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Andernorts ist das Gleiche eben anders
von Thomas Geisler | 25. Juni 2009
Mit den Themen von Veranstaltungen ist es so eine Sache. Versuchte man im vergangenen Jahr unter dem Motto „The Sky is not the Limit" noch Grenzen zu überschreiten und die Fantasie der Teilnehmer und Besucher zu beflügeln, so hat sich das Organisationsteam rund um Joerg Suermann für 2009 zumindest im Titel vergleichsweise bescheidene Ziele gesetzt: „Same same, but different". Gezeigt wurde also das Gleiche, aber anders. Was zur Frage führt: Das Gleiche im Vergleich zum Vorjahr? Oder zu anderen Veranstaltungen? Eingefleischte DMY-Besucher und die Kenner großer Designevents und Messen entdeckten jedenfalls durchaus Bekanntes.

550 Designer nahmen in diesem Jahr am DMY teil, darunter einige, die in Mailand auf dem Salone Satelite oder bei anderen Veranstaltungen ausgestellt haben. Der Fokus war klar auf junge Designer und Nachwuchstalente gerichtet, und nicht zuletzt durch diese Schwerpunktsetzung ist es dem DMY gelungen, sich nicht nur als eine der „wichtigsten Designveranstaltung Deutschlands" zu positionieren, wie Suermann bescheiden formulierte, sondern auch im internationalen Festivalreigen eine wichtige Rolle einzunehmen. Gewiss, das Epizentrum ist und bleibt Mailand; doch Berlin bietet all jenen, die nicht nach Mailand fahren konnten, die Chance, das eine oder andere doch noch sehen zu können.

Design ist Design, egal ob jung oder etabliert

Man kennt es aus Mailand, New York oder London - man hat am Ende der großen Designwochen niemals alles gesehen und immer das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Die Veranstalter des DMY haben deshalb versucht, dieser Misere entgegenzuwirken und neben der bewährten Arena als „Youngsters"-Location im IMA Design Village einen weiteren zentralen Ort für die „Allstars" eingerichtet. Dadurch herrschte zwischen Kottbusser Tor und Schlesischem Tor reger Design-Verkehr - für Berliner Verhältnisse quasi ein Katzensprung an Entfernung. In der Arena-Halle hingegen gab es in diesem Jahr deutlich weniger Präsentationen, was angeblich mit Sicherheitsbestimmungen zu tun hatte. Viele sahen darin allerdings ein Zeichen der viel beschworenen Krise. Die Entscheidung, die Ausstellenden in die Kategorien „Youngsters" und „Allstars" einzuteilen und sie an verschiedenen Orten zu zeigen, hat zu Lücken und geringerer Dichte geführt. Verständlich, dass sich manche Teilnehmer die Frage stellten, wozu eine Kategorisierung und räumliche Trennung überhaupt nötig war. Design ist Design, egal ob jung oder etabliert.

Ein Designbaum der Erkenntnis

Überzeugen konnte beispielsweise ein junges Designteam aus Wien, mischer'traxler, die letztes Jahr ihren Abschluss in Conceptual Design an der Design Academy Eindhoven gemacht haben. Wie bereits in Mailand, so zeigten sie auch in Berlin ihre Diplomarbeiten. Eine davon heißt „Idea of a Tree" und ist eine kleine solarbetriebene Fertigungsanlage, die am Ende des Tages ein Produkt zu Ende gesponnen hat. Ähnlich einer Raupe, die ihren Cocon baut, läuft während des Tages ein Faden über eine Spule und formt einen Körper, den man als Hocker, Bank, Lampenschirm oder Container nutzen kann. Die Sonneneinstrahlung und die Tageszeit bestimmen die Farbintensität und Größe der Objekte: mal sind sie blau, mal grün, mal rot. Was Thomas Traxler als „Souvenir des Prozesses" bezeichnet, erhält dann auch noch einen Stempel mit Datum. Je nachdem wo und wann die Maschine aufgestellt wird, speichern die Fadenringe wie bei einem Baum den Wachstumsprozess und die Produktivitätsphasen ab. Nicht nur industriell zu denken, sondern komplexe Systeme sichtbar zu machen und Einfluss auf die Umgebung zu nehmen, so definiert seine Kollegin Katharina Mischer die zukünftige Ausrichtung ihrer Designarbeit. Ein guter und richtiger Ansatz, auch um über Design und Umwelt nachzudenken, der mit einem von drei - erstmals vergebenen - DMY-Awards ausgezeichnet wurde.

