transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369373_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Nach Meinung der Kuratoren sind gute Bedingungen für eine gelingende Integration dann gegeben, wenn eine räumlich eher kleinteilige, gut zugängliche sowie günstige Struktur vorhanden ist. Foto © Florian Thein, 2013
Offenbach am Main, die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland, erfülle laut Kuratoren im Rhein-Main-Gebiet die Funktion einer „Arrival City“. Foto © Jessica Schäfer
Das „Dong Xuan Center“ in Berlin-Lichtenberg ist offiziell ein vietnamesischer Großmarkt – aber hier kann man auch nur eine Jeans kaufen oder sich die Haare schneiden lassen.
Foto © Kiên Hoàng Lê
Am Beispiel des „Dong Xuan Center“ soll gezeigt werden, dass es unterschiedliche Wege gibt, die Ankommenden helfen, Fuß zu fassen. Foto © Kiên Hoàng Lê
Das DAM-Biennale Team: Oliver Elser, Peter Cachola Schmal und Anna Scheuermann.
Foto © Kirsten Bucher
Für die Gestaltung des Katalogs und das Ausstellungsdesign verantwortlich: Das Berliner Studio "Something Fantastic" (Leonard Streich, Elena Schütz, Julian Schubert). Foto © Zara Pfeifer
Ankunftsland. Heimatland.
von Adeline Seidel
10. März 2016
Erst kürzlich forderte Bundesbauministerin Barbara Hendricks zusätzlich 1,3 Milliarden Euro für Wohnungsbau und Stadtentwicklung, denn es fehle an bezahlbarem Wohnraum. Das überrascht kaum, schließlich wurde eben dieser in den letzten Jahrzehnten Stück für Stück verscherbelt. Nun, da obendrein Flüchtlinge ins Land kommen, verschärft sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter. Diese brisante Mischung aus geringem Angebot und starker Nachfrage hat die aktuelle Diskussion losgetreten: Wie wollen wir in unseren Städten leben? Welche Räume unterstützen die Integration? Wie und wo kann günstiger Wohnraum geschaffen werden?

Making Heimat

Genau hier möchte das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ansetzen, das, vertreten durch Peter Cachola Schmal, Oliver Elser und Anna Scheuermann, zum Generalkommissar für den Deutschen Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig ernannt wurde. Für die Ausstellungsgestaltung wurde das Berliner Studio „Something Fantastic“ gewonnen.

Unter dem Titel „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ möchte man einen sachlichen Beitrag zu der mitunter überhitzt geführten Diskussion beisteuern. „Dabei wollen wir über Phänomene, nicht über Personengruppen reden“, erklärt Oliver Elser. „Wir werden im Rahmen von ‚Making Heimat’ gewissermaßen über zwei Zustände sprechen. Der eine ist die aktuelle Situation mit über einer Million Flüchtlingen und den Fragen, die sich im Rahmen einer Architekturbiennale stellen: Was sind die architektonischen und städtebaulichen Folgen dieser Situation und wie gehen wir konkret damit um? Und der andere Zustand ist die Auseinandersetzung mit dem ‚Ankunftsland Deutschland’.“

Erster Baustein: Eine Projektdatenbank

Zwei Zustände, zwei Bausteine, um Heimat machen zu können: Für den aktuellen Wohnraumbedarf baut das Architekturmuseum in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „Bauwelt“ eine „Refugee Housing Database“ auf (erreichbar unter www.makingheimat.de). Die Datenbank startet am 11. März 2016 und wird zunächst 45 Projekte versammeln; weitere werden hinzukommen. Das Spektrum reicht dabei von temporären Leichtbauhallen für 300 Personen bis zu Projekten, die günstigen und dauerhaften Wohnraum bieten – nicht nur für Flüchtlinge. Aufgeschlüsselt sind die Projekte der Vergleichbarkeit wegen nach Größe, Kosten und anderen „Hard Facts“, die, wie es in der Pressemitteilung heißt, nicht irrelevant sind, um „lokalen und regionalen Entscheidungsträgern eine Grundlage zu bieten.“ Die Datenbank versammelt Antworten auf die Frage, wie es die anderen machen und soll nicht in einer klassischen „Tafel-Modell“-Ausstellung der einzelnen Projekte im Deutschen Pavillon in Venedig münden.

