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Alles bleibt immer wieder neu
von Claudia Beckmann | 9. März 2009
Es könnte eine Erfolgsgeschichte werden, ein Ort, der Frankfurt bislang fehlte: von April 2009 an präsentieren Nykke&Kokki gemeinsam mit Stylepark am Frankfurter Römerberg ein bisher einzigartiges gastronomisches Konzept: Im Café der Schirn Kunsthalle, das zukünftig unter dem Namen „Table" firmiert, werden demnächst wechselnde Installationen von internationalen Gestaltern mit einem anspruchsvollen kulinarischen Angebot verbunden. Den Anfang macht der israelische Designer Nitzan Cohen, der mit seinem Entwurf zugleich die grundsätzliche Raumplanung definiert. Wir haben mit ihm über die Herausforderung gesprochen, einem dauerhaften Ort einen temporären Charakter zu geben und warum man auch Wein trinkt, wenn man Wein sieht.

Nitzan, das Projekt klingt ambitioniert: als Designer ein Café, Restaurant und eine Bar in einer Kunsthalle zu gestalten, die wiederum eine sehr spezielle Architekturgeschichte hat, und das ganze in Frankfurt, einer Stadt, deren Restaurant- und Clubszene einen besonders eigenwilligen Schick hat. Wie hat sich die Aufgabe für Dich gestellt und wie hast Du Dich dem Projekt genähert?

Nitzan Cohen: Es gab für uns am Anfang zwei Knackpunkte, einen inhaltlichen und einen eher physischen: Der erste Punkt war, sich mit der Stadt Frankfurt unabhängig von der Schirn Kunsthalle zu beschäftigen, um den städtischen Kontext zu verstehen, in dem dieses Café und Restaurant stehen soll. Der zweite war der Raum selbst, seine architektonischen Gegebenheiten und deren zukünftige Definition. Das hat grundsätzliche Fragen aufgeworfen: Was ist überhaupt ein Museumscafé? Welcher Raumtypologie folgt es? Gibt es gelungene Beispiele? Das muss man fast immer mit einem Nein beantworten, nicht weil diese Cafés schlecht gemacht sind, sondern weil es zumeist sehr große Räume sind, die schnell unbehaglich wirken. Wenn man sich überlegt, was unsere Lieblingscafés auszeichnet, dann sind das Ruhe und Intimität. Aber wie kann man eben das auf einen großen, öffentlichen Raum übertragen?

Darüber hinaus haben wir uns verschiedene gastronomische Hot Spots in der Stadt angesehen, um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie sich solche Orte in Frankfurt anfühlen, wie die Interieurs aussehen, wie die Atmosphäre und die Stimmung ist. Wir haben uns beiden Themenkomplexe mit einer visuellen Recherche genähert und entsprechende Bilder gesucht, um ein Gefühl für das Projekt zu entwickeln.

Welche Überlegungen standen am Anfang der Konzeption?

Cohen: Wir haben uns die Frage gestellt, was das schönste Café ist, das wir kennen. Was ist die Ikone dieser spezifischen Raumtypologie? Für uns war es ganz klar eine alte italienische Bar in Mailand. Sie war unser Leitbild. Dort wird viel mit Marmor gearbeitet - die industrielle Übersetzung ist Terrazzo. Also wird es im „Table" in der Mitte des Raumes eine markante Terrazzo-Bar geben. Der Entwurf spielt mit klassischen Elementen, die modern übersetzt werden. Das ganze Konzept ist eine Mischung aus zeitgenössischem Design und Klassik, wobei wir letztere in die Gegenwart übersetzt haben.

... es ist also ein Ort, der aus der Spannung von klassischen Elementen und solchen unserer Zeit lebt?

Cohen: Ja, wir greifen bewusst klassische Elemente auf, formulieren sie aber um und übersetzen sie in unser heutiges Gestaltungs-Vokabular. Denn schlussendlich soll es ein Raum sein, der für uns heute eine Gültigkeit hat. Es war uns aber ebenso wichtig, dass er auch morgen noch funktioniert. Blickt man in die Architekturgeschichte, so war für derartige Räume immer die Materialität entscheidend, die präzise Abstimmung von Farbe, Struktur und Haptik. Im Konzept für die Schirn kommen vornehmlich Messing, Glas, Holz und Terrazzo zum Einsatz. Wir wollten ganz bewusst keine applizierten Farben, Verkleidungen oder vorgehängten Fassaden - das Material selbst soll wirken.

Die Schirn Kunsthalle ist kein einfacher Bau. Wie viele andere Relikte der Postmoderne wird auch ihre Architektur derzeit kontrovers diskutiert. Wie seid ihr mit den architektonischen Gegebenheiten umgegangen?

Cohen: Die Schirn ist ein sehr spezieller Bau, das war schon eine Herausforderung. Wir würden heute nicht mehr so bauen, aber dennoch hat diese Architektur auch ihre Reize und viele positive Eigenschaften, mit denen man arbeiten kann. Die Frage war, wie man sie aufgreift und Bezug darauf nimmt, wie man das Neue ins Bestehende integriert.