Bauhaus ohne Ende

Ebenfalls einen DMY-Preis erhielt das holländische Sandberg Institute mit der Installation „Domestic Making, a house of possibilities". Ein Film und Installationen von Studenten zeigten die Umgestaltung des Heinz Minki-Appartements in Amsterdam, die Ideen und Objekte zum Thema „Zuhause und Alltag" zum Inhalt hatten. Darüber hinaus gab es viele Fahrräder zu besichtigen. Zufall oder nicht, vielleicht hing das auch mit dem speziellen Fokus auf die Niederlande zusammen. Das „BauBike" jedenfalls sieht sehr unbequem aus. Vielleicht wurde der Entwurf von Michael Ubbesen Jakobsen genau deshalb in die DMY-Jury-Selection der zehn besten Produkte aufgenommen, weil es sich keiner zeitgeistigen Formensprache anbiedert, sondern stoisch bauhäuslerischen Gestaltungsprinzipien folgt. Kein Wunder, dass es beinahe einen Award gewonnen hätte, denn der Preis wird in Zusammenarbeit mit dem ehrwürdigen Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung vergeben. Für die Direktorin Annemarie Jaeggi eine Frischzellenkur, wie sie anlässlich der Preisverleihung meinte, gerade rechtzeitig zum 90-jährigen Bauhaus-Geburtstag. Als Zugabe gibt es noch eine Ausstellung der Preisträger gemeinsam mit den Produkten der Jury-Selection, die von 8. bis 31. August im frisch renovierten Museum zu sehen sein wird.

Highlights im Schnelldurchlauf

Dem Bauhaus konnte man nur schwer entkommen, auch bei den „Allstars" nicht. Dort firmierten unter dem Label „My Bauhaus is better than yours" einige Abgänger der Bauhaus-Universität Weimar und brachten eine Design-Ikone, Wilhelm Wagenfelds Leuchte „WA23", besser bekannt als „Bauhausleuchte", zum Einsturz. Generell wurde in dieser Präsentation mit deutschen Geschmacksklischees ordentlich aufgeräumt.
Darüber hinaus gab es im leer geräumten ehemaligen Industriegebäude und jetzigen Kreativ-Cluster auch sonst genug zu sehen. Kleine Ausstellungen wie jene zum Thema „Glas" von Li Edelkoort zusammen mit holländischen Designern wie Pieke Bergmans, Hella Jongerius, Maria Rosen und anderen oder Einzelpräsentationen wie etwa von Mark Braun, Mats Theselius oder Oskar Zieta. Letzterer hat sein Prinzip der aufblasbaren Metallmembranen (Free Inside Pressure Forming) weiter verfeinert und stellt nun dem Hocker „Plopp" die Bank- und Stuhl-Serie „Fidu" zur Seite. Gemeinsam mit Studenten der ETH Zürich präsentierte er noch dazu „Coeus" bei den Youngsters, ein neues Konzept für ein Leichtbauwindrad zur häuslichen Energiegewinnung: Zwei bis drei dieser stylischen Rotoren im Garten und man ist unabhängig von Preis treibenden Energieversorgern. Alles in allem ein reichhaltiges Programm, das, ergänzt durch das DMY Symposium - mit Vorträgen unter anderem von Arik Levy, Jurgen Bey, Jerszy Seymour oder Chris Bangle - und unzähligen DMY Expanded-Veranstaltungen bis hin zum „Designer's Dinner" der Niederländerin Marije Vogelzang, zeigte, dass die DMY-Veranstalter es verstehen, die internationale Designszene mit Berliner Charme anzulocken. Dabei ist mehr herausgekommen als immer nur das Gleiche.

dmy-berlin.com/festival/2009/youngsters
dmy-berlin.com/festival/2009/allstars



Thomas Geisler ist Produktdesigner und Designkritiker. Seit 2005 unterrichtet er in der Abteilung für Theorie und Geschichte des Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er ist Mitgründer der Neigungsgruppe Design und einer der drei Kuratoren der Vienna Design Week.
The idea of a tree by mischler’traxler
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Contemporary architecture by realities united
Colo dishwasher by Peter Schwartz and Helene Steiner
Colo dishwasher by Peter Schwartz and Helene Steiner
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Chiquita chandelier by Sandberg Institute
DMY Awards; Foto: Rosa Merk
Vienna Design Week Embassy: City Shades by Maxim Velčovský and J. & L. Lobmeyr Photo: WienTourismus / Peter M. Mayr
The Green Eyl
BauBike by Michael Ubbesen Jacobsen
Sandberg Institute
Sandberg Institute
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Tangible light/Cable cubes by Kühne Jäger
Fidu by Oskar Zieta
Walking Chair; Foto: Tobias Goetz
Walking Chair; Foto: Tobias Goetz
Vienna Design Week Embassy: Caps by Marco Dessi and Augarten Porzellan; Photo: Klaus Fritsch