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Zwischen den Orten
von Amelie Znidaric | 14. Juni 2011
Design Miami Basel 2008, Foto: Franziska Holzmann

Es gibt eine Sache, die Marianne Goebl richtig ärgert: Wenn sie gefragt wird, ob Design Kunst sei, Kategorie-B-Kunst noch dazu. „Ich will diese Diskussion nicht führen," sagt die Österreicherin, „aber natürlich führe ich sie, solange man sie führen muss." Gelegenheit dazu hat sie in dieser Woche, denn da geht in Basel die größte Kunstmesse der Welt über die Bühne, die Art Basel – und nur eine Halle weiter auch eine der wichtigsten Designmessen. Mehr als vierzig Galerien werden auf der Design Miami/Basel mit Sammlerstücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert vertreten sein, so genanntem „collectible design". Fünf Tage lang werden Geschäfte gemacht, Designpreise vergeben, Podiumsdiskussionen geführt – all das unter der Leitung einer neuen Direktorin: Marianne Goebl.

Das Publikum, dem sie sich dabei stellen muss, sind keine reinen Designexperten. „Wir sprechen zu Kunstliebhabern, die sich auch für Design interessieren," sagt Goebl, und das ist eine gute Gelegenheit, über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Design und Kunst nachzudenken. Die Brüsseler Galerie D&A Lab etwa hat den britischen Künstler Jonathan Monk um eine Adaption von Enzo Maris „autoprogettazione" gebeten. Und die New Yorker Cumulus Studios zeigen „Argento Libre", eine Gartenliege des amerikanischen Künstlers Mike Bouchet. „Wenn man mit den Künstlern darüber spricht, wie sie diese Projekte umsetzen," sagt Marianne Goebl, „dann sieht man, dass sie da ganz anders herangehen." Nämlich autonom und nicht wie ein Designer als Problemlöser mit vorgegebenen Rahmenbedingungen.

Auch einer der Design Talks, die die Messe begleiten, widmet sich der unterschiedlichen Herangehensweise von Künstlern, Designern und Architekten an den Entwurf eines Möbelstücks – mit je einem Branchenvertreter auf dem Podium. Ein anderer diskutiert die Rolle privater Aufträge durch Mäzene – also ebenfalls ein Thema, das Design- und Kunstexperten gleichermaßen vertraut ist. „Meine Theorie ist, dass man hier Leute hinsetzten muss, die nicht nur in der Designbranche bekannt sind," sagt Goebl, „einen Konstantin Grcic oder Jasper Morrison kennt hier niemand. Deswegen muss man mischen."

Diese Theorie ist einer der wenigen eigenen Akzente, die Marianne Goebl bisher bei der Design Miami/Basel gesetzt hat. Im Februar dieses Jahres ist sie an die Stelle von Ambra Medda gerückt, der jungen, schönen, glamourösen Gründerin. Die zarte Medda wirft einen langen Schatten – aus dem Goebl aber gar nicht erst hervortreten will. „Ambra hat eine Marke aufgebaut," sagt die neue Direktorin, „und diese Marke war sehr stark an ihre Person und ihr Charisma gebunden. Aber ich glaube, die Messe kommt jetzt in eine Phase der Eigenständigkeit, sie ist gereift und braucht nicht mehr die eine Person an ihrer Spitze." Und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Oder wissen Sie vielleicht, wie die Direktoren der Art Basel aussehen?" Nein. Und das ist auch nicht wichtig. „Im Vordergrund müssen die Inhalten der Messe stehen," sagt Goebl, „meine Rolle ist die der Vermittlung und Steuerung, nicht die des Branding. Das ist erfolgt und zwar sehr gut."

