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Zur Narretei des Narrativen
Eine Kolumne von Michael Erlhoff
13. Januar 2016
Alle Gegenstände, Zeichen und auch Dienstleistungen sollen Geschichten erzählen – und das Objekt als solches verschwindet.


Wer nichts zu sagen hat: erzählt. Und wird dabei seit ein paar Jahren auch noch heftig unterstützt durch PR-Agenturen und diese nachplappernden Journalisten und Berufspolitiker. Wurde noch vor etwa zehn Jahren ständig und gewiss nicht immer verständig Michel Foucault's „Dispositiv“ als Fahne vorweg getragen, so ist es heute das „Narrativ“.

Dies betrifft umso mehr das Design und ebenfalls die Architektur. Alle Gegenstände, Zeichen und auch Dienstleistungen sollen Geschichten erzählen. Irgendwelche Geschichten. Als gäbe es sie selber gar nicht mehr als Objekte. Wobei doch das Objekt ebenso wie das deutsche Wort „Gegenstand“ jenen Moment von Widerstand äußert, an dem sich dann in der Auseinandersetzung damit sowohl eine Beziehung zwischen dem Gegenstand und denen, die ihn nutzen, als auch so etwas wie ein Subjekt ergeben, da doch dieses Subjekt seine Erfahrungen, auf denen es aufbaut, aus dieser Auseinandersetzung erst entwickeln kann.

Aber das ist vorbei. Die Gegenstände werden zu puren „Teller Machines“, zu jenen Geräten, aus denen man Geld zieht und die dabei einem das Geld vorzählen, eben vertellen. Denn Erzählungen sind nichts Anderes als Aufzählungen, bieten also bloß die Einbildung an, es gäbe hinter dem Objekt selber eine ihm zuzurechnende inhaltliche Begründung jenseits des Gegenständlichen. Was dann die ganze Sache berechenbar macht und ihr jegliche Eigenheit nimmt.

Mag sein, dass dies so kompakt formuliert etwas unverständlich bleibt. Doch das kann man auflösen. Denn tatsächlich kennen wir wahrscheinlich alle aus eigenen Erfahrungen, etwa bei einem Besuch in der Wohnung oder auch nur im Büro von Bekannten oder gar Freunden, dass diese, wenn man dort vor Ort einen Gegenstand aufregend oder zumindest interessant findet, keineswegs auf dieses Interesse eingehen, vielmehr aber sofort berichten, nämlich erzählen, wie und wo und unter welchen Umständen sie das Ding erworben haben. Nur das scheint wirklich aufregend, da man es doch durch Zufall fand, darum feilschen musste und solche Mühe hatte, es nachhause zu transportieren.

Als ob das irgendjemanden sonst, außer denen, die das erzählen, interessieren sollte. Wahrhaftig artikuliert solche Erzählung lediglich, dass diese Menschen offenbar sich keineswegs mit dem Gegenstand selber auseinandergesetzt haben oder auseinandersetzen wollen und dass sie ihn überhaupt nicht lieben, nur an der Geschichte hängen, die sie dazu berichten. Die Erzählung gerät so zur Legitimation des Erwerbs – obwohl es diese keinesfalls bräuchte. Ja, das Narrativ impliziert stets heimliche Hintergedanken, zum Beispiel sich selbst dafür zu beruhigen, dass man das Ding oder die Dienstleistung eingekauft und eingeheimst hat.

Nun sollte durchaus erwähnt werden, dass selbstverständlich alle Objekte mehr bedeuten als bloß das, was traditionell als deren Funktion beschrieben wurde. Selbstverständlich gilt jene Diskussion auch im Design, in der die vielfältigen Gründe für den Erwerb und die Nutzung von Dingen erörtert werden. Denn zweifellos wird Manches nur des Erwerbs und des Kaufaktes wegen angeeignet – „Kaufen macht Spaß, Besitzen frustriert gelegentlich“ – und Anderes wird genutzt, um anzugeben, um Ängste zu vernichten, sich Träume (vermeintlich) zu erfüllen oder Sorgen zu verhüllen. Doch dies braucht keine Erzählungen. Besser ist, damit bewusst zu leben und sind entsprechende Analysen.

Und gewiss existieren ebenfalls jene „Conversation Pieces“, die Plauder-Gegenstände. Kleidung, Schmuck, Accessoires, aber ebenso Autos, Möbel und andere Formationen taugen vorzüglich, sich irgendwie auffällig zu gestalten und im Smalltalk Anregungen zu finden, über etwas zu sprechen. Nur erzählen diese Sachen nichts, vielmehr reden sie allein über sich selbst. Sie fallen auf und sind dafür gestaltet. So müssen sie überhaupt nicht durch irgendwelche Märchen aufgewertet oder legitimiert werden. Sie reichen dem Zweck an sich selber, sie wirken durch ihre Gestaltung und benötigen deshalb keine weiteren Geschichten.

