transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Allianz der Enthusiasten
von Franziska Eidner | 7. Juni 2016
Fährmann, hol über! „Sarajevo Now“ konnte vom Arsenale aus nur mit zwei Shuttle-Booten erreicht werden, die die Besucher über das Hafenbecken brachten. Foto © Jim Marshall
„Es ist nicht unsere Aufgabe, Rezepte zu liefern. Aber eine Architekturbiennale sollte Sehnsüchte wecken,“ sagte Biennale-Präsident Paolo Baratta zur Eröffnung in Venedig. Sie sollte Architektur als ein „Werkzeug der Hoffnung“ zeigen, das „Probleme lösen und Veränderungen beflügeln kann.“ Mit der diesjährigen Biennale sei es ihrem Direktor Alejandro Aravena gelungen, die Architektur zu „befreien“ und sie zurück zu den Menschen zu bringen.

Ein ganz besonders beflügelnder und hoffnungsvoller Architektur-Moment findet sich in der nördlichsten Ecke des Arsenale-Geländes. Ein kleines Boot bringt uns auf die andere Seite des Hafenbeckens, schon von weitem ist das große Plakat „Sarajevo Now“ an einer der ehemaligen Werfthallen zu lesen. Der Beitrag – initiiert von einem informellen, international vernetzten Bündnis – sprüht nur so vor Energie, Lust zur Aktion und Veränderung, als hätte er von den Worten Barattas gewusst. Hier ist Architektur wirklich Werkzeug der Hoffnung und der Veränderung – oder könnte es jedenfalls sein, wenn die vorgeschlagene, temporäre Architektur-Rettungsaktion einmal Wirklichkeit wird.
Die Ausstellung schlägt vor, das ehemalige „Museum der Revolution“ in Sarajevo mit einer Gerüststruktur und einer Plane provisorisch zu sichern, bis Gelder für eine gründliche Sanierung vorhanden sind. Foto © Jim Marshall
Das Museum war einst ein repräsentatives Projekt Jugoslawiens und ist seit der Unabhängigkeit von Bosnien-Herzegowina als „Historisches Museum“ politisch in Vergessenheit geraten. Foto © Daniel Schwartz / U-TT an der ETH Zürich
Von militärischen Frontlinien zu administrativen Grenzgräben

„Sarajevo Now“ ist zunächst eine Fallstudie. In der Geschichte des Historischen Museums, die in der Ausstellung gezeigt wird, lässt sich die prekäre Situation aller großen staatlichen Kulturinstitutionen in Bosnien-Herzegowina lesen: Es gibt kein Kulturministerium und kaum finanzielle Unterstützung, die einstigen militärischen Frontlinien des postjugoslawischen Bürgerkrieges teilen heute als administrative Grenzgräben die Stadt. Das Historische Museum ist außerdem noch ideell kontaminiert. Das einstige „Museum der Revolution“ gilt als einer der bedeutendsten Bauten der jugoslawischen Moderne, entstanden 1958 bis 1963 im Geiste des Aufbruch als erster Baustein der sozialistischen Stadterweiterung Sarajevos. Es ist Zeuge einer einst gemeinsamen Geschichte in dem nun wieder ethnisch separierten Territorium.

Entsprechend gering ist das Interesse an dem Museum, es wird seit Jahren vernachlässigt und könnte bald ganz geschlossen werden. Die Gebäudesubstanz zerfällt, Mitarbeiter, Heizkosten und Stromrechnungen werden nicht mehr bezahlt. Dass der Betrieb überhaupt weiter läuft, und sich das Museum mittlerweile zum alternativen Kulturzentrum entwickelt hat, ist alleine der umtriebigen Direktorin und ihren zahlreichen, größtenteils ehrenamtlichen Unterstützern vor Ort zu verdanken. Eine „Allianz der Enthusiasten“ nennt Haris Piplas diesen wachsenden Kreis der Freiwilligen. Piplas ist Kurator von „Sarajevo Now“, Mitbegründer des Aktionsbündnisses „Reactivate Sarajevo“, als Kind vor dem Krieg von Sarajevo nach Berlin geflüchtet und mittlerweile Architekt, Stadtforscher und Doktorand an der ETH Zürich.