Marianne Goebl ist bisher ohnehin vor allem Leistung aufgefallen; Persönliches ist kaum bekannt. 1975 in Wien geboren, Abschluss an der dortigen Wirtschaftsuniversität mit zusätzlichem Marketing-Diplom von der Pariser Eliteuniversität HEC. Sie spricht fünf Sprachen, und vor ihrem Wechsel zur Design Miami/Basel war sie jahrelang für Vitra tätig, unter anderem als Verantwortliche für die Vitra Edition und als internationale PR-Chefin. Dass sie in ihrem Leben etwas mit Design machen will, wusste Goebl schon mit 21 Jahren, als sie zum ersten Mal zur Möbelmesse nach Mailand fuhr. Sie läuft lieber Ski als am Strand zu liegen, allerdings ist sie ohnehin genauso oft in Basel anzutreffen wie in Miami. Und außerdem verbringt sie ein Drittel ihrer gesamten Arbeitszeit auf Reisen rund um die Welt. „Das macht mir nichts aus," sagt sie, „ich bin gern zwischen den Orten."

Zwischen den Orten will sie auch im übertragenen Sinn sein. Sie versteht sich als Vermittlerin und deshalb ist es ihr wichtig, mit der Messe auch breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen. Otto Normalverbraucher soll sich interessieren für das, was sie „Museum zum Anfassen" nennt. Mehr als anfassen wird für die meisten ohnehin nicht drin sein bei Möbeln, die preismäßig schon mal im sechsstelligen Bereich und darüber liegen. Vor allem Stücke aus dem Frankreich der Nachkriegsjahre verzeichnen immer wieder Rekordpreise, berichtet der britische Design-Thinktank DeTnk in seiner Marktstudie „The Rise of the Collectible Market 2005-11". Nur knapp acht Prozent der weltweiten Umsätze würden mit zeitgenössischem Design gemacht.

Dass der Sammlermarkt konservativ ist, lässt sogar Marianne Goebl gelten. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie traditionell Leute eingerichtet sind, die progressivste Kunst sammeln," sagt sie. Trotzdem besteht sie darauf, dass der Markt zunehmend zeitgenössisch wird. Auf der Design Miami/Basel zeige nur die Hälfte der Aussteller historisches Design, „wobei sich der zeitgenössische Markt sicher noch stärker im Aufbau befindet."

Der aktuelle Designdiskurs spiegle sich dabei durchaus wider. „Jeder Designer hat da ja seine Spielwiese, die er für sich absteckt," sagt Goebl und nennt etwa das deutsche Kollektiv Random International mit seinen interaktiven LED-Installationen, den Kanadier Jerszy Seymour mit seinen Ansätzen, die auf do-it-yourself und open source design beruhen, oder die Italiener Formafantasma mit ihren Materialstudien. „Gerade für die jüngeren Designer, die sehr experimentell arbeiten, ist der Sammlermarkt die einzige Chance, ihre Recherchen fortführen und auf eine höhere Ebene zu bringen. Sonst würden sie ewig allein in ihren kleinen Labors weitertüfteln."

Eine zentrale Rolle spielen dabei natürlich die Galerien, nicht nur als Verkäufer, sondern oft auch, indem sie Einzelstücke oder limitierte Editionen kommissionieren. „Ich glaube an die Notwendigkeit der Restriktion im Designprozess," sagt Marianne Goebl – Restriktionen im Material, im Budget oder am Markt. „Aber Mauern führen nicht immer zu guten Ergebnissen, manchmal muss man auch frei laufen können," fügt sie hinzu. Das sei durchaus „ein seriöses Marktmodell. Da gibt es ein Angebot, das zuvor nur einem sehr ausgewählten Kunstkreis zugänglich war." Wobei freilich auch Galerien kein Massenpublikum ansprechen, aber immerhin erreichen die Experimente damit mehr Menschen als den unmittelbaren Bekanntenkreis des Designers. Insofern sind sich Kunst und Design dann doch nicht so unähnlich – zumindest so lange, bis die Entwürfe markttauglich werden und in Serienproduktion gehen.