Zunächst war es wichtig zu verstehen, wie der ursprüngliche Raum aussah. Die Schirn Kunsthalle einschließlich des Cafés wurde 1986 eröffnet. 1993 wurde das Café erstmal umgestaltet, in den darauf folgenden Jahren wiederholte Male renoviert. Die Holzpaneele im Eingangsbereich sind beispielsweise erst 1993 angebracht worden, sie waren im ursprünglichen Entwurf nicht vorgesehen. Sie verkleiden die beiden oberen Stockwerke, die einstmals offen waren. Damit erklärt sich auch die große Glasfront im Eingangsbereich: man konnte früher komplett durch den Raum hindurch blicken.

Dementsprechend haben wir Schicht für Schicht abgetragen, wie Archäologen, bis wir am Ursprung waren und uns ein Bild davon machen konnten, wie das Café einmal ausgesehen hat. Fraglos haben sich uns dabei architektonische Schwierigkeiten gestellt. Aber das sind nun mal die Gegebenheiten. Wir wollten mit dem Raum nicht kämpfen, unser Ansatz war es, mit ihm zu arbeiten, Ruhe und Logik hineinzubringen.

Welche Rolle hat in der Konzeption die Nähe zur Kunst gespielt?

Cohen: Es war von Anfang an klar, dass wir der Kunst keine Konkurrenz machen wollten. Das eine ist Kunst, das andere Design. Aber es sollte eine Spannung entstehen. Das Niveau der Schirn Kunsthalle ist sehr hoch, wir mussten versuchen für das Design das gleiche Niveau zu erreichen, damit es neben der Kunst bestehen kann.

Die Frage des Verhältnisses von Kunst und Design ist derzeit ein großes Thema. Hier treffen beide nun aufeinander. Ist das Projekt ein Kommentar dazu?

Cohen: Wir wollten diese Diskussion gar nicht explizit aufgreifen oder ein Statement dazu liefern, sondern einfach neben der Kunst einen Ort des Designs entstehen lassen. Design ist oft wild, extrem, frei, aber dadurch nicht gleich Kunst. Ich sehe gar nicht so viele Überschneidungen.

Der Ort hat für die Konzeption bestimmte Voraussetzungen mit sich gebracht. Worin hast Du Deine besondere Aufgabe gesehen?

Cohen: Es gab für uns drei Ankerpunkte, zwei davon habe ich bereits genannt: zum einen die Auseinandersetzung mit der Stadt, zum anderen mit dem Raum und seinen architektonischen Bedingungen. Als Drittes kam das Raumprogramm hinzu. Die grundsätzliche Programmierung des Ortes, insbesondere die Idee der wechselnden Inszenierung, kam von Stylepark. Für mich hat das bedeutet, eine Infrastruktur beziehungsweise einen funktionierenden Raum zu schaffen, der alle gastronomischen Elemente mit aufnimmt, in den aber alle sechs bis acht Monate ein neuer Architekt oder Designer eingreifen und ihn neu inszenieren kann. All diese Überlegungen stehen wiederum in Zusammenhang mit der Geschichte des Ortes. Unser Part war es, die konzeptuelle Arbeit für dieses System zu liefern, gewissermaßen eine Logik zu finden und einen Raum entwickeln, in dem sich alles, was noch kommt, entfalten kann.

Das bringt eine weitere Schwierigkeit mit sich: Nehmen wir an, wir würden eine besonders gute Arbeit machen, sozusagen den perfekten Raum schaffen, dann würde der nächste Akteur vor der Frage stehen: Was wollt ihr von mir? Warum sollte ich den Raum verändern? Er ist perfekt!

...also musste es ein Raum sein, der variable ist und einen temporären Charakter hat?

Cohen: Genau das war das Schlüsselwort für unsere Konzeption: „temporär". Der Raum muss am Ende einen projekthaften Charakter haben. Nehmen wir als Beispiel noch einmal die Terrazzo-Bar: Das Material ist qualitativ sehr hochwertig, strapazierfähig und schwer. Wir haben diesen Eindruck bewusst verkehrt: Die Bar wirkt wie aus verschiedenen Elementen zusammengeschoben. Sie ist einerseits wegen der Produktionsmöglichkeiten geteilt, aber auch, um den temporären Charakter zu unterstreichen. Das ist besonders prägnant bei einem so massiven und expressiven Material wie Terrazzo, das plötzlich eine temporäre Wirkung bekommt. Wir wollen am Ende die Freiheit lassen, etwas verändern zu können.

Der Raum sollte sozusagen nicht fertig wirken?

Cohen: Absolut. Er sollte nicht perfekt und final erscheinen. Aus diesem Grund haben wir ihm auch viele variable Elemente mitgegeben. Beispielsweise die „Selene" Hängeleuchten von Classicon, klare Glaskugeln, die höhenverstellbar sind und somit aus dem Blickfeld der Gäste eliminiert werden können.