Kinder spielen auf Panzerfahrzeugen im Garten des Museums. Foto © Schwartz / U-TT an der ETH Zürich
Christo in Sarajevo?

„Sarajevo Now“ erzählt eine Geschichte des Nichtaufgebens und wie sich eine staatliche Institution zum informellen „People’s Museum“ wandelt. Die Ausstellung unterbreitet zudem einen Vorschlag, wie der Zerfall des Gebäudes mit möglichst geringem finanziellen Aufwand gestoppt werden könnte. Das Museum soll so wie es ist mit einer Kunststoff-Folie verpackt werden, die mit Hilfe einer Konstruktion aus Gerüsten und Seilen um das gesamte Gebäude gespannt wird. So wird das Haus so lange vor Witterungseinflüssen geschützt bis möglicherweise Geld für eine umfassende Sanierung eingesammelt werden konnte. Das Museum erfährt mit der Verpackung gleichzeitig eine räumliche Erweiterung und könnte so zusätzliche Flächen für Lesesäle, Spielplätze, Filmvorführungen und andere alternative Nutzungen bieten. Zwei Euro pro Quadratmeter würde die Folie kosten, 50.000 Quadratmeter werden wohl gebraucht, und die Kosten für die Konstruktion kämen noch hinzu.

Entwickelt wurde diese Idee im Rahmen des Aktionsbündnisses „Reactivate Sarajevo“ gemeinsam mit Urban Think-Tank, die sich mit informeller Stadtentwicklung weltweit beschäftigen, und dem Schweizer Architekturbüro Baier Bischofberger, das sonst eher im High-End-Museumsbau operiert. Unterstützt wird die Architektur-Rettungsaktion vom Historischen Museum sowie von lokalen wie internationalen Partnern. Die gemeinnützige Organisation Matica, in der sich bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge in der Schweiz zusammengeschlossen haben, zählt ebenso dazu wie die Künstler Charlie Koolhaas, Jim Marshall oder Anri Sala.

Urban Think-Tank und Baier Bischofberger Architekten wollen das Gebäude so, wie es ist, unter eine Plastikplane stecken. Visualisierung © U-TT und BBA
Von der Kampfzone zum Testfall

So konnte innerhalb weniger Monate nicht nur die Idee entwickelt, sondern vor allem ein Unterstützerkreis gewonnen, ein Budget akquiriert und ein Beitrag zur Architekturbiennale realisiert werden. Nach dem kurzen Gastspiel in Venedig – „Sarajevo Now“ ist nur bis zum 30. Juni 2016 zu sehen – wandert die Ausstellung weiter nach Sarajevo. Im Spätsommer wird dort eine große Fundraising-Aktion starten, begleitet von zahlreichen Veranstaltungen im Museum und anderen Räumen der Stadt. Es ist diese gewaltige Dynamik, die von einer Mischung von lokalem Engagement und einem inzwischen gewachsenen internationalen Netzwerk ehemaliger Bürgerkriegsflüchtlinge vor allem in der Architektur- und Kunstszene getragen wird, die uns hier im Arsenale-Nord einen echten Architektur-Beflügelungsmoment beschert.

Vielleicht erhält das Museum sogar schon vor dem nächsten Wintereinbruch seine schützende Hülle und ein erweitertes Raumprogramm, das dem neuen Selbstverständnis als „People’s Museum“ entspricht. Das gut verpackte Museum könnte dann wirklich zum Symbol der Hoffnung für den Erfolg einer informellen Architektur und Stadtentwicklung von unten werden, für die Suche nach gelungenen, klugen Lösungen, die auch mitten im politischen Vakuum der einstigen Kampfzone Sarajevo gefunden und realisiert werden können.