Zweiter Baustein: Thesen und Phänome

Im Deutschen Pavillon selbst – Baustein Nummer 2 – sollen dann Phänomene zum „Ankunftsland Deutschland“ gezeigt werden. Als theoretische Grundlage dient dabei das populäre Sachbuch „Arrival City: Die neue Völkerwanderung“ des Journalisten Doug Saunders. „Arrival City“, erklärt Oliver Elser, sei letztlich ein Blick auf eine Situation, ein anderer Blick auf eine Statistik: „Wenn ich ein ,schlechtes’ Viertel betrachte, dann kann es sein, dass es sich faktisch über Jahre kaum verändert. Aber die Bewohner verändern sich in der Regel durchaus und ziehen dann weiter.“

Offenbach am Main, die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland, erfülle im Rhein-Main-Gebiet die Funktion einer solchen „Arrival City“: Sie habe günstige Mieten, sei gleichzeitig gut gelegen, es gebe Arbeitsplätze in der Nähe – und Offenbach habe eine hohe Fluktuation. „Arrival City“ bedeute also nicht, dass man hier ankomme und dann auch notwendigerweise bleibe. Es seien Städte, die letztlich als Durchlauferhitzer fungierten. Wer mit der Offenbacher Stadtverwaltung spreche, der erfahre, dass die Stadt immer neue Bewohner dazu bekomme – was durchaus mit Herausforderungen für die Stadt verbunden sei. Habe die Integrationsmaschine gut funktioniert, zögen die Leute weiter. „Statistisch gesehen“, so Elser, „bleibt Offenbach permanent auf einem niedrigeren Stand als das ganze Umland, es befördert aber individuelle Karrieren. Und das ist der Punkt.“

Wie gelingt Integration?

Nach Meinung der Kuratoren sind gute Bedingungen für eine gelingende Integration dann gegeben, wenn eine räumlich eher kleinteilige, gut zugängliche sowie günstige Struktur vorhanden sei, die es ermöglicht, ein selbstständiges Leben aufzubauen. Offenbach am Main untermauert somit eine der acht Thesen, die die Kuratoren in enger Zusammenarbeit Doug Saunders und basierend auf dessen Buch für das „Ankunftsland Deutschland“ aufgestellt haben.
Die Thesen sollen anhand konkreter Beispiele beschrieben und reportageartig dokumentiert werden, so dass der Besucher Einblick in verschiedene Situationen und Phänomene erhält.

Um nicht der romantischen Anziehungskraft zu erliegen, die informelle Strukturen mitunter auf Stadtplaner und Architekten haben können, wurden, so Elser, bewusst Beispiele gewählt, die eine gewisse Ambivalenz mit sich bringen. Wie beispielsweise das „Dong Xuan Center“ in Berlin-Lichtenberg. Nach der Wende, als die Aufenthaltsbestimmungen für vietnamesische Einwanderer noch unklar waren, als vietnamesischer Großmarkt genehmigt, ist das Center alles andere als ein Großmarkt. Man kann hier hundert, aber auch nur eine Jeans kaufen; man kann sich die Haare schneiden lassen und Essen gehen. Der Ruf, eine gigantische Mafiaveranstaltung zu sein, hängt dem Center nach. „Nun ja“, argumentiert Elser, „es hat auch seine kriminellen Teile, leider. Und es ist sicher kein Beispiel dafür, wie ein staatlich gefördertes, perfekt funktionierendes Integrationsprojekt mit reger Beteiligung vieler Sozialarbeiter erfolgreich funktionieren kann. Aber es zeigt, dass es unterschiedliche Wege gibt, die Ankommenden helfen, Fuß zu fassen.“ Eben solche Phänomene müsse man genauer untersuchen, wolle man eine Diskussion darüber führen, wie städtische Strukturen sich in den kommenden Jahren entwickeln können und wie sie entwickelt werden müssen.