Mehr noch: Jener Zwang des Narrativen ignoriert völlig das Design selber. Die Erzählung ersetzt sogar die Gestaltung. Denn erzählen kann man irgendetwas über das dümmste und unwichtigste oder jämmerlichst gestaltete Ding. Da doch auf diesem Weg die Erzählung unausweichlich viel wichtiger ist als das Design und dieses einfach ersetzt.
Umso absurder, dass ausgerechnet einige Designerinnen und Designer ebenfalls nach jenen Narrationen verlangen und wirklich behaupten wollen, die Dinge und die Zeichen und die Dienstleistungen müssten über deren Erzählungen vermittelt und, so billig ist das, verkauft werden. Die versinken in jener vom Philosophen Ernst Bloch so klug formulierten „Banalität der Tiefe“ und schaffen nebenbei sich selber ab.

Klar, womöglich hat sich gesellschaftlich der Wahn des Narrativ längst so durchgesetzt, dass ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Gegenständlichen obsolet geworden ist. Weil einfach die Mühe der Auseinandersetzung mit den Objekten bloß noch vermieden und als zu kompliziert gesehen wird. Bieten sich doch längst viele Objekte nicht mehr als solche widerständigen Dimensionen an, betören vielmehr dadurch, dass man sie kaum noch oder nur flüchtig wahrnimmt, und man sie gerade deshalb so schätzt, lediglich sich Geschichten drumherum erzählt, um sie auf diesem Weg sich vermeintlich verständlich zu machen und aneignen zu können. Doch so geraten wir alle zu Narren – leider nicht zu den aufmüpfigen und kuriosen, sondern allein zu den trostlosen. Wir werden zum Narren gehalten.
Michael Erlhoff
Er ist Autor, Design-Theoretiker, Unternehmensberater, Kurator und Organisator; einst CEO des Rat für Formgebung, Mitglied des Beirats der documenta 8 und Gründungsdekan (und dann bis 2013 Professor) der Köln International School of Design/KISD. Erlhoff war Gründer der Raymond Loewy Foundation, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und leitete als Gastdozent Projekte und Workshops an Universitäten in Tokio, Nagoya, Fukuoka, Hangzhou, Shanghai, Taipei, Hongkong, New York und Sydney.
News & Stories › 2016 › Januar
Zur Narretei des Narrativen
von Michael Erlhoff | 13. Januar 2016
Alle Gegenstände, Zeichen und auch Dienstleistungen sollen Geschichten erzählen – und das Objekt als solches verschwindet.
Alle Gegenstände, Zeichen und auch Dienstleistungen sollen Geschichten erzählen – und das Objekt als solches verschwindet.


Wer nichts zu sagen hat: erzählt. Und wird dabei seit ein paar Jahren auch noch heftig unterstützt durch PR-Agenturen und diese nachplappernden Journalisten und Berufspolitiker. Wurde noch vor etwa zehn Jahren ständig und gewiss nicht immer verständig Michel Foucault's „Dispositiv“ als Fahne vorweg getragen, so ist es heute das „Narrativ“.

Dies betrifft umso mehr das Design und ebenfalls die Architektur. Alle Gegenstände, Zeichen und auch Dienstleistungen sollen Geschichten erzählen. Irgendwelche Geschichten. Als gäbe es sie selber gar nicht mehr als Objekte. Wobei doch das Objekt ebenso wie das deutsche Wort „Gegenstand“ jenen Moment von Widerstand äußert, an dem sich dann in der Auseinandersetzung damit sowohl eine Beziehung zwischen dem Gegenstand und denen, die ihn nutzen, als auch so etwas wie ein Subjekt ergeben, da doch dieses Subjekt seine Erfahrungen, auf denen es aufbaut, aus dieser Auseinandersetzung erst entwickeln kann.

Aber das ist vorbei. Die Gegenstände werden zu puren „Teller Machines“, zu jenen Geräten, aus denen man Geld zieht und die dabei einem das Geld vorzählen, eben vertellen. Denn Erzählungen sind nichts Anderes als Aufzählungen, bieten also bloß die Einbildung an, es gäbe hinter dem Objekt selber eine ihm zuzurechnende inhaltliche Begründung jenseits des Gegenständlichen. Was dann die ganze Sache berechenbar macht und ihr jegliche Eigenheit nimmt.

Mag sein, dass dies so kompakt formuliert etwas unverständlich bleibt. Doch das kann man auflösen. Denn tatsächlich kennen wir wahrscheinlich alle aus eigenen Erfahrungen, etwa bei einem Besuch in der Wohnung oder auch nur im Büro von Bekannten oder gar Freunden, dass diese, wenn man dort vor Ort einen Gegenstand aufregend oder zumindest interessant findet, keineswegs auf dieses Interesse eingehen, vielmehr aber sofort berichten, nämlich erzählen, wie und wo und unter welchen Umständen sie das Ding erworben haben. Nur das scheint wirklich aufregend, da man es doch durch Zufall fand, darum feilschen musste und solche Mühe hatte, es nachhause zu transportieren.