„Sarajevo Now"
Arsenale Nord, Tesa 99, Venedig
28. Mai bis 30. Juni 2016

www.reactivate-sarajevo.com
Innen bleiben alle Spuren des Verfalls sichtbar, gleichzeitig werden die Innenräume neu sortiert und erweitert. Visualisierung © U-TT und BBA
Eine improvisierte Rampe an der Treppe zum Haupteingang des Museums. Foto © Daniel Schwartz / U-TT an der ETH Zürich
Das Historische Museum markiert mit seiner kleinen Grünfläche einen modernistischen Ruhepol in einer äußerst heterogenen Umgebung. Bei weiterem Verfall wäre eine Abrissdebatte sicher nicht mehr weit... Foto © Daniel Schwartz / U-TT an der ETH Zürich
News & Stories › 2016 › Juni
Allianz der Enthusiasten
von Franziska Eidner | 7. Juni 2016
In Venedig ist sie nur zwischengelandet. Vor Ort will die Ausstellung „Sarajewo Now“ mit einer ungewöhnlichen Verpackungsidee ein Museum retten.
„Es ist nicht unsere Aufgabe, Rezepte zu liefern. Aber eine Architekturbiennale sollte Sehnsüchte wecken,“ sagte Biennale-Präsident Paolo Baratta zur Eröffnung in Venedig. Sie sollte Architektur als ein „Werkzeug der Hoffnung“ zeigen, das „Probleme lösen und Veränderungen beflügeln kann.“ Mit der diesjährigen Biennale sei es ihrem Direktor Alejandro Aravena gelungen, die Architektur zu „befreien“ und sie zurück zu den Menschen zu bringen.

Ein ganz besonders beflügelnder und hoffnungsvoller Architektur-Moment findet sich in der nördlichsten Ecke des Arsenale-Geländes. Ein kleines Boot bringt uns auf die andere Seite des Hafenbeckens, schon von weitem ist das große Plakat „Sarajevo Now“ an einer der ehemaligen Werfthallen zu lesen. Der Beitrag – initiiert von einem informellen, international vernetzten Bündnis – sprüht nur so vor Energie, Lust zur Aktion und Veränderung, als hätte er von den Worten Barattas gewusst. Hier ist Architektur wirklich Werkzeug der Hoffnung und der Veränderung – oder könnte es jedenfalls sein, wenn die vorgeschlagene, temporäre Architektur-Rettungsaktion einmal Wirklichkeit wird.
Von militärischen Frontlinien zu administrativen Grenzgräben

„Sarajevo Now“ ist zunächst eine Fallstudie. In der Geschichte des Historischen Museums, die in der Ausstellung gezeigt wird, lässt sich die prekäre Situation aller großen staatlichen Kulturinstitutionen in Bosnien-Herzegowina lesen: Es gibt kein Kulturministerium und kaum finanzielle Unterstützung, die einstigen militärischen Frontlinien des postjugoslawischen Bürgerkrieges teilen heute als administrative Grenzgräben die Stadt. Das Historische Museum ist außerdem noch ideell kontaminiert. Das einstige „Museum der Revolution“ gilt als einer der bedeutendsten Bauten der jugoslawischen Moderne, entstanden 1958 bis 1963 im Geiste des Aufbruch als erster Baustein der sozialistischen Stadterweiterung Sarajevos. Es ist Zeuge einer einst gemeinsamen Geschichte in dem nun wieder ethnisch separierten Territorium.

Entsprechend gering ist das Interesse an dem Museum, es wird seit Jahren vernachlässigt und könnte bald ganz geschlossen werden. Die Gebäudesubstanz zerfällt, Mitarbeiter, Heizkosten und Stromrechnungen werden nicht mehr bezahlt. Dass der Betrieb überhaupt weiter läuft, und sich das Museum mittlerweile zum alternativen Kulturzentrum entwickelt hat, ist alleine der umtriebigen Direktorin und ihren zahlreichen, größtenteils ehrenamtlichen Unterstützern vor Ort zu verdanken. Eine „Allianz der Enthusiasten“ nennt Haris Piplas diesen wachsenden Kreis der Freiwilligen. Piplas ist Kurator von „Sarajevo Now“, Mitbegründer des Aktionsbündnisses „Reactivate Sarajevo“, als Kind vor dem Krieg von Sarajevo nach Berlin geflüchtet und mittlerweile Architekt, Stadtforscher und Doktorand an der ETH Zürich.

