ein Ort der Symbiose, mit sich selbst und einer gezähmten Natur. Markante Einläufe, aus denen sich das Leben spendende Nass wie aus einem Wasserfall ergießt, große, freistehende oder in Holzpodeste eingelassen Bottiche, all das findet man beispielsweise bei Axor Massaud, aber auch bei Zuchetti. Kos, und - wie könnte es anders sein - bei Toto, Japans führendem Hersteller, der sich mit einem vom Züricher Architekturbüro MACH in Zusammenarbeit mit Intentionallies, e15 und Guise überaus ansprechend gestalteten Stand erstmals in Europa präsentiert und bei dieser Gelegenheit seine drei neuen Serien „Neorest SE", „Neorest LE" und „NC" vorstellt. Vor allem der von e15 gestaltete Raum, in dem die Serie „Neorest LE" aus dem Epoxidharz Luminist präsentiert wird, entwickelt die japanisch inspirierte, aber europäischen Bedürfnissen angepasste Raumökonomie nahezu idealtypisch, ohne in den Fehler zu verfallen, aus dem Bad gleich einen kompletten Wohnraum mit Bett, Sessel, Teppich, Büchern und vielem mehr zu machen.

Die Dusche als Bühne Unter dem Diktat luxuriöser Inszenierung wandelt sich auch die Dusche vom platzsparenden, transparent eingehegten Reinigungsinstrument mehr und mehr zum großzügig angelegten Solitär. Das geht so weit, dass Kaldewei seinen neuen, kreisrunden Duschteller Piatto mitten im Raum umfangen von einem schweren roten Vorhang als bühnenhaften Präsentierteller wohliger Selbstdarstellung vorstellt. In ihrer Grundstruktur erinnern solche Rundumduschen trotzdem an Modelle, wie sie um 1900 in Gebrauch waren. Im derart symbolisch aufgeladenen Duschvorhang lebt, zum erotischen Showeffekt verkehrt, das mittelalterliche Badewannenzelt fort, das sich im puritanischen England bis ins 18. Jahrhundert bewährte. Ansonsten, ob offen und weiträumig gestaltet oder nicht, dominiert bei den Duschen die Vorstellung vom großen, warmen und sanften Regen, der sich über den ganzen Körper ergießt und ihn angenehm einhüllt. Keine Anstrengung scheint zu groß, um den eigenen Körper mittels der prickelnden und entspannenden Ionisierung der Haut neu empfangen zu können. Grohe bietet zu diesem Zweck eine „Rainshower" genannte Serie von Handbrausen an, die auf den ersten Blick in ihrer Zweifarbigkeit etwas zu sehr wie Haarbürsten aussehen, doch gleichwohl auf exemplarische Weise Genuss und Sparwillen verbinden. Wer weniger im Regen stehen will, muss einfach nur einen Eco-Knopf betätigen.

Die Moderne als Mischarmatur Auch metaphorologisch hat der Sanitärbereich einiges zu bieten. Das gilt vor allem für die so genannte Mischarmatur, in der die Gegensätze in Form heißen und kalten Wassers bekanntlich zusammenfließen. Die Mischbatterie ist gleichsam der Ort eines wohltemperierten Lebens, das die Extreme gebändigt hat und somit buchstäblich ausschließt, dass man sich an der Wirklichkeit die Finger verbrennt oder in der Berührung mit ihr vor Kälte erstarrt. Mittlerweile gibt es so viele Serien von Armaturen, dass man sich nicht einmal bei den Neuheiten einen Überblick verschaffen kann. Aus der Masse des Neuen und Verbesserten ragt in diesem Jahr besonders eine Serie heraus: „Supernova" von Dornbracht. Mit dieser eleganten Armaturenserie ist Sieger Design etwas Außergewöhnliches gelungen. Ob als Mischbatterie, Wandarmatur oder Wanneneinlauf, stets führt die markante Geometrie des Auslaufs und der Bedienelemente zu einem kubistischen Spiel des Lichts auf den glänzenden Flächen. Eine leichte Neigung nach vorn erzeugt zusätzlich Dynamik, und die seidenmatt schimmernde und doch glänzende Oberflächengestaltung tut ein Übriges, um aus „Supernova" ein Produkt zu machen, das ebenso in der Moderne verankert ist wie diese augenzwinkernd hinter sich zu lassen. Da sich die Armatur obendrein problemlos in unterschiedliche Einrichtungsstile einfügt, könnte aus einem explodierenden Stern leicht ein Klassiker von morgen werden.