Design Miami/ Basel
Vom 14. Bis 18. Juni 2011
www.designmiami.com

Marianne Goebl, Courtesy of Design Miami
News & Stories › 2011 › Juni
Zwischen den Orten
von Amelie Znidaric | 14. Juni 2011
Seit Anfang dieses Jahres ist Marianne Goebl Direktorin der Design Miami/Basel. In dieser Woche öffnet die Designmesse anlässlich der Art Basel ihre Tore. Es wird sich zeigen, welche neuen Akzente die Marketing-Spezialistin setzten konnte, die sich gern zwischen den Gestaltungsdisziplinen bewegt.
Es gibt eine Sache, die Marianne Goebl richtig ärgert: Wenn sie gefragt wird, ob Design Kunst sei, Kategorie-B-Kunst noch dazu. „Ich will diese Diskussion nicht führen," sagt die Österreicherin, „aber natürlich führe ich sie, solange man sie führen muss." Gelegenheit dazu hat sie in dieser Woche, denn da geht in Basel die größte Kunstmesse der Welt über die Bühne, die Art Basel – und nur eine Halle weiter auch eine der wichtigsten Designmessen. Mehr als vierzig Galerien werden auf der Design Miami/Basel mit Sammlerstücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert vertreten sein, so genanntem „collectible design". Fünf Tage lang werden Geschäfte gemacht, Designpreise vergeben, Podiumsdiskussionen geführt – all das unter der Leitung einer neuen Direktorin: Marianne Goebl.

Das Publikum, dem sie sich dabei stellen muss, sind keine reinen Designexperten. „Wir sprechen zu Kunstliebhabern, die sich auch für Design interessieren," sagt Goebl, und das ist eine gute Gelegenheit, über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Design und Kunst nachzudenken. Die Brüsseler Galerie D&A Lab etwa hat den britischen Künstler Jonathan Monk um eine Adaption von Enzo Maris „autoprogettazione" gebeten. Und die New Yorker Cumulus Studios zeigen „Argento Libre", eine Gartenliege des amerikanischen Künstlers Mike Bouchet. „Wenn man mit den Künstlern darüber spricht, wie sie diese Projekte umsetzen," sagt Marianne Goebl, „dann sieht man, dass sie da ganz anders herangehen." Nämlich autonom und nicht wie ein Designer als Problemlöser mit vorgegebenen Rahmenbedingungen.

Auch einer der Design Talks, die die Messe begleiten, widmet sich der unterschiedlichen Herangehensweise von Künstlern, Designern und Architekten an den Entwurf eines Möbelstücks – mit je einem Branchenvertreter auf dem Podium. Ein anderer diskutiert die Rolle privater Aufträge durch Mäzene – also ebenfalls ein Thema, das Design- und Kunstexperten gleichermaßen vertraut ist. „Meine Theorie ist, dass man hier Leute hinsetzten muss, die nicht nur in der Designbranche bekannt sind," sagt Goebl, „einen Konstantin Grcic oder Jasper Morrison kennt hier niemand. Deswegen muss man mischen."

Diese Theorie ist einer der wenigen eigenen Akzente, die Marianne Goebl bisher bei der Design Miami/Basel gesetzt hat. Im Februar dieses Jahres ist sie an die Stelle von Ambra Medda gerückt, der jungen, schönen, glamourösen Gründerin. Die zarte Medda wirft einen langen Schatten – aus dem Goebl aber gar nicht erst hervortreten will. „Ambra hat eine Marke aufgebaut," sagt die neue Direktorin, „und diese Marke war sehr stark an ihre Person und ihr Charisma gebunden. Aber ich glaube, die Messe kommt jetzt in eine Phase der Eigenständigkeit, sie ist gereift und braucht nicht mehr die eine Person an ihrer Spitze." Und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Oder wissen Sie vielleicht, wie die Direktoren der Art Basel aussehen?" Nein. Und das ist auch nicht wichtig. „Im Vordergrund müssen die Inhalten der Messe stehen," sagt Goebl, „meine Rolle ist die der Vermittlung und Steuerung, nicht die des Branding. Das ist erfolgt und zwar sehr gut."