15. Architekturbiennale von Venedig
vom 25. Mai bis 27. November 2016

www.labiennale.org
www.makingheimat.de

News & Stories › 2016 › März
Ankunftsland. Heimatland.
von Adeline Seidel | 10. März 2016
Günstiger Wohnungsbau, Flüchtlingsunterkünfte und Integrationsräume – der Deutsche Beitrag zur 15. Architekturbiennale von Venedig nimmt Gestalt an.
Erst kürzlich forderte Bundesbauministerin Barbara Hendricks zusätzlich 1,3 Milliarden Euro für Wohnungsbau und Stadtentwicklung, denn es fehle an bezahlbarem Wohnraum. Das überrascht kaum, schließlich wurde eben dieser in den letzten Jahrzehnten Stück für Stück verscherbelt. Nun, da obendrein Flüchtlinge ins Land kommen, verschärft sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter. Diese brisante Mischung aus geringem Angebot und starker Nachfrage hat die aktuelle Diskussion losgetreten: Wie wollen wir in unseren Städten leben? Welche Räume unterstützen die Integration? Wie und wo kann günstiger Wohnraum geschaffen werden?

Making Heimat

Genau hier möchte das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ansetzen, das, vertreten durch Peter Cachola Schmal, Oliver Elser und Anna Scheuermann, zum Generalkommissar für den Deutschen Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig ernannt wurde. Für die Ausstellungsgestaltung wurde das Berliner Studio „Something Fantastic“ gewonnen.

Unter dem Titel „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ möchte man einen sachlichen Beitrag zu der mitunter überhitzt geführten Diskussion beisteuern. „Dabei wollen wir über Phänomene, nicht über Personengruppen reden“, erklärt Oliver Elser. „Wir werden im Rahmen von ‚Making Heimat’ gewissermaßen über zwei Zustände sprechen. Der eine ist die aktuelle Situation mit über einer Million Flüchtlingen und den Fragen, die sich im Rahmen einer Architekturbiennale stellen: Was sind die architektonischen und städtebaulichen Folgen dieser Situation und wie gehen wir konkret damit um? Und der andere Zustand ist die Auseinandersetzung mit dem ‚Ankunftsland Deutschland’.“

Erster Baustein: Eine Projektdatenbank

Zwei Zustände, zwei Bausteine, um Heimat machen zu können: Für den aktuellen Wohnraumbedarf baut das Architekturmuseum in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „Bauwelt“ eine „Refugee Housing Database“ auf (erreichbar unter www.makingheimat.de). Die Datenbank startet am 11. März 2016 und wird zunächst 45 Projekte versammeln; weitere werden hinzukommen. Das Spektrum reicht dabei von temporären Leichtbauhallen für 300 Personen bis zu Projekten, die günstigen und dauerhaften Wohnraum bieten – nicht nur für Flüchtlinge. Aufgeschlüsselt sind die Projekte der Vergleichbarkeit wegen nach Größe, Kosten und anderen „Hard Facts“, die, wie es in der Pressemitteilung heißt, nicht irrelevant sind, um „lokalen und regionalen Entscheidungsträgern eine Grundlage zu bieten.“ Die Datenbank versammelt Antworten auf die Frage, wie es die anderen machen und soll nicht in einer klassischen „Tafel-Modell“-Ausstellung der einzelnen Projekte im Deutschen Pavillon in Venedig münden.