Wohnräume verschmelzen Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk recht hat und die Kunstinstallation „die ästhetische Explikation der Einbettung" ist, dann setzt sich dies, nicht nur weil auch im Sanitärbereich von Installation die Rede ist, innerhalb einer liberalen Massenkultur im Badezimmer fort. Innerhalb der Wohnung ist das Bad der Ort gesteigerter Einbettung in die Elemente. Und so verwundert es eigentlich wenig, wenn die neuen, raumgreifenden, Schlafzimmer, Wohnbereich, Entspannungszone und Reinigungsort vereinenden Badoasen zu dem tendieren, was sie sind: Inszenierungen im Sinne künstlerischer Installationen oder Environments. Da hilft auch alle Zweckbestimmung nichts. So verschmelzen auch in Patricia Urquiolas neuen Programm „Axor Urquiola" Schlafzimmer und Bad zu einem Bereich der Entspannung, Regeneration, Körperpflege und Kommunikation. Konnte man in den heiteren Siebzigerjahren noch auf Meinungsbuttons lesen: „Save water, bath with a friend", so liegt der von seinem Dauereinsatz in seiner Büro-Wohnung ermüdete Gegenwartsmensch nun eher in einer eigenen Wanne neben dem Partner und plaudert. Die Wanne freilich ist, ebenso schlicht wie raffiniert gestaltet, inspiriert vom guten alten Waschzuber, aber auch von den am Kopfende hochgezogenen Wannen des 19. Jahrhunderts, nun aber am Fußende versehen mit einer griffartigen Aussparung, die das Badetuch aufnimmt. Sie wolle das Bad „häuslicher machen", hat Patricia Urquiola bekannt, und das gelingt ihr dort am überzeugendsten, wo sie aus der profanen Waschschüssel nicht nur ein veritables Becken mit zwei „Griffen" macht, sondern dieses, statt es an der Wand zu hängen, auf einen tischartigen Unterbau stellt. Wo Urquiolas Bad auf das eher einfache Leben im Landhaus anspielt, setzen Ludivica und Roberto Palomba in ihrer Case Study „Faraway" für Zuchetti und Kos auf die Metapher des Reisens mit den Sinnen. Abgesehen von der Frage, wie man ohne Sinne reisen soll, interpretiert die Studie die Erweiterung des Bades als Entwicklung von der Wohnmaschine zum Nomadenzelt. Da Wanne und kelchförmiges Becken einbezogen sind in ein Sammelsurium aus Accessoires aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, muss man sie fast schon suchen. So ist der postmoderne Nomade also aus den trockenen Weiten der Wüste und den nassen, ungesicherten und schwankenden der Meere heimgekehrt ins Gehäuse, wo er sich imaginiert, was er verloren hat.

Befreites Fließen

Dass die Neudefinition des Bades nicht ganz ohne ideologischen Überbau vonstatten geht, zeigt auch Ross Lovegroves neueste Kreation „Freedom" für VitrA, immerhin seine dritte Kollektion für den erfolgreichen türkischen Hersteller. Auch wenn es sich dabei nicht um ein erweitertes Raumprogramm handelt, auch Lovegrove setzt, auf der Basis seiner Idee einer „supernaturalen" Form, auf eine Zustandsveränderung des Bades. Diese ergibt sich gleichsam prozessual aus der des Materials Keramik, das bei der Produktion erst verflüssigt wird, bevor es in seiner neuen Form wieder fest wird. Folglich wirken die monolithischen Blöcke, ob bei Toilette, Bidet oder Waschbecken, wie die skulpturale Verfestigung des Fließens selbst. Das drückt sich am prägnantesten in der eigens entwickelten, wellenförmigen Armatur aus, die trotz allem fremd, vielleicht aber auch nur ungewohnt wirkt. Auf einer spirituellen Ebene befinden wir uns somit dort, wo die Faszination des Wassers liegt: beim reinigen, umschmeichelnden, erfrischenden Fließen. Freiheit für das Wasser.