Marianne Goebl ist bisher ohnehin vor allem Leistung aufgefallen; Persönliches ist kaum bekannt. 1975 in Wien geboren, Abschluss an der dortigen Wirtschaftsuniversität mit zusätzlichem Marketing-Diplom von der Pariser Eliteuniversität HEC. Sie spricht fünf Sprachen, und vor ihrem Wechsel zur Design Miami/Basel war sie jahrelang für Vitra tätig, unter anderem als Verantwortliche für die Vitra Edition und als internationale PR-Chefin. Dass sie in ihrem Leben etwas mit Design machen will, wusste Goebl schon mit 21 Jahren, als sie zum ersten Mal zur Möbelmesse nach Mailand fuhr. Sie läuft lieber Ski als am Strand zu liegen, allerdings ist sie ohnehin genauso oft in Basel anzutreffen wie in Miami. Und außerdem verbringt sie ein Drittel ihrer gesamten Arbeitszeit auf Reisen rund um die Welt. „Das macht mir nichts aus," sagt sie, „ich bin gern zwischen den Orten."

Zwischen den Orten will sie auch im übertragenen Sinn sein. Sie versteht sich als Vermittlerin und deshalb ist es ihr wichtig, mit der Messe auch breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen. Otto Normalverbraucher soll sich interessieren für das, was sie „Museum zum Anfassen" nennt. Mehr als anfassen wird für die meisten ohnehin nicht drin sein bei Möbeln, die preismäßig schon mal im sechsstelligen Bereich und darüber liegen. Vor allem Stücke aus dem Frankreich der Nachkriegsjahre verzeichnen immer wieder Rekordpreise, berichtet der britische Design-Thinktank DeTnk in seiner Marktstudie „The Rise of the Collectible Market 2005-11". Nur knapp acht Prozent der weltweiten Umsätze würden mit zeitgenössischem Design gemacht.

Dass der Sammlermarkt konservativ ist, lässt sogar Marianne Goebl gelten. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie traditionell Leute eingerichtet sind, die progressivste Kunst sammeln," sagt sie. Trotzdem besteht sie darauf, dass der Markt zunehmend zeitgenössisch wird. Auf der Design Miami/Basel zeige nur die Hälfte der Aussteller historisches Design, „wobei sich der zeitgenössische Markt sicher noch stärker im Aufbau befindet."

Der aktuelle Designdiskurs spiegle sich dabei durchaus wider. „Jeder Designer hat da ja seine Spielwiese, die er für sich absteckt," sagt Goebl und nennt etwa das deutsche Kollektiv Random International mit seinen interaktiven LED-Installationen, den Kanadier Jerszy Seymour mit seinen Ansätzen, die auf do-it-yourself und open source design beruhen, oder die Italiener Formafantasma mit ihren Materialstudien. „Gerade für die jüngeren Designer, die sehr experimentell arbeiten, ist der Sammlermarkt die einzige Chance, ihre Recherchen fortführen und auf eine höhere Ebene zu bringen. Sonst würden sie ewig allein in ihren kleinen Labors weitertüfteln."

Eine zentrale Rolle spielen dabei natürlich die Galerien, nicht nur als Verkäufer, sondern oft auch, indem sie Einzelstücke oder limitierte Editionen kommissionieren. „Ich glaube an die Notwendigkeit der Restriktion im Designprozess," sagt Marianne Goebl – Restriktionen im Material, im Budget oder am Markt. „Aber Mauern führen nicht immer zu guten Ergebnissen, manchmal muss man auch frei laufen können," fügt sie hinzu. Das sei durchaus „ein seriöses Marktmodell. Da gibt es ein Angebot, das zuvor nur einem sehr ausgewählten Kunstkreis zugänglich war." Wobei freilich auch Galerien kein Massenpublikum ansprechen, aber immerhin erreichen die Experimente damit mehr Menschen als den unmittelbaren Bekanntenkreis des Designers. Insofern sind sich Kunst und Design dann doch nicht so unähnlich – zumindest so lange, bis die Entwürfe markttauglich werden und in Serienproduktion gehen.

Design Miami/ Basel
Vom 14. Bis 18. Juni 2011
www.designmiami.com