Zweiter Baustein: Thesen und Phänome

Im Deutschen Pavillon selbst – Baustein Nummer 2 – sollen dann Phänomene zum „Ankunftsland Deutschland“ gezeigt werden. Als theoretische Grundlage dient dabei das populäre Sachbuch „Arrival City: Die neue Völkerwanderung“ des Journalisten Doug Saunders. „Arrival City“, erklärt Oliver Elser, sei letztlich ein Blick auf eine Situation, ein anderer Blick auf eine Statistik: „Wenn ich ein ,schlechtes’ Viertel betrachte, dann kann es sein, dass es sich faktisch über Jahre kaum verändert. Aber die Bewohner verändern sich in der Regel durchaus und ziehen dann weiter.“

Offenbach am Main, die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland, erfülle im Rhein-Main-Gebiet die Funktion einer solchen „Arrival City“: Sie habe günstige Mieten, sei gleichzeitig gut gelegen, es gebe Arbeitsplätze in der Nähe – und Offenbach habe eine hohe Fluktuation. „Arrival City“ bedeute also nicht, dass man hier ankomme und dann auch notwendigerweise bleibe. Es seien Städte, die letztlich als Durchlauferhitzer fungierten. Wer mit der Offenbacher Stadtverwaltung spreche, der erfahre, dass die Stadt immer neue Bewohner dazu bekomme – was durchaus mit Herausforderungen für die Stadt verbunden sei. Habe die Integrationsmaschine gut funktioniert, zögen die Leute weiter. „Statistisch gesehen“, so Elser, „bleibt Offenbach permanent auf einem niedrigeren Stand als das ganze Umland, es befördert aber individuelle Karrieren. Und das ist der Punkt.“

Wie gelingt Integration?

Nach Meinung der Kuratoren sind gute Bedingungen für eine gelingende Integration dann gegeben, wenn eine räumlich eher kleinteilige, gut zugängliche sowie günstige Struktur vorhanden sei, die es ermöglicht, ein selbstständiges Leben aufzubauen. Offenbach am Main untermauert somit eine der acht Thesen, die die Kuratoren in enger Zusammenarbeit Doug Saunders und basierend auf dessen Buch für das „Ankunftsland Deutschland“ aufgestellt haben.
Die Thesen sollen anhand konkreter Beispiele beschrieben und reportageartig dokumentiert werden, so dass der Besucher Einblick in verschiedene Situationen und Phänomene erhält.

Um nicht der romantischen Anziehungskraft zu erliegen, die informelle Strukturen mitunter auf Stadtplaner und Architekten haben können, wurden, so Elser, bewusst Beispiele gewählt, die eine gewisse Ambivalenz mit sich bringen. Wie beispielsweise das „Dong Xuan Center“ in Berlin-Lichtenberg. Nach der Wende, als die Aufenthaltsbestimmungen für vietnamesische Einwanderer noch unklar waren, als vietnamesischer Großmarkt genehmigt, ist das Center alles andere als ein Großmarkt. Man kann hier hundert, aber auch nur eine Jeans kaufen; man kann sich die Haare schneiden lassen und Essen gehen. Der Ruf, eine gigantische Mafiaveranstaltung zu sein, hängt dem Center nach. „Nun ja“, argumentiert Elser, „es hat auch seine kriminellen Teile, leider. Und es ist sicher kein Beispiel dafür, wie ein staatlich gefördertes, perfekt funktionierendes Integrationsprojekt mit reger Beteiligung vieler Sozialarbeiter erfolgreich funktionieren kann. Aber es zeigt, dass es unterschiedliche Wege gibt, die Ankommenden helfen, Fuß zu fassen.“ Eben solche Phänomene müsse man genauer untersuchen, wolle man eine Diskussion darüber führen, wie städtische Strukturen sich in den kommenden Jahren entwickeln können und wie sie entwickelt werden müssen.


15. Architekturbiennale von Venedig
vom 25. Mai bis 27. November 2016

www.labiennale.org
www.makingheimat.de