Christo in Sarajevo?

„Sarajevo Now“ erzählt eine Geschichte des Nichtaufgebens und wie sich eine staatliche Institution zum informellen „People’s Museum“ wandelt. Die Ausstellung unterbreitet zudem einen Vorschlag, wie der Zerfall des Gebäudes mit möglichst geringem finanziellen Aufwand gestoppt werden könnte. Das Museum soll so wie es ist mit einer Kunststoff-Folie verpackt werden, die mit Hilfe einer Konstruktion aus Gerüsten und Seilen um das gesamte Gebäude gespannt wird. So wird das Haus so lange vor Witterungseinflüssen geschützt bis möglicherweise Geld für eine umfassende Sanierung eingesammelt werden konnte. Das Museum erfährt mit der Verpackung gleichzeitig eine räumliche Erweiterung und könnte so zusätzliche Flächen für Lesesäle, Spielplätze, Filmvorführungen und andere alternative Nutzungen bieten. Zwei Euro pro Quadratmeter würde die Folie kosten, 50.000 Quadratmeter werden wohl gebraucht, und die Kosten für die Konstruktion kämen noch hinzu.

Entwickelt wurde diese Idee im Rahmen des Aktionsbündnisses „Reactivate Sarajevo“ gemeinsam mit Urban Think-Tank, die sich mit informeller Stadtentwicklung weltweit beschäftigen, und dem Schweizer Architekturbüro Baier Bischofberger, das sonst eher im High-End-Museumsbau operiert. Unterstützt wird die Architektur-Rettungsaktion vom Historischen Museum sowie von lokalen wie internationalen Partnern. Die gemeinnützige Organisation Matica, in der sich bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge in der Schweiz zusammengeschlossen haben, zählt ebenso dazu wie die Künstler Charlie Koolhaas, Jim Marshall oder Anri Sala.

Von der Kampfzone zum Testfall

So konnte innerhalb weniger Monate nicht nur die Idee entwickelt, sondern vor allem ein Unterstützerkreis gewonnen, ein Budget akquiriert und ein Beitrag zur Architekturbiennale realisiert werden. Nach dem kurzen Gastspiel in Venedig – „Sarajevo Now“ ist nur bis zum 30. Juni 2016 zu sehen – wandert die Ausstellung weiter nach Sarajevo. Im Spätsommer wird dort eine große Fundraising-Aktion starten, begleitet von zahlreichen Veranstaltungen im Museum und anderen Räumen der Stadt. Es ist diese gewaltige Dynamik, die von einer Mischung von lokalem Engagement und einem inzwischen gewachsenen internationalen Netzwerk ehemaliger Bürgerkriegsflüchtlinge vor allem in der Architektur- und Kunstszene getragen wird, die uns hier im Arsenale-Nord einen echten Architektur-Beflügelungsmoment beschert.

Vielleicht erhält das Museum sogar schon vor dem nächsten Wintereinbruch seine schützende Hülle und ein erweitertes Raumprogramm, das dem neuen Selbstverständnis als „People’s Museum“ entspricht. Das gut verpackte Museum könnte dann wirklich zum Symbol der Hoffnung für den Erfolg einer informellen Architektur und Stadtentwicklung von unten werden, für die Suche nach gelungenen, klugen Lösungen, die auch mitten im politischen Vakuum der einstigen Kampfzone Sarajevo gefunden und realisiert werden können.

„Sarajevo Now"
Arsenale Nord, Tesa 99, Venedig
28. Mai bis 30. Juni 2016

www.reactivate-sarajevo.com