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Zwanzigzehn
von Thomas Wagner | 1. Januar 2010



Definitiv eine schöne Ziffernfolge: Zwanzigzehn. Man muss sie sprechen und auf den Klang hören: Zwanzig - zehn. Klingt irgendwie geschmeidig, besser jedenfalls als: Zweitausendzehn. Und so ausgewogen und in sich ausbalanciert, so demonstrativ ästhetisch, als wolle sie uns signalisieren, das Jahr, das nun unter ihrer Regentschaft anbricht, werde eines, das den Regeln einer guten Gestaltung zu folgen haben. Womit nicht gesagt sein soll, das Neue Jahr werde eines für Typografen und Grafikdesigner.

Was wird sein in einem Jahr, dessen Zahlencode politisch schon seit Jahren für Streit sorgt und nicht unwesentlich war für die Selbstdemontage einer traditionsreichen Volkspartei? Was steckt in ihm und will ihm deutend entlockt werden? Zwanzig - zehn: Auf das Doppelte folgt das Einfache. Oder: Hier beginnt eine Reihe, in der das jeweils folgende Glied durch Halbierung gebildet wird. Praktisch gedacht, könnte das bedeuten: Was vorne groß angekündigt wird, kommt hinten nur halb so groß heraus. Etwa so wie mit sauer verdientem Geld, von dem am Ende nur die Hälfte bleibt. Oder wie mit den Versprechungen von Politikern, aber von denen bleibt nicht mal die Hälfte.

Zwanzig, so lässt sich in einschlägigen Publikationen erfahren, ist in mystischer Hinsicht nicht sonderlich interessant, dafür aber außerordentlich wichtig bei der Bildung von Zahlsystemen. Der Bundesfinanzminister hört 's gern. Finger und Zehen zusammen ergeben zwanzig, weshalb diese Zahl in vielen Kulturen die Basis der Zählung bildet, so wie 80 im Französischen eben quarte-vingt, also vier mal zwanzig heißt. Aber hilft uns das weiter?

Mit der Zehn ist es nicht viel besser, auch wenn sie seit Alters her - keineswegs nur im Christentum - geehrt wurde als das abgerundete Ganze oder als Symbol einer umfassenden Einheit. Doch kann uns das die Zukunft näher bringen?

Vielleicht verbirgt sich in der Jahreszahl doch eher ein Gesetz reduktiver Transformation, also ein Stück Designprozess? Nach dem Motto: Wie macht man aus zwanzig Glühbirnen zehn Sparlampen, wie wird aus zwanzig Mal Müll zehn Mal Gold? Oder in umgekehrter Richtung: Zwanzig Eheringe haben zehn Paare. Und wer zwanzig Mal ruft, bekommt zehn Mal keine Antwort? Ach, die Zeit! Wer vermag ihr beizukommen? Am ehesten noch der Dichter, doch auch der kennt kein Geschöpf mit Namen Zwanzig-zehn, sondern allein den Zwölf-Elf. Worauf der Rabe Ralf ganz schaurig ruft: „Kra! Das End ist da! Das End ist da!" Und so müssen wir das Jahr mit der schönen Ziffernfolge am Ende doch selbst gestalten. Nun denn: Cheerio - und auf ein Neues!

News & Stories › 2010 › Januar
Zwanzigzehn
von Thomas Wagner | 1. Januar 2010


Definitiv eine schöne Ziffernfolge: Zwanzigzehn. Man muss sie sprechen und auf den Klang hören: Zwanzig - zehn. Klingt irgendwie geschmeidig, besser jedenfalls als: Zweitausendzehn. Und so ausgewogen und in sich ausbalanciert, so demonstrativ ästhetisch, als wolle sie uns signalisieren, das Jahr, das nun unter ihrer Regentschaft anbricht, werde eines, das den Regeln einer guten Gestaltung zu folgen haben. Womit nicht gesagt sein soll, das Neue Jahr werde eines für Typografen und Grafikdesigner.

Was wird sein in einem Jahr, dessen Zahlencode politisch schon seit Jahren für Streit sorgt und nicht unwesentlich war für die Selbstdemontage einer traditionsreichen Volkspartei? Was steckt in ihm und will ihm deutend entlockt werden? Zwanzig - zehn: Auf das Doppelte folgt das Einfache. Oder: Hier beginnt eine Reihe, in der das jeweils folgende Glied durch Halbierung gebildet wird. Praktisch gedacht, könnte das bedeuten: Was vorne groß angekündigt wird, kommt hinten nur halb so groß heraus. Etwa so wie mit sauer verdientem Geld, von dem am Ende nur die Hälfte bleibt. Oder wie mit den Versprechungen von Politikern, aber von denen bleibt nicht mal die Hälfte.

Zwanzig, so lässt sich in einschlägigen Publikationen erfahren, ist in mystischer Hinsicht nicht sonderlich interessant, dafür aber außerordentlich wichtig bei der Bildung von Zahlsystemen. Der Bundesfinanzminister hört 's gern. Finger und Zehen zusammen ergeben zwanzig, weshalb diese Zahl in vielen Kulturen die Basis der Zählung bildet, so wie 80 im Französischen eben quarte-vingt, also vier mal zwanzig heißt. Aber hilft uns das weiter?

Mit der Zehn ist es nicht viel besser, auch wenn sie seit Alters her - keineswegs nur im Christentum - geehrt wurde als das abgerundete Ganze oder als Symbol einer umfassenden Einheit. Doch kann uns das die Zukunft näher bringen?

Vielleicht verbirgt sich in der Jahreszahl doch eher ein Gesetz reduktiver Transformation, also ein Stück Designprozess? Nach dem Motto: Wie macht man aus zwanzig Glühbirnen zehn Sparlampen, wie wird aus zwanzig Mal Müll zehn Mal Gold? Oder in umgekehrter Richtung: Zwanzig Eheringe haben zehn Paare. Und wer zwanzig Mal ruft, bekommt zehn Mal keine Antwort? Ach, die Zeit! Wer vermag ihr beizukommen? Am ehesten noch der Dichter, doch auch der kennt kein Geschöpf mit Namen Zwanzig-zehn, sondern allein den Zwölf-Elf. Worauf der Rabe Ralf ganz schaurig ruft: „Kra! Das End ist da! Das End ist da!" Und so müssen wir das Jahr mit der schönen Ziffernfolge am Ende doch selbst gestalten. Nun denn: Cheerio - und auf ein Neues!