Als ob das irgendjemanden sonst, außer denen, die das erzählen, interessieren sollte. Wahrhaftig artikuliert solche Erzählung lediglich, dass diese Menschen offenbar sich keineswegs mit dem Gegenstand selber auseinandergesetzt haben oder auseinandersetzen wollen und dass sie ihn überhaupt nicht lieben, nur an der Geschichte hängen, die sie dazu berichten. Die Erzählung gerät so zur Legitimation des Erwerbs – obwohl es diese keinesfalls bräuchte. Ja, das Narrativ impliziert stets heimliche Hintergedanken, zum Beispiel sich selbst dafür zu beruhigen, dass man das Ding oder die Dienstleistung eingekauft und eingeheimst hat.

Nun sollte durchaus erwähnt werden, dass selbstverständlich alle Objekte mehr bedeuten als bloß das, was traditionell als deren Funktion beschrieben wurde. Selbstverständlich gilt jene Diskussion auch im Design, in der die vielfältigen Gründe für den Erwerb und die Nutzung von Dingen erörtert werden. Denn zweifellos wird Manches nur des Erwerbs und des Kaufaktes wegen angeeignet – „Kaufen macht Spaß, Besitzen frustriert gelegentlich“ – und Anderes wird genutzt, um anzugeben, um Ängste zu vernichten, sich Träume (vermeintlich) zu erfüllen oder Sorgen zu verhüllen. Doch dies braucht keine Erzählungen. Besser ist, damit bewusst zu leben und sind entsprechende Analysen.

Und gewiss existieren ebenfalls jene „Conversation Pieces“, die Plauder-Gegenstände. Kleidung, Schmuck, Accessoires, aber ebenso Autos, Möbel und andere Formationen taugen vorzüglich, sich irgendwie auffällig zu gestalten und im Smalltalk Anregungen zu finden, über etwas zu sprechen. Nur erzählen diese Sachen nichts, vielmehr reden sie allein über sich selbst. Sie fallen auf und sind dafür gestaltet. So müssen sie überhaupt nicht durch irgendwelche Märchen aufgewertet oder legitimiert werden. Sie reichen dem Zweck an sich selber, sie wirken durch ihre Gestaltung und benötigen deshalb keine weiteren Geschichten.

Mehr noch: Jener Zwang des Narrativen ignoriert völlig das Design selber. Die Erzählung ersetzt sogar die Gestaltung. Denn erzählen kann man irgendetwas über das dümmste und unwichtigste oder jämmerlichst gestaltete Ding. Da doch auf diesem Weg die Erzählung unausweichlich viel wichtiger ist als das Design und dieses einfach ersetzt.
Umso absurder, dass ausgerechnet einige Designerinnen und Designer ebenfalls nach jenen Narrationen verlangen und wirklich behaupten wollen, die Dinge und die Zeichen und die Dienstleistungen müssten über deren Erzählungen vermittelt und, so billig ist das, verkauft werden. Die versinken in jener vom Philosophen Ernst Bloch so klug formulierten „Banalität der Tiefe“ und schaffen nebenbei sich selber ab.

Klar, womöglich hat sich gesellschaftlich der Wahn des Narrativ längst so durchgesetzt, dass ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Gegenständlichen obsolet geworden ist. Weil einfach die Mühe der Auseinandersetzung mit den Objekten bloß noch vermieden und als zu kompliziert gesehen wird. Bieten sich doch längst viele Objekte nicht mehr als solche widerständigen Dimensionen an, betören vielmehr dadurch, dass man sie kaum noch oder nur flüchtig wahrnimmt, und man sie gerade deshalb so schätzt, lediglich sich Geschichten drumherum erzählt, um sie auf diesem Weg sich vermeintlich verständlich zu machen und aneignen zu können. Doch so geraten wir alle zu Narren – leider nicht zu den aufmüpfigen und kuriosen, sondern allein zu den trostlosen. Wir werden zum Narren gehalten.
Er ist Autor, Design-Theoretiker, Unternehmensberater, Kurator und Organisator; einst CEO des Rat für Formgebung, Mitglied des Beirats der documenta 8 und Gründungsdekan (und dann bis 2013 Professor) der Köln International School of Design/KISD. Erlhoff war Gründer der Raymond Loewy Foundation, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und leitete als Gastdozent Projekte und Workshops an Universitäten in Tokio, Nagoya, Fukuoka, Hangzhou, Shanghai, Taipei, Hongkong, New York und Sydney.