Verhält es sich mit dem markanten Vorhang im Café-Bereich ähnlich?

Cohen: Der Vorhang ist ebenfalls in der Höhe verstellbar. Wenn man ihn runter lässt, dann entsteht ein kleiner, geschlossener Raum mit einem großen Tisch, an dem vierzehn Personen Platz finden - quasi ein Raum im Raum.
Der Vorhang folgt aber noch anderen Überlegungen und hat weitere Aufgaben. Er ist wichtig für die Raumgliederung, denn wir haben im vorderen Teil eine elf Meter hohe Decke, da hat es sich geradezu angeboten, mit dieser beachtlichen Höhe zu spielen. Allerdings ist das nicht durchgängig so, in der Raummitte beträgt die Deckenhöhe nur noch 3,50 Meter, das ist eine starke Diskrepanz. Die oberen Stockwerke waren ursprünglich offen, jetzt sind sie geschlossen, dadurch hat der Raum diese extremen Proportionen bekommen. Der Vorhang betont einerseits die enorme Höhe im vorderen Teil des Raumes, andererseits fungiert er als Übergangselement zum niedrigeren Teil des Raumes.

Darüber hinaus ist der Vorhang aber auch ein wunderbar theatralisches Element, er ist immerhin sechs Meter hoch. Und er ist von außen sichtbar. Der Vorhang könnte geradezu das Symbol des Raumes werden.

Im Gegensatz zum alten Schirn Café gibt es im neuen „Table"-Konzept verschiedene Bereiche. Welche sind das und wie hast Du die Zonen entwickelt?

Cohen: Ja, ganz richtig, es gibt verschiedene gastronomische Bereiche, die wir auch gestalterisch sichtbar voneinander getrennt haben. Zukünftig soll tagsüber vor allem der vordere Teil, sprich, das Café genutzt werden. Es war uns wichtig, dass diese Raumtypologie lesbar bleibt, dass eine Café-Atmosphäre entsteht. Abends wird der gesamte Raum, einschließlich des Restaurants im hinteren Teil, genutzt. Das Restaurant selbst ist auch noch einmal unterteilt, in ein klassisches Restaurant und eine Art Brasserie und Vinothek. Diese unterschiedlichen Bereiche haben wir durch verschiedene Tisch- und Stuhl-Situationen gelöst.

.... das heißt, das Mobiliar wurde sensibel auf die jeweiligen gastronomischen Bereiche abgestimmt?

Cohen: Genau, die Bestuhlung sollte der Funktion und der intendierten Atmosphäre des jeweiligen Bereichs entsprechen. Für das Café haben wir den Inbegriff des Caféhausstuhles gewählt, den Stuhl „209" von Thonet aus dem Jahr 1900. Der Stuhl hat eine große Ausstrahlung und ist einfach wunderschön. An dem großen Tisch in der Mitte des Cafés haben wir den „Venus"-Stuhl von Konstantin Grcic ausgesucht. Ein sehr zeitgenössischer Stuhl. Er unterscheidet sich nicht nur im Maßstab, er hat auch eine ganz andere Aura als der Thonet-Stuhl - gerade über die Differenzen entsteht eine reizvolle und interessante Spannung im Raum. Für den Bereich der Brasserie haben wir uns für einen ganz neuen Entwurf von Stefan Diez für e15 entschieden, der erst auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert wird. Er passt in seiner Typologie und ganzen Erscheinung perfekt in den Bistrobereich. Wir sind sehr froh, dass sich diese Option ergeben hat. Im Restaurant steht der Holzstuhl „She said", den ich für Mattiazzi entworfen habe. Er wurde im Februar auf der Stockholm Furniture Fair erstmals gezeigt.

Markant erscheint im Entwurf auch ein großes Weinregal gegenüber der Bar, das Gliederungselement und Möbel zugleich zu sein scheint?

Cohen: Ja, hierbei handelt es sich um ein 15 Meter langes und 3,5 Meter hohes Weinregal aus Glasschränken. Es wirkt fast wie eine Fassade und fungiert als dekorierendes Gliederungselement im Raum. Mehr noch: Der Wein wird darin gelagert, er wird aber zugleich auch wie eine Sammlung ausgestellt. Man kann an der gläsernen Front vorbeilaufen und sich alles ganz genau anschauen. Das Regal nimmt auch die Temperierschränke mit auf. Es ist doch herrlich, wenn man da sitzt und das riesige Weinregal sieht, da bekommt man gleich Lust zu probieren!

Frankfurt könnte mit dem „Table" also einen charmanten Ort bekommen, an dem man sich gerne trifft und lange verweilt. Vielleicht wird es für den ein oder anderen sogar das Lieblingscafé...

Cohen: ...wir hoffen, dass unser Plan aufgeht und die Teile so zusammenspielen, wie wir es uns wünschen!

www.nitzan-cohen.com
www.nykke-kokki.com
Nitzan Cohen